Keplers eigentliche Entdeckung

Mathematik ist keine Wissenschaft

von Lyndon LaRouche

5. November 2008

Ich bin, wie Sie wissen, ein alter Mann, aber machen Sie sich deshalb um mich keine Sorgen; es hat für mich manchmal sehr wichtige Vorteile, alt zu sein. Ein solcher Vorteil ist es, zu wissen, welche korrigierbaren Fehler unsere Gesellschaft vor etwa zwei Generationen auf den Weg falscher Gewohnheiten gebracht haben, und das wissen die meisten Führungspersönlichkeiten der Gesellschaft heute nicht. Diese Fehler haben uns den gewaltigen Schlamassel eingebrockt, in den sich unsere Nationen nun offenbar unbedingt selbst hineinreiten wollen. Was für ein Schlamassel das ist, können heute wahrscheinlich nur ganz wenige Menschen mit viel Erfahrung überhaupt verstehen.

So habe ich zum Beispiel vor einigen Jahrzehnten geschrieben, in der Naturwissenschaft solle die Poesie an die Stelle der Mathematik treten. Einige Leser, selbst unter meinen engsten wissenschaftlichen Mitarbeitern, waren damals zwar schockiert über das, was ich sagte, weigerten sich aber, meine Warnung weiter zu beachten. Die meisten maßgeblichen Personen, auch unter meinen politischen Mitstreitern, machten mehr schlecht als recht weiter wie zuvor, statt meine Herausforderung anzunehmen, ihre oft falschen Auffassungen von Sachkompetenz abzuschütteln.

Das ansteckende Element der Inkompetenz, auf das ich mich hier beziehe, was damals schon weit verbreitet, es hielt sich hartnäckig selbst im Umkreis der führenden Wissenschaftler, mit denen ich bei anspruchsvollen Forschungsprogrammen jener Zeit in mehr oder weniger enger Verbindung stand. Der Irrtum der Mehrheit unter denen, an die ich mich damals in dieser Angelegenheit wandte, bleibt ein lähmender Faktor in dem, was leider auch heute noch als wissenschaftliche Meinung durchgeht.

Daher ist das folgende eine Geschichte, die es sehr wohl wert ist, erzählt zu werden. Es ist für die schmerzlich schweren Zeiten heute genauso wichtig wie damals, ja noch wichtiger, denn gerade dieser Teil unserer Vergangenheit ist schuld daran, daß wir heute in der gefährlichsten Zeit der gesamten jüngeren Geschichte unseres Planeten leben.

* * *

Die These: „Es führt dies hinüber in das Gebiet einer andern Wissenschaft, in das Gebiet der Physik, welches wohl die Natur der heutigen Veranlassung [die Mathematik] nicht zu betreten erlaubt."1

Bernhard Riemann, Schlußsatz seiner Habilitationsschrift von 1854.

Für mich war vor fünfzig Jahren das Ringen mit Bernhard Riemanns Habilitationsschrift von 1854 beim ersten, sehr gründlichen Lesen und mehrfachen Nachlesen im deutschen Original eine der Erfahrungen in meinem Leben, die meine Weltsicht bis heute am tiefsten und nachhaltigsten geprägt haben. Die einzige vergleichbare frühere Erfahrung in der Naturwissenschaft - eine solche himmlische Freude bei der Erkenntnis des Inhalts dessen, was ich las - war meine erste Annäherung an einige Arbeiten von Gottfried Leibniz als Jugendlicher gewesen.

Es war damals dieser Schlußsatz der Dissertation, der die entscheidende Wirkung ausübte - und ich bin vollkommen überzeugt davon, daß Riemann mit diesem so außerordentlichen, mutigen Satz zum Abschluß seiner damaligen Arbeit genau diese Wirkung beabsichtigt hat, die er auf mich wie zweifellos auch auf einige andere hatte. Riemann hatte bereits erkannt, wie gefährlich es für die Gesellschaft war, wenn man versuchte, die eigentliche Wissenschaft durch bloße Mathematik zu ersetzen, wie die Empiriker es sich anmaßten. Die besondere Wirkung beruhte darauf, daß dieser Schlußsatz das notwendige Endresultat der beiden Eingangsabsätze derselben Dissertation ist. Dieser Aufbau definierte ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Eingang und dem Schluß der Komposition des Buches, die damit der Eröffnung und dem Schluß eines großen Schauspiels entsprachen, welche die Bedeutung des Dazwischenliegenden bestimmen.

Ich lege dem sachkundigen Leser dringend nahe, diesen wesentlichen Aspekt der ganzen Angelegenheit persönlich nachzuvollziehen.2

Auch nach jener Erfahrung hatte ich wieder die Freude, auf ähnliche Entdeckungen von Prinzipien zu stoßen, aber niemals war sie so tiefgehend wie bei diesen beiden ganz fundamentalen Entdeckungen aus dem Werk von Leibniz und Riemann. Selbst Keplers einmalige schöpferische Entdeckung der universellen Gravitation machte weniger Eindruck auf mich, nicht weil sie weniger bedeutend wäre, sondern weil ich zu der Zeit, als ich Keplers Werk zum erstenmal studierte, diese grundsätzliche Vorstellung vom menschlichen Wissen über das Universum schon von Leibniz und Riemann übernommen hatte.

Wer im Lauf der Jahrzehnte mit meinem Standardargument zur Frage der Methode vertraut wurde, der wird sich erinnern, daß ich bei allen entsprechenden öffentlichen Gelegenheiten immer darauf bestanden habe, daß die Realität experimentellen Wissens darin liegt, ein entsprechendes geistiges Konzept zu erzeugen, und nicht in dem, was anderen als Resultat „unterm Strich" zu dem jeweiligen Thema erscheint. Realität ist nicht, wo jemand an der Endstation vom Straßenbahnschaffner rausgeschmissen wurde; sie liegt in dem Prozeß, wie Sie beispielsweise entdeckt haben, warum gerade dieser Weg zu diesem Ziel führt.

Wie ich weiter unten noch betonen werde, sollte meine gerade berichtete Erfahrung mit diesen von Leibniz und Riemann übernommenen Entdeckungen für uns eine Warnung sein: Gerade in wissenschaftlichen Dinge müssen wir nicht nur über das Gebiet der Mathematik, sondern sogar noch über den viel höheren Bereich der Naturwissenschaften an sich hinausgehen. Wir müssen bis zum eigentlichen Konzept der Existenz des Universums vordringen, von dem unser Verständnis abhängt, warum dieses Universum gerade in dieser einmaligen Weise existiert.

Eine solche Erfahrung ist es, zu erkennen, was Johannes Keplers ureigenste Entdeckung des Naturgesetzes der universellen Gravitation bedeutet.

Während der Jahre vor meiner entscheidenden Erfahrung mit dem ersten umfassenden Verständnis von Riemanns Habilitationsschrift Anfang 1953 hatte ich ähnliche Erfahrungen in anderen Bereichen gemacht, die mit dieser elektrisierenden Lektüre von Riemann vergleichbar waren. Zu diesen Erfahrungen in anderen Feldern gehörte eine gewisse Annäherung an die Poesie von John Keats und Percy Bysshe Shelley, die in der Tat bedeutsam für die Erkenntnis ist, die sich aus dem Schlußsatz aus Riemanns Dissertation ergibt.

Zu diesen bedeutsamen anderen Themen gehörte ganz besonders die großartige Erfahrung des letzten längeren Absatzes von Shelleys Verteidigung der Poesie (In Defence of Poetry), wo Shelley mit dem elegantesten poetischen Ausdruck seine tiefgehenden Ansichten über „die Fähigkeit, die tiefsten und leidenschaftlichsten Gedanken über Mensch und Natur zu vermitteln und aufzunehmen" zusammenfaßt. Was Shelley hier, in dem gesamten Absatz, schreibt, deckt sich mit meiner ganzen rückwirkenden und fortwirkenden Sicht der angemessenen Organisation unserer versuchten Einsichten in die Dynamik sozialer Prozesse menschlicher Erfahrung und Entwicklung.

Diese Übereinstimmung im Verständnis von grundsätzlichen Fragen der Naturwissenschaft und der großen klassischen Dichtung hat Herz und Verstand meines Bewußtseins seit meiner Jugend bis heute definiert. Wie ich in den beiden Kapiteln nach diesen einleitenden Bemerkungen betonen werde, führt diese lebenslang immer wiederkehrende Erfahrung zum Kern meiner Entschlossenheit, mich persönlich mit größter Leidenschaft für das Wohl kommender Generationen einzusetzen - eingeschlossen die vielversprechenden Erwartungen, die man in einige Teile der gegenwärtigen Generation junger Erwachsener setzen kann.

