Bei der Winter-Akademie der LaRouche-Jugendbewegung in Mainz sprach Helga Zepp-LaRouche am 28.12.2009 über die Bedeutung der klassischen Kunst in der heutigen weltweiten Zusammenbruchskrise. Das Video der Präsentation können Sie sich hier ansehen.
Ich möchte heute über die Frage sprechen, warum man über die klassische Kunst und insbesondere die Dichtung Zugang zur eigenen Kreativität finden kann. Aber zuvor möchte ich noch ein paar politische Worte verlieren, weil die weltweite strategische Lage wirklich unglaublich ist...
Es ist inzwischen erwiesen, daß die einschneidenden Änderungen an dem von der Obama-Administration vorgelegten Gesundheitsgesetz im Geheimen vorbereitet worden sind, ohne daß darüber in irgendeinem Senatsausschuß diskutiert wurde, sondern alles wurde im letzten Oktober im Büro des demokratischen Mehrheitsführers im Senat, Harry Reid, ausgekungelt. Mit anderen Worten, es wurde darüber nicht im Finanzausschuß des Senats diskutiert, sondern, wie wir jetzt aus absolut zuverlässigen Quellen im US-Kongreß erfahren haben, alles wurde ohne Protokoll und unter Ausschluß der Öffentlichkeit eingefädelt - mit Wissen und aktiver Intervention des Weißen Hauses.
Insbesondere soll die Passage über den „Todesausschuß" IMAC (Independent Medical Advisory Board) - oder IMAB, wie er ja inzwischen heißt, von dem festgelegt werden soll, welche Kategorien von Patienten behandelt werden und welche nicht - vom Kongreß nicht mehr geändert werden dürfen. Das ist wirklich, wie Lyndon LaRouche gestern sagte, Landesverrat - und ein Bruch der Verfassung.
Das wird ein Nachspiel haben, denn der amerikanische Senat ist jetzt mit der gleichen Situation konfrontiert wie der Bundestag, als dort über den Lissabon-Vertrag abgestimmt wurde. Damals gab sich der Bundestag dazu her, eigene Kompetenzen ohne jede Not in Bausch und Bogen an Brüssel abzugeben. Da mußte erst das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe kommen und sagen, das ist verfassungswidrig.
Der US-Senat steht jetzt im Grunde vor der gleichen Situation, denn wenn die Senatoren das einfach schlucken, dann sind sie eigentlich überflüssig. Was brauchen wir noch einen Senat, wenn ein IMAB, mindestens was die Gesundheit angeht, unumstößlich beschließen darf, wer leben kann und wer sterben muß? Wenn die Senatoren jetzt nicht die amerikanische Verfassung verteidigen, sind sie überflüssig.
Daraus wird eine Verfassungskrise entstehen. Ich persönlich denke, daß das nicht durchkommen wird, weil dadurch - genauso wie bei dem Klimagipfel in Kopenhagen - plötzlich ein totaler Widerspruch auftaucht zwischen einer abgehobenen Ideologie und den fundamentalen Interessen der Bevölkerung, die ja merkt, wenn sie umgebracht werden soll, egal, ob das durch eine „Gesundheitsreform" oder durch den Klimaschwindel geschieht.
Aber es zeigen sich in beiden Vorgehensweisen die Fußspuren des Britischen Empire. Man versucht in beiden Fällen, an der Bevölkerung vorbei einen Coup gegen die Verfassung zu landen. Das ist ungeheuerlich.
Das Scheitern von Kopenhagen
Goebbels hat einmal gesagt, wenn man ein Verbrechen begehen will, dann muß das Verbrechen nur groß genug sein, damit keiner denkt, daß es überhaupt möglich ist, und dann kommt man damit durch. In Kopenhagen war geplant, auf der Basis der größten Lüge in der Geschichte der Wissenschaften ein Bevölkerungs-Reduktionsprogramm durchzusetzen, das in der Quintessenz Milliarden von Menschen das Leben kosten würde. Doch das ist nicht gelungen, weil - nun, es sind da ein paar Widersprüche zutage getreten.
Zuallererst war da die Arroganz der EU. Die grüne EU-Bürokratie hat wirklich geglaubt, sie würden das durchbringen. Die dänische Entwicklungsministerin Hedegaard, die anfangs den Gipfel leitete, hat sich vor die Afrikaner hingestellt und hat ihnen Vorträge gehalten, sie sollten erst einmal erwachsen werden, usw. Das ist äußerst schlecht angekommen, so daß sie nicht mehr akzeptabel war. Als nächster war auch der dänische Regierungschef Rasmussen nicht mehr akzeptabel.
In der letzten Konferenzphase wurde dann Obama eingeflogen, der sich die einzelnen Führer von China, Indien, Brasilien usw. vornehmen wollte. Er hat überall herumgesucht und schließlich konnte er um 7 Uhr ein Meeting mit Wen Jiabao vereinbaren. Als dann die amerikanische Security in den Raum ging, wo dieses Meeting stattfinden sollte, stellten sie fest: die anderen, die Obama gesucht hatte, saßen da längst zusammen und verhandelten ohne Obama und ohne EU.
Die EU ist in der letzten Phase der Verhandlungen gar nicht mehr konsultiert worden, sondern es wurde lediglich ein Dokument ohne bindenden Charakter vereinbart, das von den Konferenzteilnehmern zur Kenntnis genommen wurde. Zwischen China und Indien begann auf einer qualitativ neuen Ebene eine strategische Kooperation, und das vor dem Hintergrund des Abkommens zwischen China und Rußland im Oktober, wo praktisch der potentielle Beginn eines neuen Kreditsystems beschlossen, also Lyns Idee umgesetzt wurde.
Die Lage ist also jetzt so, daß Rußland und China durch langfristige Kooperationsverträge strategisch zusammenarbeiten, und ganz wichtig ist, daß der Konflikt, der seit 1962 zwischen Indien und China existiert, jetzt wirklich ad acta gelegt ist.
In gewisser Weise ist jetzt eine Situation eingetreten, wo die EU, wenn sie nicht vollkommen vernagelt wäre, eigentlich sagen müßte: Wir haben uns geirrt, es sind neue Fakten zutage gekommen, denn aufgrund von „Climategate" muß die ganze Klimafrage neu untersucht werden. Das habe ich auch in einem Artikel geschrieben. Wenn Frau Merkel klug wäre, hätte sie dasselbe gemacht wie Teile der American Physical Society in den USA. Sie hätte gesagt, alles muß noch einmal neu bewertet werden. Das wäre eine gesichtswahrende Reaktion gewesen.
Aber die Leute sind verbohrt. Sarkozy will sich zum Führer der ganzen Sache machen. Merkel sagt, jetzt erst recht. Herr Röttgen, der hat keine Ahnung, ist Anwalt, und der greift jetzt China und die USA an, daß die schuldig seien. Das ist vollkommen lächerlich.
