Ein außerordentlicher internationaler Dialog mit Lyndon LaRouche - komplett!

Von Lyndon LaRouche

Am 29. April führte Lyndon LaRouche einen außerordentlichen Dialog mit einer Gruppe internationaler Fachleute, die in New York zusammengekommen waren, um über verschiedene Elemente der von LaRouche vorgeschlagenen Vier-Mächte-Vereinbarung zu beraten. Zu der Gruppe gehörten Politiker sowie verschiedene erstrangige Akademiker führender amerikanischer Universitäten wie Stanford, Berkeley, MIT, Princeton und Columbia. Auch Vertreter Rußlands, Chinas und Indiens waren zugegen. Einige Journalisten waren als Beobachter eingeladen worden. Ursprünglich hatte das Seminar privaten Charakter, aber unter den Teilnehmern herrschte Einvernehmen, daß es angesichts der akuten Weltfinanz- und Wirtschaftskrise und der ungewöhnlich klaren Bemerkungen LaRouches nicht zu rechtfertigen sei, die Ausführungen unveröffentlicht zu lassen. Es folgt eine redaktionell überarbeitete Abschrift der Beratungen, die am 21. Juni 2010 von LaRouches Aktionskomitee veröffentlicht wurde. Moderatorin der Veranstaltung war LaRouches Sprecherin in den USA, Debra Hanania Freeman.

Bevor Lyndon LaRouche live zu der Diskussion zugeschaltet wurde, hörten die Teilnehmer ein Briefing, das LaRouche vor Mitarbeitern am 24. April unter dem Titel „Der Fall Arkadij W. Dworkowitsch"1 gegeben hatte.

Freeman: Die erste Frage ergab sich aus Gesprächen, die heute morgen hier geführt wurden. Bekanntlich fanden in Washington gestern (28.4.) zwei Tagungen statt; eine war das erste Treffen der Peterson-Kommission zu den Sparbeschlüssen, und die zweite war ein Wirtschaftsgipfel, der unter Federführung der Peterson-Stiftung organisiert worden war. Im Verlauf der Diskussion dort machte der frühere Präsident Bill Clinton einige Bemerkungen, die von der Presse völlig verdreht wurden.

Eine Äußerung Clintons wurde in der Presse irrtümlich als Verteidigung von Goldman Sachs ausgelegt, obwohl das eindeutig nicht seine Absicht war: Er sagte, daß er sich unter der augenblicklichen Rechtslage, in der praktisch alles dereguliert sei, nicht ganz sicher sei, ob Goldman Sachs tatsächlich gegen Gesetze verstoßen habe. Womit er offensichtlich meinte, daß wir in einem ziemlich rechtlosen Universum leben, wenn um derlei Machenschaften geht.

Er sagte, der eigentliche und wichtigere Punkt sei, daß alle diese Finanzgeschäfte für die Gesamtwirtschaft keinen wirklichen Wert oder Nutzen hätten. Seiner Ansicht nach sei es für uns als Politiker viel wichtiger, dieses Problem wirklich anzupacken.

Eine Frage, die hier aufgeworfen wurde, lautete: Gab es vor dem ganzen Deregulierungswahn und all den daraus folgenden Produkten wie Ramschanleihen, Derivaten usw. jemals eine Zeit, in der Wallstreet-Investments mit der Realwirtschaft oder mit etwas von tatsächlichem Eigenwert zusammenhingen? Die Frage kam auf, einerseits wegen Clintons Bemerkungen und den heute erforderlichen Regulierungsmaßnahmen, aber auch in Bezug auf deine wiederholten Aussagen im letzten Jahr, man müßte die Wall Street insgesamt dicht machen, da sie keinerlei Wert darstelle. Hier wird gefragt, war das schon immer so, oder ist das eine Folge des Irrsinns in der Nachkriegszeit gewesen?

LaRouche: Zur letzten Frage der Wall Street: Die Skandale um die führenden Institute der Wallstreet wie Goldman Sachs und AIG zeigen, daß die Wallstreet von Leuten übernommen wurde, die auch nicht mehr das geringste mit dem zu tun haben, was irgendein anständiger Mensch in diesem Land haben will. Deshalb wäre es das richtige, die Wallstreet abzuschaffen.

Das ist ganz einfach, man muß sie nur wegen Diebstahl bestrafen und ihnen ihren Müll wegnehmen. Der erste Schritt, den wir zur Wiederbelebung der amerikanischen und der Weltwirtschaft ergreifen müssen, ist die Anwendung des Glass-Steagall-Standards nicht nur in den USA, sondern weltweit. Das sollte integraler Bestandteil diverser vertraglicher Vereinbarungen sein, die Nationen untereinander schließen sollten. Bevor wir einen wirtschaftlichen Aufschwung einleiten können, müssen wir den Glass-Steagall-Prozeß in Gang setzen.

Damit würden wir Firmen wie Goldman Sachs einfach beseitigen. Sie würden automatisch verlöschen, weil man sie nicht als rechtmäßige Unternehmen im Sinne der Verfassung einstufen kann.

Auf der anderen Seite muß man sich anschauen, wie heutzutage Gesetze geschrieben werden. Es gibt diese verrückte Senatsvorlage aus Connecticut. Es gibt enorm umfangreiche Gesetzesvorlagen, wie dieses Finanzreformgesetz, die nicht einmal eine Beschreibung ihres Zwecks enthalten. Man versucht, dieses Gesetz durchzupauken, mit Tausenden Seiten, ohne kohärente Aussage über das Prinzip, die Absicht dahinter. Es ist ein Sammelsurium, es erinnert an eine Köcherfliegenlarve, die alle möglichen Steinchen und Schmutzteilchen aufsammelt, um sich zu verpuppen. Derartige Gesetze darf es nicht mehr geben.

Alle wichtigen Gesetze zum Beispiel unter Franklin Roosevelt waren einfach, zumindest was den Umfang angeht. Man nannte das Prinzip und die Art und Weise, wie es umgesetzt werden sollte. Das genügte vollauf. Doch das war einmal. Das vorliegende Gesetz hat nur viele Seiten, aber keinen erklärten Zweck. Im dem Gesetz selbst wird gar kein Grund dafür angegeben, warum es überhaupt vorgelegt wird. Und es ist völlig inkohärent.

Kein einziger Kongreßabgeordneter wird dieses Gesetz jemals in seiner Gesamtheit durchlesen, d.h. die Abgeordneten wissen gar nicht, worüber sie abstimmen. Hinter dem Gesetz steht keinerlei kompetente Absichtserklärung. Sein Entwurf steht in keiner Beziehung zu den Grundsätzen der Verfassung. Und da sage einer, es sei nicht verfassungswidrig.

Gesetze dieser Art sollte es gar nicht geben. Wenn es nicht ausdrücklich der Verfassung entspricht, sollte es nicht existieren.

Man kann die Verfassung ändern, und zwar mit der gleichen Methode, wie sie geschaffen wurde. Aber auch die Präambel der Verfassung ist ein Prinzip. Unsere Nation wurde auf der Präambel der Verfassung gegründet. Auch diese Überlegung muß eine Rolle spielen.

Zuallererst muß Schluß sein mit solchen meterdicken Gesetzesvorlagen. Die brauchen wir nicht. Wir brauchen kompetente Gesetze, die die Mitglieder des Kongresses auch verstehen. Die meisten Vorlagen der letzten Zeit, die großen Gesetze, hat niemand verstanden. Wenn jemand lange Gesetzestexte vorlegt und verlangt, daß über sie sofort entschieden wird, ohne daß sie geprüft werden können, dann betrügt er die Nation. Solche Gesetze sind von Natur aus verfassungswidrig, denn sie entsprechen nicht einer klar geäußerten Absicht; außerdem enthalten sie viel Unsinn, der einfach völlig irrelevant ist.

Damit sollte Schluß sein.

Wir müssen in die Richtung von Glass-Steagall gehen, und wir brauchen das Einverständnis unter den Nationen, ein System fester Wechselkurse einzurichten. Die Beendigung des Systems fester Wechselkurse hatte bekanntlich zur Folge, daß Staaten keine Kredite mehr von anderen Staaten aufnehmen und sich darauf verlassen konnten, daß die ursprünglich vereinbarten Konditionen eingehalten würden, weil der Wert der Währungen auf dem Weltmarkt schwankte. Ganze Länder wurden durch diese Art Leihpraktiken ganz schnell aus dem Geschäft gedrängt. Roosevelt und die Leute hinter ihm hatten das noch verstanden.

Wir müssen uns an die amerikanische Verfassung halten, wenn wir ein Regierungsziel definieren wollen. Und ich glaube nicht, daß jemand etwas Neues gefunden hat, was den Grundcharakter der Verfassung, wie sie beschlossen und später erweitert wurde, ändern würde. Das ist das erste.

Zweitens, ohne ein System fester Wechselkurse kann es keinen Welthandel und keine Wirtschaftserholung geben, und das bedeutet, daß die Welt ein neues System schaffen muß. Der gesamte Müll der Wallstreet muß ausgemistet werden, wir brauchen wieder ein vernünftiges Bankensystem und bewährte Managementkriterien. Wahrscheinlich muß auch das Federal-Reserve-System abgeschafft und dessen Kapital und Verantwortlichkeiten an eine neu zu schaffende Nationalbank übertragen werden.

Unsere Banken wurden durch die Gesetze und anderen Reformen seit 2007 ruiniert. Somit haben wir kein kompetentes Bankensystem mehr. Es gibt zwar in einigen Banken noch einzelne Elemente kompetenter Bankgeschäfte, aber das zeigt um so dringlicher, daß wir eine Bankenreform nach dem Glass-Steagall-Standard brauchen. Wir brauchen etwas, um die bereits bankrotte Federal Reserve zu ersetzen.

Streng genommen ist das System der Federal Reserve so verdorben, daß es nicht mehr zu reparieren ist. Es besitzt jedoch entscheidende Elemente von Eigenwert, die geschützt werden müssen. Deswegen muß man nach der gleichen Methode den Finanzmüll aus der Federal Reserve herausnehmen. Die Handelsbanken müssen auf Landes- und Bundesebene neu aufgestellt werden, so wie wir sie zu Zeiten der Regulierung hatten. Außerdem muß ein Medium in Form des Hamiltonischen Nationalbanksystems geschaffen werden, das die Beziehung zwischen der Regierung und dem Bankensystem bzw. der Wirtschaft im allgemeinen regelt.

Diese Maßnahmen sind absolut unabdingbar, denn nur so lassen sich langfristige Beziehungen mit anderen Nationen auf Grundlage fester Wechselkurse aufbauen. Das muß schnell in Ordnung gebracht werden. Genauso wie innerhalb von Nationen brauchen wir auch eine Art Glass-Steagall-Standard für internationale Angelegenheiten. Dann müssen umfangreiche Kreditvereinbarungen getroffen werden, mit denen es möglich wird, die grundlegende Infrastruktur der Weltwirtschaft so auszubauen, wie wir sie uns vorstellen. Dafür brauchen wir Finanzierungsmechanismen, die im wesentlichen Rooseveltsche Mechanismen sind, aber an die heutigen Bedingungen angepaßt.

Unter Roosevelt, solange er lebte, herrschten beste Bedingungen. Die Lage der Welt heute ist jedoch eine ganz andere als damals. Man muß also den ruinierten Zustand der heutigen Welt, besonders der transatlantischen Welt, berücksichtigen, und man muß die Bedürfnisse der westpazifischen Regionen verstehen. Aus meiner Sicht brauchen wir eine Vereinbarung mit diesen Aspekten zwischen den Vereinigten Staaten, Rußland, China, Indien und anderen Ländern, wie zum Beispiel Japan, Südkorea usw. Wir brauchen eine solche Reform.