Eine gewisse Krise der Wissenschaften

So habe ich Mitte der achtziger Jahre bei einer Versammlung an meinem damaligen Wohnsitz Ibykus Farm die anwesenden Wissenschaftler unser internationalen Wissenschaftsvereinigung Fusion Energy Foundation (FEF) schockiert, indem ich darauf beharrte, daß man die Probleme in der Physik, mit denen wir damals konfrontiert waren, mit Hilfe einer eingehenden Beschäftigung mit den Einzelheiten von Keplers Entdeckung der universellen solaren Gravitation angehen sollte. Ich stellte dazu meine Argumentation in den Kontext des Gebietes meiner besonderen Kompetenz als wohl schon damals weltweit führender physikalischer Ökonom. Meine Kompetenz in einer Riemannschen physikalischen Wirtschaftswissenschaft war bereits erwiesen. Die meisten der Versammelten bei diesem Treffen waren wütend darüber, daß ich diese Methode einführte - mit Ausnahme des berühmten Professor Robert Moon aus Chicago, der aus einer etwas älteren Generation stammte.

Die Wut vieler am Tisch damals war im wesentlichen eine Reflexreaktion gegen jeglichen Angriff auf etwas, was sie in wissenschaftlicher oder ähnlicher Hinsicht als absolut sakrosankte Äußerungen des Experten für Schwarze Magie Isaac Newton betrachteten. Für sie war Newton fast so etwas wie ein Heiliger der Rechtgläubigen. Unter diesen Gläubigen waren viele sonst kompetente Wissenschaftler mit großartigen Leistungen, aber trotzdem Opfer einer Indoktrination schon in jungen Jahren in der Schule, weil man um diese zweifelhafte englische Kreatur herum eine Art schäbiges Kultritual geschaffen hat.

Im Rückblick auf die etwas über zwanzig Jahre seit diesem Treffen der FEF betrachtet, habe ich damals bei meiner Argumentation in jeder Hinsicht vollkommen richtig gelegen. Die entsprechenden Fakten, in jüngster Zeit wiederholt nachgeprüft, belegen, daß meine Argumentation damals uneingeschränkt gültig war.3 Tatsächlich stellte sich heraus, als das Thema bei zwei folgenden Treffen erneut aufkam und die Wut sich wieder äußerte (wenn auch deutlich schwächer), daß solche Irrtümer unter den damaligen und auch heutigen Wissenschaftlern im wesentlichen daher rühren, daß die Wissenschaftlergeneration, die aus den Veteranen des Zweiten Weltkriegs hervorging, so gut wie nichts von Keplers Werken studiert hatte. Die meisten von ihnen wußten praktisch nichts davon, wie die tiefgründigsten Fragen der neuzeitlichen Wissenschaft, die durch Entdeckungen wie die Keplers gestellt werden, über die Jahrhunderte in böser Absicht verdrängt wurden - entgegen der Docta Ignorantia des eigentlichen Begründers der modernen Wissenschaft im 15. Jahrhundert, Kardinal Nikolaus von Kues.4

Der gleiche, inhärent zerstörerische Fehler meiner Kritiker in der FEF und anderswo in den achtziger Jahren wie heute liegt darin, daß sie den Verleumdungen der Newton-Sekte über Kepler folgen. Der Einfluß dieses reduktionistischen Kultes, der auf Wenck, Zorzi (Giorgi), Fludd und Sarpis Lakaien Galileo zurückgeht, ist als Tradition heute vorherrschend, und das gewöhnlich in bösartigerer Form als früher. Dieser närrische Kult ist eine Tradition geworden, geprägt vom Einfluß einer noch weit größeren Dekadenz, die sich in jüngster Zeit in den Dogmen und Schriften maßgeblicher akademischer Institutionen angesammelt hat. So schlimm waren die Auswirkungen auf die Wissenschaft und die wissenschaftliche Ausbildung, wie man am ramponierten Zustand der höheren Bildung heute feststellen muß, nachdem die meisten Vertreter der drei ältesten Generationen, einschließlich der zwei vor meiner eigenen, dahingeschieden sind.

Diese drei Generationen verkörperten eine gewisse Qualität relativer wissenschaftlicher Kompetenz, die weitgehend verloren gegangen ist und heute vor ihrer endgültigen Auslöschung steht. Diese drei älteren Generationen, deren Existenz als Gruppe man im wesentlichen etwa vom Beginn des 20. Jahrhunderts an datieren kann, bargen in sich noch eine gewisse „Vor-68er"-Kompetenz. Dieser Sachverstand war noch vor einer Generation unter Fachleuten verhältnismäßig weit verbreitet (wenn auch manchmal etwas epistemologisch angeschlagen), bevor die anhaltend zersetzenden Auswirkungen des Aufstandes von 1968, des dionysischen Kultes vom „nachindustriellen" Zeitalter der „Globalisierung", fast alles andere überwältigt haben.5

Das besonders Bemerkenswerte an diesem immer rascheren moralischen und intellektuellen Niedergang wissenschaftlicher und verwandter Einrichtungen ist, daß er auf mehrere frühere Stufen hin zum Niedergang der wissenschaftlichen Lehre folgte bzw. daraus hervorging. Die wichtigsten Marksteine hiervon waren am Ende des 19. Jahrhunderts die „Mechanik" des Positivisten Ernst Mach und seiner unmittelbaren Nachfolger sowie später der numerologische Irrsinn der Sekte von Bertrand Russell und Anhängern von Russell erbärmlicher Principia Mathematica wie Norbert Wiener und John von Neumann.

Der Kult von Existentialismus und Dekonstruktion hätte sich nicht bis zu seiner derzeit vorherrschenden Form der Unmoral ausbreiten können, wenn die natürliche Widerstandskraft der Vernunft nicht in dieser Weise korrumpiert worden wäre. Dieser geistige Verfall, der sich etwa in solchen grundsätzlichen Einwänden gegen Kepler äußert, geht typischerweise auf ein Phänomen zurück, das Friedrich Schiller mit Recht abfällig als „Brotgelehrte" bezeichnet. Zum Beispiel bestand für die Generation, die zur Zeit Präsident Trumans oder später die amerikanischen Universitäten besuchte, das hauptsächliche Anliegen gewöhnlich darin, einen Titel zu ergattern und den Weg zu einer Karriere nach dem Abschluß zu ebnen. „Wahrheit? Ja natürlich", hieß es, „wann immer möglich - aber wenn man nicht seine Karriere aufs Spiel setzen will, muß man sich anpassen." Ein Sophismus in der Art der Hohepriester des alten Babylon war immer das schlimmste an den Nachahmern jener Gesellschaft der Antike.

Diese Form des Verfalls des akademischen Betriebes in den Naturwissenschaften geht weiter und immer weiter, heute schlimmer als früher. Auf einige besonders üble Auswüchse konnte man kürzlich beim Lehrkörper der Universität Harvard stoßen, aber Korruption ähnlichen Kalibers ist heute in allen maßgeblichen Institutionen vorherrschend.6

Diese Korruption existierte also zwar schon in milderer Form vor zwanzig und mehr Jahren unter sonst fähigen Wissenschaftlern, doch in der heutigen wissenschaftlichen Praxis, unter der „68er"-Pest des verrückten sogenannten „Umweltschutzes", sind die Aussichten für echten Sachverstand häufig katastrophal.

Unter den älteren Vertretern, selbst unter den gleichen Kreisen, die noch heute mit mir verbunden sind, sieht man keinerlei Anzeichen für neue Wellen von Kompetenz in der Wissenschaftsmethode in den USA oder Westeuropa. Etwas anders ist es nur mit dem unabhängigen Typ junger Erwachsener im Studentenalter, wie die Gruppe, die in letzter Zeit an wissenschaftlichen Projekten mitwirkte (das sog. „Basement-Team"). Am schlimmsten sind gewöhnlich einige der digitalisierten Anhänger der „Informationstheorie".7

Wie manche sagen würden, die über den Zustand der Weltwirtschaft heute nachdenken: „Arschkriechen mag einem akademische Ehren und (vorübergehend) hochbezahlte Anstellungen einbringen, aber es fördert nicht das Verständnis der nahen Zeitenwende."

In einer klinischen Studie über Richtung und Ausmaß des Niedergangs der naturwissenschaftlichen Lehre, z.B. über die letzten rund 40 Jahre oder mehr, dürfen wir auf keinen Fall die Verlagerung im Charakter der Volkswirtschaft übersehen: weg von einer produktiven Wirtschaft, hin zu einem „nachindustriellen" Zustand allgemeiner intellektueller und moralischer Verkommenheit von Geist und Gewohnheiten in der realwirtschaftlichen Praxis der Leute, die in unserer heutigen Wirtschaft als die „besten Fachleute" gelten.

Zu Kues' Zeit und zu unserer Zeit

Der Verfall der herrschenden Meinung und Praxis unter Akademikern und ähnlichen Fachleuten heute ist also Teil des allgemeinen Verfallstrends in den gesellschaftlich akzeptierten Standardmeinungen. Dieser Abwärtstrend drückt sich etwa in der Ansicht aus, es gäbe keine Möglichkeit, die Zivilisation vor der jüngsten, sich beschleunigenden nachindustriellen Zerstörung, die sich nun der letzten Auflösungsphase nähert, zu bewahren. Abgesehen von der Frage, die ich Mitte der achtziger Jahre aufbrachte - die Rückkehr zu einer kompetenten allgemeinen naturwissenschaftlichen Praxis, wie Kepler sie gründen wollte -, scheint es heute für die nächsten Generationen nur eine geringe Chance auf zivilisiertes Leben auf diesem Planeten zu geben.

