Adorno hat wie kaum ein zweiter zur Zerstörung des Verständnisses und der Komposition klassischer Musik beigetragen.
Sind Sie bestürzt, wenn Ihnen täglich über die elektronischen Medien
immer ekelhaftere Fratzen der "gewalttätigen Bestie Mensch"
entgegengeschleudert werden? Sorgen Sie sich um den Verstand derer, die
sich New Wave, Rap, Trash oder Techno bis zur Besinnungslosigkeit
hingeben? Belächeln Sie die Sinnlosigkeit moderner, postmoderner und
antimoderner Kunst? Vielleicht fragen Sie auch, wie es eigentlich dazu
kam, daß in unserer Gesellschaft eine solcher Kult der Häßlichkeit
vorherrscht.
Die Frankfurter Schule
Wenn Ihnen aber nun jemand antwortete, daß dies alles etwas mit dem
Wirken Theodor Wiesengrund Adornos zu tun habe, würden Sie das
natürlich ungläubig zurückweisen. Adorno, dem letzte Woche am 11.
September anläßlich seines 100. Geburtstags ein Denkmal in Frankfurt
errichtet wurde? Ist das nicht der große Philosoph der "Kritischen
Theorie" und der "Neuen Musik", der geistige Kopf der Frankfurter
Schule, der Lehrer der 68er Studentenbewegung, die gegen Vietnamkrieg,
Notstandsgesetze, das kapitalistische System und den autoritären Staat
protestierte? Was hat der mit unserer Kultur der Häßlichkeit zu tun?
Sehr viel, Sie werden sich wundern. Denn es ging Adorno und
seinen Mitstreitern der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer, Erich
Fromm, Herbert Marcuse, auch Walter Benjamin, später Jürgen Habermas
u.a. um mehr als eine politische, wirtschaftliche und soziale
Veränderung - es ging um eine Kulturrevolution, eine grundlegende
Veränderung im Denken und Handeln einer ganzen Generation, die sich auf
alle Bereiche der Gesellschaft auswirken sollte. Alle axiomatischen
Wertvorstellungen der Errungenschaften der abendländischen Zivilisation
in Wissenschaft und Kunst, der griechischen Klassik, des Christentums,
der italienischen Renaissance, der Wiener und Weimarer Klassik sollten
negiert und "aufgehoben" werden.
Georg von Lukács brachte bereits Anfang der 20er Jahre auf dem
Treffen (Erste Marxistische Arbeitswoche), das zur Gründung des
Instituts für Sozialforschung in Frankfurt führte, die Absichten des
Instituts auf den Begriff. Da die christlich-humanistische Kultur für
das Scheitern der sozialistischen Revolution im Westen verantwortlich
wäre, müßte sie beseitigt werden, und zwar durch die "Aufhebung der
Kultur". Die Finanzierung des Instituts übernahm Hermann Weil, der im
argentinischen Getreidehandel zum Millionär geworden war und der
Deutschland im Zweiten Weltkrieg zu größeren imperialen Zielen
anstachelte.
Auf der Grundlage von Kant, Hegel, Marx, Nietzsche und Freud
entwickelten Adorno und Horkheimer eine radikal kulturpessimistische
"negative Dialektik", um das klassisch- humanistische Menschenbild zu
zerstören. Sie behaupteten, das entscheidende Problem der Geschichte
sei die Denkfähigkeit des Menschen, die "Geschichte des Denkens als
Organ der Herrschaft".
Die menschliche Fähigkeit, die Gesetze des Universums zu
erforschen, als technisch-industriellen Fortschritt anzuwenden und
dadurch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Menschheit
sicherzustellen - das, was den Menschen zum lebendigen Abbild Gottes
macht und woraus sich seine Würde und Unantastbarkeit ableitet - ,
genau das wollten die Frankfurter "aufheben".
Diese rationale Ordnung diene zwar zur dauerhaften
Selbsterhaltung des Menschen, behaupteten sie, führe aber notwendig zu
einer Verhärtung, einem regelrechten Zwang zur Naturbeherrschung, der
schließlich in der Selbstzerstörung durch Kapitalismus, Faschismus und
Totalitarismus enden müsse.