Mit einer aufgabenorientierten Reform werden wir die Weltwirtschaft retten, d.h. wir werden vorrangig in die wirtschaftliche Grundinfrastruktur investieren: Massentransportmittel, Energieerzeugung mit hoher Energieflußdichte, Wasserwirtschaft, Bildungswesen, ein funktionierendes Gesundheitswesen (in den USA nach Vorbild des Hill-Burton-Gesetzes statt des jetzigen AIG-Betrugssystems im Gesundheitssystem).

Wir brauchen solche Vereinbarungen zwischen den Nationen, und aus meiner Sicht gehören die Vereinigten Staaten, Rußland, China und Indien zu den absolut unerläßlichen Gründungsmitgliedern eines solchen internationalen Abkommens. Mit einem solchen Ansatz glaube ich ganz sicher, daß wir eine schnelle Erholung der Welt von diesem Schlamassel organisieren können, weil ich weiß, wie man das anstellt. Es wird zwei Generationen dauern, um das Ziel zu erreichen, aber wir können schnell damit beginnen.

Andererseits befindet sich die Wirtschaft Europas in einem allgemeinen Kollapszustand. Auch Rußland zerfällt unter der augenblicklich von britischem Einfluß bestimmten Politik. Deswegen ist sofortiges Handeln erforderlich. Im Grunde ist die Lösung relativ einfach - zumindest einfach für mich, weil ich mich mit diesen Ideen schon sehr lange trage. Und ich bin sicher, daß es funktioniert.

Das sollte für den Anfang genügen.

Eine russische Frage zu Glass-Steagall

Freeman: Die nächste Frage kommt von einem unserer Freunde hier, die Rußland vertreten. Er fügt einschränkend hinzu, daß seine Frage nicht unbedingt seine eigene Auffassung darstellt, sondern von vielen Leuten in seinem Land in bezug auf deine Bemerkungen zu Glass-Steagall gestellt würde.

Er sagt, er verstehe vollkommen die Notwendigkeit für eine Art Glass-Steagall-Verfahren in den Vereinigten Staaten, weil das Finanzsystem hier eine so unglaubliche Katastrophe geworden sei. Aber er hat Einwände gegen deine Forderung nach einem globalen Glass-Steagall. Eine solche Regulierung sei nicht unbedingt schlecht, aber sei das nicht ein typisch amerikanischer Vorschlag und deswegen eher eigennützig, da die Vereinigten Staaten derzeit unter der größten Verschuldung litten? Dies diene im wesentlichen dazu, die US-Schulden zu beseitigen. Würden sich nicht einige der Länder, die auf der Empfängerseite stünden, zu recht dagegen verwahren?

LaRouche: Das verhält sich ganz anders. Die Höhe der US-Schulden ist ein Ausdruck der Wirtschaftsgröße der USA und ihrer Rolle in der Welt. Die größte Schuldenanhäufung findet sich im Britischen Empire, wie etwa auf britischer Seite in Institutionen wie Mr. Rothschilds Inter-Alpha-Gruppe, eine der schlimmsten Plagen auf diesem Planeten.

Auch auf russischer Seite gibt es da ein Problem in Form eines politischen Konflikts. Rußland gehört zu den vielversprechendsten, aber auch zu den notleidendsten Nationen. Die Anstrengungen von Ministerpräsident Putin und seine Programme zur Entwicklung der Infrastruktur sind mir sehr sympathisch. Es gibt da aber auch andere russische Stellen, die im allgemeinen die Interessen wirklich nutzloser Firmen repräsentieren, die als russische Firmen mit Sitz in der Karibik geführt werden. Ich nenne sie immer „die Piraten der Karibik". Wenn Rußland nicht mit umfangreichen Investitionen in die wirtschaftliche Grundinfrastruktur und die Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft vorangeht, wird Rußland den gleichen Weg gehen, wie ihn Europa jetzt schon geht.

Hier ist eine Krise. Ich weiß auch, daß es politische Differenzen in Rußland gibt. Es gibt Leute, die für den langfristigen Infrastrukturaufbau sind, was der vernünftige Weg ist. Nur so kann Rußland nach der Ausplünderung in der unmittelbaren Nach-Sowjetzeit wiederaufgebaut werden. Darin liegt Rußlands größeres Problem, denn wenn die Dinge so weiter gehen, ist Rußland verloren. Und ich will nicht, daß Rußland untergeht.

Insofern würde Rußland noch mehr von Glass-Steagall profitieren als die Vereinigten Staaten. Der große Parasit auf der Erde ist das Britische Empire, die britischen Interessen, wie sie die Rothschild-Gruppe verkörpert, die 1971 geschaffen wurden - zur gleichen Zeit, als britische Interessen die Vereinigten Staaten dazu brachten, aus dem Bretton-Woods-System fester Wechselkurse auszusteigen.

Ich kenne auch die Strömungen in Rußland, die in die andere Richtung gehen wollen. Kürzlich hielt sich ein Sonderbeauftragter des russischen Präsidenten hier in den Vereinigten Staaten auf, und was er von sich gab, klang für mich wie barer Unsinn. Die von ihm vorgeschlagene Politik würde Rußland ruinieren. Seine Idee, in Rußland eine Art Silicon Valley aufzubauen, ist verrückt. Ein Silicon Valley in Rußland wäre eine Farce. Das, was die amerikanische Regierung in einer bestimmten Periode in die Welt gesetzt hatte, war eine Bailout-Operation - der frühere Präsident Clinton versteht sehr gut, was das war, was er da durchgemacht hat. Schon die Regierung unter Bush sen. hatte diesen Prozeß in Gang gesetzt. Das ganze war eine Farce, ein Fehlschlag. Das Platzen der verrückten „Dot-com-Blase" in Kalifornien war eine Folge davon, daß die US-Regierung diesen Schwindel, der unsere Wirtschaft fast ruiniert hätte, nicht länger finanziell stützen wollte. Und wir haben uns nie mehr erholt.

Nein, die größte Schuldenplage auf diesem Planeten ist das erweiterte britische System, wofür die Rothschild-Interessen typisch sind, die in Wirklichkeit die Interessen der britischen Monarchie sind. Für Rußland verkörpern die Piraten der Karibik russischer Herkunft die gleichen Interessen. Es ist absehbar, daß Rußland und auch andere Länder bei Fortsetzung dieses Prozesses zum Untergang verurteilt wären.

Ich weiß, daß Leuten in Rußland erzählt wird, die Vereinigten Staaten seien der große Schuldner, und das Ziel sei, die Vereinigten Staaten auf Kosten anderer Länder zu sanieren. Das ist Unsinn. Wenn wir einen klugen Präsidenten hätten, wären die Vereinigten Staaten der Motor für die wirtschaftliche Erholung der ganzen Welt. Ohne diesen Motor wird die gesamte Welt den Bach hinuntergehen. Wir sehen ja in dem Moment, wo wir hier sitzen, bereits den Zerfall des Euro-Systems.

Silicon Valley und Adam Smith

Freeman: Jemand, der vor Ort war, als Herr Dworkowitsch kürzlich die Universität Stanford besuchte, hat eine weitere Frage zu Rußland. Er sagt: „Viele Äußerungen unseres russischen Freundes während seines Besuchs an der Westküste haben mich einigermaßen überrascht. Was mich allerdings wirklich aufschrecken ließ, war seine Vorstellung, an verschiedenen Orten in Rußland Silicon Valleys zu errichten. Für jeden, der in den Vereinigten Staaten lebt, insbesondere jedem hier an der Westküste, ist klar, daß Silicon Valley besser Death Valley (Tal des Todes) genannt werden sollte. Es ist heute eine einzige Öde. Es stimmt zwar, daß kurzfristig dort eine ganze Menge Leute verdammt viel Geld gemacht haben, aber einige davon ziehen heute als Obdachlose durch die Straßen von San José und sind verrückt geworden.

Noch mehr verblüfft war ich von seinem Anliegen, daß Risikokapitalgeber nach Rußland kommen sollten, um diesen Prozeß zu beschleunigen. Denken wir nur an das globale Umfeld - ich spreche nicht nur von den Sachen mit Goldman Sachs, sondern man muß auch sehen, was sich vor einigen Monaten in Dubai abgespielt hat. Das ist ein weiteres Produkt von diversen Fonds und Risikokapitalgebern, und das geschieht, wenn man sein Land zum Tummelplatz immer größerer Spielkasinos werden läßt.

Ich war darüber dermaßen beunruhigt, daß ich ins Internet ging, um mehr über die Leute zu erfahren, die sich für so etwas stark machen. Ich las einige Interviews mit Leuten aus dieser Initiative, die auch zu einer viel größeren Gruppe gehörten, die am MIT war, bevor Dworkowitsch nach Kalifornien kam. Ich war erstaunt, festzustellen, daß diese Leute in den Interviews nicht nur Adam Smith, sondern auch von Hayek rühmten.

Mir geht das nicht in den Sinn. Das läuft allem zuwider, was ich bisher über die Wirtschaftsansichten in Rußland gedacht habe. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir in dieser Frage etwas Klarheit verschaffen könnten. Um es klar zu sagen: Ich stelle diese Frage nicht aus irgendeiner Feindschaft gegenüber unseren russischen Teilnehmern hier, sondern ich versuche dies wirklich zu verstehen, weil es mir als unglaublicher Mißklang erscheint."

LaRouche: Die großen Fortschritte und die großen Denker Rußlands waren selbst in der Sowjetzeit mit bestimmten Teilen der Russischen Akademie der Wissenschaften verbunden. Und der Kern der Russischen Akademie der Wissenschaften - abgesehen vom mineralogischen Bereich, der aber mit dem anderen nicht unvereinbar ist - war das Werk des Akademiemitglieds Wernadskij, einem der größten Genies des letzten Jahrhunderts.

Technisch gesehen beginnt für uns derzeit eine neuartige Wirtschaft, in der die kosmische Strahlung, wie sie bereits von Wernadskij und seinen Nachfolgern untersucht wurde, der Schlüssel für große Veränderungen auf der Erde ist. Sie ist aber auch entscheidend, sobald wir davon reden, Menschen von der Erde beispielsweise zum Mars zu befördern. Für einige der Probleme, die sich bei einem Beschleunigungsflug vom Erdorbit zum Mars stellen, kennen wir noch nicht die Lösung, oder sogar die Probleme selbst sind nicht bekannt. Ein normaler Flug ohne Beschleunigung würde über 300 Tage dauern, und dabei würden die Leute im Raumschiff am Ende zu Matsch.

Die Herausforderung eines Marsfluges, den die Menschheit vor Ablauf dieses Jahrhunderts absolvieren sollten, ist der Markstein der langfristigen Perspektive, die zum Aufbau der Weltwirtschaft erforderlich ist.

Wernadskijs Arbeiten sind hierfür von großer Relevanz. Wir arbeiten derzeit an der Frage, wie das Periodensystem so umgearbeitet werden könnte, daß darin die Rolle der kosmischen Strahlung zum Ausdruck kommt. Hierüber ist derzeit nur wenig bekannt. Die schwachen Felder kosmischer Strahlung sind hierbei extrem wichtig, weil sie vor allem mit lebenden Prozessen zu tun haben, und das sollte uns Menschen besonders interessieren.

Diese Überlegungen sind absolut notwendig.

Das ist auch wirtschaftlich das Schicksal Rußlands seit Peter dem Großen, der nicht perfekt gewesen sein mag, dessen Politik aber Rußland nach dem Elend der vorherigen Jahrhunderte auf den Weg zu eigener Größe brachte. Wernadskij verkörpert zusammen mit Mendelejew zuvor das große Genie Rußlands, welches Rußland unter einigen Zaren vor dem Krieg und später in der Sowjetunion große Dinge zustandebringen ließ.

