Europäischer Milchstreik!
15. September 2009 •


In Frickenhausen im Allgäu versammelten sich 600 Milchbauern, um über
die Lage der Milchbauern und das weitere Vorgehen zu diskutieren.

Bei den europäischen Milchbauern stehen die Zeichen auf Sturm. Mehr
und mehr Bauern in Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden,
Italien, Schweiz und Österreich liefern keine Milch mehr an die
Molkereien aus, sondern kippen sie in den Gully, verfüttern sie an die
Kälber, kippen sie auf die Felder oder sprühen sie sogar weithin
sichtbar von Brücken, wie dies am 11. September im Deutsch sprechenden
Teil Ostbelgiens geschah.

Die Streikwelle ging diesmal von Frankreich aus, wo am 14. September
bereits die Hälfte der Höfe keine Milch mehr lieferten, um so gegen die
Dumpingpreise von 18-24 Cent je kg Milch zu protestieren, die für die
Bauern den wirtschaftlichen Tod bedeuten. Ein für die Bauern
kostendeckender Preis läge bei 40 Cent und somit etwa doppelt so hoch
wie die aktuell von der Milchwirtschaft gezahlten Preise.

Dem Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BDM), der
Interessenvertretung der deutschen Milchbauern, wurde es allerdings vom
Kartellamt untersagt, zum Streik aufzurufen, um sich gegen die Kartelle
aus Molkereien, Einzelhandel und Exportlobby zu wehren. Das heißt
allerdings nicht, daß die deutschen Bauern die Hände in den Schoß
legen.

Dies wurde bei einem Milchbauernabend am 14. September in
Frickenhausen (Allgäu) mehr als deutlich. Etwa 600 Bauern versammelten
sich, um über die Situation zu sprechen und sich über das weitere
Vorgehen zu beraten.

Schlimmste Krise seit dem 2. Weltkrieg

Der BDM-Vorsitzende Romuald Schaber gab zunächst einen Bericht über
die Lage der Bauern. Die Bauern seien jetzt ganz unten, befänden sich
in der schwersten Krise seit dem 2. Weltkrieg und würden von der
Bundesregierung unter ihrer Würde behandelt, so Schaber. Auf den Höfen
stapeln sich unbezahlte Rechnungen. Es sei für die Familien
entwürdigend und eine schwere emotionale Belastung, daß Rechnungen
liegenbleiben oder erst nach der 3. Mahnung bezahlt werden. Überall,
von Irland bis an die Grenze der Ukraine, würden nur 18-24 Cent/kg
Milch gezahlt. Für dieses Geld könne kein Hof seine Kosten decken.
Schaber bezeichnete die Situation als Skandal, gegen den sich die
Bauern wehren müssen. Denn die aktuelle Krise sei kein Unfall und auch
nicht unabwendbar gewesen, sondern vielmehr bewußt herbeigeführt und
von langer Hand vorbereitet worden. Eine Übersättigung des Marktes von
0,5% hätte bereits einen Preisverfall ins Bodenlose zur Folge. Die
Politik in Berlin und Brüssel sei unfähig, auf die Situation angemessen
zu reagieren, da sie sich von Hintermännern und Lobbyisten zu viel ins
Ohr flüstern lassen. Die Politik würde perfekte Arbeit für die Konzerne
leisten.

Cui bono?

Man muß die Frage stellen, wer von der aktuellen Situation
profitiert. Da die global agierenden Konzerne Produkte weltweit
transportieren und somit gezielt Druck ausüben können auf Erzeuger und
Verbraucher, die trotz Globalisierung lokal gebunden bleiben, bleibt am
Ende nur der übrig, der sich an die Spielregeln der Konzerne hält. Das
alte Motto des Freihandels lautet „Billig kaufen, teuer verkaufen".
Damit gehen die Familienbetriebe in Konkurs, und der Bauer kann
vielleicht noch einen Ein-Euro-Job als Tagelöhner bekommen. So können
die Konzerne bestimmen, was zu welchem Preis in den Handel gelangt. Die
Bauern hätten, obwohl viele Molkereien genossenschaftlich sind, jeden
Einfluß auf Milchpreis und Löhne verloren. Die Ideologen hinter der
aktuellen Politik, für die die EU maßgeblich verantwortlich ist, seien
so starrsinnig wie im Kommunismus, meinte Schaber weiter. Im Gegensatz
dazu seien die Verbraucher in puncto Landwirtschaft sensibilisiert, was
dazu führe, daß die Politiker dem Wähler gern Honig ums Maul schmieren,
ohne aber ernste Schritte einzuleiten, eine gescheiterte Politik
aufzugeben und auf die Forderungen der Bauern einzugehen.