Aber auch wenn das eben Gesagte eine wahre Aussage über die Weltlage ist, bin ich kein Pessimist. Ich warne nur, daß ein neues Finsteres Zeitalter der Menschheit auf dem ganzen Planeten heute praktisch unvermeidbar ist, wenn wir mit der Wirtschaftsreform, die ich für die Menschheit anstrebe, keinen Erfolg haben.

Wir hatten in der Vergangenheit finstere Zeitalter, und wir haben uns davon wieder erholt. Die Renaissance des 15. Jahrhunderts, die mit dem Konzil von Florenz 1439 und dem Werk des Kardinals Nikolaus von Kues verbunden war, ist das wichtigste Beispiel.

Im weiteren Sinne steht Filippo Brunelleschi, der als erster das naturwissenschaftliche Prinzip der Kettenlinie auf den Entwurf des Kuppelbaus der Florentiner Kathedrale Santa Maria del Fiore anwandte, beispielhaft für alle Bereiche moderner Naturwissenschaft. Ein noch viel wichtigeres Beispiel sind die grundlegenden Beiträge des Kardinals Nikolaus von Kues, dessen De Docta Ignorantia alle methodischen Bedingungen für die moderne Naturwissenschaft einführte. Luca Pacioli und sein Schüler Leonardo da Vinci führten Kues' Vermächtnis mit einigen brillanten Fortschritten weiter, aber die allgemeine Praxis der neuzeitlichen Naturwissenschaft an sich gründet auf den Methoden des Kues-Anhängers Kepler, so wie dieser sie in der Weltharmonik beschrieben hat: seine ureigenste Entdeckung des universellen Naturgesetzes der Gravitation, nach dem unser Sonnensystem geordnet ist.

Die Universalität von Kues' Geist forderte eine außergewöhnliche experimentelle Entdeckung eines universellen Naturgesetzes, die der weitblickenden Perspektive dieses Geistes genügen würde. Die einzigartige Entdeckung von Johannes Kepler, daß in unserem Sonnensystem ein universelles Gravitationsprinzip herrscht, lieferte dieses erfolgreiche Experiment.

Vor diesem historischen Hintergrund erhält Keplers Entdeckung eines allgemeinen Prinzips der Gravitation, wie in seiner Weltharmonik dargestellt, heute eine außerordentliche Bedeutung. Diese besondere Bedeutung wurde neu bekräftigt, als Albert Einstein betonte, daß jede kompetente Naturwissenschaft heute von dem Verständnis dieses schöpferischen Aktes des Genies Keplers abhängt.

Dagegen ist die Behauptung, Isaac Newton habe die Gravitation entdeckt, nicht nur typisch für die großen wissenschaftsfeindlichen Schwindel der Neuzeit, sie beweist auch, wie dumm und korrupt selbst einige der vermeintlich am besten ausgebildeten Persönlichkeiten heute sein können.

Nachdem dies gesagt ist, will ich jetzt meinen jungen Mitstreitern die Ehre abtreten, die sie sich für ihre erneute, ausführliche Darlegung der Bedeutung von Keplers Entdeckung verdient haben. Ich habe mehrere Jahrzehnte lang immer wieder auf Keplers Werk verwiesen. Meine jungen Mitstreiter haben es in ihrer Arbeit unabhängig davon getan. Die Aufgabe, die ich mir hier gestellt habe, sind bestimmte wichtige Anmerkungen, die zum Kristallisationspunkt der eigentlichen Argumentation hinführen; den Schwerpunkt bildet dabei die Begründung dafür, daß man den Ursprung der Wissenschaft auch heute noch in der klassischen Poesie von zwei früheren Erwachsenengenerationen findet.

Weiter unten werde ich hier die entscheidende und zugleich am wenigsten verstandene Eigenschaft von Keplers Entdeckung eines Naturgesetzes der universellen Gravitation zusammenfassen. Im Anschluß daran folgt, damit inhaltlich verwandt, eine Zusammenfassung der Begründung, warum es absurd ist, zu glauben, es gäbe irgendeine kategorische Trennung zwischen Naturwissenschaft und kompetent ausgeführter Komposition in der klassischen Kunst.

In Rücksicht auf mein Alter verfasse ich diesen Bericht und überlasse es nachfolgenden Generationen von vielversprechender Begabung, weiterzugeben und zu bereichern, was wir bislang in dieser doppelten Hinsicht erreicht haben.

1. Keplers Krieg gegen Venedig

Der wesentliche Schlüssel zu seiner ureigensten Entdeckung des Naturprinzips der Gravitation, das der Ordnung des Sonnensystems als ganzem zugrunde liegt, war Keplers Einsicht in die fundamentale Ironie der widersprüchlichen Ergebnisse, die man erhält, wenn man den Aufbau des Sonnensystems erst ausgehend von einer quasi Euklidischen Idee des Sehens untersucht und dann dieselben Bewegungen im Sonnensystem in Hinsicht auf eine harmonisch angeordnete Komposition (also des Hörens) studiert.8

Die systemischen Mißverhältnisse zwischen den beiden wichtigsten Methoden menschlicher Sinneswahrnehmung, Sehen und Hören, führten Kepler zu der Entdeckung des Prinzips, auf dem jede kompetente Ausbildung in der Naturwissenschaft und auch in den klassischen Künsten beruht: Die Erkenntnis, daß die rein mathematischen Abbildungen, die uns die Sinneswahrnehmungen liefern, im besten Falle Schattenrisse der wahren Naturgesetze sind, weil diese ontologisch außerhalb des Bereichs liegen, der sich mit den Formeln bloßer Mathematik erfassen läßt.

Keplers Entdeckung der allgemeinen Gravitation (innerhalb unseres Sonnensystems) ist für die heutige Wissenschaft von allerhöchster Bedeutung, wenn man sie auf die Erkenntnis unserer Fähigkeit bezieht, die Organisation der nichtorganischen und der lebenden Prozesse innerhalb der derzeit bekannten Grenzen unseres Sonnensystems zu verstehen. Ein Beispiel sind die nicht-digitalen Grundlagen menschlichen Hörens, so wie diese Erfahrung mit der von Johann Sebastian Bach entdeckten Funktion des Kontrapunktes verbunden ist.9

Keplers Entdeckung des Naturgesetzes der Gravitation im Sonnensystem beweist, daß die Annahme, das Universum könne nach den Vorstellungen einfacher Sinneserfahrung aufgebaut sein, immer grundsätzlich absurd ist. Kepler hat dies in der grundlegendsten und schlüssigsten Weise bewiesen. Seit dieser Entdeckung Keplers beruht jede kompetente Annäherung an Fragen universeller Naturprinzipien darauf, das Vernunftprinzip, dem das Universum ontologisch unterworfen ist, nicht in unseren Sinnen, sondern im menschlichen Geist anzusiedeln; ein Beispiel ist [die Taubblinde] Helen Keller. Das macht das Genie bei Albert Einstein und Max Planck aus, wenn beide die Schwindel der Anhänger des üblen Ernst Mach und des noch übleren Bertrand Russell ablehnen.

Der wesentliche Punkt, der verstanden werden muß, wenn man den einzigartigen und wunderbaren Geniestreich Keplers in dieser Entdeckung erkennen will, liegt in der Tatsache, daß er (in der Tradition von Cusanus, Leonardo da Vinci und auch Brunelleschi) zum ersten Mal in der neuzeitlichen Wissenschaft ganz direkt den Aberglauben herausforderte, nur zu glauben, was man mit den Sinnen selbst wahrgenommen hat; dieser Aberglaube war bis dahin seit dem Betrug mit der Grundmethode von Euklids Elementen ein ganz wesentliches Hindernis für die Entwicklung der europäischen Wissenschaftsmethode gewesen. Euklids Betrug ist der gleiche wie bei der Vorstellung angeblich „selbstevidenter" Annahmen über die Fähigkeiten menschlicher Sinneswahrnehmung, die heute in den Klassenzimmern und Hörsälen der Gymnasial- und Hochschulbildung vorherrscht, insbesondere beim britischen neo-ockhamschen Empirismus. Der entscheidende Punkt ist, wie Albert Einstein später betonte, daß Kepler dies in einer wahrlich universellen Weise herausforderte.

Keplers Aufmerksamkeit galt dem paradoxen Mangel an systemischer Übereinstimmung zwischen zwei sensorischen Aspekten der beobachteten Fakten, die die Astronomie vor ihm ausbreitete: Sehen und Hören.10 Man kann mit recht sagen, daß diese beiden Sinne, wie alle menschlichen Sinneswahrnehmungen, uns nicht die Wahrheit direkt vermitteln; vielmehr liefern sie uns, wie alle guten wissenschaftlichen Instrumente, Anhaltspunkte für das Vorhandensein ontologischer Paradoxa, die wir immer aufspüren sollten, damit der Geist sie dann mit geeigneten experimentellen Methoden lösen kann.

