Vom Tulpenwahn, dem Mississippi-Projekt und dem Südsee-Schwindel
Man schrieb das Jahr 1711. England und Frankreich standen seit Jahren in einem Krieg gegeneinander, der beide Länder an den Rand des Ruins brachte. So verbreiteten sich in Frankreich auf dem Lande Bauernunruhen, und in den Städten kam es aufgrund von Teuerungen zu Revolten, weil die Steuern mit der Schuldenspirale durch den Krieg immer weiter anstiegen. Auch in England ging es immer schlechter; während die Bevölkerung immer weiter verarmte und der Handel stetig sank, stiegen die Steuern unaufhörlich. Nur John Churchill, der Herzog von Marlborough, und seine venezianisch-holländischen Kreise verdienten kräftig am Krieg. Sie waren es auch gewesen, die die damals herrschende Königin Anne 1702 in den Krieg hineinmanipuliert hatten.
Diese Königin war vielleicht die tragischste Figur in diesem Spiel, denn sie stand im Zentrum der heftigsten Auseinandersetzungen zwischen den venezianisch-holländischen Finanzinteressen in England und ihren politischen Lakaien, wie z.B. John Churchill, und auf der anderen Seite den republikanisch gesinnten Kreisen um Jonathan Swift und Leibniz. Mit dem Herzen war sie eindeutig auf der republikanischen Seite, aber leider war sie unfähig, sich gegen die bösartigen Intrigen der Churchills politisch durchzusetzen und gab deren politischem und persönlichen Druck gerade auch in entscheidenden Situationen sehr zum Verhängnis des Landes nach.
Swift und Leibniz war bewußt, daß England und Frankreich große Territorien in Nordamerika kontrollierten, die für den Aufbau einer Republik dort von entscheidender Bedeutung waren. Sollten beide Monarchien unter die feste Kontrolle der venezianischen Finanzdiktatur geraten, würde dieses Potential wirtschaftlich und politisch vernichtet. Ziel der Strategie von Swift und Leibniz war es also, die Fraktion der Commonwealth-Partei in England zu stärken und in Frankreich die Tradition von Ludwig XI. und Mazarin, Richelieu und Colbert wiederzubeleben.
In jenem Jahr 1711, mitten im englisch-französischen Krieg, entlarvte der irische Freiheitskämpfer und bekannte Satiriker Jonathan Swift in seinem strategischen Papier The Conduct of the Allies (Die Absichten der Alliierten) das venezianische Vorhaben, die beiden Monarchien so lange in einen Krieg gegeneinander zu verstricken, bis beide Länder so weit zerstört waren, daß einer feindlichen Übernahme durch die venezianisch-holländische Finanzoligarchie nichts mehr im Wege stünde. Diese Schrift war eine schwere Attacke gegen die Netzwerke des unter venezianischem Einfluß stehenden Herzog von Marlborough (einem direkten Vorfahren Winston Churchills), der hartnäckig versuchte, Königin Anne zu einer Weiterführung des kostspieligen, aufreibenden und sinnlosen Krieges mit Frankreich zu bewegen. Indem Swift die perfide Strategie Venedigs aufdeckte und damit aufzeigte, daß es Churchill gar nicht darum ging, den Krieg zu gewinnen, sondern diesen nur in Gang zu halten und damit auch England völlig zu ruinieren, kämpfte er der Königin den Rücken frei und stärkte die Commonwealth-Fraktion.
Der Herzog von Marlborough erlitt dadurch eine schwere innenpolitische Niederlage und wurde zumindest für einige Zeit politisch isoliert. Denn Jonathan Swift besaß damals - sehr zum Ärger der sich gerade nach dem venezianischen Modell entwickelnden britischen Finanzoligarchie, die die Landaristokratie verdrängte - sehr großen Einfluß und fand viel Gehör. Alleine diese Schrift The Conduct of the Allies wurde in nur zwei Tagen tausendmal verkauft und erlebte in zehn Tagen bereits drei Auflagen. Die Kriegsgegner und auch die Königin wurden dadurch so weit gestärkt, daß 1713 im Frieden von Utrecht den Feindseligkeiten ein Ende gesetzt wurde.