Die Welt hat sich seither, was physikalische Prinzipien angeht, nicht verändert. Allerdings kommen von Bertrand Russell und dem Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) Ideen, die nicht nur einfältig, sondern bösartig sind. Es sei daran erinnert, daß IIASA und der Club von Rom von ein und der gleichen Stelle gegründet wurden. Diese wirtschaftlichen Vorstellungen sind völlig inkompetent.

Ihre Frage nach den Umständen und nach der Politik von Adam Smith ist ein unmittelbarer Aspekt davon. Marx behauptete, Adam Smith sei sein Apostel gewesen; ich glaube allerdings, daß das nicht ganz stimmt. Es traf nur zu einem gewissen Grad zu. Was man sollte den positivistischen Verrücktheiten Bertrand Russells und seiner Anhänger das Genie großer Denker wie Wernadskij gegenüberzustellen.

Vergegenwärtigen Sie sich in diesem Zusammenhang die heutige Rolle Rußlands: Rußland ist eine große Nation und eine nicht nur europäische, sondern eurasische Kultur. Rußland verfügt über unermeßliche Bodenschätze zum Beispiel in Sibirien, die zwar in einigen Gegenden schwer zu erschließen sind, aber russische Wissenschaftler wissen, wie man damit umgehen muß.

Südlich davon liegen China, die Mongolei, Indien usw., die einen Mangel an Rohstoffen haben. Dabei leistet China derzeit ausgezeichnete Arbeit beim Ausbau seines Schienennetzes - das ist ganz wichtig. Seine Bemühungen sind aller Achtung wert. Indien bewegt sich in eine ähnliche Richtung. Gleichzeitig leben in China und Indien sehr viele arme Menschen. Das Verhältnis zu Rußland ist deshalb ganz natürlich: Es verfügt über die wissenschaftlichen Einrichtungen und andere Fähigkeiten, um die erforderlichen Mineralien und anderen Güter an China, die Mongolei, Indien und andere Länder im Süden zu liefern.

Es gibt auch große Kooperationsbereitschaft von Ländern wie Japan, das gerne bei der Entwicklung Sibiriens helfen würde. Auch Südkorea ist an diesem Prozeß äußerst interessiert. Das Schicksal Rußlands liegt somit vom realwirtschaftlichen Standpunkt in der Weiterentwicklung der russischen Wissenschaft und deren Anwendung auf diese Vorhaben. Beispielhaft hierfür wären Rußlands Beiträge zur Entwicklung und zum Ausbau der Kernenergie weltweit.

Hier liegt die Zukunft Rußlands.

Rußland wird ohne vertragliche Beziehungen mit den Vereinigten Staaten und dem, was hoffentlich von Europa gerettet werden kann, nicht auskommen. Es braucht die Zusammenarbeit mit Indien, mit China, Japan, Korea und anderen Ländern. Dazu brauchen wir ein System fester Wechselkurse, das von allem gereinigt ist, was auch nur nach Finanzderivaten riecht. Es sei daran erinnert, daß die Inter-Alpha-Gruppe größtenteils auf dem Schwindel mit solchen Finanzderivaten basiert.

Unter den negativen Trends, die Putins Politik entgegengesetzt sind, geht Rußland zum Teufel, wenn es diesen Schlamassel nicht bereinigt und sich von den Ideen Bertrand Russells u.a. trennt. Denn es war Bertrand Russell und sein Einfluß, der Rußland besonders während der achtziger Jahre ruinierte. Es hätte damals nicht zusammenbrechen müssen. Aber einige Einflüsse in der russischen Führung wendeten sich gegen die eigentliche russische Tradition, beispielsweise die Tradition Wernadskijs, und die haben das Land ruiniert und für die Ausplünderung durch die Briten und die an dieser britischen Operation beteiligten Amerikaner geöffnet.

Wir müssen diese Lehre aus der Geschichte ziehen. Und wir müssen erkennen, daß eine Zeit anbricht, wo die Zukunft der Menschheit in der Erkundung des Weltraums liegt. Rußland war ein Pionier der Weltraumfahrt. Diese Perspektive muß wiederbelebt und beibehalten werden. Man muß große Infrastrukturprojekte bauen, um so die russische Wirtschaft zu entwickeln, und das schnell. Rußland kann als Nation nur überleben, wenn es konstruktive, gegenseitig nützliche Beziehungen zu China, Indien und andere Länder in diesem Umkreis schafft.

Rußland ist wichtig für eine Erneuerung in West- und Mitteleuropa, das seit 1990, als Thatcher, Mitterrand und George Bush senior das Eurosystem durchsetzten, von den Briten ruiniert wurde. Genauso wurde Rußland auf britische Weisung von 1990 an ausgeplündert. Es gibt Bemühungen, Rußland wieder aufleben zu lassen, und es gibt Leute in Rußland, die das richtige tun wollen. Nach meiner Überzeugung müssen die Vereinigten Staaten Rußland nicht als Handelspartner, sondern als Verbündeten behandeln, genauso wie China und Indien. Und die Hoffnung bleibt, daß sich Westeuropa von der Euro-Krankheit erholt und auch zu einem Partner in diesem Prozeß wird.

Es warten große Projekte und große Ziele auf die Menschheit auf diesem Planeten. Entscheidend für die Zukunft des Planeten ist die Kombination dieser vier großen Nationen zusammen mit dem, was wir im westlichen Kontinentaleuropa als Partner gewinnen können. Ohne diese Zukunftsperspektive wird von der Menschheit nicht viel übrig bleiben.

BRIC und die Inter-Alpha-Gruppe

Freeman: Ich habe einige Fragen, die sich auf das beziehen, was du über Wernadskij gesagt hast. Aber zunächst möchte ich eine der Fragen aufgreifen, die sich spezifisch mit der Inter-Alpha-Gruppe beschäftigen. Dabei geht es um die BRIC-Gruppe (Brasilien, Rußland, Indien, China), ein Thema, über das es recht heiße Debatten zwischen unseren Freunden von der Stanford-Gruppe und unseren russischen Gästen gegeben hat.

Die Frage lautet: „Wir haben ausführlich über die Vier-Mächte-Vereinbarung zwischen den Vereinigten Staaten, Rußland, Indien und China diskutiert, und angesichts dessen, was unser Freund aus Stanford über das derzeitige Verhalten der Vereinigten Staaten sagte, verstehe ich jetzt, warum die derzeitige Allianz zwischen Rußland, Indien und China, obwohl sie noch in ihrer Anfangsphase steckt, offenbar Fortschritte macht. Ich möchte aber behaupten, daß sie ohne die Vereinigten Staaten nicht funktionieren wird, wie Herr LaRouche in allen Einzelheiten dargestellt hat, seit er seinen Vorschlag erstmals vorgelegt hat.

Meine Frage bezieht sich aber auf die BRIC-Gruppe, die ich gerne verstehen möchte. Mir scheint, es wurde alles getan, um die Vereinigten Staaten aus diesem Vier-Mächte-Abkommen herauszuhalten und durch Brasilien zu ersetzen. Ich mag mich täuschen, aber so kommt es mir vor, und ich halte das für völlig unsinnig. Ich habe die größte Hochachtung vor Brasilien als Nation, aber es kann die USA nicht ersetzen. Lyn, könnten Sie bitte etwas zu dem ganzen BRIC-Arrangement sagen? Ich kann das nur so verstehen, daß Leute in Rußland das vorgeschlagen und gefördert haben und sich dabei die feindselige Stimmung gegen die Vereinigten Staaten, die wegen des Verhaltens der jetzigen und der vorigen US-Regierung teilweise gerechtfertigt ist, zunutze machen.

Ich kann verstehen, daß der Plan vielleicht verlockend war, nur habe ich den Eindruck, daß er in der Realität gar nicht funktioniert. Offenbar wurde das ausdrücklich gegen die Vier-Mächte-Vereinbarung, an der wir hier arbeiten, auf die Tagesordnung gesetzt."

LaRouche: Zunächst muß man sagen: BRIC wurde nicht von Rußland in Gang gesetzt. BRIC ist eine Idee von Goldman Sachs und entstand aus der Zusammenarbeit von Goldman Sachs mit der Inter-Alpha-Gruppe. Die Idee der BRIC tauchte zum ersten Mal bei einem Treffen im italienischen Modena, hinter dem Goldman Sachs stand, öffentlich auf. Nach diesem Treffen begann Rußland, sich von den Vereinigten Staaten hinsichtlich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu distanzieren.

Zur BRIC gehören auch Spanien und Portugal. Doch das Schlüsselland in dieser britischen BRIC-Operation von Rothschild-Interessen in der Inter-Alpha-Gruppe ist Brasilien. Brasilien ist praktisch ein geteiltes Land - es gibt viele sehr arme Menschen und wenige gar nicht arme Menschen, die praktisch im Kriegszustand gegeneinander stehen. Es ist kein integriertes, stabiles Land und keinesfalls ein demokratisches Land. Brasilien hat gewisse Qualitäten, einige gute Leute, einige vielversprechende Industriezweige usw., aber es ist ein geteiltes Land. Das weiß jeder, der einmal dort gewesen ist. Städte und einzelne Stadtteile führen Krieg gegeneinander, und nur vorübergehend gibt es Waffenstillstände.

Alles ging von einer alten spanischen Firma aus, die aber praktisch ein Teil des Britischen Empire war. Alles liegt in den Händen von Jacob Rothschild und seinen Vertrauten, den wichtigsten Bankiers der britischen Monarchie. Sie haben das alles in Gang gesetzt.

Was hat Brasilien davon? Brasilien betreibt einen carry trade mit den höchsten Gewinnspannen auf der Welt. Das ganze ist ein Riesenbetrug. Aber aus verschiedenen Gründen, vor allem britischer Herkunft, machen auch Russen dabei mit, denn viele haben Rußland nach 1989 verlassen und leben jetzt an Orten wie Antigua, den Cayman Islands und anderen Vorbildern großer Tugendhaftigkeit unter den Piraten der Karibik. Viele von diesen Russen, wie zum Beispiel Tschubais, wurden von den Briten aufgebaut oder sogar ausgebildet. Diese Leute arbeiten für Interessen, die außerhalb Rußlands liegen, in Unternehmen, deren Sitz in der Karibik ist. Was mit den Russen in der russischen Heimat passiert, kümmert sie verdammt wenig.

Für mich ist offensichtlich, daß hier eine Spaltung vorliegt, eine Spaltung in der Wahrnehmung von Interessen zwischen russischen Auswanderern, die mehr britische Staatsbürgerschaft als russisches Empfinden haben, und Russen wie Putin, der als Präsident und Ministerpräsident versucht hat, sein Land zu entwickeln. Ich meine, die Leute, die mit ihrer Politik Rußland entwickeln wollen, so wie ich es angedeutet habe, vertreten das klare Interesse Rußlands.

Mir und jedem, der die Welt versteht, ist klar: Rußland ist eine eurasische Nation mit einem großen Territorium, mit ganz besonderen Aufgaben und Möglichkeiten. Es muß sich zu seinem Wiederaufbau wieder auf die Tradition der Russischen Akademie der Wissenschaften besinnen, besonders auf die großen Fachbereiche in der Tradition Wernadskijs. Das liegt in Rußlands existentiellem wirtschaftlichem Interesse.

Die gegenteilige Politik, die man BRIC nennt, wurde als großer Schwindel in die Welt gesetzt - nicht von Brasilien, nicht von Rußland, sondern von England, das die BRIC zusammen mit Goldman Sachs gründete, wie am Beispiel Modena deutlich wird.