Diese Leute scheinen fest entschlossen zu sein, die Kampagne verstärkt fortzusetzen. In Bonn soll im Juni eine große Vorbereitungskonferenz stattfinden, um das Abkommen spätestens in Mexiko Ende 2010 dann doch noch durchzubringen, was vollkommen hirnrissig ist, denn die Bevölkerung hat ja inzwischen etwas begriffen.
Neuer Morgenthauplan
In Amerika hatten wir Diskussionen mit Leuten, die Lyns Tripelkurve studieren und wirklich ernsthaft Lyns Ideen zur Grundlage ihrer Arbeit nehmen. Sie fragen: Was ist das Motiv von Kopenhagen? Als Ökonomen haben sie verstanden, daß, wenn Kopenhagen durchgekommen wäre, nicht nur jegliche weitere Entwicklung der Entwicklungsländer gestoppt, sondern das bißchen Entwicklung, das dort bereits passiert ist, wieder rückgängig gemacht worden wäre. Und als ernsthafte Ökonomen haben sie gefragt: Was kann nur das Motiv sein, daß jemand so etwas macht? Wenn man das wirklich durchdenkt, ist das der größte Schocker überhaupt.
Auch die Entwicklungsländer haben das inzwischen begriffen; sie sind sich vielleicht nicht ganz so klar über die Klimafrage, aber sie haben eines begriffen: daß ihnen damit jegliche Entwicklung hätte verweigert werden sollen. Das ist ein Geist, der nicht mehr in die Flasche zurückgebracht werden kann.
Wir haben jetzt eine völlig neue strategische Situation, die sehr positiv ist. Denn es hat ja einen Grund, warum wir Maastricht, Nizza, Amsterdam, den Stabilitätspakt und die EU-Bürokratie ablehnen, denn das sind imperiale Strukturen, die überhaupt nichts mit den europäischen Nationen oder europäischen Interessen zu tun haben, sondern das ist der Einfluß des Britischen Empire, das Europa in eine imperiale, aggressive Macht verwandeln will. Rußland hat das sehr gut verstanden, und deshalb setzt Rußland seit langem die Expansion der NATO nach dem Kollaps der Sowjetunion und die Expansion der EU gleich. Das ist wirklich eine Einkreisungsstrategie.
Genau das kritisieren wir auch an der EU. Außerdem ist sie eine grüne Bürokratie, die Europa aufgrund der Interessen des Britischen Empire einen neuen Morgenthauplan aufzuzwingen versucht - das, was nach dem Zweiten Weltkrieg mit Europa geschehen sollte. Europa sollte ein Kontinent ohne Industrie werden, wo praktisch nur noch Landwirtschaft betrieben würde, mit Parks und Wäldern und großen Gütern der Oligarchen. Die Bevölkerung? - „Na, wenn die sich vermindert, dann ist das nicht so schlimm..."
Der Morgenthauplan war wirklich eine ernsthafte Sache. Man muß sich daran erinnern, daß in den Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg die Industrie demontiert wurde. Ganze Fabriken wurden abgebaut und abtransportiert. Das wurde nur durch die Entwicklung der sowjetischen Atombombe gestoppt, da klar wurde, daß man Europa als Bollwerk gegen die Sowjetunion wirtschaftlich entwickeln mußte.
Wenn man sich die Lage heute anschaut, sieht man: Der Plan ist, Europa als Teil eines globalen Empire in einen Morgenthauplan zurückzuverwandeln, was natürlich nur geht, wenn man die gesamte Weltbevölkerung reduziert.
Man sieht überall die Fußstapfen Tony Blairs, der auf der Basis von Lügen den Irakkrieg in Gang gesetzt und die verheerende britische Gesundheitspolitik (NICE) erfolgreich in die USA exportiert hat. Von ihm stammt auch der Coupversuch mit dem EU-Vertrag, der ohne Diskussion in den Parlamenten hätte durchgewunken werden sollen. Nur weil wir in gewisser Weise zufällig - nicht ganz zufällig, aber wir hätten es auch übersehen können - darauf gestoßen sind, haben wir eine Kampagne dagegen gestartet. Und wie gesagt, Kopenhagen mit Prinz Philips Idee einer Reduktion der Weltbevölkerung ist auch britische Politik.
Industrie in der Sackgasse
Man muß sich natürlich fragen: Woher kommt das? Woher kommt es, daß die Regierungen so etwas machen, und daß der Großteil der Bevölkerung so etwas Ungeheuerliches akzeptiert?
Im Fall der Regierungen gibt es eine ganze Menge von Erklärungen. Ein einschneidender Punkt, den man auf jeden Fall feststellen kann, ist, daß Margaret Thatcher, Mitterrand und Bush senior nicht nur Deutschland den Euro quasi als Preis für die Wiedervereinigung aufgezwungen haben, sondern ich bin inzwischen auch relativ sicher, daß die Idee dabei war, Deutschland wirtschaftlich einzudämmen und vor allem keine Souveränität in Bezug auf die Energie und Kernenergie zuzulassen. Das deutsche Establishment, die Top-Industrien, die Top-500-Firmen reagieren darauf, indem sie sagten: Na gut, wenn uns nicht erlaubt wird, die Kernenergie auszubauen, dann investieren wir eben voll in alternative, erneuerbare Technologien - Sonnenenergie, Windenergie usw.
Jetzt haben wir eine Situation, wo ein großer Teil der deutschen Industrie, die großen Firmen, aber auch der Mittelstand seit 20 Jahren in diese Energien mit geringem Energiefluß investiert haben; sie haben damit in gewisser Weise ihr ganzes Kapital festgefahren. In Kopenhagen wurde jetzt gesagt: „Wunderbar, phantastisch, wir werden die CO2-Emissionen reduzieren, bis zum Jahr 2050 um 80%. Dann wird Deutschland nicht nur Exportweltmeister, sondern Deutschland wird Weltmeister, was die Produktion und den Export von alternativen Technologien weltweit angeht." Deshalb sind jetzt alle dafür.
Das Problem ist nur, daß diese Leute nicht klar denken können. Sie haben auch übersehen, daß China erneuerbare Technologien inzwischen viel billiger produziert und längst an Deutschland vorbeigezogen ist, was den Export von Umwelttechnologien angeht, d.h. die nächste große Krise ist bereits vorprogrammiert. Ich sage das nur, weil es ein Problem ist, das wir lösen müssen. Es ist ein objektiver Fakt, daß ein Großteil der deutschen Industrie in diesen Sachen gefangen ist.