Leider war Königin Anne sozusagen der Bill Clinton der damaligen Zeit: Sie war ein Mensch mit guten Absichten, gab aber aus Feigheit dem Druck der Finanzinteressen und ihrer schlechten Berater wider besseres Wissen nach. Als sie 1714 starb, hatte sie es nicht geschafft, der Commonwealth-Fraktion zum Durchbruch zu verhelfen. Erschwerend kam noch hinzu, daß die Kurfürstin Sophie von Hannover, die zum Netzwerk von Leibniz und Swift, also zur "amerikanischen" Commonwealth-Fraktion gehörte und 1701 vom englischen Parlament zur Thronerbin erklärt worden war, im gleichen Jahr verstarb. Ihr Sohn Georg bestieg als George I. den britischen Thron. Diesen mußte Churchill gar nicht erst manipulieren, er war längst dem Einfluß seiner Mutter entglitten und stand auf der falschen, der venezianischen Seite.
Auch in Frankreich entwickelte sich die politische Situation zum Schlechteren. Nach dem Tode Ludwigs XIV., der ohnehin eine "Heimsuchung" Frankreichs gewesen war, kam - nach einer ganz im Interesse Venedigs liegenden rätselhaften Mordserie unter den möglichen Thronerben - der völlig dekadente Herzog von Orleans an die Macht, weil der einzige überlebende Thronfolger noch zu jung war, um den Thron zu besteigen.
Mit dieser neuen politischen Kombination - Georg I. in England und dem Herzog von Orleans in Frankreich - versuchte die Finanzoligarchie jetzt noch einmal, was ihr durch den Krieg nicht gelungen war, nämlich die Commonwealth-Fraktion in England und die Tradition Ludwigs XI. in Frankreich zu zerstören. Um jeglichen Widerstand gegen eine venezianisch-holländische Finanzdiktatur zu beseitigen, erzeugte sie zwei völlig irrsinnige Spekulationsorgien: das Mississippi-Projekt in Frankreich und den Südseeschwindel in England. Dabei setzte sie zwei ihrer schlimmsten Agenten ein, John Law in Frankreich und John Blunt in England.
Das wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht in beiden Ländern eine völlig dekadente Elite an der Macht gewesen wäre - während die Bevölkerung, statt die für sie verheerende Politik der Finanzoligarchie zu bekämpfen, lieber bis zum Umfallen mit ums Goldene Kalb tanzte. Als die Menschen aus ihrem Rausch erwachten, war es zu spät, und wieder waren es hauptsächlich die "kleinen Leute", die im Irrglauben an das "schnelle Geld" alles verloren hatten.
Aber sie hatten in beiden Ländern nicht nur ihr Geld verspielt, sondern auch die Chance auf politische Freiheit und langfristige wirtschaftliche Entwicklung, denn das "Amerikaprojekt", der Aufbau des ersten souveränen Nationalstaates, der die direkte Beteiligung des einzelnen an der Regierung ermöglichen und der Willkürherrschaft der Blaublüter ein Ende bereiten sollte, verzögerte sich durch diese politische Machenschaften erheblich - bis 1776.
John Law
John Law war allen Legenden zum Trotz nichts weiter als ein Zocker, der seiner Leidenschaft durch einige monetaristische Abhandlungen ein wissenschaftliches Ansehen verleihen wollte. Die Arbeit im Kontor seines Vaters, eines Goldschmieds und Bankiers in Edinburgh, wurde ihm schnell lästig, so daß er sie nach dessen Tod 1688 sofort aufgab und fortan von seinem Erbe lebte. Er war damals gerade 17 Jahre alt. Die Ausbildung für seinen späteren "Beruf" als Bankier und Finanzberater der französischen Regierung verschaffte er sich in den Spielhöllen Europas.
Seine Karriere begann er in London, wo er nach neun Jahren zum hoffnungslosen Spieler geworden war, der fast sein gesamtes, nicht unbeträchtliches Erbe durchgebracht hatte. Als er dann noch wegen einer Liebesaffäre einen Widersacher im Duell erschoß, wurde er unter Mordanklage gestellt und zum Tode verurteilt. Unter nie geklärten Umständen gelang ihm die Flucht aus der Haft, und er setzte sich aufs europäische Festland ab.