Infolge dieser Keplerschen Entdeckung änderte sich die Vorstellung von der Wirklichkeit in der neuzeitlichen europäischen Wissenschaft wieder, man fand von der fälschlichen angenommenen „selbstevidenten" Realität reiner Sinneswahrnehmung zurück zu dem höheren Bereich der universellen Naturgesetze, dem Bereich der tatsächlich wirksamen Realität.

Keplers erstes Problem in seiner Rolle in der Tradition des Gründers der neuzeitlichen europäischen Naturwissenschaft, Nikolaus von Kues, und des Werks von Kues' bedeutsamem Nachfolger, Leonardo da Vinci, war die Notwendigkeit einer kritischen Beschäftigung mit den vorhandenen Annahmen über die Funktion jener reinen Instrumente der Sinneswahrnehmung, die wir in einfachen Begriffen ausgedrückt als Hören und Sehen kennen. Leonardo da Vinci hatte das Verständnis des Sehens revolutioniert; Kepler war somit ein Vorläufer des großen Max Planck hinsichtlich der angedeuteten Entwicklung der Bedeutung der Funktion des Hörens (d.h. die Harmonik der klassischen dynamischen Methode der physikalischen Raumzeit, einschließlich der subatomaren Raumzeit, anstatt des linearen „Sehens").11

Der Beweis, daß weder Sehen noch Hören uns das wirkliche Universum darstellen, treibt uns an, unsere Vorstellung von der Wirklichkeit auf eine höhere Sphäre zu heben, wo der individuelle menschliche Verstand nicht Sinneseindrücke an sich, sondern universelle Naturgesetze als Ort der Realität erkennt, in der sich das menschliche Individuum, seine Gesellschaft und die Wirkungen seines Handels tatsächlich befinden.

Wissenschaft und Religionskrieg

Wenngleich ich dies schon in früheren Veröffentlichungen behandelt habe, ist folgendes zu sagen.

Der Erfolg des modernen souveränen Nationalstaats ist zu einem hohen Grad der Initiative des Nikolaus von Kues vor, während und nach dem großen ökumenischen Konzil von Florenz zu verdanken.12 Dieser Erfolg des großen ökumenischen Konzils von Florenz löste eine Reaktion der bereits wiedererstarkten imperialen Macht Venedigs aus - jenes Venedig, welches bereits früher mit Hilfe der Lombardischen Liga das „neue finstere Zeitalter" des 14. Jahrhunderts über Europa gebracht hatte. In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts konnte dann das alte Übel des wucherischen Venedig viel von der ausbeuterischen, wucherischen, politischen Macht seiner Finanzelite wiedergewinnen. Es setzte seine politisch-strategische Macht ein, um durch gezielte Machenschaften gegen Ziele in Moskau, auf dem Balkan und in Konstantinopel die Einheit führender Kreise der westlichen und östlichen Christenheit aufzubrechen. Dies führte zum Ausbruch einer langen Periode von Religionskriegen in ganz Europa, von der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 bis zum Westfälischen Frieden 1648.

Das Motiv der philosophischen Reduktionisten, den Menschen den Zugang zur Realität von Ursache und Wirkung jenseits des Bereichs reiner Sinneswahrnehmung systematisch zu verschließen, war die Absicht der Herrschenden in der Gesellschaft, ihre Untertanen praktisch zu versklaven, indem sie ihnen den Zugang zu gesichertem Wissen über die Schöpferkraft des individuellen menschlichen Geistes, der den Menschen über alle anderen Gattungen erhebt, verwehren. Das Verbot des wissentlichen Gebrauchs des „Feuers", wie in Aischylos' Der gefesselte Prometheus durch den olympischen Zeus, degradiert den sterblichen Menschen praktisch zu Vieh im Besitz der Herrscher des Reiches und ihresgleichen.

Zwei der großen venezianischen Schurken in der Seuche der Religionskriege des 16. und frühen 17. Jahrhunderts sind bis zum heutigen Tag von besonderer historischer Bedeutung: ein gewisser Francesco Zorzi, der zeitweilig Eheberater des englischen Königs Heinrich VIII. war, und später Paolo Sarpi. Die strategischen Streiche dieses Paares gegen die Zivilisation der Neuzeit sind von entscheidender Bedeutung, um zu verstehen, wo die Probleme, die heute die weltweit verbreitete, europäische Zivilisation plagen, herstammen. Es sind die Probleme, die durch die Versklavung der Menschheit entstehen, wenn der Olympier Zeus den einfachen Menschen das nützliche Wissen über das „Feuer" vorenthält.

Der erste dieser relevanten Fälle von Möchtegern-Olympiern an ideologischer Unterdrückung in der modernen europäischen Gesellschaft ist Francesco Zorzi (alias Giorgi), der venezianische Superspion und erbitterte Feind des Werks des Begründers der modernen Naturwissenschaft, Nikolaus von Kues. Zorzi war entscheidend daran beteiligt, die allgemeinen Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken auszulösen - ein Ziel, das er mit Hilfe von venezianischen Agenten wie Kardinal Pole und Thomas Cromwell erreichte. Zu diesen Machenschaften gehörte der Fall Anne Boleyn, den Zorzi in seiner Rolle als Eheberater Heinrichs VIII. benutzte, um Europa in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden zu spalten. Dieses Umschwenken Englands war entscheidend für die Fortsetzung und Ausbreitung der Religionskriege, die erst endeten, als Kardinal Mazarin entscheidend in die Entwicklungen intervenierte, die als der Westfälische Friede von 1648 bekannt geworden sind.

Der zweite Fall, der größere und unmittelbarere Bedeutung für die modernen wissenschaftlichen und strategischen Kontroversen hat als Zorzi, ist der des Paolo Sarpi, des wahren Vaters des britischen Imperialismus und der Übel, die dieser bis zum heutigen Tag in der ganzen Welt verbreitet.

Diese abscheulichen Kreaturen, Zorzi und Sarpi, trugen beide entscheidend dazu bei, daß sich in der europäischen Wissenschaft und Moral die Korruption entwickelte, als man britischen Imperialismus und Empirismus nennt. In diesem Zusammenhang ist Zorzi für seinen Angriff auf Nikolaus von Kues' De Docta Ingnorantia (1440) in seiner De Harmonia Mundi (1525) berüchtigt. Kepler hat dann in seiner Weltharmonik Zorzis Angriff für die Naturwissenschaft schlüssig zurückgewiesen. Der darauf erfolgte neuerliche Angriff durch Sarpis Version des Irrationalismus ist für die Geschichte seit dem späten 16. Jahrhundert von höchster Bedeutung.

Der Schlüssel zum Verständnis der realen strategischen Bedeutung des Unterschieds zwischen den modernen Aristotelikern und Sarpi liegt darin, daß Sarpis Anhänger revolutionäre Fortschritte in den gesellschaftlichen Verhältnissen und Arbeitsproduktivkräften auslösten, als sie versuchten, einige der strategischen Vorteile des technischen Fortschritts einzuholen, der in Florenz die unmittelbare Folge der wissenschaftlichen Revolution durch die Arbeit Brunelleschis und mehr noch des Nikolaus von Kues war. Die entscheidende strategische Frage ist hierbei die wissenschaftlich-technische Überlegenheit einer wissenschaftlich verankerten Kultur sowohl gegenüber der Sterilität einer aristotelischen Tradition als auch gegenüber dem Surrogat für den Aristotelismus, dem mystischen Reduktionismus der empiristischen, positivistischen und existentialistischen Nachfolger Sarpis: dem modernen philosophischen Liberalismus.

Die Große Lüge des Liberalismus

Bis Sarpi mit seiner Fraktion im Gefolge des Konzils von Trient erstarkte, lag also die wichtigste strategische Schwäche der von Venedig gesteuerten Feldzüge gegen den Nationalstaat im lähmenden Einfluß des aristotelischen Denkens, das sich aus den a-priori-Annahmen der Euklidischen Geometrie ableitete, auf die venezianische Sache. Die aristotelische Beweisführung war das entscheidende Hindernis für wissenschaftlich-technischen Fortschritt und somit für die strategischen Kapazitäten der sogenannten katholischen Fraktion.

Sarpis entscheidende strategische Innovation bestand darin, das der aristotelischen Lehre innewohnende, selbstverschuldete Problem der Stagnation zu umgehen - wenn auch nur zu einem bestimmten Grad. Sarpi überwand die relative Schwäche teilweise durch einen Schwindel, seine Wiederbelebung der Lehren des mittelalterlichen Irrationalisten Wilhelm von Ockham (Lateinisch: Occam).