Konsequent zielten sie auf eine radikale Abkehr von der
Vernunft, um die Gewalt animalischer Triebe zu entfesseln, eine
"Rebellion als Rache der Natur an der Zivilisation" zu entfachen und
die "Fähigkeit zu unmittelbarer Lust" zu steigern, die "durch die
idealistische Predigt der Veredelung und Selbstverleugnung geschwächt,
vergröbert, in vielen Fällen ganz verdorben" worden sei. Sie
bevorzugten "dunkle" Schriftsteller, denen sie "die kräftige Einsicht
in die Nachtseite des Natürlichen" verdankten, z.B. de Sade, Nietzsche
und die Romantiker, die sich offen zum Egoismus bekannten, "zum Genuß,
zum Höchstmaß an Glück, in das die Befriedigung grausamer Regungen
eingeschlossen ist".
1941 schrieb Adorno über die Absichten dieser angestrebten
Kulturrevolution: "Das bezieht sich vor allem auf die Vorstellung der
Geschichte als permanenter Katastrophe, die Kritik an Fortschritt und
Naturbeherrschung und die Stellung zur Kultur ... die Identität von
Barbarei und Kultur." Und später hieß es, es gebe überhaupt nichts
Positives, die "Versessenheit aufs Positive" sei "ein Deckbild des
unter der dünnen Hülle wirksamen Destruktionstriebes", und "die am
meisten vom Positiven reden, sind einig mit zerstörender Gewalt".
Hätten Sie gedacht, daß der gefeierte Philosoph Theodor W.
Adorno ein solch teuflischer Kerl war? Ihm wurde sogar 1963 die
Goethe-Plakette verliehen - etwa weil er den Mephisto in der
Wirklichkeit so perfekt verkörperte?
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Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht: denn alles, was entsteht, Ist wert, daß es zugrunde geht; Drum besser wär's, daß nichts entstünde. So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, Mein eigentliches Element. |
Diabolus in Musica
Auf Adorno entfiel die Aufgabe, insbesondere in der Musik die Kulturrevolution gegen das Denken voranzubringen.
Seine Mutter, Maria geb. Calvelli-Adorno delle Piane, war eine
Sängerin, seine Tante Agathe, die er seine "zweite Mutter" nannte,
hatte als Pianistin die berühmte Sängerin Adelina Patti begleitet. Mit
16 Jahren bekam er seinen ersten Kompositionsunterricht, er studierte
neben Philosophie und Psychologie Musikwissenschaft. Er nahm 1925 in
Wien bei Alban Berg Kompositions- und bei Eduard Steuermann
Klavierunterricht und war als Musikkritiker publizistisch tätig.
Die "Aufhebung" der klassischen Musik betrieb er hauptsächlich
durch zwei negative Methoden: "Dekonzentration" und "Dekomposition".
Dafür bediente er sich der Kulturindustrie, die über die elektronischen
Medien die Massen- bzw. Popkultur verbreitete, und der "Neuen Musik"
von der freien Atonalität bis zur waghalsigsten Geräuschakrobatik, die
die Fähigkeiten zur klassischen Komposition in der künstlerischen Elite
ausmerzen sollte.
Mancher wird überrascht fragen: Wieso der Kulturindustrie? Hat
er nicht immer gegen die Verdummung und Entpolitisierung der
Bevölkerung durch die populäre Massenkultur gewettert? Gut, den Tango
ließ er vielleicht noch gelten, er war eben romantisch und liebte die
Frauen, aber die Popkultur haßte er doch?
Um Adornos negative Dialektik richtig zu verstehen, muß man
sich vor Augen führen, worum es eigentlich bei einer klassischen
musikalischen Komposition von Bach oder Beethoven geht. Es geht dabei
nicht um Töne oder Noten! Sondern um die schöpferischen Ideen, die der
Komponist entwickelt, um bestimmte musikalische Probleme zu lösen und
das tonale wohltemperierte System der polyphonen Mehrstimmigkeit, das
mit den Naturgesetzen des Universums und der menschlichen
Belcanto-Stimme übereinstimmt, gesetzmäßig zu erweitern. Ein
klassisches Musikstück repräsentiert in seiner Ganzheit eine bestimmte
Idee, eine nur mit dem Geist erfaßbare Metapher, die den Verlauf, den
Anfang und das notwendige Ende einer Komposition bestimmt. Eben "so
streng, wie frei", wie Beethoven unterstrich.
Das Komponieren, Aufführen und Anhören einer klassischen
Komposition erfordert eine enorme geistige Anstrengung, die mit einer
langandauernden Konzentration verbunden ist. Nur so ist das Stück und
die ihm zugrunde liegende musikalische Idee, die positive Lösung eines
musikalischen Problems, erfaßbar und vermittelbar.