Er war mittlerweile 26 Jahre alt und hielt sich einige Zeit in Amsterdam auf. Tagsüber studierte er das Finanzsystem der holländischen Oligarchie, die Nächte verbrachte er in den Spielhöllen, um das Erlernte in die Praxis umzusetzen. 1700 kehrte er für kurze Zeit nach Schottland zurück und versuchte, das Parlament für die Errichtung einer Bodenkreditbank zu begeistern. Dieses vollkommen monetaristische Projekt einer "Landbank" fand glücklicherweise im Parlament keine Mehrheit, und der zeitgenössische Witz machte daraus eine "Sandbank", auf der das Staatsschiff sehr bald stranden werde.
Auf diesen Fehlschlag folgte ein weiterer: Seine Bemühungen um Begnadigung in der Duellaffäre scheiterten. Zwangsläufig wechselte er wieder auf den Kontinent über und ging der einzigen Tätigkeit nach, die er beherrschte: Er spielte. 14 Jahre lang streifte er durch Europa und war in jeder namhaften Spielhölle bekannt.
Offenbar bewegte er sich dabei oft hart am Rande der Legalität, denn mehrere Male wurde er aus den Städten, in denen er spielte, ausgewiesen. So auch in Paris, aber dieser Ausweisungsbefehl wurde nicht vollstreckt, weil Law zuvor in den Pariser Salons die Bekanntschaft einflußreicher Politiker gemacht hatte, darunter auch die mit dem Herzog Philipp von Orleans, die sich für Frankreich als verhängnisvoll erweisen sollte. Als nämlich Ludwig XIV. 1715 starb und der Thronerbe ein Kind von erst sieben Jahren war, wurde der Herzog von Orleans Regent.
Er übernahm einen Staat, dessen Finanzen durch Krieg und Korruption so zerrüttet waren, daß der sofort einberufene Staatsrat angesichts von drei Milliarden Livres Schulden mit dem Gedanken spielte, den Staatsbankrott zu erklären. Weil dann aber die Banken und anderen Finanzinstitute leer ausgegangen wären, verwarf man diese Idee als unredlich und ruinös. Auch die anderen Vorschläge zur Verbesserung der finanziellen Lage des Staates endeten im totalen Fiasko. Durch Umprägung z.B. wurde die Währung um ein Fünftel abgewertet, was aber alle Handelsvereinbarungen mit dem Ausland durcheinanderbrachte. Als nächste Verzweiflungstat wurde ein Staatsgerichtshof eingerichtet, der sich mit den Folgen der Korruption von Kreditvermittlern und Steuerpächtern beschäftigen sollte. Auf diese Weise kamen zwar 180 Mio. Livres zusammen, davon wurden aber nur 80 Mio. für den Schuldendienst verwendet, 100 Mio. versickerten in den Taschen der Höflinge.
Niemand kam in dieser Situation auf die Idee, die industrielle und landwirtschaftliche Produktion im Lande anzukurbeln und durch Infrastrukturprojekte Rahmenbedingungen für einen anhaltenden Wirtschaftsaufschwung zu schaffen. Das ganze Denken bewegte sich in monetaristischen Bahnen, und die Hauptanstrengung beschränkte sich auf die Bezahlung der Schulden um jeden Preis, ohne Rücksicht auf den Zustand der Volkswirtschaft und die Lebensbedingungen der Bevölkerung. Wer denkt da nicht an die regelmäßigen Treffen der Finanzminister der G-7-Staaten heute mit ihren fatalen Beschlüssen, die genau in die gleiche Richtung gehen?
Günstling des Hofes
In dieser chaotischen Situation betrat jetzt John Law die Szene und unterbreitete die Pläne, mit denen er früher in Schottland und in Italien gescheitert war. Er hatte nämlich auch noch 1708 versucht, sein Projekt einer Landbank dem Herzog Viktor Amadeus von Savoyen zu verkaufen, aber der hatte dankend mit der Bemerkung abgewinkt, er sei ein zu armer Potentat, um sich ruinieren zu lassen.
Beim Herzog von Orleans hingegen stieß er auf offene Ohren. Das lag schon daran, daß dieser seine Regierungspflichten verabscheute, weil er nicht einsah, warum er seine Bequemlichkeit und seine Vergnügungen den mühevollen Staatsgeschäften opfern sollte. Dankbar ergriff er deshalb die Vorschläge Laws, dessen einzige Qualifikation es war, daß er von den 45 Jahren seines Lebens 23 in Spielhöllen verbracht hatte. John Law schlug vor, zur Wiederherstellung des Vertrauens in die Finanzen eine Bank zu gründen, welche die Verwaltung der königlichen Einnahmen übernehmen und Banknoten herausgeben sollte, die einerseits durch die Steuereinnahmen und andererseits durch Grund und Boden gedeckt wären.