Das Problem des Paradigmawandels
Wenn man diese Frage ein wenig zurückverfolgt, muß man leider sagen, daß diese Entwicklung nicht erst mit der Wiedervereinigung begonnen hat, sondern mit verschiedenen Paradigmawandeln zusammenhängt. Ein Beispiel: Unsere Organisation war aufgrund von Lyns Ideen wahrscheinlich die einzige weltweit, die den Paradigmawandel Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre bewußt bemerkt hat, während alle anderen mitgeschwommen sind. Wir haben schon damals gesagt, daß z.B. mit der Dritten Welt etwas ganz anders gemacht werden muß.
In den fünfziger und sechziger Jahren war es eine absolut selbstverständliche Perspektive, daß die Unterentwicklung der Dritten Welt irgendwann einmal überwunden sein würde. Die UNO hatte die sogenannten Entwicklungsdekaden ausgerufen, das war die Idee, daß die Dritte Welt alle zehn Jahre den Abstand zu der Ersten Welt deutlich verringern würde. Dann sollte entschieden werden, was in den nächsten zehn Jahren an Investitionen in Industrie und Landwirtschaft aufgebracht werden müßte, damit die Unterentwicklung irgendwann einmal ganz verschwindet. Das war vollkommen normal.
In diesem Zusammenhang hat 1967 Papst Paul VI. die Enzyklika Populorum Progressio („Über den Fortschritt aller Völker") geschrieben, ein wunderbares Dokument, was ich jedem noch einmal zum Lesen empfehle. Der Papst sagt dort, daß die Unterentwicklung der Dritten Welt „um Rache zum Himmel schreit", d.h., es herrscht eine so ungeheuerliche Ungerechtigkeit, daß der Himmel angerufen werden müsse, diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Populorum Progressio vertrat außerdem die Idee, daß die Unterentwicklung durch wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt und die Steigerung der Arbeitsproduktivität irgendwann überwunden sein wird.
Wir haben damals festgestellt, als die Abkehr von diesem Paradigma ganz bewußt induziert wurde.
Ihr habt sicher inzwischen auch schon die Erfahrung gemacht, daß die Begeisterung für die Weltraumfahrt die Leute befreit, denn wenn die Menschen den Blick zu den Sternen richten, fangen sie wieder an, groß zu denken. Das war Anfang der sechziger Jahre mit dem Apollo-Programm genauso. Ich erinnere mich noch, daß wir zu meiner Schulzeit alle von der Raumfahrt total begeistert waren. Ich habe das schon oft erzählt: Was mich total faszinierte, war, daß die Hündin Laika in einer Kapsel im Weltraum geflogen ist. Das hat mich einfach beflügelt. Wenn damals ein Kind gefragt wurde: „Was willst du einmal werden?", dann war die Antwort meist: Astronaut oder Ingenieur für Raumschiffe.
Doch die herrschende Oligarchie sagte sich, wenn dieser Optimismus so weiterginge, dann geht uns die Kontrolle verloren. So kam es zur Kennedy-Ermordung, es gab mindestens 20 Attentate auf Charles de Gaulle, und Alexander King, der spätere Gründer des Club of Rome, wurde damals als Repräsentant der OECD in Paris damit beauftragt, die Bildungsreformen zu konzipieren, die dann seit 1970 unter Willy Brand in Deutschland umgesetzt wurden.
Die Hauptidee dabei war, daß man den „Bildungsballast" der letzten 2500 Jahre aus dem Curriculum verbannt. Sokrates, Beethoven, Schiller, Platon seien Bildungsballast, und der müsse weg; statt dessen müsse man sich auf die konkreten Bedürfnisse der Industrie und auf regionale Belange konzentrieren.
Lyn hat immer gesagt: Die Leute, die vor 1970 zur Schule gegangen sind, seien eine andere Gattung als die, die danach zur Schule gegangen sind. Als Gattung waren das Leute, die noch etwas von klassischer Kultur mitgekriegt haben, und diejenigen, denen das gar nichts mehr bedeutet. In Deutschland leben inzwischen zwei volle Generationen von Leuten, die zu dieser zweiten Gattung gehören, und das ist wirklich ein wichtiger Punkt.
Der nächste Schritt war 1967 der Rappaport-Bericht. In diesem aus England stammenden Bericht wurde explizit gesagt, daß der Kulturoptimismus, der durch die Raumfahrt und ähnliche Programme entstanden war, rückgängig gemacht werden müßte. Vor diesem Hintergrund hat dann der Club of Rome 1971 mit Millionenbeträgen die Studie Grenzen des Wachstums auf den Markt geworfen - es hat damals wirklich Millionen gekostet, um dieses Buch praktisch gleichzeitig in alle Sprachen zu übersetzen. In der Wochenzeitung Die Zeit erschien eine Serie, daß die Ressourcen begrenzt seien, und Erhard Eppler veröffentlichte sein Buch Wende oder Ende. Überall stand dahinter die Idee: Das Universum oder die Erde seien ein geschlossenes System, es gebe nur eine begrenzte Anzahl von Rohstoffen, weswegen man irgendwie ein Gleichgewicht erreichen, also sparen müsse. Energiesparen und alle diese Sachen fingen an, doch auf der Basis von Lyns Methode haben wir sofort verstanden, worum es dabei wirklich ging.
Ich persönlich bin dann 1974 zur UN-Weltbevölkerungskonferenz nach Bukarest gefahren, wo ich ein Papier über unsere Entwicklungsstrategie für die Entwicklungsländer verteilt habe. John D. Rockefeller III. erklärte dort in seiner Hauptrede, das Problem sei die Überbevölkerung und die Ressourcenknappheit, weswegen wir Bevölkerungsreduktion, Bevölkerungskontrolle usw. bräuchten. Das war damals keineswegs selbstevident, und alle die linken NGOs taten das ab mit der Bemerkung: „Ach, Überbevölkerung, das ist doch ein Rockefeller-Baby" - denn es war vollkommen klar, daß der multinationale Konzern Rockefeller ein Interesse daran hatte, diese Propaganda zu verbreiten.
Das war 1974 - und wenn man jetzt, 35 Jahre später schaut, so haben die Leute jegliches Bewußtsein über diesen Paradigmawandel verloren. Damals war es vollkommen klar, daß das Problem nicht Überbevölkerung war, sondern Unterentwicklung. Unser Freund, der Raumfahrtpionier Krafft Ehricke hatte das bei einem Vortrag in München in den achtziger Jahren einmal treffend dargestellt: Bei einem gewissen Maß von Entwicklung will keine Frau mehr zwölf Kinder haben, weil sie dann für nichts anderes mehr Zeit hat. Wenn sie will, daß die Kinder gut ernährt sind, daß sie studieren können usw., wird sie vielleicht höchstens noch fünf haben wollen - wenn eine Oma fürs „Grobe" da ist; normal wäre es, daß sich die Familiengröße bei zwei bis drei Kindern einpendelt. Die Menschen in der Dritten Welt haben meistens so viele Kinder, weil sie eine Rentenversicherung brauchen, wenn sie alt werden, doch das ist eine Frage der Unterwicklung.