Es liegt an Deutschland

Schließlich ging Schaber auf den Streik in Frankreich ein und
betonte, daß die deutschen Molkereien den französischen Bauern in den
Rücken fallen, indem Milch aus Deutschland im großen Stil nach
Frankreich gekarrt wird. Dies sei eine Schande für die deutschen
Bauern, wenn der Streik in Frankreich so unterlaufen würde. Wegen der
Entscheidung des Kartellamtes könne der BDM zu keinem Boykott der
Molkereien aufrufen, es sei somit die Verantwortung jedes einzelnen, ob
er noch Milch an die Molkereien ausliefert. Dennoch liege es an
Deutschland, ob die europäische Initiative Erfolg haben kann oder
nicht.

Belgier fordert Revolution

Somit überließ Schaber das Mikrofon dem belgischen Landwirt und
Vorsitzenden der belgischen Milcherzeuger-Interessengemeinschaft (MIG)
Erwin Schöpges. Schöpges sagte, ihn mache der Maulkorb, den der BDM vom
Kartellamt erhielt, wütend und traurig. Dies sei zutiefst
undemokratisch und in Belgien undenkbar. Deshalb müsse das Diskutieren
jetzt aufhören, sonst könnten alle Bauern das, was ihre Väter und
Großväter erarbeitet hätten, komplett an die Großindustrie abgeben.

Es gehe nicht nur um faire Preise, sondern um einen Systemwechsel, eine
Revolution. Dabei bezog Schöpges sich auf die friedliche Revolution von
1989 in der DDR. Der Milchpreis sollte den Bauern dabei keine Sorgen
machen. Vielmehr ginge es darum, die Milch von 2-3 Wochen einzusetzen,
um einen Systemwechsel herbeizuführen. Dies brächte eine bessere
Rendite als bei jeder Bank. Billiger als zu den aktuellen
Dumpingpreisen könne man ohnehin nicht streiken. Der Beginn des
Milchstreiks in Frankreich hätte die Belgier nicht eine Minute
Überlegens gekostet, ob man sich beteiligen soll.

Schließlich wurde jeder Bauer, der sich am Boykott beteiligen wolle,
gebeten aufzustehen und so seine Streikbereitschaft kundzutun. Circa
90% der Bauern standen auf. In der anschließenden Diskussion wurde
deutlich, bei wie vielen Bauern die Nerven blank liegen, und wie
bedrohlich die aktuelle Situation für die einzelnen Betriebe ist. Es
ging bei der Aussprache am offenen Mikrofon nur noch um ein Thema:
Entweder wird jetzt gemeinsam gekämpft und ein Systemwechsel erzwungen
- oder gemeinsam verloren. Dabei kommt den Milchbauern im Allgäu eine
Schlüsselrolle und besondere Verantwortung für die Lage in Deutschland
zu, da das Allgäu einen der wichtigsten Milchkreise in Deutschland
darstellt, von dem die stärkste Signalwirkung für den Rest Deutschlands
ausgehen kann.

[Unten sehen Sie ein Beispiel des Protests der Milchbauern in Ostbelgien - d. Red.]

Bauernverband auf Abstellgleis

Zum Schluß ist noch zu betonen, daß die aktuellen Proteste und
Boykotte die Bauernverbände in Frankreich und hoffentlich nun auch in
Deutschland aufs Abstellgleis führen. Es zeigt sich mehr und mehr, daß
diese europaweiten Streiks keine normalen, saisonalen Demos sind,
sondern organische, von den Bauern selber organisierte Aktionen, die
das Potential haben, sich zu einer Revolution auszuweiten, oder wie es
auf einem Plakat auf einem belgischen Traktor prägnant heißt, „Diese
Milch ist Revolution". Alle Politiker und Verbände, die das nicht
verstehen, sind fehl am Platz und werden sich in den Stürmen des
Zusammenbruchs der Globalisierung und des Weltfinanzsystems nicht
behaupten können.

Bei der Veranstaltung waren auch zwei Vertreter der BüSo anwesend,
stellten vor dem Festzelt Plakate auf mit dem Titel „Bauern retten -
BüSo wählen!" und verteilten Hunderte Büso-Extrablätter sowie Ausgaben
der
Neuen Solidarität, und sie nutzten die Möglichkeit, am
offenen Mikrofon mitzureden. Vertreter anderer Parteien waren entweder
nicht anwesend oder glänzten durch Schweigen.

Daniel Buchmann

Direktkandidat der BüSo für Wahlkreis 85, Berlin Treptow-Köpenick


Mehr von den Milchbauern gibt es hier:

[url:"http://bdm-verband.org/]http://bdm-verband.org

[url:"http://milcherzeuger.be/]http://milcherzeuger.be

[url:"http://www.europeanmilkboard.org/]http://www.europeanmilkboard.org/

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