Indem Sarpi den Ockhamschen Irrationalismus aufgriff, gewann seine venezianische Fraktion Handlungsspielraum für die strategisch bedeutsame, mechanistische Anwendung technischen Fortschritts, aber zugleich sollte Ockhams Obskurantismus-Prinzip verhindern, daß sich Wissen über die eigentlichen Naturgesetze verbreitete. Der systematisierte Irrationalismus, der Sarpis Auslegung von Ockham durchdringt, wurde als Empirismus oder als moderner anglo-holländischer Liberalismus bekannt. Sarpi hat also das Verbot der Kreativität, wie es Aischylos für den Olympischen Zeus beschreibt, praktisch gebeugt, ohne das eigentliche Grundprinzip des antiken und modernen euro-asiatischen oligarchischen Systems zu verletzen.

Die Unterdrückung der Fakten über Keplers tatsächlich einzigartige Entdeckung des Naturgesetzes der Gravitation durch die anglo-holländischen liberalen Empiristen steht beispielhaft für die betrügerischen Methoden, mit denen Sarpis Nachfolger das Wissen über die Entdeckungen tatsächlicher Naturgesetze unterdrückten. Später, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, setzten die Liberalen auf noch radikaler irrationale Formen des Empirismus, wofür die Anhänge des Positivisten Ernst Mach und dann Bertrand Russells typisch sind. Die Behauptung, Isaac Newton habe die Gravitation entdeckt, ist eine Folge solcher rein willkürlicher, heidnisch-pseudoreligiöser Schwindel der Empiristen, die bis zum heutigen Tag an vielen naturwissenschaftlichen Fakultäten der Hochschulen herrschen.

Allgemeiner war die Folge dieser empiristischen Schwindel, die Sarpis Nachfolger in den modernen Lehrplänen verbreitet haben, daß mathematische Formeln an die Stelle der eigentlichen Entdeckungen von Naturgesetzen traten - der Schatten (die Formel) anstelle der Substanz (die entscheidende experimentelle Erfahrung). Im Falle von Keplers allgemeiner Gravitation im Sonnensystem etwa drückt sich das Vorhandensein der Gravitationswirkung in Begriffen des Infinitesimalen aus, das seinem Wesen nach nicht mathematisch, sondern ontologisch zu definieren ist.

Einsteins Wahrheit

Im 20. Jahrhundert war es Albert Einstein, der die wichtigsten Argumente für Keplers Einzigartigkeit bei der bahnbrechenden Entdeckung der solaren Gravitation lieferte - gegen den heidnischen Fanatismus reduktionistischer Kulte in der Tradition Sarpis. Ich wiederhole den Gedankengang, den ich bereits in früheren Schriften erläutert habe.

Die Wissenschaft der Navigation nach den Sternen (d.h. Sphärik) der großen Seefahrerkulturen, die das Mittelmeergebiet seit dessen Ausbildung um 17.000 v.Chr. nach der Eiszeit kolonisierten, wurde durch die Einführung einer großen Schwierigkeit intellektuell geschwächt. Die frühere Methode der Entdeckung großer Naturgesetze, welche die Dynamik der Sternenkarte „einfassen", wurde aufgegeben, indem man eine Landkarte von „Landratten" durchsetzte - buchstäblich die Karte einer „Erde als Scheibe" anstelle der Sternenkarte führender antiker Seefahrerkulturen. Typisch für diesen Absturz der Wissenschaft unter das Niveau der Sphärik der von Seefahrt angetriebenen höheren Kulturen ist, daß die Sophisten die in die Euklidische Geometrie übernommenen Apriori-Annahmen, Axiome und Postulate durchsetzten. Man faßte das Universum nicht mehr als eines auf, das durch große universelle Naturgesetze umschlossen ist, und viel von dem, was von den Geometriebegriffen der großen Seefahrer-Wissenschaft überlebt hatte, wurde den simplen Sinneswahrnehmungen der vor Ort herrschenden brutalen Landratte oder dem neuzeitlichen britischen Großgrundbesitzer untergeordnet.

Kalender, die aus der Antike bekannt sind, enthalten Hinweise auf die Begrenzung des sichtbaren Universums durch bekannte quasi kugelförmige Zyklen von teilweise sehr langen Perioden über Zehntausende von Jahren und sogar noch höheren Größenordnungen.

Die sophistischen Pseudo-Wissenschaftler forderten, daß man nicht vom Sternenhimmel aus zum jeweiligen Ort auf der Erde voranschreitet, sondern daß sich die Himmel der an den Erdenkot gebundenen Sichtweise unterordnen müßten, die in der Erde eine Scheibe und im Himmel nur eine Fortsetzung des unmittelbaren persönlichen Horizonts sieht. Daher rühren die unbrauchbaren Apriori-Annahmen bei der Euklidischen Geometrie und ähnlichem.

Ein nachdenklicher Beobachter kann aus diesen Überlegungen ein ganzes Panorama von Schlußfolgerungen ziehen. Vor allem belegen die antiken Kalender die Fähigkeit des menschlichen Geistes, große Naturgesetze von langen Zeiträumen abzuleiten, die das Sternensystem einfassen. Dies sagt uns etwas viel wichtigeres als die damit verwandten Erkenntnisse der modernen Astronomie. Es zeigt uns, daß der Geist des Menschen seit Hunderttausenden von Jahren in der Lage ist, große Naturgesetze, die in unserem Universum herrschen, quasi „wie von außen" zu erkennen, was wir der Erkenntniskraft des einzelnen Mitglieds der menschlichen Gattung verdanken.

Mit andern Worten, die antiken, mittelalterlichen oder neuzeitlichen Anbeter der berüchtigten Apriori-„Gesetze" der Euklidische Geometrie sind entweder Schwindler oder Opfer eines Verfalls der menschlichen Kultur im Verhältnis zu für uns heute extrem frühen Zeiten - wobei beides weitgehend auf das gleiche hinausläuft.

Dies bringt uns direkt zurück zu der von Albert Einstein anerkannten Autorität von Keplers einzigartiger Entdeckung des Naturgesetzes der universellen Gravitation hinter dem Aufbau unseres Sonnensystems. Dies zeigt uns direkt, daß es absurd ist, die Annahmen einer Euklidischen Geometrie als Grundlage eines empirischen Unterbaus der Naturwissenschaften zu verwenden.

Was hat der Einstein unserer Zeit über Keplers einzigartige Entdeckung in diesem Zusammenhang gesagt?

Einstein stellt bei seiner Argumentation heraus, daß das Infinitesimale der Leibnizschen Kalkulus kein mathematisches, sondern ein ontologisches Infinitesimal ist. Die Kleinheit des Infinitesimalen eines Keplerschen Raums, den man mit Leibniz' Kalkulus betrachtet, ist so klein wie die Umkehrung des universellen Naturgesetzes, dessen Ausdruck es ist. Dementsprechend ist, wie Einstein fordert, das Universum als ganzes selbstbegrenzt durch die Kombination der universellen Naturgesetze, aus denen es sich zusammensetzt.

Die weitere Schlußfolgerung ist, daß das Universum in diesem Sinne endlich ist, wobei man aber nicht annehmen sollte, daß seine Evolution ontologisch endlich im allgemeineren Sinne der Reduktionisten ist. Wir dürfen annehmen, daß das Universum nicht-entropisch endlich ist, im Gegensatz zu einer einfachen, strengen Endlichkeit. Daher beschrieb Einstein, als er Kepler indirekt als Begründer der modernen Riemannschen Physik würdigte, das Universum als endlich, aber unbegrenzt.

Helen Kellers Wissenschaft

Dies bringt unsere Aufmerksamkeit zurück zu der ironischen Gegenüberstellung von Sehen und Harmonie in Keplers einmaliger, ureigenster Entdeckung des Prinzips der harmonischen Ordnung der universellen Gravitation mit der Sonne im Mittelpunkt - ein Sonnensystem, das auf diese Weise im Inneren und Äußeren begrenzt ist. Die Sinne des Sehens und der Harmonie werden eingesetzt, aber keiner kann das Phänomen der Gravitation ontologisch „umfassen". Sehen und Hören sind reine „Instrumentenablesungen", aber ontologisch nicht das, was sie messen.

Dies gilt für alle Erfahrungen unserer Sinneswahrnehmungen und erweitert für alle Meßinstrumente, die wir künstlich herstellen, um das Universum sowohl im extrem Großen als auch im mikrophysikalischen subatomar Kleinen zu erforschen.

Wirklich intelligente Menschen sind daher nur alle diejenigen, die ihren Sinnen nicht trauen. Wir kennen das Universum nicht aus unserer Sinneserfahrung an sich, sondern durch geeignete experimentelle Methoden, vergleichbar denen der antiken Seefahrer, welche die tatsächliche ontologische Wirksamkeit der nachweisbaren, meßbaren Zyklen des astronomischen Systems abgeleitet haben.

Um den wichtigsten Punkt zu wiederholen: Wir gelangen zu Erkenntnissen über das reale Universum durch die Rückschlüsse unseres Geistes aus Experimenten, die universelle Geltung haben - im gleichen allgemeinen Sinne, wie die antiken transozeanischen Seefahrer die Zyklen erkannten, die das Universum, in dem sie lebten, umschlossen.