Die konservative Revolution
Gehen wir noch einen Schritt zurück: Woher kommt diese Idee? Im Grunde ist sie dieselbe wie bei den Nazis. Die heutige Umweltpolitik basiert auf den gleichen Grundannahmen wie denen der Nationalsozialisten. Ich habe einmal eine Reihe von Artikeln über die historischen Wurzeln des grünen Faschismus geschrieben, die ich auch noch einmal empfehlen kann, zu lesen. Darin ging es um folgendes.
1949 - also unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - hat der spätere Geschäftsführer der Siemens-Stiftung, Armin Mohler, ein Buch mit dem Titel Die Konservative Revolution verfaßt, das damals einen unglaublichen Skandal erzeugte, weil es im Grunde eine Reinwaschung der Nazis war. Seine Hauptthese war, daß die konservative Elite - wir würden heute sagen, die Oligarchie - auf die Ideen von 1789 regiert hat, indem sie weltweit verschiedene konservative Bewegungen schuf, rund 400 verschiedene Strömungen, die alle nur ein Ziel hatten, nämlich, diese Ideen wieder rückgängig zu machen. Damit meinten sie angeblich die Ideen der Französischen Revolution, aber in Wirklichkeit ging es um die Ideen von Amerika von 1789, das war nämlich das Jahr, in dem George Washington erster Präsident der Vereinigten Staaten wurde.
Mohler schreibt, daß die Konservative Revolution letztlich ein Angriff auf die Ideen des Christentums war, daß durch Jesus Christus zum ersten Mal in der europäischen Geschichte die Vorstellung entstand, daß der Mensch unendlich vervollkommnungsfähig sei. Das war ein totaler Bruch war mit den vorchristlichen Kulten - z.B. mit Gaia, der „ewigen Wiederkehr des gleichen", wonach die Natur sich im Zyklus immer wieder wiederholt. Durch die Idee, daß der Mensch durch Christus gottgleich wird, wenn er schöpferisch ist, entstand das Bild des Menschen als imago dei oder bei Nikolaus von Kues als imago viva dei. Durch die vis creativis, die kreative Kraft, die seine Gottähnlichkeit ausmacht, hat sich der Mensch von der „ewigen Wiederkehr des gleichen" befreit. Durch de Konservative Revolution, so Mohler, wurde dieser optimistische Einfluß des Christentums attackiert, und man wollte zu den vorchristlichen Mythologien - Gaia, Mutter Natur - zurückkehren.
Das hat sich bei Schopenhauer, der zum ersten Mal den Kulturoptimismus der klassischen Kultur durchbrach, und natürlich bei Nietzsche fortgesetzt. Nietzsche hat gesagt, man dürfe in der Geschichte nicht die Hochphasen - die griechische Klassik, die italienische Renaissance und die deutsche Klassik - betonen, sondern man müsse die dionysischen Phasen betonen, als sich die bacchantischen, trunkenen Massen in ihrem Rausch durch die Straßen wälzten; oder im Mittelalter die Flaggellanten, die sich selber auspeitschten und dann in Verzückungen gerieten - das seien die Hochphasen. Derselbe Nietzsche hat gesagt, Gott sei tot. Nein, Nietzsche ist tot, zum Glück!
Vor dem Ersten Weltkrieg entstand daraus in einem nächsten Schritt die sog. Wandervogel-Bewegung, wobei Leute wie Ernst Jünger das Bindeglied waren, um nach dem Zweiten Weltkrieg die Grünen zu initiieren.
Es ist perfide, warum das gerade in Deutschland so hartnäckig ist, aber ich will das nicht auf Deutschland reduzieren, denn das war eine internationale Bewegung, die gab es in allen Ländern, in Amerika, in Europa. Aber wenn wir über Deutschland reden und die Leute wissen wollen, warum das in Deutschland so schlimm ist, dann muß man sagen, daß die Idee von Konservation oder Konservierung diesen Hintergrund hat, und ich sehe, daß sich das vermischt. Es gibt die alte Nazi-Tradition, die in gewisser Weise in die grüne Sache von heute umgemodelt wurde. Es ist extrem wichtig, daß wir den Leuten das klar machen.
Wir haben in unseren alten Publikationen unglaublich viel darüber veröffentlicht! Wir haben einen Bericht über den Fall des Hauses Windsor geschrieben, den ich auch empfehlen kann, denn darin wird dargestellt, daß der World Wildlife Fund und Greenpeace keine legitimen Organisationen sind.
Was ist Greenpeace? Wie soll man das bezeichnen, wenn sich Leute als Besucher in die französische Nationalversammlung schleichen und sich dann mit Seilen von der Besucherempore ins Abgeordnetenplenum abseilen? Das ist eigentlich Terrorismus! Das sind nicht irgendwelche Tweener-Marotten aus dem Fitneßstudio, sondern das sind die Methoden von Guerillas, das sind die Methoden von Söldnern oder Special Forces, wie sie Samuel Huntington in The Soldier and the State beschreibt. Solche Einsätze werden speziell trainiert. Im deutschen Fernsehen erscheinen dann bekannte Autoritäten und sagen, Greenpeace hätte mal wieder ein Schiff gekapert und sich für die Natur eingesetzt, und auf diese jungen Leute müsse man doch hören. Wenn wir so etwas machen würden, würden wir für zehn Jahre ins Gefängnis gehen! Nirgendwo würde eine Notiz darüber erscheinen, denn die Medienkontrolle gerade in Deutschland ist total.
In dem schon erwähnten Windsor-Bericht haben wir z.B. über den World Wildlife Fund berichtet, der sich insbesondere in Afrika dafür einsetzt, daß überall Naturparks und grenzübergreifende Reservate entstehen. Dort werden dann aber ethnische Minderheiten zur Destabilisierung der jeweiligen Landesregierungen trainiert. Das sind alles Methoden des Britischen Empire. Deswegen ist es wirklich wichtig, zu verstehen, daß Greenpeace und der World Wildlife Fund keine legitimen Organisationen sind, sondern dazu benutzt werden, um genau diesen Paradigmawandel zu bewerkstelligen.
Falsche Axiome
Das alles ist nur möglich, weil die Bevölkerung falsche Axiome im Kopf hat, wenn es zum Beispiel immer heißt: „Jede Hausfrau weiß doch, daß man nicht mehr ausgeben kann, als man hat; das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand! Also wenn man nicht genug hat, dann muß man eben sparen." Doch das steht in einem totalen Widerspruch zu dem realen Universum.