Tatsächlich ging Adorno auf Einladung Max Horkheimers von
England nach New York und wurde 1938 der musikalische Leiter des sog.
"Radioprojekts". Das nationale Radio Research Project an der Princeton
University wurde von der Rockefeller-Stiftung finanziert und sollte die
sozialen Wirkungen der neuen Massenmedien, speziell des Radios,
erforschen. Paul Lazarsfeld, der seit Anfang der 30er Jahre mit der
Frankfurter Schule zusammenarbeitete, leitete es.
Ihm zur Seite stand Frank Stanton, Forschungsdirektor der Rundfunkanstalt CBS, Dr. für industrielle Psychologie und späterer Präsident von CBS.
1957-67 war Stanton Aufsichtsratschef der RAND Corporation, einer in
Kalifornien ansässigen, von der Air Force finanzierten Denkfabrik, die
geheime Forschungen über Techniken des Gegenaufstandes,
Befragungsmethoden Gefangener, und elektronische Polizeiüberwachung
anstellte. Er war auch zusammen mit den Chefs der Elektronikriesen ITT,
AT&T und RCA Mitglied des von Lyndon Johnson 1965 ins Leben
gerufenen "Committee of Communications" sowie Aufsichtsratsmitglied von
Radio Free Europe.
Adorno lernte in den USA eine Kulturindustrie kennen, die dabei
war, alle Mittel zur sozialen Kontrolle der Bevölkerung zu entwickeln.
Er kam zu dem Schluß: "Die gesamte U-Musik hätte schwerlich ihren
Umfang und ihre Wirkung ohne das, was man in Amerika plugging
nennt. Die zu Bestsellern auserkorenen Schlager werden in die Hörer wie
mit Eisenhämmern solange hineingerammt, bis sie sie wiedererkennen
müssen, wie die kompositorischen Reklamepsychologen richtig ausrechnen,
und darum lieben."
Er erkannte die Bedeutung von Schlagerbörsen, Hitparaden,
Musikzeitschriften usw. als Mittel zur Schaffung einer Popkultur - die
Mittel, die dann für die Rock-Dogen-Sex-Gegenkultur zum Einsatz kamen.
Er entwarf eine "Typologie des Hörens", die vom Experten bis zum
Antimusikalischen reichte. Für eine Manipulation schien ihm der
Unterhaltungshörer am interessantesten zu sein, dessen Hörweise Adorno
als die der Zerstreuung und Dekonzentration bezeichnete.
- "Am Gegenpunkt zum Fetischismus der Musik vollzieht sich eine
Regression des Hörens. Damit ist nicht ein Zurückfallen des einzelnen
Hörers auf eine frühere Phase der eigenen Entwicklung gemeint, ...
vielmehr ist das zeitgemäße Hören das Regredierter, auf infantiler
Stufe Festgehaltener. ... Sie fluktuieren zwischen breitem Vergessen
und jähen, sogleich wieder untertauchendem Wiedererkennen; sie hören
atomistisch und dissoziieren das Gehörte, entwickeln aber eben an der
Dissoziation gewisse Fähigkeiten, die in traditionell-ästhetischen
Begriffen weniger zu fassen sind als in solchen von Fußballspielen und
Chauffieren. Sie sind nicht kindlich, wie etwa eine Auffassung es
erwarten möchte, die den neuen Hörertyp in Zusammenhang bringt mit der
Einbeziehung ehedem musikfremder Schichten in das Musikleben. Sondern
sie sind kindisch: ihre Primitivität ist nicht die des Unentwickelten,
sondern des zwanghaft Zurückgestauten."
Adorno beobachtete, wie durch die Popkultur die klassische Musik
dekomponiert werden konnte. Für die regredierten Hörer "wird eine Art
musikalischer Kindersprache präpariert, die sich von der echten dadurch
unterscheidet, daß ihr Vokabular ausschließlich aus Trümmern und
Einstellungen der musikalischen Kunstsprache besteht".
Durch seine "negative Dialektik" konnte er auch dem
regredierten Hören noch etwas abgewinnen: "Positives liegt beschlossen
allein in ihrer Negativität. Die fetischisierte Massenmusik bedroht die
fetischisierten Kulturgüter." In diesem Punkt, der Dekomposition der
klassischen Musik, kreuzten sich populäre Massenkultur und "Neue Musik"
und verbündeten sich gegen die Klassik:
Die Neue Musik "setzt es sich vor, der Erfahrung des
regressiven Hörens bewußt standzuhalten. Der Schrecken, den Schönberg
und Webern heute wie einst verbreiten, rührt nicht von ihrer
Unverständlichkeit her, sondern davon, daß man sie nur allzu richtig
versteht. Ihre Musik gestaltet jene Angst, jenes Entsetzen zugleich,
jene Einsicht in den katastrophischen Zustand, dem die anderen bloß
ausweichen können, indem sie regredieren."