Darüber müssen wir Klarheit haben. Es herrscht praktisch ein Bürgerkrieg in verschiedenen Teilen der Welt zwischen Vertretern und Gegnern solcher Schwindel, wie sie die BRIC repräsentiert. Die BRIC hat keine Perspektive. Sie vertritt nicht die Interessen Indiens, Chinas oder Rußlands. Sie vertritt die Interessen der karibischen Piraten, die von Lord Jacob Rothschild unter der britischen Königin gesteuert werden. Wenn man das versteht, gibt es kein wirkliches Geheimnis mehr.

Die Weltkrise innerhalb und außerhalb der Vereinigten Staaten kam folgendermaßen zustande.

Damals, als Roosevelt im April 1945 starb, machte sein Nachfolger Truman mit Churchill gemeinsame Sache, um letztlich die Vereinigten Staaten zu zerstören. Er begann den Kalten Krieg mit der ständigen Kriegsdrohung gegen die Sowjetunion und andere Operationen. Aus Sicht amerikanischer oder russischer Interessen war der ganze Kalte Krieg nicht nötig. Viele in der Sowjetunion wußten das. Sie hatten verstanden, daß Franklin Roosevelt ein Amerika verkörperte, dessen Existenz für die Zukunft Rußlands bzw. damals der Sowjetunion förderlich war. Das gleiche gilt für China. Das war die eine Seite.

Dann gibt es die Leute in Rußland, die diese andere, britische Seite repräsentieren und sie über die russischen Interessen stellen. Es gibt aber auch Patrioten in Rußland, die mit Recht empört darüber sind, was sich in Rußland abspielt und was nicht nur ich sehe: Die Beutezüge von Leuten wie Tschubais, der einer der Drahtzieher der Operationen in den neunziger Jahren war.

Ich habe gesehen, wie Rußland komplett ausgeraubt wurde. 1994 besuchte ich eine große Maschinenfabrik, die damals in ihrem Bereich führend war. In dem Werk sah ich russische Arbeiter an ihren Maschinen, alte Leute. Diese Russen hatten dort schon während der Belagerung Moskaus durch die Nazis gearbeitet. Bis ins hohe Alter haben sie an ihrem Arbeitsplatz ausgeharrt. Kurz nach meinem Besuch wurde das ganze Werk geschlossen - eines der großen Werkzeugmaschinenwerke. War es auch veraltet? Teilweise ja. Aber die menschlichen Fähigkeiten waren noch da - die Mission von Menschen, ein Land wiederaufzubauen, das durch die Art und Weise des Zusammenbruchs der Sowjetunion Schaden genommen hatte.

Ich denke, man muß über dieses Thema auch in solchen Zusammenhängen diskutieren.

Nationalökonomie oder Empire

Freeman: Die nächste Frage kommt von unserer Gruppe an der Westküste, die schon sehr gute Arbeit geleistet hat. Die Fragestellerin schickt folgendes voran: „(...) Ich fand einige Ihrer Erklärungen auf dem Video, das wir eben gesehen haben, besonders interessant, wo Sie über monetäre Finanzsysteme gesprochen haben, die in ihrer Entwicklung eigentlich immer auf der Vorstellung eines Imperiums aufbauten. Wie Sie wissen, haben wir darüber besonders diskutiert und haben einige Zeit gebraucht, um in der Frage Kreditsystem contra Monetärsystem eine klare Vorstellung zu entwickeln.

Meines Erachtens muß der nächste Schritt darin bestehen - das tauchte auch in den Gesprächen mit unseren russischen Freunden auf -, zum eigentlichen Kern der Sache vorzustoßen, nämlich was eigentlich eine Nationalökonomie ist. Ich meine, hier besteht keineswegs ein klares Verständnis.

Ein Beispiel ist das ganze Hin und Her mit Rußland. Als der russische Präsident die Modernisierungskommission einsetzte, sah das auf dem Papier völlig in Ordnung aus, denn es wurden mehr Investitionen in Hochtechnologie, Energieproduktion, Infrastruktur usw. gefordert. Dann tauchte aber der erwähnte Herr an der US-Westküste auf, und dieses Hightech-Konzept - ich weiß nicht, ob es der russische Präsident selbst so sieht - wurde in diese Idee vom Silicon Valley umgemünzt. Ganz abgesehen davon, daß das Silicon Valley gemessen an der Rentabilität ein jämmerlicher Reinfall war, stellt sich hier die Frage, was es einer Nationalökonomie bringt? (...)

Wenn man von der imperialen Vorstellung wegkommen will, die in jedem monetären System steckt, so scheint es mir erforderlich, daß jede Nation zuallererst darum bemüht sein müßte, nicht nur im eigenen Land Güter erzeugen zu können, sondern auch im eigenen Land bewegen zu können. Insbesondere der Bau von Eisenbahnen - und heute offensichtlich Hochgeschwindigkeitsbahnen - scheint mir aus Sicht der Nationalökonomie und auch der Sicherheit und Souveränität einer Nation absolut entscheidend zu sein.

Offensichtlich muß das nicht an den Landesgrenzen Halt machen. Beispielsweise ist eines der größten Probleme in Afrika, daß es kaum Möglichkeiten gibt, Güter innerhalb eines Landes zu bewegen, vom Kontinent insgesamt ganz zu schweigen. Die Geschichte der Vereinigten Staaten zeigt, daß der Bau des kontinentalen Eisenbahnnetzes für die wahre Unabhängigkeit und wirtschaftliche Entwicklung unverzichtbar war. Dadurch läßt sich gut definieren, was eine Nationalökonomie wirklich darstellt und was die Aufgabe der Regierung ist - im Unterschied zu den Unternehmern, die eher Geschäfte nach Ebay-Art betreiben wollen. Hier muß man den Lackmustest anwenden!

Wenn man dann an Rußland denkt - diese ungeheure Landmasse mit so vielen verschiedenen Aspekten - dann wundert es einen, wenn sich die Regierung darum sorgt, Facebook und Twitter auszuweiten, statt überall schnelle Bahnverbindungen zu bauen. Ich möchte gar nicht lange auf dem Thema Rußland herumreiten, aber ich weiß, daß dies für uns alle hier eine wichtige Sache ist, wenn man bedenkt, was sich in den letzten Wochen ereignet hat. Ich möchte die Frage deshalb allgemeiner stellen: Was definiert eine Nationalökonomie im Unterschied zu einfachen Handelsgeschäften, an denen jemand verdient? Vielleicht können Sie dazu etwas sagen.

LaRouche: Die neuzeitliche Wirtschaftswissenschaft begann im Grunde mit der Renaissance des 15. Jahrhunderts, mit Leuten wie Brunelleschi, der als erster entdeckte, wie man eine nichtgeometrische, d.h. nichteuklidische Kurve, die Kettenlinie, anwendet. Er baute die Kuppel von Santa Maria del Fiore in Florenz mit Hilfe der Kettenlinie als aktivem Konstruktionsprinzip. Auf Brunelleschi folgte Nikolaus von Kues, der unter anderem zum eigentlichen Begründer der neuzeitlichen Wissenschaft wurde.

Das entwickelte sich weiter über Forscher wie Johannes Kepler, der besonders in seiner Weltharmonik ein allgemeines Prinzip der physikalischen Wissenschaft aufstellte. Im 17. Jahrhundert gründete Leibniz sein Werk auf Kepler. Wenn man sich somit ansieht, wie sich die Wirtschaft West- und Mitteleuropas nach dem finsteren Zeitalter des 14. Jahrhunderts entwickelte, wird deutlich, daß eine erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung immer auf einem Prinzip der physischen Ökonomie basierte. Jene, die technischen und wissenschaftlichen Fortschritt unterdrückten, verursachten auf unterschiedliche Weise, vor allem mit Kriegen, die großen Katastrophen.

Der Einfluß von Leibniz setzte sich im 18. Jahrhundert gegen seine Widersacher durch. Frankreich stieg zur großen, produktiven Nation auf. Deutschland und ebenso Rußland entwickelten sich in dieser Periode. In Deutschland war dafür im 19. Jahrhundert vor allem der Einfluß Bismarcks verantwortlich. Bei all dem, insbesondere auch bei den großartigen Fortschritten der Vereinigten Staaten seit Gründung der Massachusetts Bay Colony, war immer die physische Entwicklung entscheidend, sozusagen die Physik der Produktion und der Entwurf für die Herstellung der Produkte. Das heißt, die physische Ökonomie war die eigentliche Basis.

Die neue Seite der physischen Ökonomie, die am Ende des 19. Jahrhunderts ganz deutlich zutage trat, war die Idee der physikalischen Chemie. Seit dieser Zeit gab es einen sehr bedeutsamen Unterschied zwischen Mathematik, der sogenannten mathematischen Physik, Physik als solcher und physikalischer Chemie. Zwei Forscher, der Amerikaner William Draper Harkins und sein russischer Zeitgenosse Wernadskij, stehen aufgrund ihrer Beiträge zur physischen Ökonomie für eine neue Dimension wirtschaftlicher Entwicklung - im Gegensatz zu der als mathematische Physik gelehrten Physik, die nicht ganz so nützlich war.

Wernadskij und Harkins waren die zwei größten Genies, die im letzten Jahrhundert die Wissenschaft der physikalischen Ökonomie sowie der mathematischen Physik als solcher und der physikalischen Chemie entwickelten. Wenn wir als Völker und Nationen überlebt haben, wenn die potentielle Bevölkerungsdichte durch Steigerungen der Arbeitsproduktivität und des Lebensstandards angestiegen ist, so war das immer die Folge der Anwendung der physikalischen Chemie.

Für Rußland ist Wernadskij hierbei beispielhaft. Er ist wahrscheinlich die wichtigste Person in der Geschichte der Wissenschaft der physikalischen Chemie. Seine Entdeckungen sind eine große Quelle von Fortschritten im Gesundheitswesen, der Landwirtschaft und vielem anderen. Sie sind auch von Bedeutung für den Wandel in der heutigen Wissenschaft zur Lösung des Problems der kosmischen Strahlung; er wie auch Harkins waren Teil dieses Prozesses.

Tatsächliche Steigerungen der Arbeitsproduktivkräfte von Gesellschaft und Nation beruhen darauf, daß der menschliche Geist Prinzipien der physikalischen Chemie entdeckt und anwendet, um dem Menschen die Mittel zur weiteren Existenz zu beschaffen. Geld hat keinen Eigenwert. Geld ist lediglich die Bescheinigung für etwas. In einer gut geführten Volkswirtschaft orientiert man sich an der sogenannten physischen Ökonomie, d.h. an realer Produktion, realem Transport, den realen Lebensbedingungen, den realen Bedingungen der Gesundheitsversorgung usw., d.h. an verbesserten Fähigkeiten in der physikalischen Chemie pro Kopf und pro Quadratkilometer, die zu einer höheren Bevölkerungsdichte führen. Fortschritt ist immer in solchen Schritten erfolgt.

Schaut man zurück auf die Geschichte seit der Renaissance des 15. Jahrhunderts, so sieht man, wie durch die angewandte physische Ökonomie mit diesen Methoden, die eigentlich Methoden der physikalischen Chemie sind, die Gesellschaft und die Nation transformiert werden.

Wenn man weiß, was die physikalische Chemie verlangt, weist man den einzelnen Elementen der Ökonomie einen entsprechenden Wert zu.

Zuerst entscheiden wir als Menschheit, was uns etwas wert ist. Das vergleichen wir damit, was es uns kostet, das herzustellen, was von Wert für die Menschheit ist.

Die meisten Probleme in einer Volkswirtschaft kommen daher, daß die Geldwirtschaft auf Kosten der Realwirtschaft ausgedehnt wird. In einer monetaristischen Wirtschaft wird davon ausgegangen, daß eine statistische Beziehung zwischen finanziellen Vorgängen existiert, die das Funktionieren einer Volkswirtschaft definiert. Das ist falsch. Es ist nicht so.