Es ist die Grundlage dieser Organisation, daß Lyn bereits Anfang der fünfziger Jahre festgestellt hat, daß lineare Geldsysteme mit der realen Wirtschaft überhaupt nichts zu tun haben. Genau deshalb hat er Leute wie von Neumann und Wiener angegriffen, weil sie statistische, lineare Methoden auf die Wirtschaft übertragen haben, was in keiner Weise den Einfluß kreativer Entdeckungen und deren Auswirkungen auf die Produktivität berücksichtigen kann.
Lyn hat daraufhin die Methode der Riemannischen Geometrie und das Riemann-LaRouche-Modell entwickelt und auf die Erkenntnisse der Vorsokratiker, Platons und des Cusanus verwiesen, der als erster ein sog. christliches Evolutionsgesetz entwickelt hat - die Idee der Unterscheidung des Abiotischen, der Biosphäre und dessen, was Wernadskij später die Noosphäre nennt. Bei Cusanus gibt es noch eine vierte Ebene, die Ebene der göttlichen Vernunft, an der der Mensch, wenn er kreativ ist, teilhaben kann. Diese Ideen haben sich dann bei Kepler, bei Leibniz, bei Gauß, Riemann, Wernadskij und Einstein fortsetzt, der von einem Universum spricht, das nicht begrenzt ist, sondern sich selbst permanent anti-entropisch weiterentwickelt. Seit der Mensch in der Evolution entstanden ist, treibt er diese Entwicklung bewußt voran, was bei Nikolaus von Kues wunderbar gesagt wird: „Gott hat das Universum geschaffen, aber seitdem der Mensch da ist, schöpft Gott nur noch durch den Menschen".
Ich finde das eine ganz phantastische Idee, weil es wirklich stimmt, denn in dem Augenblick, wo die menschliche Vernunft als gottähnliche Kraft im Universum wirkt, erfolgt die Weiterentwicklung des Universums durch die menschliche Kreativität. Ein solches Universum ist selbst-begrenzt, weil es durch die Anzahl der universellen physikalischen Prinzipien begrenzt ist, die zu diesem Zeitpunkt wirksam sind, die sich aber pausenlos weiter entwickeln und vom Menschen durch neue Entdeckungen erkannt werden müssen. Das ist ein Begriff des Universums, der von Wernadskij, Einstein u.a. und jetzt von Lyn weitergeführt worden ist.
Lyn sagt: Wir brauchen eine Ökonomie, die zu diesem physikalischen Universum paßt. Wir können keine statistische, lineare Ökonomie haben, und gleichzeitig ein Universum, das sich auf ganz andere Weise entwickelt, sondern wir müssen die Gesetze der Ökonomie der realen kosmischen Ordnung anpassen.
Das ist auch der Grund, warum Leute in Indien viel besser verstehen, was wir meinen, als die meisten einfältigen Europäer, weil sie nämlich von der Idee ausgehen, daß Politik und Wirtschaft mit den Gesetzen des Kosmos in Einklang gebracht werden müssen. In ihren Augen werden wir alle irgendwann Kosmonauten sein, nicht in dem Sinne, daß wir dann alle in Raumschiffen spazieren fahren, sondern daß wir so denken.
Der Weg zu Entdeckungen führt über die Kunst
Jetzt ist die Frage: Was ist notwendig, damit wir die Leute, die auf diese lineare Weise denken, befreien können? Lyn sagt immer, die Mathematik sei dazu vollkommen ungeeignet, weil mathematische Modelle keine Kreativität darstellen, sondern er sagt, auch der Weg zu großen wissenschaftlichen Entdeckungen führt über die große klassische Kunst.
Das ist wahr. Denn wie kann man jemandem vermitteln, daß er plötzlich Hypothesen denkt? Daß man nicht zufrieden ist mit der jetzigen Gesamtmenge des Wissens, sondern wie kann man lernen, den notwendigen nächsten Schritt zu definieren? Genau das hat auch Nikolaus von Kues gesagt: Jeder individuelle Mensch reproduziert mit seinem Leben die Gesamtevolution, d.h. wenn die Menschheit sich weiterentwickelt, rekapituliert jeder Mensch die Entwicklung der Universalgeschichte bis zu diesem Zeitpunkt - natürlich nur, wenn er sich entwickelt. Wenn man das tut, kann man mit absoluter Präzision bestimmen, wo der nächste Schritt der Entdeckung ist. Das hat er im 15. Jahrhundert gedacht! Ich finde, das ist eine absolut phantastische Sache.
Das kann man lernen. Man kann seinen Geist trainieren, so zu denken, und die große klassische Kunst ist der einzige Ort, wo das geschieht. Das ist der Grund, warum wir so absolut emphatisch gegen die moderne Jugendkultur sind: gegen Rockmusik, gegen Rap, Punk und alle Varianten, Gothic oder ähnliches, Hip-Hop. Disco ist schlecht, Drogen sind schlecht. Alle diese Sachen sind katastrophal. Warum? Weil sie das kognitive Element im menschlichen Geist kaputt machen. Es ist nicht so, daß wir den Leuten die Freude nicht gönnen, aber diese Kultur richtet etwas im Kopf an, was genau diese Qualität zerstört.
Lyn hat in seinen früheren Schriften oft gesagt, daß eine Gesellschaft nur dann gerettet werden kann, wenn sie lernt, klassisch zu denken. Doch wie soll man das bewirken, wenn die meisten Leute gar nicht mehr wissen, was Klassik ist? Es sind inzwischen zwei Generationen herangewachsen, die keine Idee mehr haben von Lessing, von Mörike, von Schiller, von Humboldt. Dann stellt sich wirklich die Frage: Wie kann man das, mindestens in der Jugend, wieder bekannt machen?
Die deutsche Klassik war die letzte Periode, wo dieses Denken existierte. Mit Heine war die deutsche Klassik eigentlich schon vorbei. Ihre Ausläufer waren noch Schubert, Schumann, Brahms und die Vertonungen, die sie gemacht haben; mindestens ein Gedicht von Mörike und Wolf hat es in die Schriften von Lyndon LaRouche geschafft - dank meiner stetigen Bemühungen (Heiterkeit). Aber danach kam nicht mehr sehr viel. Vielleicht gab es hier und da noch etwas, das nicht ganz schrecklich war, aber seit fast 200 Jahren ist diese Tradition abgebrochen. Ich habe oft gesagt, man solle am besten eine große Klammer um diese ganze Zeit machen und wieder zu der Zeit davor zurückkehren, dort anknüpfen und wieder etwas Neues aufbauen. So hat man wesentlich mehr Chancen, die Probleme von heute zu lösen.
Warum ist die Klassik so ungeheuer wichtig gewesen? Alle Hochphasen in der Geschichte sind immer dadurch zustande gekommen, daß man sich nach einem finsteren Zeitalter, also etwa nach dem 14. Jahrhundert in Europa, auf die Hochphasen davor bezogen hat - also die Italiener auf die griechische Klassik, die deutsche Klassik auf die italienische Renaissance und auf die griechische Antike -, um daraus etwas Neues zu schaffen.