Was wir auf diese Weise entdecken - was wir „universelle Prinzipien" oder „Naturgesetze" nennen -, wird zum Mittel unserer Macht, unser Universum schöpferisch zu beeinflussen, weil wir die universellen Gesetze kennen, die seine Existenz bestimmen. Unsere Existenzfähigkeit als menschliche Gattung, die vom Wesen her anders ist als alle Formen bloß tierischen Lebens, liegt offensichtlich in unserer willentlichen Aneignung von Wissen über die Gesetze, die universell sind, in dem Sinne (wie die von Kepler entdeckte universelle Gravitation), daß sie dem Wissenden die Macht geben, das Verhalten des Universums, in dem wir leben, zu verändern.

So haben die entsprechenden Forschergruppen der LaRouche -Jugendbewegung grundlegende Naturgesetze entdeckt, die ich früher schon, gegen viele irrige Wissenschaftler verteidigt habe - sowohl bei den Sitzungen der Fusion Energie Foundation als auch bei anderen Gelegenheiten, so wie hier zum wiederholten Male.

2. Dichtung als Wissenschaft

Im Jahr 1947 begann ich einen Gedanken zu fassen, der sich später für mich als sehr wichtig herausstellte. In einer Buchhandlung am Copley Square in Boston, die ich regelmäßig besuchte, hatte ich die überarbeitete Ausgabe des berühmten Buchs Seven Types of Ambiguity („Sieben Arten des Doppelsinns") von William Empson gekauft, und es war für mich eine große Herausforderung, als ich es las und mich anschließend innerlich intensiv damit auseinandersetzte. „Herausforderung" ist letztlich wohl die beste Beschreibung dieser Begegnung mit Empson, die ich dem Publikum heute vorstelle. Ich gelangte darüber zu der Einsicht, daß die klassischen Künste unverzichtbar sind, wenn man wirkliche Einsichten in die Grundfragen der Naturwissenschaften gewinnen will.13

Meine Reaktion auf Empsons Buch war geprägt durch meine frühere Beschäftigung mit den Werken von Shakespeare, Keats und Shelley als Jugendlicher und später. Noch später hat meine Erkenntnis der bahnbrechenden Bedeutung von Keplers Einsicht in die Harmonie des Sonnensystems die Frage nach der Übereinstimmung zwischen Naturwissenschaften und klassischer Kunst endgültig geklärt.

Ich wurde anfänglich in meiner Jugend, etwa ab dem Alter von vierzehn Jahren, mit den Werken dieser Dichter vertraut, aber in den unmittelbaren Nachkriegsjahren las ich sie und auch Empson noch einmal, wobei ich den Schwerpunkt zunehmend auf die klassische Ironie legte - die Modalität, die der Dirigent Wilhelm Furtwängler manchmal „zwischen den Noten" lesen (und aufführen) nannte. Zur Veranschaulichung von „zwischen den Noten" empfehle ich, an die Wirkung einer gut inszenierten und dirigierten Aufführung des ironischen Quartetts am Anfang von Beethovens Fidelio zu denken. Hier zeigt sich wahrlich Beethovens meisterhafte Beherrschung des kreativen Prinzips der Ironie in seiner Herangehensweise an das Komponieren. Ohne die Ironie der Nebeneinanderstellung der gegenseitigen Mißverständnisse der Charaktere wäre es vielleicht technisch gesehen nette Musik, aber es wäre nicht die Oper Fidelio, die Beethoven zum Komponieren reizte.

Wichtige Ideen findet man nicht in der wörtlichen Bedeutung von Wörtern und Sätzen, sondern in der Ironie, die das Verständnis der intendierten Bedeutung auf etwas lenkt, das nicht die deduktive wortwörtliche Aussage ist. Wenn man daher [im Englischen] das Komma so selten gebraucht, wie es die Stilfibel der New York Times tut, läßt das den Leser mit extremer Geschwindigkeit voranschreiten, und der Autor (oder der Klavierkünstler) zwingt ihn dann nicht mehr, Pausen für das eigentliche Denken einzulegen.

Meine jugendliche Faszination mit klassischer Dichtung, die Begeisterung über die Erkenntnis des genialen Prinzips in Wilhelm Furtwänglers Dirigieren14 und das erneute Nachdenken nach meiner Begegnung mit Empsons Werk unter dem Eindruck meiner Kriegserfahrungen 1947 löste zusammengenommen eine wahre Revolution in mir aus, die von damals an meine abgerundete Weltanschauung prägte.

Im klassischen Drama

Bei allen großen Menschen bildet ihr Geist die Bühne eines Theaters, wo die im Geist der klassischen Dichtkunst verfaßten großen Dramen aufgeführt werden können. Die meisten ernsthaften Denker, die ich gut genug kennenlernte, um diese Besonderheit feststellen zu können, versuchten als Perspektive für Betrachtungen naturwissenschaftlicher wie auch gesellschaftlicher Prozesse eine Methode zu entwickeln, die diese beiden Felder zumindest annäherungsweise in einer einzigen, kohärenten Weltsicht vereint.

Die beste Veranschaulichung dieser Zusammenhänge findet sich, wenn man darüber nachdenkt, wie die klassische Bühne, die klassische Komposition und die klassische Dichtung tendenziell ein immer tieferes Verständnis aller Aspekte des menschlichen individuellen und sozialen Geisteslebens fördern.

Für unsere Zwecke hier ist vor allem zu bemerken, daß alle großen klassischen Kompositionen und Aufführungen darstellender Kunst damit beginnen, daß praktisch der allgemeine Rahmen vorgestellt wird, in dem bereits ein entscheidender Keim der Ironie steckt. Man nehme als Beispiel die Rollen von Vater Rocco und Fidelio im Eröffnungsquartett von Beethovens Fidelio. Weitere herausragende Beispiele dieses Prinzips sind der erste Teil von Schillers Wallenstein-Trilogie Wallensteins Lager oder auch die Eröffnungen großer Kompositionen von Bach oder Beethoven. Ein hinreichendes Verständnis der praktischen Bedeutung des hier gerade von mir Gesagten läßt sich ableiten, wenn man diese und ähnliche Fälle genauer untersucht.

In Schauspielen, die im Kontext der realen Weltgeschichte angelegt sind, werden die Entwicklungsprinzipien an Fällen wie Don Carlos, Jeanne d'Arc und Wallenstein gezeigt, die Schillers Ehrlichkeit als Historiker belegen. Die Absicht des klassischen Historiker-Bühnendichters ist nie die Produktion frei erfundener Unterhaltung, und auch kein alberner Sermon im Namen einer angeblichen „Moral". Wie ich für den Fall von Homers Ilias betont habe, dient jedes wirklich klassische Drama dazu, die Vorstellungskraft des Publikums zu nutzen, um den Geist bloßzustellen, in dessen Gestalt das zersetzende Prinzip wahrer Tragödie auftritt. Das ist niemals die alberne, romantische Vorstellung vom „gescheiterten Helden", sondern das grundsätzliche moralische Versagen der Gesellschaft an sich. Der Untergang des herausgehobenen Individuums, den die Gesellschaft erzwingt, ist nur der Ausdruck davon. Die Hauptfigur hat die Tragödie nicht ausgelöst, es mangelt ihr aber an Willen, persönlicher Integrität und Einsicht, um den eigenen Untergang abzuwenden, weil sie sich der vorherrschenden Kultur der Gesellschaft unterwirft.

In der Geschichte der Vereinigten Staaten beispielsweise nimmt der wiederholte Angriff des tragischen Prinzips auf unsere Republik hauptsächlich die Form an, daß intellektuell und moralisch gescheiterte Menschen in das Präsidentenamt gehievt werden. Das Wunder der amerikanischen Verfassung besteht darin, daß die Republik das bisher überlebt hat, trotz solcher grundsätzlicher gescheiterter Präsidenten wie Richard Nixon, Gerald Ford, Jimmy Carter, George H.W. Bush und George W. Bush.

Die Fähigkeit, Übeln wie solchen Präsidenten zu widerstehen - andere waren der Konföderierten-Nachfahre Theodore Roosevelt, der Ku-Klux-Klan-Zögling Woodrow Wilson, Calvin Coolidge, der wenigstens so klug war, meist zu schweigen, Herbert Hoover oder früher schon die korrupten Andrew Jackson, Martin van Buren, James Polk -, beweist die besondere Stärke einer Verfassung, die keine Ansammlung von Ge- und Verboten ist, sondern systematisch durchdachter Ausdruck eines einzigen universellen Prinzips. Dies kommt am deutlichsten in der Anti-Lockeschen Verfassungspräambel zum Ausdruck, u.a. in der heiligen Verpflichtung zum Sieg über das große Übel, das die Welt damals beherrschte, unserem großen Feind damals wie heute, dem Britischen Empire oder anglo-holländischen liberalen System aus dem Erbe Paolo Sarpis.