Wir brauchen das, was das Amerikanische System verkörpert: Hamiltons und vor ihm Franklins Einfluß, die Massachusetts Bay Colony, bevor sie unter [Gouverneur] Andros unterdrückt wurde - unsere ökonomische Erfahrung hat immer darauf basiert. Wirtschaftlich gesehen hatten wir in Amerika von allen Nationen auf diesem Planeten stets das höchste Wachstum, außer wenn wir unter britischem Einfluß standen. Uns war immer klar, daß ein monetaristisches System nicht wünschenswert ist. Wir wollen ein Kreditsystem, das der Verwendung von Zahlungsmitteln, Verkäufen usw. zugrunde liegt. Das Geldsystem in Form des Kredits muß an zwei Werte angepaßt werden: die physischen Kosten zur Herstellung und Auslieferung eines Guts und sein Wert für die Menschheit entsprechend seines Nutzens - des relativen Werts, den es für die Menschheit hat, einschließlich der Krankenversorgung usw. In diesen Begriffen muß man denken.

Die Vorstellung, in einer Nation wie Rußland Innovationen über Computerspiele, Facebook oder ähnlichen Unsinn zu erreichen, der keinerlei wirtschaftlichen Wert hat, ist ein Schwindel und reine Zeitvergeudung. Man muß vielmehr das Konzept der physischen Ökonomie anwenden, bei dem alles, wofür man Geld ausgibt, eine physische Grundlage haben muß. Entscheidend ist für uns immer die Steigerung der realen Arbeitsproduktivkräfte und ihr realer Nutzen, den sozialen Nutzen eingeschlossen.

Seit dem Tode Roosevelts und ganz besonders seit dem Amtsantritt von Alan Greenspan bei der Federal Reserve ist die Wirtschaftspolitik international klinisch verrückt und kriminell geworden.

Das hat Rußland in den neunziger Jahren getroffen. Kriminelles Verhalten von wem? Seitens der Briten, teilweise auch der Franzosen und Amerikaner. Rußland wurde ausgeraubt, und der Raub setzt sich als karibisches Phänomen fort. In Antigua bekam man kein Hotelzimmer mehr, wenn man nicht russisch sprach. Diese Diebe russischer Herkunft bestahlen, betrogen und mißhandelten unter britischer Anleitung ihr eigenes Land. Und dann kommen Leute wie Tschubais, der typisch hierfür ist, daher und wollen uns weismachen, wie Rußland regiert werden müßte. Wenn man als Ökonom versteht, wie eine Volkswirtschaft funktioniert, dann weiß man, daß das, was Tschubais fordert, Betrug ist. Tschubais raubt sein eigenes Volk und seine eigene Nation aus.

Er steht aber nicht allein. Die jetzige amerikanische Regierung unter Obama ist genauso schlecht. Was sich in Frankreich seit de Gaulle entwickelt hat, war auch nicht besonders gut. Was man in der letzten Zeit mit Deutschland macht, ist ebenso Vergewaltigung. Was immer wieder in Italien passiert, ist Vergewaltigung. Was die Briten immer wieder ihren eigenen Leuten antun, ist automatisch Vergewaltigung, und manchmal sagen die Briten, das mache ihnen sogar Spaß.

Hier genau liegt das Problem, und hier müssen wir auch ansetzen.

Goldman Sachs ist Teil des britischen Imperialsystems. Dieses Geldhaus ist zwar nominell amerikanisch, aber eigentlich sehr unamerikanisch: Es ist die Wallstreet, und die Wallstreet ist nie wirklich ein patriotischer Teil der Vereinigten Staaten gewesen. Die Wallstreet war der von Verrätern geführte Ableger der Brischen Ostindiengesellschaft in den Vereinigten Staaten. Genauso betrachte ich auch einige dieser russischen Leute als Verräter an Rußland, so wie Tschubais schon ein Verräter an der Sowjetunion war.

Sie beraubten und betrogen ihr eigenes Land, bemächtigten sich seiner Reichtümer und parkten sie in der Karibik mit ihrer quasi steuerfreien Zone, ohne einen Cent an das Land zurückzuzahlen, das sie ausraubten. Genau das gleiche tun wir uns auch hier in den Vereinigten Staaten an, geschieht mit den Nationen Europas und anderswo. Wir müssen ein System einrichten, unter dem solche Dinge zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt werden, wie sie Hitler an der Menschheit verübt hat. Wir müssen klar sagen, daß wir diese Verbrechen nicht mehr tolerieren.

Wir brauchen wieder ein System, worin Länder arbeiten und kooperieren, um die Lebensbedingungen ihrer Nationen zu verbessern. Wenn wir beschließen, das umzusetzen, wird alles gut werden. Jedesmal, wenn die Vereinigten Staaten so handelten, hatten wir nur Vorteile davon, so wie unter der Führung Benjamin Franklins, zuvor unter der Massachusetts Bay Colony, unter Lincoln, unter McKinley und unter Franklin Roosevelt. Jedesmal, wenn wir diese Prinzipien beachteten, ging es uns gut, und wir waren für andere Nationen der Welt von Nutzen. Das ist die Grundlage der Wirtschaft.

Physik contra Mathematik

Freeman: Die nächste Frage berührt auch die Wirtschaftswissenschaft, aber auf einer anderen Ebene. Die Frage lautet: „Einige von uns waren sehr begeistert, als Sie bei Ihrem letzten Internetforum die Frage ,Mathematik contra Physik' in der Ökonomie beantworteten. Wie Sie vielleicht wissen, gibt es in dieser Frage unter uns eine etwas unterschiedliche Orientierung - es eine Spaltung zu nennen, wäre sicherlich übertrieben -, was hauptsächlich auf die Ausbildung und auch auf die unterschiedlichen Arbeitsgebiete zurückzuführen ist. Viele von uns haben bei verschiedenen Gelegenheiten viel Zeit mit Arbeiten über die Finanzierung innenpolitischer Aufgaben verbracht. Wahrscheinlich wollen sie mich am liebsten umbringen, wenn ich das sage, aber sie verfolgen in diesen Fragen oft eher einen soziologischen Ansatz. Sie machen ihre Sache nicht schlecht, aber diese Einstellung kommt von ihren Aufgaben; viele haben Jobs bei der Regierung in Washington gehabt oder ähnliches.

Wir anderen schlagen uns mit dem Konflikt zwischen Mathematik und Physik seit langem herum und waren von Anfang an davon fasziniert, allerdings diskutieren wir erst seit kurzem über die von Ihnen angesprochenen Fragen zu Wernadskij. Da eine kleine Gruppe von uns, etwa sechs Leute, fließend Russisch sprechen, haben wir uns einiges davon im Original angesehen. Wir befinden uns bei der Beschäftigung damit zwar auf einer viel niedrigeren Stufe als Sie, aber wir sind uns einig, daß Wernadskij für die zugrundeliegende Methodik langfristiger Wirtschaftsentwicklung sehr wichtig ist.

Unsere Debatte hat jetzt durch die Frage Wernadskij contra Oparin einen neuen Anstoß erhalten, wobei wir unterschiedliche Ansichten vertreten. Alle werden mir vorwerfen, daß ich die Frage zu meinen Gunsten formuliere, um von Ihnen etwas zur Stärkung meiner Position zu hören, aber meine Ansicht ist, daß Wernadskij und Oparin vielleicht nicht gerade völlig gegensätzliche Standpunkte vertreten, aber jedenfalls nicht gut zusammenzupassen - so ähnlich wie bei dem Unterschied zwischen Platon und Aristoteles. Ich möchte, daß Sie darauf ein wenig eingehen, weil dadurch nicht nur die Debatte geklärt wird, bei der ich weiß, daß ich recht habe, sondern weil wir dadurch für die zukünftige Arbeit der kleinen Gruppe, die sich damit beschäftigt, nützliche Anleitungen erhalten. Wenn Sie jedoch meinen, das sei alles für diese Debatte zu intern, können wir Sie auch in einem kleineren Rahmen fragen.

LaRouche: Nein, das ist relevant. Oparin war Marxist, stand aber unter starkem Einfluß von Kreisen in Großbritannien, die teilweise mit (Bertrand) Russells Umfeld in Verbindung standen. Er war auch Chemiker. Er versuchte Leben vom Standpunkt einer reduktionistischen Chemie zu definieren. Unter Stalin hatte er kaum Gelegenheit, Wernadskij anzugreifen. Ich kenne da nur einen berühmten Vorfall - es mag andere Gelegenheiten gegeben haben, die ich oder die von mir konsultierten Leute übersehen haben. Aber im Kern war sein Ansatz inkompetent und bleibt es bis heute: Er ging nämlich davon aus, daß man Lebensformen aus nichtlebenden Prozessen schaffen könnte - sozusagen aus dem Chemiebaukasten.

Er hat seine Argumente dafür beschrieben, sie sind wohlbekannt, und einige der chemischen Prozesse, die er nannte, kommen als Phänomen in lebenden Prozessen durchaus vor. Aber daraus entsteht kein Leben, und Leben definiert sich ja als die Entwicklung von Leben. Wernadskij hatte verstanden, was das bedeutet. Wernadskij hatte auch verstanden, daß wirkliche Chemie aus Sicht der Experimente, der Forschung in drei Kategorien unterteilt ist. Die eine sind die nichtlebenden Prozesse - alles, was sich chemisch in seinen Merkmalen als nichtlebend einstufen läßt. Die zweite sind lebende Prozesse und deren Überreste, und die dritte ist menschliches Leben.

Das Universum als ganzes ist schöpferisch. Anders gesagt, wie der berühmte Philo von Alexandria der aristotelischen Tradition entgegenhielt: Gott ist nicht gestorben, nachdem er das Universum erschaffen hatte. Friedrich Nietzsche [„Gott ist tot"] hat unrecht. Im Gegenteil, das Universum ist von Natur aus schöpferisch, es ist nicht tot oder fixiert.

So hat beispielsweise Harkins festgestellt, daß Atome eine Evolution durchmachen, die nicht auf Radioaktivität, sondern auf einer Art Tunnelungsvorgang beruht, wobei ein Proton an die richtige Stelle in einem Atom eingeschleust wird und sich so dessen chemische Eigenschaften ändern.

Das Universum ist kreativ. Und wir wissen mittlerweile, daß das Universum im wesentlichen aus kosmischer Strahlung aller Art besteht. Aus dieser Suppe kosmischer Strahlung entstehen die anderen Ausdrucksformen materiellen Daseins und Erfahrung.

Leben ist etwas Besonderes, wobei aber nur menschliches Leben wirklich bewußt ist. Das Tierleben hat sich in aufeinanderfolgenden Ordnungen der Arten entwickelt. Es gibt eine allgemeine Ordnung der Pflanzenarten. Auch die nichtlebendigen Aspekte des Lebens haben eine Ordnung. All das existiert. Aber nur die Menschheit hat schöpferische Geisteskräfte - man denke beispielhaft etwa an Albert Einstein -, wie Wernadskij beschrieben hat.

Unser Augenmerk gilt zwei Dingen: dem Leben, und dem Unterschied zwischen Leben und Nichtleben und menschlichem Leben. Das sind systemische Unterschiede, die in zwei völlig verschiedene Kategorien gehören. Man kann nicht vom Unbelebten zum Leben springen. Leben geht nur aus Leben hervor. Nur Leben erzeugt Leben. Und nur menschliches Leben erzeugt eine willentliche Evolution des Universums zu höheren Seinszuständen.