Deshalb war es ganz wichtig, daß sich die Menschen nach dem schrecklichen Dreißigjährigen Krieg und nach dem Siebenjährigen Krieg in Deutschland ganz bewußt auf die griechische Klassik zurückbezogen haben, die Idee, daß Schönheit, Wahrheit und das Gute identisch sind. Auch Shakespeare spielte eine wichtige Rolle, um die großen historischen Themen wieder auf die Bühne zu bringen.
Schiller und Goethe - trotz aller Kritik, die ich immer an Goethe geübt habe - haben sich in den zehn Jahren ihrer Zusammenarbeit um die Herausarbeitung allgemeingültiger ästhetischer Gesetzen gekümmert, die genauso universell sind wie universelle wissenschaftliche Entdeckungen, d.h. das, was in der Kunst gilt, ist genauso ein universelles Prinzip wie in der Wissenschaft. Dazu kommt noch die spielerische Fähigkeit, etwas Neues zu entdecken.
Was ist Klassik?
Ich möchte mich im folgenden auf ein kleines Kunstwerk beschränken, das ich euch näher bringen möchte, wo in wunderbarer Weise zum Ausdruck kommt, um was es bei der klassischen Methode eigentlich geht. Das ist ein Gedicht von Schiller, es heißt Nänie.
Ich will es erst einmal vortragen, und dann können wir sehen, was alles in diesem Gedicht steckt, denn ich bin mir sicher, daß sich das nicht auf den ersten Blick erschließt.
Friedrich Schiller: Nänie
Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
Haben das alle verstanden? (Heiterkeit.)
Einwurf aus dem Publikum: Es müßten einige Wörter geklärt werden, z.B. stygisch.
Zepp-LaRouche: Das bezieht sich auf den Fluß in der Unterwelt, im Hades. Und Zeus ist der Herrscher der Schattenwelt.
Einwurf aus dem Publikum: Die ersten vier Zeilen, glaube ich, haben mit einem Mythos zu tun. Ein Mann hat seine Geliebte verloren, und man hat ihm erlaubt, sie aus der Unterwelt zurückzuholen. Doch er hat die Bedingungen dafür nicht erfüllt...
Zepp-LaRouche: Das ist der Mythos von Orpheus und Eurydike, den ich ein wenig beschreiben will. In der Sage hat Orpheus von Apollon die Gabe des wunderbaren Gesanges geschenkt bekommen hat, und auch sein Saitenspiel war von einer so wunderbaren Kraft, daß, wenn er im Wald spielte, die Tiere gekommen sind und ihm verzückt zugehört haben; selbst die Bäume und leblosen Steine sind von der Zaubergewalt der Schönheit seiner Musik bewegt worden. Er verliebte sich in Eurydike, eine Flußnymphe, und heiratete sie, doch das Glück wurde sehr schnell zerstört, denn sie ging eines Tages mit den anderen Nymphen spazieren und wurde von einer giftigen Schlange gebissen und starb.
Einwurf aus dem Publikum: Was sind Nymphen genau?
Zepp-LaRouche: Das sind Meeresjungfrauen, die z.T. auch auf der Erde wohnten, aber hauptsächlich lebten sie am Meer und im Meer. Die Meerjungfrau von Kopenhagen ist eine solche Figur. Sie haben je nach Sage oft eine Flosse, der Oberkörper ist aber wie beim Menschen, und es gibt Meeresnymphen, Flußnymphen usw.
Orpheus war über den Verlust von Eurydike vollkommen verzweifelt, und konnte sich nicht fassen. Er versuchte, zu spielen und zu singen, aber der Schmerz überwältigte ihn, und weder sein Lied noch sein Gebet brachten seine Gattin zurück. Da faßte er einen Entschluß, den zuvor noch kein Mensch je gefaßt hatte: Er stieg in das Reich der Toten selbst hinab, um sie zurückzuholen. Im Tartaros, der Unterwelt, umschwebten ihn alle Schatten, aber er geht mutig hindurch, bis er vor dem Thron des Herrschers der Schatten steht. Dort spielt er seine Leier und singt von seiner unendlichen Liebe zu seiner schönen Gattin und von seinem unendlichen Schmerz, der stärker sei, als irgendein Mensch es ertragen könnte. Er ruft Hades, den Herrscher der Schattenwelt, an und erinnert ihn darin, daß er selber sich von der Liebe hatte bezwingen lassen, als er Persephone, eine andere mythologische Figur, geraubt und sie zu seiner Gemahlin gemacht hätte.
In der Sage wird überliefert, daß so etwas im Hades noch nie vorgekommen sei. Alle scharen sich um Orpheus: Tantalus, der sich nach einer unerreichbaren Wasserquelle bückt, die Danaiden, die zur Strafe für ihre Sünden ein durchlöchertes Faß füllen müssen, Sisyphus, der ständig einen Felsblock einen Hügel hinaufwälzen muß, der aber immer wieder zurückfällt (wonach die Sisyphus-Arbeit benannt ist) - sie alle kommen wegen der Zaubertöne des Gesangs herbei und hören zu. Selbst die furchtbaren Eumeniden, die Rachegöttinnen, die wir bereits gestern in den Kranichen des Ibykus kennengelernt haben, waren zu Tränen gerührt.
So etwas war noch nie dagewesen, und auch das finstere Herrscherpaar war von Mitleid und der Schönheit des Gesanges überwältigt. Persephone rief schließlich Eurydikes Schatten herbei und sagte zu Orpheus: Deine große Liebe hat uns bewegt und wir erfüllen deine Bitte; deine Gattin kann dir in die Oberwelt folgen, aber nur unter einer Bedingung: Du mußt ohne dich umzublicken zurückgehen; wenn du dich auch nur einmal umschaust, ist Eurydike verloren.
Orpheus geht los und hört nichts von Eurydike, weil sie ein Schatten ist, bekommt immer mehr Angst und Sehnsucht, und kann nicht an sich halten. Verzweifelt schaut er, ob sie auch wirklich hinter ihm herkommt. In dem Augenblick sieht er sie, schaut sie traurig und zärtlich an, doch in dem Augenblick, wo er sie umarmen will, verschwindet sie, und er greift ins Leere.
Er ist vollkommen von Sinnen, stürzt zurück zum Styx, dem Fluß, der Ober- und Unterwelt voneinander trennt, und weint sieben Tage und sieben Nächte. Mit Bitten und Klagen versucht er neue Milde zu erreichen, aber die Götter bleiben unerbittlich. - Das ist eine wunderschöne Sage.
Schillers Nänie
Wißt ihr, was Nänie bedeutet? Nänie ist das Wort für Totenklage. Jedesmal, wenn eine große Figur in der griechischen Mythologie starb, wurde eine Totenklage erhoben, die so zu einer antiken Gattung der Dichtkunst wurde.