Das Naturgesetz der Tragödie

Um den Fall kurz zu konstatieren: Die Ursache der Tragödie liegt in einem Element der Bestialität in bestimmten menschlichen Kulturen. Die brutalisierten Massen, die einer Herrschaft unterworfen sind, wie sie der bestialische Olympier Zeus in Aischylos' Gefesseltem Prometheus den Sterblichen vorschreibt, sind die Quelle der Laster und des drohenden Untergangs ganzer Kulturen, die sich dieser Vorstellung einer angeblichen tierartigen Unveränderlichkeit der wesentlichen Traditionen des Volkes unterwerfen.

In einer solchen Gesellschaft befiehlt die Tradition, wie sie im Olympier Zeus oder im Delphischen Kult von Apollo-Dionysos zum Ausdruck kommt, die Vernichtung möglicher Anführer der Gesellschaft, die diesen Vorschriften Widerstand leisten, von Zeus gegen Prometheus oder von der Delphischen Apollo-Priesterschaft oder von den bizarren Beschwörungen der Pythischen Priesterschaft. Das ist die Welt des selbstverschuldeten Untergangs, die in der Ilias oder der griechischen Tragödie ganz allgemein beschrieben wird.

Tragisch in der klassischen Bühnenkunst wie auch in der echten, gelebten Geschichte ist nicht der einzelne, sondern die Gesellschaft, die diesen einzelnen brutal in ihrem Griff hält. Der wahre Held ist derjenige, der gegen die herrschenden Gewohnheiten verstößt, weil sie das eigentliche Übel sind.

Das Christentum als Beispiel

Daher besteht im authentischen Christentum der Geist der menschlichen Erfahrung der Auferstehung darin, daß die Menschheit befreit wird, um zur wahren Menschheit zu werden, indem die Teufel, die in der Ilias als Götter regieren, abgeworfen werden. Das Britische oder „Brutale" Empire ist so bis heute der anschaulichste Inbegriff des Bösen.

Wenn man dies berücksichtigt, ist das, was in den Augen der rohen Meinung des ungebildeten Publikums als der gescheiterte Held erscheint, in Wirklichkeit eine erdachte Figur, die nur zu typisch ist für die überall vorhandene Unmoral, die Institutionen und Bevölkerung der gesamten Gesellschaft durchdringt. Oft liefert im großen klassischen Schauspiel eine außergewöhnliche, der Hauptperson entgegengesetzte Figur den Schlüssel zum Verständnis, wo der tragische Fehler liegt - ein Beispiel ist die Führungsqualität des legendären und wirklichen Cicero, der in Shakespeares Julius Cäsar erwähnt wird -, aber keine der führenden Figuren innerhalb der Systemeigenschaften der Gesellschaft, die so auf die Bühne gebracht wird. Hitler hat den Nationalsozialismus nicht geschaffen; das Britische Empire mit Figuren wie dem Chef von der Bank von England Montagu Norman organisierte den Nationalsozialismus - aus den gleichen Motiven wie beim Siebenjährigen Krieg, den die Briten Kontinentaleuropa bescherten und aus dem die Britische Ostindiengesellschaft unter Lord Shelburne als britisches Weltreich anglo-niederländisch-liberaler Prägung hervorging.

Typisch für die klassische Idee der Tragödie in der europäischen Kultur seit Homers Ilias und Odyssee sind die Einflüsterungen durch die Götter und Halbgötter, mit Ausnahme von Athene, die mit diesem Einfluß auf die dargestellten Charaktere dazu bewegen, den Untergang ihrer eigenen Gesellschaft zu verursachen - ganz ähnlich wie Jagos Einflüsterungen auf Othello bei Shakespeare. Die Einflüsterungen der populären Kultur und Gewohnheiten unter den Menschen führen zum tragischen Endergebnis, so wie auch die Mehrheit einer Nation dazu verleitet werden kann, einen Präsidenten zu wählen, der diejenigen, die ihn gewählt haben, in den eigenen Untergang führt.

Bei der Komposition und Aufführung großer klassischer Bühnenwerke erschafft der Autor jeweils ein eigenes Universum, so wie beispielsweise Leonardo da Vinci einen Raum erschafft. In diesem Raum, der am Beginn des Stückes auf der Bühne geschaffen wird, wird der Keim der sich entfaltenden Krise vorgestellt - so wie im Falle von Papa Rocco und der als Fidelio verkleideten Leonore. Bei einer guten Regie und Aufführung verlagert sich die Aufmerksamkeit des Publikums nach dem Öffnen des Vorhangs von Figuren auf einer Bühne zu den kostümierten Geistern in einem Universum der Einbildungskraft, das sich selbst in Raum und Zeit begrenzt. So angeregt durch die Vorstellungskraft der einzelnen Mitglieder des Publikums und die Eigendynamik im Publikum, entfaltet sich die Entwicklung der Idee.

Wie Friedrich Schiller betont: So betritt der Bürger das Theater als ein Individuum seiner Gesellschaft, aber verläßt es als besserer Bürger.

Das ist keine Phantasie, sondern ein Hervorrufen der Fähigkeit des Geistes, die Leidenschaften, welche die Phantome auf der Bühne bewegen, zu sehen und zu fühlen. Das Ziel dieser Einrichtung ist es, die Mitglieder des alltäglichen Publikums anzuleiten, die eigentliche geistige Welt zu sehen, in der sie wirklich leben, eine Welt, die - gewöhnlich ungesehen, aber dennoch vorhanden - über die Schicksale von Nationen entscheidet.

In der Naturwissenschaft wird das gleiche Prinzip veranschaulicht durch die Rolle der Dynamik in dem Sinne, wie insbesondere Gottfried Leibniz und Bernhard Riemann Dynamik für die Physik definierten. Ein klassisches Drama oder die Komposition und Aufführung des Bachschen Kontrapunkts eines qualifizierten klassischen Musikwerks braucht dieses Element und seine Funktionen innerhalb einer kohärent durchkomponierten und aufgeführten Komposition, in der jedes vordergründig isolierbare Element des Dramas nach einem einheitlichen Entwicklungsplan der Gesamtkomposition ausgewählt ist.

Das berühmte „Sein oder Nichtsein" eröffnet Hamlets Monolog als einen Dialog mit sich selbst. Die beiden Elemente dieser Eröffnung bestimmen die charakteristische Bewegung der gesamten Dramatik dieses Selbstgespräches. In allen großen Werken für die Bühne oder andere Bereiche sollte die Eröffnung so beginnen wie der erste Teil von Schillers Wallenstein-Trilogie: mit den allgemeinen Parametern, innerhalb derer das übergreifende Prinzip der sich entfaltenden Entwicklung des gesamten übrigen Stückes zum Ausdruck kommen muß.

Hier, innerhalb dieser bestimmten Gesamtheit, mit der sich die Komposition als ganzes auf der geistigen Bühne des Zuschauers darstellt, liegt der Gegenstand der sich entfaltenden Gesamtentwicklung.

„Zur Verteidigung" der Schönen Seelen

Es gibt zwei Werke in der englischen klassischen Poesie, die mich von Jugend an am stärksten beeinflußt haben: Keats' Ode auf eine griechische Urne (Ode On A Grecian Urn) und Shelleys Verteidigung der Dichtkunst (In Defence of Poetry).15 Das erste, weil es sich zu einem perfekten ironischen klassischen Gedicht erhebt, das andere, insbesondere der lange letzte Absatz, blickt in den Spiegel meiner Seele.

In gültiger Wissenschaft und wahrer klassischer Kunst ist es immer die Eigenschaft der klassischen Ironie, die das Produkt menschlicher Schöpferkraft von der tierischen Methode abhebt, auf simpler buchstäblicher Auslegung zu beharren.

Kehren wir kurz zurück zu einem zweiten Hauptpunkt in Percy Shelleys Verteidigung der Dichtkunst. In diesem Absatz, als ganzes verstanden, hat Shelley den Grundsatz der Dynamik, wie er von Leibniz gemeint war, zusammengefaßt, aber angewandt auf den höheren Bereich der sozialen Prozesse. Man betrachte, was Shelley zu dem, was ich aus dem gleichen Absatz oben schon zitiert habe, ergänzend hinzufügt:

„...Der Mensch, dem diese Fähigkeit [die Gesellschaft zu großen Fortschritten der menschlichen Lebensbedingungen zu führen] innewohnt, mag oft mit dem Geist des Guten, dessen Verkünder er ist, in vieler Hinsicht seines Wesens scheinbar nicht übereinstimmen. Aber selbst wenn sie leugnen und abschwören, sie können nicht umhin, der Macht zu dienen, die in ihrer Seele thront. Man kann die Werke der verehrtesten Schriftsteller der Gegenwart nicht lesen, ohne darüber zu erschrecken, wieviel pulsierendes Leben in ihren Worten lodert. Sie ermessen den ganzen Umfang und sondieren die ganze Tiefe der menschlichen Natur mit einem verständigen, alles durchdringenden Geist, und sie selbst sind vielleicht über seine Manifestationen am meisten erstaunt - denn es ist weniger ihr eigener Geist als der ihrer Zeit. Dichter sind die Hohepriester einer nicht faßbaren Eingebung; die Spiegel gigantischer Schatten, welche die Zukunft auf die Gegenwart wirft; die Worte, die ausdrücken, was sie nicht verstehen; die Trompeten, die zur Schlacht rufen und selbst nicht fühlen, was sie auslösen; der Einfluß, der selbst nicht bewegt wird, aber bewegt..."