Das alles steht bei Wernadskij. Die Reduktionisten, die gewöhnlich der britischen Ideologie anhingen, wie auch Oparin, waren immer problematische Fälle.

Das ist entscheidend, um Wirtschaftswissenschaft zu verstehen. Denn worum geht es dabei? Wir wollen den Zustand menschlichen Lebens reproduzieren und stärken. Um ein Umfeld für menschliches Leben zu schaffen, müssen wir die Zunahme des Lebens fördern. Beispielsweise brauchen wir mehr Kohlenstoff, denn der spielt beim Wachstum von Pflanzen eine entscheidende Rolle. Wir brauchen lebende Pflanzen. Wir brauchen mehr davon und von besserer Qualität. Bäume sind besser als Gras. Gräser wandeln höchstens 1-2% der Sonnenenergie in Biomasse um. Bei Bäumen geht dieser Anteil beim Verbrauch auf bis zu 10% hoch. Insbesondere Bäume, teilweise auch Gräser, sorgen für ein milderes Klima - im Gegensatz zur Wüste, wo es zwar Sonnenstrahlung im Überfluß gibt, aber keine Möglichkeit, diese in etwas für das Leben Nützliches umzuwandeln.

Auf diese Parameter muß man sich beziehen, wenn man verdeutlich will - und sei es nur für einfache schulische Zwecke -, was das Prinzip einer Volkswirtschaft ist. Die schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit versetzen uns in die Lage, die physikalische Chemie der menschlichen Umwelt, die die eigentliche Grundlage der Produktion ist, revolutionär zu verändern.

Dabei muß man verstehen, was menschliche Kreativität ist. Menschliche Kreativität entsteht nicht aus der Mathematik. Mathematik ist nicht schöpferisch. Mathematik läßt sich als Hilfsmittel im Produktionsprozeß einsetzen. Am wichtigsten ist aber das Umfeld menschlicher Kreativität. Neuerungen durch den Menschen, wofür die Person Albert Einsteins typisch ist, oder früher Nikolaus von Kues oder Kepler, wenn man seine Entdeckungen im einzelnen durchgeht. Bei Leibniz und seinen Erkenntnissen über Dynamik sieht man das gleiche.

Wenn man diese Dinge versteht, versteht man, was Wirtschaft wirklich ist - nicht bloß den äußeren Schein, den man erlebt. Weil mir das gefällt, habe ich das zu meiner Lebensaufgabe gemacht, und ich sehe darin inzwischen mehr nur als etwas, was ich mag: Es ist zu meinem Beruf, meiner Berufung geworden.

In diesen Begriffen sollte man denken. Man muß sich klarmachen, daß die Wernadskijschen Kategorien, nach unserem Wissensstand, gültig sind. Was wir bei der Untersuchung der kosmischen Strahlung und deren Beziehung zu Lebensprozessen zunehmend herausfinden, stützt und verstärkt unsere Sichtweise in diesem Zusammenhang. Wenn man darüber nachdenkt, wie man einen Menschen sicher zum Mars und zurückbringen kann, ohne daß er zu Brei wird, spielen auch solche Überlegungen eine Rolle.

Was braucht man, um die notwendigen biophysikalischen Bedingungen für menschliches Leben in einer Umwelt mit geringerer Schwerkraft zu schaffen oder andere Probleme zu lösen, wenn Menschen sich lange im Weltraum aufhalten? Immerhin würde es mit einem herkömmlichen Antrieb etwa 300 Tage dauern, zum Mars zu gelangen. Für das Material ist das kein Problem, für Menschen schon. Sie könnten wie ein Stück Wackelpudding aussehen, wenn sie schließlich ankommen.

Deswegen brauchen wir eine schnellere Methode, zum Mars zu kommen, d.h. man braucht eine stetige Beschleunigung - und Entschleunigung -, dann können Menschen theoretisch in vielleicht nur zwei Tagen zum Mars fliegen.

In solche Richtungen müssen wir denken und von dort zurückblicken, um uns zu verdeutlichen, daß das, was wir heute tun, sich über die Spanne eines ganzen Menschenlebens, also heute etwa 70, 80 Jahre oder länger, auf die Menschheit auswirken wird. Welchen Beitrag kann ein Mensch während seines Lebens von der Geburt bis zu seinem Lebensende, vielleicht irgendwann vor dem 100. Lebensjahr, leisten? Wir alle sollten bedenken, welche Folgen unser heutiges Tun für das Leben unserer Enkel hat.

Viele heutige Investitionen sind langfristige Investitionen. Man investiert in etwas, was eine Nutzungsdauer von einem Jahrhundert hat, beispielsweise große Wasserprojekte, wie sie vor kurzem in China gebaut wurden, oder in Eisenbahnnetze oder entsprechendes. Oder in neue Industriezweige, die eine Menge langfristige Investitionen erfordern. Dabei muß man immer zwei oder zweieinhalb Jahrzehnte im voraus denken. Wir müssen über unser Leben nachdenken, darüber, was am Ende bei unserem Leben herauskommt - nicht nur für uns, sondern bei unserer Rolle in der Gesellschaft, wie sie sich über den Großteil eines Jahrhunderts erstreckt.

Denken wir an ein Kind, das geboren wird, aufwächst und bis zu seinem Tod eine Aufgabe erfüllt: So erhält die Entfaltung dieses Menschen und dieser Generation über fast ein ganzes Jahrhundert hinweg eine durchgehende Bedeutung. Deswegen muß man sich Ziele für Veränderungen stecken, Ziele, welche die Existenzfähigkeit der Menschheit erhöhen, manchmal bis zu einem Jahrhundert in die Zukunft. Und eine Entwicklung der Realwirtschaft ist dabei für mich das entscheidende.

Die Frage der Infrastruktur

Freeman: Dazu paßt unsere nächste Frage sehr gut. Denn der Fragesteller, der zur Stanford-Gruppe gehört, sagt:

„Eine der Fragen, die aufkam - sowohl in den Diskussionen mit Herrn Dworkowitsch, als dieser in Stanford war, aber auch heute in einigen unserer Diskussionen, und ich weiß, daß das ein anhaltendes Problem bei den Diskussionen unter den Amerikanern ist -, ist die Frage der Infrastruktur. Wenn ich Infrastruktur sage, dann rede ich nicht bloß von Autobahnen oder ähnlichem, sondern von langfristigen Infrastrukturinvestitionen, wie es tatsächlich auch das Raumfahrtprogramm war. Verschiedene Leute argumentieren, das Raumfahrtprogramm sei kein Teil der Infrastruktur, womit ich ganz entschieden nicht übereinstimme. Aber Herr Dworkowitsch äußerte sich so: Infrastruktur ist nett, wir alle mögen Infrastruktur. Aber das Problem mit der Infrastruktur ist, daß sie viel Zeit braucht. Es dauert lange Zeit, bis sie gebaut ist, und es dauert lange Zeit, bis sie ,profitabel' wird.

Das ist schon ziemlich ironisch, denn meine eigene Sicht von Infrastrukturinvestitionen und der Gründe, warum sie einen so bedeutenden Anreiz für das Wirtschaftswachstum darstellen, ist genau das Gegenteil. Denn es sind ja Investitionen in ein langfristiges Projekt, nicht bloß, daß langfristig Arbeitsplätze geschaffen werden, sondern diese Investitionen werden bei Einsatz fortgeschrittener Wissenschaft und Technik auf lange Zeit in die Zukunft hinein nützlich sein.

Das wirft eine Frage auf, die natürlich nicht in den Diskussionen mit Dworkowitsch - denn ich denke, das ist nicht sein Gebiet -, sondern bei uns eine Rolle spielte, und das ist die Rolle der Energieflußdichte als Maß für das, was menschlicher Fortschritt eigentlich darstellt - und das ist es ja vermutlich, was wir alle anstreben. Deshalb befassen wir uns ja überhaupt nur mit diesen Fragen.

Wenn die Steigerung der Energieflußdichte, wie Sie diese in einzigartiger Weise identifiziert haben, tatsächlich Fortschritt darstellt, d.h. die tatsächliche Tragfähigkeit des Planeten und unsere Möglichkeit definiert, das gesamte Sonnensystem zu erforschen, dann scheint mir die Hauptfrage bei der Gestaltung nationaler Politik zu sein, wie man sie steigert.

Ich mag mich irren, und deshalb stelle ich diese Frage - aber mir scheint sich dann sofort die Frage zu stellen, was das Maß dafür ist. Das führt uns zurück zu der früheren Frage, die zur Volkswirtschaft gestellt wurde. Mir scheint, daß der eigentliche Test ist: Wie steigert man die Energieflußdichte? Wenn das so ist, so schließe ich daraus, daß die Infrastruktur genau diese Funktion hat.

Aber ich möchte gern, daß Sie das kommentieren, Herr LaRouche."

LaRouche: Bei dieser Frage muß man zu einer Diskussion zurückgehen, die Leibniz am Ende des 17. Jahrhunderts führte, insbesondere im letzten Jahrzehnt, als er das Konzept der Dynamik einführte.

Der Dynamikbegriff von Leibniz hat nichts mit dem zu tun, was man heute auf der Straße oder sogar in den Universitäten unter Dynamik versteht. Man meint damit meistens eine Art Drang oder Impuls, aber das ist nicht das Maß.

Dynamik bezieht sich auf die Tatsache, daß wir in einem Universum leben, etwa dem Universum, das man mit der kosmischen Strahlung beschreiben kann. Oder Dynamik wie bei Massenbewegungen oder in der Politik. Politik im weiteren Sinne beruht auf der Wirkung von Ideen oder von etwas, das in einer Idee zum Ausdruck kommt, auf eine breite Schicht von Menschen, und auf den Effekten dieser Wirkung. Das verstand Leibniz unter Dynamik.

Der Dichter Percey Shelley zum Beispiel - ich habe schon oft darauf hingewiesen - beschreibt am Schluß seiner Verteidigung der Poesie eine ähnliche Form der Dynamik, wie sie beispielsweise auch von Rosa Luxemburg als Massenstreik beschrieben wird: Ein Volk gerät trotz entgegengerichteter Tendenzen in Bewegung. Wenn man die Dynamik einer Gesellschaft untersucht, betrachtet man Dynamik in diesem Sinne - im gleichen Sinne, wie Shelley diesen Prozeß in seiner Verteidigung der Poesie beschreibt. Man findet die gleiche Erkenntnis auch bei anderen großen Dichtern und solchen, die dieses Phänomen als ein soziales Phänomen erkennen.

Wenn man also den Dynamikbegriff im Leibnizschen Sinne verwendet - nicht so, wie man ihn heute in verballhornter Weise benutzt - untersucht man die Beziehung zwischen einer Umgebungsänderung - Umgebung im weitesten Sinne - und dem potentiellen Verhalten beispielsweise einer menschlichen Gesellschaft, welches sich auf eine mögliche Verbesserung der Lebensbedingungen oder der gesellschaftlichen Produktivität bezieht.

Aus diesem Grund entstehen in diesem Prozeß Verbesserungen, etwa in der Grundinfrastruktur der Wirtschaft, die für das Leben der Gemeinschaft und zur Verbesserung des Lebensstandards notwendig ist. Auch mit Maschinen und anderen Produktionsformen läßt sich die Produktivität der Arbeit erhöhen. Oder man ergreift einfache Gegenmaßnahmen, um die Erschöpfung einer Ressource auszugleichen, wenn mehr Aufwand notwendig wird, um die gleiche Ausbeute zu erzielen wie zuvor, als die betreffende Ressource noch nicht erschöpft war. Man braucht ein höheres Niveau der Technologie oder der Energieflußdichte, um das Problem zu lösen.