Bei Schiller geht es in der Nänie nicht um den Verlust von realen Personen, sondern um den Verlust der genannten mythologischen Figuren. Das Gedicht beginnt mit einem sehr emotionalen Anruf, der das Publikum direkt anspricht: „Auch das Schöne muß sterben!" Das ist etwas, was jeder Mensch schon einmal schmerzlich empfunden hat. Das ist eine universelle menschliche Regung. Schiller redet über den Verlust von Schönheit, nicht den Verlust von Personen, und kommt zu einem überraschenden Ende.
Zunächst stirbt das Schöne, dessen Macht sogar Menschen und Götter bezwingen kann, und diese These wird durch drei Beispiele aus der antiken Mythologie belegt: Orpheus und Eurydike sind dabei gewissermaßen nur eine Metapher:
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
In drei knappen Zeilen wird die Erinnerung, die Kathexis, von dieser Sage wachgerufen. Das nennt man eine Metapher, d.h. man erzählt nicht die ganze längere Geschichte, sondern setzt das in einem gebildeten Publikum als bekannt voraus. Schiller hat viele Beispiele aus der griechischen Mythologie benutzt, und zu seinen Zeiten war das Publikum viel gebildeter als zu unseren Zeiten.
In Vers sechs und sieben folgt der Hinweis auf den Mythos von Aphrodite, der Göttin der Schönheit, und ihrem Liebhaber, dem schönen Jüngling Adonis, der von einem Eber tödlich verwundet wurde.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Aphrodite ist die Göttin der Liebe und der Schönheit, und Adonis wird als schön und zierlich beschrieben. Hier geht es also um die körperliche Schönheit, während es vorher um die Liebe ging.
In Vers acht und neun kommt der Hinweis auf Achilles' Tod vor Troja. Achilles war in der griechischen Mythologie der Sohn der Thetis, die ihrerseits die Tochter des Nereus und Frau des Peleus war. Achilles wird von Schiller als der göttliche Held bezeichnet. Die Schönheit von Achilles liegt wieder auf einer anderen Ebene, nämlich der des Charakters: die Schönheit der Tugend und vor allem der Tapferkeit. Er hat gekämpft, und selbst seine unsterbliche Mutter konnte ihren Sohn nicht retten.
In Zeile zehn und elf taucht eine Art Gegenthese auf: „Aber sie - die unsterbliche Mutter - steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus, und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn" - die Todesklage für Achilles.
Was passiert jetzt?
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Klassische Form
Dieses kleine Gedicht ist ein absolut klassisches Gedicht. Es hat alle Merkmale, die zu einem klassischen Gedicht gehören. Schiller verwendet hier den Kunstgriff, daß er z.B. die Zusammengehörigkeit von drei völlig verschiedenen Mythologien dadurch ausdrückt, daß er dreimal den Satz mit „nicht" beginnt: „Nicht die eherne Brust rührt es... Nicht stillt... Nicht errettet..." Durch die Verneinung der erwünschten Unsterblichkeit in Form einer Inversion - normalerweise beginnt ein Satz in seinem grammatischen Aufbau nicht mit „nicht", wird klar: diese drei Dinge haben etwas miteinander zu tun.
Sehr groß ist auch die Übereinstimmung von Form und Inhalt, denn wenn man sich das Versmaß betrachtet, stellt man fest, daß es sich hier um die berühmten Distichen handelt. Ein Distichon ist eine Abwechslung von Hexameter und Pentameter, wobei die Hexameter vorherrschend Daktylen mit fließendem Charakter sind - das kann man hier sehr schön nachvollziehen -, während der Pentameter ein Symbol der Begrenzung ist. Dadurch stellen Hexameter und Pentameter eine Einheit dar.
Die Zeilen „Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher" ist ein Hexameter, der Rhythmus ist fließend, während die Zeile „Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk" ein ganz anderer Rhythmus ist. Die Begrenzung wird dadurch hervorgehoben, daß die Zäsur in der Mitte bei dem „streng" liegt, was die Ausnahme betont, die der Herrscher der Schattenwelt gewährt hat. „Einmal nur erweichte die Liebe...": die Ausnahme wird sofort auch von der Form her wieder zurückgenommen.
Das ist höchste dichterische Meisterschaft. Das Tolle an der Dichtung ist ja gerade, daß sie „dicht" ist, gedichtet, verdichtet. Das ist wunderbar!
Das Erhabene
Noch ein anderer Punkt ist wichtig, der in dem Gedicht zum Ausdruck kommt. Das ist die klassische Auffassung, wie man mit Schmerz, mit Trauer umgeht.
Ich würde euch zur Vertiefung dieser Idee vorschlagen, daß ihr einmal lest, was Winckelmann und Lessing über die sog. „Laokoon-Gruppe", die jetzt im Vatikan steht, geschrieben haben. Die im klassischen Griechenland entstandene Statue zeigt einen Vater mit zwei Söhnen, der mit Schlangen und Drachen kämpft und offensichtlich großen Schmerz erleidet.
Winckelmann und Lessing haben beide sehr viel Wert darauf gelegt, den Künstler dieser Statue zu verteidigen, der den Gesichtsausdruck des Vaters, der schrecklichen Schmerz leidet, fast vergeistigt ausgedrückt hat. Lessing sagt, wenn der Bildhauer den Laokoon so dargestellt hätte, daß dieser den Schmerz einfach nur so herausbrüllte - so wie es Aristoteles wollte, eine Haltung, die Schiller auch in Bürgers Gedichten angreift: „Ausschreien muß ich meinen Schmerz, äääh" (Heiterkeit) - was ist dann mit dem Mund? Ein häßliches Loch, wo die Zähne zu sehen sind, oder was immer man da sieht.
Schiller hat in seiner Schrift Über die notwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen genau dieses Thema behandelt, daß man sich bei der Darstellung von etwas Gemeinem nicht auf die ganz gemeine Ebene herablassen dürfe. Wenn man also vom klassischen Standpunkt etwas Schlechtes darstellen will, darf man nicht die Häßlichkeit selber darstellen, oder man zerstört den Anspruch, daß die klassische Kunst das Böse durchgearbeitet und vergeistigt haben muß. Der Schauspieler, der auf die Bühne tritt und Schmerz, Haß, Wut, alle diese Dinge darstellen will, der darf nicht aus der Rolle fallen, sondern muß diese Gefühle vorher intellektuell erarbeitet haben, um sie dann abgeklärt abrufen zu können, oder er kann sie benutzen, um etwas intellektuell klar zu machen. Keinesfalls darf er die Gefühle einfach so rauslassen.