Manchmal denke ich hier an die Epoche der Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller; aber dann denke ich, zu anderer Zeit, auch an eine andere Seite.

Hier, in der Dichtkunst, spüren wir das dynamische Prinzip all der Entdeckungen, die den einzelnen in die Lage versetzen, Ideen von Naturgesetzen zu erzeugen, die ganze menschliche Gesellschaften und auch ganze Planeten bewegen. Wissenschaft bewegt Planeten. Genien der klassischen Künste bewegen die Individuen, welche die Gesellschaft bewegen, welche wiederum die Planeten, dann die Sterne und dann womöglich auch die Galaxien bewegen wird.


Anmerkungen

1. Bernhard Riemann, Über die Hypothesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen, 1854.

(Anmerkung des Übersetzers: Die ursprüngliche Fußnote betrifft vor allem die Behandlung des deutschen Textes im Englischen.)

2. Um die Wirkung, die ich bei dieser Gelegenheit empfand, nachzuerleben, lesen Sie die zwei Eröffnungsabsätze von Riemanns Dissertation und dann springen Sie zu dem Schlußsatz, mit dem er endet. Dann, nachdem Sie dies auf sich haben wirken lassen, lesen Sie, was dazwischen liegt. Wie im klassischen Drama, Dichtung und der klassischen Komposition nach den Prinzipien von J.S. Bach bestimmt der Raum, in dem die Entwicklung stattfindet, das Ergebnis des darin Entwickelten.

3. Wie die Argumentation der Empiristen des 18. Jahrhunderts wie D'Alembert, Euler und Lagrange gegen Leibniz' Kalkulus belegt, erlaubt der Empirismus im Grunde keine explizite mathematischen Darstellung der Wirkung universeller Naturgesetze auf den gesamtgesellschaftlichen Prozeß. Die heutzutage gelehrte Mathematik erlaubt keine ernsthafte Betrachtung der Rolle universeller Naturgesetze - die Finanzbuchhaltung und damit einhergehende Wirtschaftspraktiken veranschaulichen diesen Punkt. Das war ein wesentliches Hindernis für viele Fachleute, die versucht haben, die Wirkung von Entdeckungen naturwissenschaftlicher Prinzipien auf die Steigerung der realen Produktivität wissenschaftlicher Investitionen in Beschäftigung, Infrastruktur und anderen Schlüsselbereichen zu berechnen. Ich schlug dazu vor, daß man sich mit den naturgesetzlichen Auswirkungen wissenschaftsgestützter Entwicklungsprogramme („Crashprogramme") befaßt.

4. Zunächst bei John Wencks De Ignota Litteratura (etwa 1442/43) aber später kamen die Angriffe auf Kues' Begründung der modernen Naturwissenschaft von einem Mann, der ansonsten als venezianischer Eheberater des englischen König Heinrich VIII. berühmt wurde, Francesco Zorzi (alias Francesco Giorgio). Während dieser Zeit war Zorzi maßgeblich daran beteiligt, den europäischen Frieden zwischen Spanien, Frankreich und England zu beenden. Die dritte bemerkenswerte Attacke kam aus den Kreisen von Paolo Sarpi. Die neueren Einwände gegen das Werk von Kues und Kepler kopieren die Angriffe der Anhänger des mittelalterlichen Irrationalisten William of Ockham im Kreis um Paolo Sarpi, den Begründer des modernen Empirismus.

5. Die „Geburt" dieses „68er-Phänomens" liegt bei den neuen Tiefen moralischer und intellektueller Verderbtheit im Zusammenhang mit der aus London gesteuerten Gründung des radikal existentialistischen (d.h. dionysischen) Kongresses für kulturelle Freiheit in Europa und Theodor Adorno und Hannah Arendt in den USA.

6. Bezüglich Harvard siehe www.larouchepac.com

7. Der Fortschritt der systemischen Entartung in der Entwicklung der europäischen Wissenschaftsmethode verlief vom ursprünglichen Empirismus von Paolo Sarpi und dem Schwindler Galileo über den Aufstieg des mechanistischen Betrugs, wie er mit dem Positivismus eines Ernst Mach verbunden ist, bis zum Tiefstpunkt des radikalen Reduktionismus, wie ihn die Numerologie solcher Anhänger des quasi satanischen Bertrand Russell wie Professor Norbert Wiener und John von Neumann verkörpert.

8. Bezeichnenderweise ist schon die Idee eines „Dreikörperproblems" in einem Sonnensystem, wie es von Laplace und anderen gesehen wurde (ein Problem, das in Keplers Sonnensystem gar nicht vorkommt), ein vernichtender Beweis dafür, daß die Methode von Laplace, seinem Mitarbeiter Cauchy sowie Anhängern Cauchys wie Clausius und Grassmann in der Wärmetheorie von Grund auf inkompetent ist.

9. Das impliziert, daß sich das Konzept vom Sonnensystem als solchem soweit ausdehnen muß, daß die Beziehungen der zugrundeliegenden anorganischen, belebten und menschlich kognitiven Fähigkeiten in dem Sonnensystem (und darüber hinaus) mit eingeschlossen sind. Dies ist implizit die Ansicht eines Kepler-Riemann-Universums von Albert Einstein, und auch in den Werken von Max Planck, die antithetisch zu den Mach-Russellschen Perversionen einer schnabeltier-ähnlichen Vorstellung von „Quantenmechanik" ist - der Fall des seltsamen Bastards Russell, genannt: „der Wissenschaftler der quakt".

10. D.h. die Absurdität der Annahme, daß digitale Aufnahmen jemals wirkliche Musik wiedergeben könnten.

11. Eine bedeutende Darstellung der Arbeit Max Plancks und seine auffälligen Gegner in der Wissenschaft lieferte kürzlich Caroline Hartmann anläßlich des 150. Geburtstags von Planck („Von der Ehrlichkeit gegenüber der Natur", Neue Solidarität Nr. 18 vom 30. April 2008). Die Betrügereien gegen Max Planck - zunächst durch die Anhänger von Ernst Mach während des Ersten Weltkriegs und dann durch die Kreise von Bertrand Russell - sind ein wichtiges Thema für jene, die meine Erörterung hier weiter verfolgen wollen. Die klassische Dynamik, wie sie Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts in die neuzeitliche Wissenschaft einführte, bezieht sich zurück auf die Pythagoräer und Platon und nimmt Riemann, Max Planck und Einstein vorweg. In dieser Erörterung wird hier implizit auf die Absurdität eines Euklid, Claudius Ptolemäus, der modernen Empiristen und pathologischer Fälle wie die Anhänger Ernst Machs und Bertrand Russells bezug genommen.

12. Concordantia Catholica, De Docta Ignorantia, De Pace Fidei und andere.

13. Wie bei der Komposition klassischer Musik in der Tradition von Bach, Mozart und Beethoven ist es notwendig, das Thema innerhalb des jeweils vorgegebenen Universums anzulegen, d.h. der Universalität des Phasenraums eines bestimmten Rahmens, innerhalb dessen die gesamte relevante Entwicklung stattfindet; der Schwerpunkt liegt dabei auf der grundlegenden Wirkungsform der Entwicklung, die als Transformationsprozeß des ausgewählten Bereichs stattfindet.

14. Eine Entdeckung, die während meines kurzen früheren Aufenthalts in einem Ersatzteillager nahe Kalkutta zu Beginn des Jahres 1946 geschah. Mein erstes Hören einer HMV-Platte von Furtwänglers Aufführung einer Symphonie von Tschaikowsky änderte augenblicklich meine lebenslange Einsicht in die Musik.

15. Manchmal ist ein autobiographisches Detail relevant. Für diese Erörterung erwähne ich den entscheidenden Umstand, daß meine Großmutter väterlicherseits mir einen kompletten Satz der Buchausgabe „Harvard-Klassiker" schenkte, als ich 13 war. Dies bildete einen bedeutenden, wenn auch kleineren Teil aller möglichen Quellen, die zu meiner Erziehung während meiner Jugend beitrugen. Dabei stellte sich als wichtig heraus, daß einige der Titel aus dieser Sammlung eher zum Anlaß wurden, nach anderen Quellen zu suchen, als mein Wissen aus den Reflexionen über den Text selbst zu formen - Kant zum Beispiel. Unter ihnen empfand ich Keats Gedicht einen herrlichen Geniestreich und Shelley einen großartigen philosophischen Kopf - den man heute nicht angemessen verstehen kann, ohne die Ironien seiner Verteidigung der Poesie, und daraus besonders des längeren Schlußabsatzes, in sich aufzunehmen.

AUFSÄTZE VON LAROUCHE

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