Die Fähigkeit der Menschheit, zu überleben, basiert nicht darauf, daß der Mensch hier auf der Erde wie auf einer flachen Scheibe oder ähnlichem herumläuft, sondern der Mensch muß sich ein geeignetes Umfeld schaffen. Wie wirkt sich dieses Umfeld - das Arbeitsumfeld, das gesamte Lebensumfeld - auf die Arbeitsproduktivkräfte pro Quadratkilometer oder pro Kopf aus? Mit Investitionen in neue Prozesse steigern wir die Produktivkräfte der Arbeit, wobei man das Verhältnis zwischen der Erhöhung der Arbeitsproduktivkräfte in der Gesellschaft und den aufzuwendenden Investitionen berechnet. Daraus ergibt sich ein Faktor, der diese Erhöhung entstehen läßt.

Ohne diese Investitionen erschöpft sich die Gesellschaft. Wenn man auf dem gleichen technischen Niveau, ohne technologischen Fortschritt, ohne kapitalintensive Verbesserungen stillsteht, nutzen wir die Gesellschaft ab. Die reichsten Rohstoffvorkommen werden ausgebeutet, so daß nur noch relativ weniger reiche Vorkommen verbleiben. Aber wir gleichen das durch ein höheres Niveau der Technologie aus, indem gewöhnlich die Energieflußdichte der entsprechenden Prozesse erhöht wird. Auf diese Weise schreiten wir voran. Wenn wir das nicht tun, gehen wir zur Hölle.

Zu diesen Verbesserungen gehört die reale Infrastruktur: Massenverkehrsmittel, Trinkwassersysteme, saubere Luft, bessere Qualität der Nahrungsmittel, billigere und leichter verfügbare Nahrungsmittel. Wir wollen keine übergroßen Städte und abgelegene Landgebiete. Wir wollen Städte mittlerer Größe, die von Parks und anderen Grünanlagen durchzogen sind und so eine quasiländliche Wirkung haben. Forst- und Landwirtschaft sollten unmittelbar um solche mittelgroßen Städte betrieben werden. Es soll nicht alles nur in einem Teil des gesamten Kontinents konzentriert sein. Über den gesamten Kontinent verteilt sollen Wirtschaftsstrukturen entwickelt werden. Mit einem effizienten Verkehrssystem sollen Fracht und Menschen mit geringem Zeitverlust und geringen Kosten komfortabel transportiert werden können.

Die Produktion sollte somit über ein großes Gebiet verteilt werden, anstatt sie in Slums oder slumähnlichen Ansiedlungen zu konzentrieren.

Das Konzept einiger Leute, auf das Sie hingewiesen haben, ist unsinnig und zeigt nur, daß jemand, der ein solches Argument vorbringt, kein kompetentes Verständnis davon hat, Städte zu planen, Maschinen zu entwerfen, einen produktiven Prozeß zu gestalten oder die Kosten eines Produktionsprozesses für die Menschen zu bestimmen - all diese wesentlichen Dingen, die das natürliche Talent eines professionellen Ökonomen vor allem im Bereich der physischen Wirtschaft sein sollten. Dabei sollten auch die soziale Umgebung und die psychologische Umgebung berücksichtigt werden, die genauso wichtig für die Menschen ist wie die physische Umgebung.

Schulklassen sollten nicht überfüllt sein. Der Unterricht an den Schulen sollte die Entwicklung der schöpferischen Fähigkeiten der Schüler fördern - Dinge dieser Art. Wir wollen an der Spitze der Wissenschaft stehen. Wir wollen, daß sich die Schüler im Bildungsprozeß zu schöpferischen Menschen entwickeln, und nicht zu Dümmlingen, die nur wiederholen können, was man ihnen beigebracht hat. Menschen sollten spontan Ideen beitragen können, die zu einer qualitativen Verbesserung des menschlichen Potentials führen.

Es gibt noch eine andere Seite, die nicht nur physisch, sondern auch moralisch wichtig ist. Wir können in einer modernen Gesellschaft, mit einer anständigen Krankenversorgung und anständigen Lebensbedingungen bis zu 100 Jahre alt werden. Das ist für die Menschheit in greifbarer Nähe, wenn wir einige der Auswüchse im Gesundheitswesen rückgängig machen. Machen wir Obamas Gesundheitsreformen rückgängig und kehren zu dem alten Hill-Burton-System in den Vereinigten Staaten zurück! Dann können Menschen bis zu einem Alter von 100 Jahren am Leben und rüstig bleiben. Das heißt nicht, daß das für alle gilt, aber das kann der Trend sein.

Noch etwas anderes: Was ist das Motiv der Menschen, zu leben? Wir werden geboren, und irgendwann werden wir unvermeidlich sterben. Was treibt uns als Individuen in dieser Zeit an? Die Tatsache, daß wir sterben werden, bedeutet, daß es einen Sinn im Leben geben sollte, der unser Leben für die zukünftige Menschheit wertvoll macht. Da wir soziale Menschen sind, denken wir meistens so. Wir denken gerne an unsere Enkelkinder. Wir erinnern uns gerne an alte Freunde, wir denken an ihre Kinder. Wir denken gerne an Städte und Orte, die besser gestaltet wurden, und jemand, der kurz vor dem Tod steht, schaut sich um und sieht die Verbesserungen, die zum Teil mit seiner Hilfe möglich wurden.

Und dann, so heißt es, habe die Menschheit eine Mission im Universum, und wir waren an dieser Mission beteiligt.

Somit ist Fortschritt, besonders der wissenschaftliche und technische Fortschritt, ein moralischer Wert an sich. Denn es gibt einen Unterschied zwischen einem Menschen, der sich für eine Ratte hält, der geboren wird, nur um zu sterben, und einem Menschen, der drei oder mehr Generationen erlebt und sein Leben mit der Absicht führt, daß sein Dasein auch noch nach seinem Tod fortdauert.

Dann hat unsere Existenz als Mensch einen Zweck. Sie hat eine Mission. Und deshalb sind wir motiviert, Entscheidungen zu treffen, die hierzu beitragen. Die Vorstellung, ein guter Mensch zu sein, bedeutet, daß man denkt, die Menschheit als solche habe eine Mission - eine Mission, die über die eigene Sterblichkeit hinausreicht. Dann werden die Menschen so leben und sich so verhalten, wie es ihrem Wunsch entspricht, diese Art Unsterblichkeit zu verkörpern - während ihres Lebens etwas für die Zukunft der Menschheit Bedeutsames beigetragen zu haben. Und man will nicht, daß einem das genommen oder versagt wird.

Es geht also um diese beiden Aspekte. Zuallererst brauchen wir eine moralische Gesellschaft. Eine moralische Gesellschaft ist eine, die in der Menschheit einen ganz besonderen Teil der Schöpfung sieht. Der Mensch hat ein begrenztes Leben, das sich über etwa drei Generationen erstreckt - drei Generationen potentiellen Lebens für jeden neugeborenen Menschen in einer anständigen Gesellschaft. Aber was wird ein solcher Mensch während dieser drei Generationen tun? Er sollte natürlich reifen, sich entwickeln, um eigene Beiträge zu leisten, die aber von einem Zweck getragen sind.

In anderen Nationen wird beispielsweise eine andere Sprache gesprochen und es herrschen andere Sitten als bei uns selbst. Warum sollten wir uns um sie kümmern? Weil sie Teil der Menschheit sind.

Was bedeutet es also für die Menschheit, wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß andere Nationen und Kulturen ein Beitrag zu der eigenen Existenz sind? Man betrachtet die anderen Nationen nicht als Konkurrenten. Man mag mit ihnen wetteifern, aber man betrachtet sie nicht als bloße Konkurrenten, man betrachtet sie als eine Ergänzung der eigenen Aufgabe, die Zukunft der Menschheit in diesem Universum zu gestalten.

Man betreibt Weltraumfahrt. Warum? Nur aus reinem Spaß an der Freude? Nein, man betreibt Weltraumfahrt, weil man weiß, daß das für die kommenden Generationen der Menschheit wichtig ist. So sollten wir denken. So dürfte ein wirklich kompetenter Ökonom ohnehin denken. Man denkt an das, was man aufbaut, an die Ziele, die man erreicht, an die Ziele, die man möglich macht. Wie z.B. im Weltraum.

Ich werde nicht zum Mars fliegen. Ich werde nicht lange genug leben, um auf dem Mars zu landen. Aber ich hoffe, daß ich repräsentiert bin, wenn Menschen auf dem Mars landen und den Roten Planeten entwickeln. Denn das, was ich heute tue, wird zu diesem Ziel beitragen.

Deshalb hat mein Leben einen Sinn, und dieser Sinn bestimmt meine Moral und meine Zielsetzung. So muß ein wirklicher Ökonom denken.

Nicht Diplomatie, sondern die gemeinsamen Ziele der Menschheit

Freeman: Ich habe eine letzte Frage zum Abschluß, allerdings werden wir versuchen, eine weitere Diskussion anzusetzen. Diese Frage bringt uns zurück zu der Vier-Mächte-Vereinbarung. Der Fragesteller sagt:

„Vor dem gestrigen Gipfeltreffen in Washington und später noch ausführlicher hat [Ex-] Präsident Clinton jedermann sehr verblüfft, als er betonte, er sei fest davon überzeugt, daß wir aus dieser Finanz- und Wirtschaftskrise nur herauskommen werden, wenn wir - neben allem anderen, worüber wir diskutieren - für mehr Einwanderung sorgen. Das sei nicht nur für Amerikas Zukunft, sondern für die globalstrategische Lage entscheidend.

Es sei für ihn offensichtlich, daß es keinen Ausweg aus diesem Schlamassel gebe, wenn das nicht Teil der Gesamtstrategie sei. Er begründete dies in verschiedener Hinsicht. Er verwies auf den Maschinen- und Anlagenbau, auf das Durchschnittsalter der Maschinenbauer nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern im entwickelten Sektor insgesamt. Eine der Schwierigkeiten, mit denen wir es zu tun hätten, sei die Überalterung der Arbeitskräfte, und es sei ganz wichtig, neue Talente heranzuziehen.

Er sagte, ihm sei klar, daß seine Forderung völlig der öffentlichen Meinung widerspreche, aber er sei fest davon überzeugt und werde dafür einstehen. Er sei schon immer davon überzeugt gewesen, daß einer der Gründe, warum Amerika weltweit so wettbewerbsfähig war und so rapide voranschreiten konnte, darin besteht, daß sich in den USA ein Zusammenschluß [von Menschen] aus mehr als nur einem Land entwickelte. Er formulierte es so: Wir haben hier Menschen von überall her, und wir haben es geschafft, daß das Ganze funktioniert.

Er äußerte sich weiter zu der Diskussion um die Vier-Mächte-Vereinbarung, und ich bitte Sie, vor allem dazu etwas zu sagen, weil dies auch von einigen unserer internationalen Gäste angesprochen wurde. Er betonte, eine solche Vier-Mächte-Vereinbarung sei kein diplomatisches Abkommen - kein diplomatischer Kompromiß, der den Weltfrieden bewahrt, obgleich das seiner Ansicht nach tatsächlich der Fall wäre. Was dadurch erreicht würde, liege auf einer ganz anderen Ebene; es sei eine Absichtserklärung, langfristig für ein gemeinsames Ziel auf diesem Planeten zusammenzuarbeiten. Darin sehe er einen gewaltigen Unterschied.

Einige Leute fragten: Ist das nicht eine neue Form der Globalisierung? Er antwortete, das sei absolut nicht der Fall. Es gehe darum, daß völlig souveräne Nationen für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeiten, das allen dient. Deshalb sei es mehr als eine diplomatische Initiative, obgleich sie auch diplomatisch in dem Sinne sei, daß dadurch der Weltfrieden eindeutig gefördert und eine ansonsten instabile Lage stabilisiert werde.