Das ist bei Schillers Gedicht genauso. Einerseits wird das Publikum angesprochen, sich damit zu identifizieren, und zwar an zwei Stellen: „Auch das Schöne muß sterben..." aber auch später: „Siehe, da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle..." Durch die Wiederholung „Es weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle" wird das noch verstärkt.
Doch dann kommt die große Überwindung, denn das Schöne, das ja gestorben ist, ist plötzlich wieder da, und zwar in der Schönheit des Gesangs: „Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich". Die Schönheit ist also gar nicht gestorben, sondern das Klagelied ist schön. Mit anderen Worten, die Schönheit wird unsterblich.
Es geht in diesem Gedicht also gar nicht um den Verlust des Schönen, sondern es geht um die Schönheit der Klagelieder und die Schönheit in der Dichtung. Das ist eine ganz unglaubliche Sache. Gerade dadurch, daß es kontrastiert ist - „denn das Gemeine geht klanglos den Orkus hinab" - wird es auf eine unantastbare Ebene gestellt. Genau das macht dieses Gedicht von Form und Inhalt her so makellos schön. Schiller sagt auch, daß eigentlich jedes Schöne unsterblich wird. Z.B. sagt er in Die Jungfrau von Orleans, einem sehr persönlichen Gedicht, über die Johanna: „Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben".
Nänie ist ein Gedicht, das vom Standpunkt der Klassik perfekt ist. Es könnte nicht besser sein. Es ist kein Wort zuviel, es ist auf engstem Raum verdichtet, und besitzt die wichtige Überwindung auf eine höhere Ebene. Da, wo der Tod das Schöne schon vernichtet hat, erscheint dieses wieder in der Schönheit des Gesanges. Das gilt nicht nur für die Dichtung, sondern es gilt für jeden Menschen, der die vollkommene Schönheit in seinem Leben, d.h. die Unsterblichkeit, irgendwie repräsentiert hat.
Das ist das, worum wir kämpfen. Wir wollen keine Leute sein, auf deren Grabstein irgendwann einmal steht: Er oder sie haben soundsoviele Kaviar-Brötchen gegessen, soundsoviele Pelzmäntel getragen und soundsoviele Ferraris gefahren. Sondern wir wollen, daß wir mit unserem Leben etwas dazu beitragen, daß zukünftige Generationen reicher und stärker und vermehrt den Fortschritt der Menschheit fortsetzen können.
Das hat etwas mit der Entwicklung der Seele zu tun, deren Unsterblichkeit Nikolaus von Kues meiner Meinung nach hinlänglich bewiesen hat. Er sagte, die Seele sei der Ort, wo die schönen Künste entstehen, wo die Wissenschaft entsteht, wo die Musik entsteht, wo die Entdeckungen in allen Wissensbereichen entstehen. Die Seele ist der Ort, der all das schafft. Es entsteht nirgendwo anders als in der menschlichen Seele bzw. in der kognitiven Vernunft, was dasselbe ist. Die Tatsache, daß das, was die Seele schafft, ewig existiert, ist der Beweis dafür, daß das, was etwas schafft - was von einer viel höheren Ordnung sein muß als das, was das Produkt ist -, unsterblich ist, d.h. noch mehr ist als das, was die Seele schafft.
Das finde ich phantastisch. Je mehr man sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, wird völlig klar, daß man so denken muß, und das kann man durch die Beschäftigung mit großen Dichtungen von großen Dichtern lernen.
Das hat Wilhelm von Humboldt zur Voraussetzung gemacht. Er meinte, damit man überhaupt eine neue Entdeckung machen kann, muß man die eigene Hochsprache in der schönsten Ausformung beherrschen, weil man nur das denken kann, was man auch ausdrücken kann. Man kann nichts denken, was man nicht in Worte fassen kann. Also muß man mehr schöne Worte, schöne Klassik, schöne Gedichte in den eigenen Geist aufnehmen.
Diese Fähigkeit beschreibt Schiller auch in den letzten Zeilen der Bürgschaft: „Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Bunde der Dritte". Der Tyrann ist in einen Freund verwandelt worden, d.h. auch hier geht es um einen Prozeß der Aufhebung, die Etablierung einer höheren Ebene.
Dieses Konzept hat Nikolaus von Kues mit der Coincidentia Oppositorum bezeichnet. Man darf nicht in die aristotelische, euklidische Geometrie vernagelt sein, es darf nicht wie bei Aristoteles nur ein Ja oder Nein geben, oder einen Widerspruch, aus dem dann irgend etwas neues entsteht. Genau das ist Maoismus! Die Maobibel ist aristotelisch, ein geschlossenes System, worin der Widerspruch das Produzierende ist: völlig verrückt!
Unsere Tradition, die Tradition der großen Dichter und Denker und Philosophen, ist dagegen die Coincidentia Oppositorum, das Denken auf einer Ebene, auf der die Widersprüche in eins fallen, in ein Universum, aus dem sich dann alles entfaltet. Diese Ebene muß man zuerst denken können, bevor man die Widersprüche denkt.
Das ist auch das Denken, das zum Westfälischen Frieden führte; man konnte die Konflikte von 150 Jahren Religionskriegen nur überwinden, indem man das Interesse des anderen vor sein eigenes stellte. Man muß von der einen Menschheit ausgehen, der die kriegerischen Parteien nachgeordnet sind. Lösungen in der Naturwissenschaft, in der Politik, bei der Überwindung von Konflikten, in der schönen Kunst kann man überhaupt nur finden, wenn man diese Ebene denken kann.
Das kann man trainieren und damit in gewisser Weise auch die eigenen Konflikte lösen - den Konflikt zwischen sinnlicher Befriedigung und Pflicht. Das hat Schiller in dem Gedicht Das Ideal und das Leben dargestellt, wo er sagt: Man hat nur die bange Wahl zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden; auch in verschiedenen anderen Gedichten hat Schiller das immer wieder beobachtet: entweder hat man sinnliche Befriedigung und es geht einem gut, oder man hat die Pflicht. Kant hat diesen Konflikt nie überwinden können, außer mit dem kategorischen Imperativ. Dagegen sagt Schiller - und das ist das Phantastische: Die Schönheit ist der Ort, wo dieser Konflikt überwunden wird. Die Schönheit liegt zwar ganz zweifelsfrei im Bereich des Sinnlichen, denn Schönheit ist etwas, was aus der Sinnlichkeit kommt. Aber sie ist auch etwas, was den Geist beschäftigt, d.h. die Schönheit ist das Verbindende zwischen sinnlichen Dingen und dem Geist.
Deshalb ist die Beschäftigung mit dem Schönen, Wahren und Guten und die Fähigkeit des dichterischen Aufhebens der Konflikte und der Widersprüche die eigentliche Kunst. Klassisch zu denken, heißt, daß man jeden Tag so denkt. Und das wollen wir ab heute so tun! (Applaus.)