Salto mortale
In Adornos Philosophie der Neuen Musik geht es nicht mehr
um die Hörer, sondern um das Komponieren selbst. Ginge es nach ihm,
dürfte heute niemand mehr wie Haydn, Mozart und Beethoven komponieren.
Die "Neue Musik" Schönbergs, Bergs und Weberns, die er kräftig
unterstützte, hat mit der Tonalität des wohltemperierten Musiksystems
vollständig gebrochen: "Was vor dem Bruch galt, die Konstitution
musikalischen Zusammenhangs durch Tonalität, ist unwiederbringlich
dahin." "Die Musik kennt kein Naturrecht", von jetzt an "läßt sich
nicht mehr ein für allemal ,lernen', was gute oder schlechte Musik
sei." Die "Neue Musik" der Schule Schönbergs kündete nach Adorno von
einer "Art Leere höherer Ordnung": "Das eigentlich umstürzende Moment
an ihm (Schönberg) ist der Funktionswechsel des musikalischen
Ausdrucks. Es sind nicht Leidenschaften mehr fingiert, sondern im
Medium der Musik unverstellt leibhafte Regungen des Unbewußten,
Schocks, Traumata registriert."
- "Die seismographische Aufzeichnung traumatischer Schocks wird aber
zugleich das technische Formgesetz der Musik. Es verbietet Kontinuität
und Entwicklung. Die musikalische Sprache polarisiert sich nach ihren
Extremen: nach Schockgesten, Körperzuckungen gleichsam, und dem
gläsernen Innehalten dessen, daß Angst erstarren macht. Es ist diese
Polarisierung, von welcher die gesamte Formwelt des reifen Schönberg,
und ebenso Weberns, abhängt. Sie zerstört die von ihrer Schule zuvor
ungeahnt gesteigerte ,Vermittlung', den Unterschied von Thema und
Durchführung, die Stetigkeit des harmonischen Flusses, die ungebrochene
melodische Linie."
Diese "Macht der Dissoziation", die zur Zerstörung der klassischen
Musik führt, hat Adorno durch einen seiner teuflischsten Salto Mortale
ausgerechnet von Beethoven "abgeleitet". Beethoven reiße seine späten
Streichquartette und seine Missa Solemnis durch diese "Macht
der Dissoziation" auseinander, Beethovens Spätwerk beweise, "in der
Geschichte von Kunst sind Spätwerke die Katastrophen". Fragen Sie jetzt
aber nicht nach dem Sinne eines Kunstwerkes, denn in den Kunstwerken
einen Sinn erkennen zu wollen, ist nach Adorno gerade deshalb
unfruchtbar, weil die modernen Kunstwerke ja "gegen den Begriff des
Sinns und die Behauptung rebellieren, das Dasein sei sinnvoll".
Ironie
Auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte 1968 drückte Adorno seinem
Freund Max Horkheimer ein Flugblatt in die Hand, in dem die Studenten
die "Frankfurter Lehrer" ernst nahmen und ihnen ihre Lehren um die
Ohren schlugen, und sagte entsetzt: "So weit haben wir's gebracht." Als
im Januar 1969 die Räume des Instituts für Sozialforschung von
Studenten in Beschlag genommen wurden, ließ Adorno sie kurzerhand von
der Polizei räumen. Im April 1969 mußte er wegen des "Busenattentats"
durch den "Weiberrat" seine Vorlesung entnervt abbrechen. Kurz darauf
starb er in der Schweiz.
Das Denkmal für Adorno in Frankfurt zeugt freilich von einer
gewissen ironischen Fähigkeit des russischen Künstlers: Ein
Schreibtisch, ein Stuhl, ein Metronom im Glaskasten - und wo ist nun
Adorno? Deuten wir es doch so: 100 Jahre Adorno sind passé, und uns
steht es frei, eine kulturelle Renaissance einzuleiten, die
naturrechtlichen Grundlagen der klassischen Musik wieder herzustellen
und uns auf die neuen Haydns, Mozarts und Beethovens zu freuen.
Stefan Marienfeld
Neue Solidarität Nr. 38/2003
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Artikel von Zepp-LaRouche
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