Es ist wohl in seinem Sinne, das hier auf die Tagesordnung zu setzen, weil besonders Leute, die an der Diskussion nicht von Anfang an beteiligt waren, diese Initiative gern kleinreden. Es gibt ja eine Unzahl verschiedener diplomatischer Vorstöße, die ich größtenteils ziemlich nutzlos finde, an dieser aber sind wir alle beteiligt, weil wir darin wirklich etwas anderes sehen. Da Sie der Urheber dieser Politik sind, meine ich, es sei sehr nützlich, wenn Sie besonders für uns Gäste hier Ihre Gedanken dazu vortragen.

LaRouche: Nehmen wir als Beispiel die Strategische Vereidigungsinitiative SDI, die mein geistiges Kind war, wie ich verschiedentlich dokumentiert habe. Ich bin da hinein geraten, weil Brzezinski und Co. [Mitte der siebziger Jahre] eine atomare Konfrontation mit der Sowjetunion planten, und mir war klar, daß das verhindert werden mußte. Ich hatte die Beweise in Händen und wußte, was diese Kreise vorhatten, und ich unternahm etwas, um den Skandal auffliegen zu lassen. Durch das Aufdecken dieses Skandals verhinderten wir diese Ungeheuerlichkeit Brzezinskis, aber es gab noch andere Pläne, und wegen meiner damaligen Opposition dagegen wollten die Kreise um Brzezinski mich umbringen.

Mir wurde klar, daß ich nur einen Teil des Problems angepackt hatte. Um eine nukleare Konfrontation mit der Sowjetunion zu vermeiden, mußten positive Maßnahmen ergriffen werden, um rückgängig zu machen, was Truman und die Briten nach Roosevelts Tod in Gang gesetzt hatten.

Insbesondere mußten die Beziehungen zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten wieder auf eine Grundlage im Sinne der Absichten Franklin Roosevelts gestellt werden.

Ich beschäftigte mich deshalb mit den technischen Möglichkeiten, und mit Hilfe einiger sehr fähiger Wissenschaftler entwickelten wir einen gangbaren Ansatz. Die amerikanische Regierung, d.h. die zuständigen Leute in den Sicherheitsbehörden, gaben mir grünes Licht für weitere Gespräche. Inzwischen war nämlich ein Bericht eines bei den Vereinten Nationen tätigen russischen Militärangehörigen eingegangen, dem zufolge die Russen mit der damals neuen Reagan-Administration sprechen wollten und nachfragten, ob ich dabei behilflich sein könnte. Ich leitete die Mitteilung des russischen Vertreters an entsprechende Leute in der Regierung Reagan weiter mit der ausdrücklichen Empfehlung, das Gesprächsangebot anzunehmen. Und die Sicherheitsexperten antworteten: Warum übernehmen Sie das nicht selbst? Das tat ich dann auch. Zu dem Zeitpunkt verfügte ich über genügend Wissen, wie man damit umgehen könnte und wie die Strategische Verteidigungsinitiative aussehen würde - also tat ich es.

Außerdem gelang es mir, führende Militärs aus Deutschland, aus Frankreich, aus Italien und aus den Vereinigten Staaten, teilweise Altersgenossen, aus dem [CIA-Vorläufer] OSS oder ähnlichen Institutionen des Zweiten Weltkriegs, für die Sache zu gewinnen. Ich kannte sie damals noch nicht, aber lernte sie bei unseren Treffen sehr schnell kennen, denn sie hatten den gleichen Charakter und die gleichen Anschauungen wie ich. Daraus entstand das Angebot, das wir den sowjetischen Repräsentanten unterbreiteten.

Die Reaktionen waren in dieser Phase positiv. Beide Seiten erkannten, daß das Projekt machbar war - und wußten das sogar noch, als die sowjetische Seite schließlich mit der Begründung ablehnte, daß Amerika am Ende gewinnen würde. Ich erklärte, es sei nicht unser Ziel, einen militärischen Konflikt zu gewinnen. Unser Ziel sei gerade, einen solchen Konflikt zu verhindern, weil es bösartige Leute auf diesem Planeten, wie die Briten, gebe, die uns in einen Krieg gegeneinander hetzen würden, wenn wir die Sache nicht unter Kontrolle brächten.

Eine Zeitlang ging alles gut, aber dann schaltete sich Andropow ein, als Präsident Reagan die von mir entwickelte SDI-Politik übernahm. Wichtig zu wissen ist, daß die Russen wußten, daß das, was Reagan vortrug, ganz genau dem entsprach, was ich mit ihnen verhandelt hatte. Es wurde also keine der beiden Seiten irregeführt. Reagan war sich vollkommen im klaren darüber, was er tat, und richtete sein Angebot direkt an die sowjetische Regierung. Als Andropow ablehnte, schockierte das viele Russen, die in der SDI eine vernünftige Alternative sahen, um aus dem unsinnigen Kalten Krieg mit all seinen atomaren Bedrohungen herauszukommen.

Aber dann kamen britische Kreise, die Bertrand-Russell-Leute, ans Ruder. Russell selbst war zwar tot, das war das Gute, aber sein Einfluß florierte weiter. So gelang es den Briten, mit einigen Schwächen unserer Militärführung zu spielen. Einige Leute in der Rüstungsindustrie meinten, wenn ein solches Abkommen mit Rußland zustandekäme, wäre es aus mit unseren ganzen „Verteidigungsanstrengungen". Wir würden keine Kriege mehr gegeneinander führen. Das ganze Verteidigungsministerium würde abgeschafft. Teilweise war das reine Habgier, Gier nach Rüstungsaufträgen, nach Geld, Reichwerden usw.

So nahm die Sache ihren Lauf. Gorbatschow, der nach meinem Geschmack noch viel schlimmer als sein Vorgänger war, war ein wirklicher Fanatiker. Über die Kanäle seiner Frau forderte er von der amerikanischen Regierung, mich zu ermorden. Tatsächlich kam es aufgrund des Drucks von Gorbatschow zu einem Mordversuch amerikanischer Kreise gegen mich. Dieser Mann ist ein Ekel.

Das haben wir durchgemacht. Inzwischen war die russische Bevölkerung erst durch Andropows und dann durch Gorbatschows Propaganda in dem Glauben bestärkt worden, die SDI sei etwas ganz Fürchterliches. Doch dann trat genau das Fürchterliche ein, was ich zu verhindern versucht hatte: Rußland wurde völlig ruiniert. Das hätte es nicht gegeben, wenn Rußland der SDI zugestimmt hätte, wozu es mehrere Gelegenheiten gab - insbesondere 1986, als Reagan noch Präsident war und er beim Gipfel in Island das Angebot unterbreitete. Dann wäre es zu dem Niedergang Rußlands, den hauptsächlich die britische Monarchie unter Mithilfe des damaligen französischen Präsidenten [Mitterrand] einfädelte, nicht gekommen.

Noch heute gibt es in Rußland einfältige Leute, die glauben, mein SDI-Vorschlag sei etwas Schlimmes gewesen. Viele, die heute genauso reden wie damals, mit der gleichen Einstellung gegenüber Amerika und den Amerikanern und mir persönlich, sind dieselben oder ähnliche typische Dummköpfe wie die Leute im Sowjetsystem, die damals nein sagten, als sich die Möglichkeit bot, all die Schwierigkeiten vom Tisch zu bekommen. Wir verhandeln mit Rußland immer noch über die Abwehr ballistischer Raketen. Wir stehen vor der Gefahr eines israelischen Angriffs auf den Iran, der alle möglichen Höllenszenarien eröffnen würde. Wir sprechen immer noch darüber, wie man sich vor solchen Schrecken schützt, ohne in einen Konflikt zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten zu geraten.

In der Diplomatie müssen wir begreifen, daß die Bedeutung nationaler Souveränität in der nationalen Kultur liegt. Die nationale Kultur umfaßt die Träume, die Geschichten, die Sprache usw. - alles, was den Zustand eines Volkes ausdrückt. Die Menschen müssen von Kindheit an eingebunden werden, d.h. jede Nation muß sich selbst durch ihre Kinder, die Erziehung und Kultur der Kinder zusammenschließen, um sie zu einem gemeinsamen Ziel und Zweck zu vereinen. Darum ging es schon damals in einem der Gespräche über die gemeinsamen Ziele der Menschheit zwischen Edward Teller und sowjetischen Vertretern in Erice.

Wir brauchen wieder die Souveränität nationaler Kulturen, wir brauchen vollkommen souveräne Nationalstaaten, denn die Bevölkerung muß in entscheidenden Fragen wieder mit einer Stimme sprechen und ihre eigene Entwicklung bestimmen können. Es muß aber auch Partnerschaft geben. Zwischen den unterschiedlichen Nationen muß ein Empfinden für Bedürfnisse und Kameradschaft herrschen. Wir haben unterschiedliche Bräuche und Verhaltensweisen, aber wir haben gemeinsame Ziele.

Dann schauen wir zum Mond herauf und stellen fest, daß hier auf der Erde das Helium-3 knapp ist. Wir brauchen das Helium-3, das dort oben auf dem Mond lagert, wenn wir zum Mars oder anderswohin wollen. Also sollten wir es uns von dort holen. Wir brauchen es auf der Erde genauso wie im Weltraum.

Wir sollten deshalb auf dem Mond ein Industrieprojekt in Gang setzen, an dem sich verschiedene Nationen beteiligen, die die Industrieanlagen zu diesem Zweck gemeinsam nutzen. Denn die Menschheit hat eine gemeinsame Mission jenseits der Erde, jenseits der kleinlichen Streitereien auf der Erde. Die Menschheit hat eine Mission im Universum - zuerst in unserem Sonnensystem und dann im ganzen Universum.

Mit einer solchen Haltung sollten wir daran gehen. Wir sollten mit Freude das Gute teilen, das wir schaffen. Wir müssen für gemeinsame Ziele mobilisieren, an denen sich ein Mensch von der Geburt bis zu seinem Tod orientieren kann und die ihm im Laufe seines Lebens eine Bestimmung geben. Dann hat er zum Zeitpunkt des Todes die Befriedigung, daß sein Leben auch noch lange nach dem eigenen Tod etwas bedeutet.

Eine solche Moralvorstellung brauchen wir wieder. In meiner Sichtweise von Volkswirtschaft ist das selbstverständlich. Es mag Streitigkeiten und Meinungsunterschiede zwischen den Nationen geben, aber weil wir alle Menschen sind, brauchen wir gleichzeitig gemeinsame Ziele, die zum Maßstab von Verhandlungen, von gemeinsamen Projekten und auch Schwierigkeiten zwischen den Nationen werden - eine gemeinsame Absicht der gesamten Menschheit mit Blick auf das, was unsere Generation weiter bewirkt, wenn sie einmal vergangen ist.

Welche Welt wollen wir schaffen? Welche Bedeutung hatte unser Leben, unser Sein, wenn wir einmal sterben? Werden wir einfach weggeworfen, weil wir gestorben sind? Wird auch unsere Kultur weggeworfen, wenn wir sterben? Oder soll das Leben einen Sinn haben, im Sinne einer Aufgabe für die gesamte Menschheit, der über die Grenzen des Todes hinaus Bestand hat, so daß jeder Mensch in seiner Seele zurückblicken und sagen kann: „Wir haben zu unseren Lebzeiten dazu beigetragen. Jetzt ist es gut, es ist geschafft. Mein Leben und die Schwierigkeiten, die ich auf mich genommen habe, waren es wert."

Das ist gute Wirtschaftswissenschaft.

1. Auf englisch unter [url:"http://www.larouchepac.com/14274]http://www.larouchepac.com/14274.

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