Gleichzeitig wurde eine Public-Relations-Kampagne in Gang gesetzt. Die Höflinge priesen ihn bei jeder Gelegenheit, und bald wurden große Dinge von ihm erwartet. Law selbst übersetzte seinen alten Essay über Geld und Handel (Produktion spielte natürlich keine Rolle) und versuchte sich so als seriöser Finanzfachmann zu verkaufen, was bei dem niedrigen geistigen Niveau am Hofe und beim Adel nicht sonderlich schwer war. Er war ein ebenso windiger Lebemann wie sie, und das genügte als Reputation.
Am 5. Mai 1716 erging ein königliches Edikt, das John Law zusammen mit seinem Bruder zur Gründung der Banque Generale bevollmächtigte, deren Banknoten auch zur Bezahlung von Steuern zugelassen wurden. Das Kapital der Bank betrug 6 Mio. Livres, aufgeteilt in 1200 Aktien zu 5000, die zu einem Viertel mit Hartgeld und zu drei Vierteln mit den billets d'etat (Staatspapieren, die die Regierung zur Absicherung der von Ludwig XIV. hinterlassenen Staatsschulden ausgab) erworben werden konnten. Die von seiner Bank ausgegebenen Noten waren zahlbar bei Sicht und gegen Hartgeld mit einem festgesetzten Silbergehalt konvertierbar.
Law erklärte öffentlich, daß jeder Bankier den Tod verdiene, wenn er Emissionen ohne ausreichende Deckung betreibe. Das war schon ganz schön dreist, bestand doch die Deckung seiner Banknoten zu drei Vierteln aus Staatsscheinen einer zahlungsunfähigen Regierung, die das Papier nicht wert waren, auf dem sie gedruckt waren. Zudem hatten sie nach einem Jahr offiziell nur noch 78,5% ihres Nominalwertes. Trotz alledem stieg der Wert der Bankaktien im gleichen Zeitraum um 15%.
Das Mississippi-Projekt
Dieser "Erfolg" ließ John Law jetzt das große Vorhaben in Angriff nehmen, mit dem sein Name bis heute verbunden ist: das Mississippi-Projekt. Er schlug dem Regenten die Gründung einer Aktiengesellschaft vor, die das ausschließliche Handelsmonopol am Mississippi und in Louisiana haben sollte, wo man große Edelmetallvorkommen vermutete.
Am 28. August 1717 wurde die Compagnie d'Occident gegründet, auch Mississippi-Kompanie genannt, mit der John Law die zu erwartenden Reichtümer Amerikas zu Geld machen wollte. Das zeigt das Perfide an dieser venezianischen Operation, daß sie nicht nur die Ökonomien Englands und Frankreichs zerstören wollte, sondern zugleich auch noch Nordamerika ausplündern wollte, um so den Aufbau einer freien Republik dort zu unterbinden. Aufgrund einer Konzession für die wirtschaftliche Ausbeutung Louisianas setzte Law das Kapital der Gesellschaft auf 100 Mio. Livres fest und gab 200000 Aktien zu dem niedrigen Nennwert von 500 Livres aus, um weite Teile der Bevölkerung in die Spekulation mit hineinziehen zu können.
Und tatsächlich wurde die Nation vom Spekulationsfieber ergriffen, obwohl die ganze Operation nur auf Versprechungen und Vermutungen gegründet war, denn wie es wirklich am Mississippi und in Louisiana aussah, wußte niemand so genau. Weil die Aktien nur gegen die Noten seiner Bank zu kaufen waren, stützte die Spekulation den Wert des Papiergeldes, so daß John Laws Finanzgebäude, das zwar auf Sand gebaut war, für den Augenblick Bestand zu haben schien.
Durch den großen "Erfolg" der ersten Spekulationswelle angespornt, kannten John Law und der Regent bald keine Grenzen mehr. Zuerst wandelte der Regent Laws Bank zur Königlichen Bank um. Als so aus der privaten eine staatliche Institution wurde, ließ der Regent Banknoten im Wert von einer Milliarde Livres drucken, die völlig ungedeckt waren. Das ist nur mit Vorgängen unserer Tage zu vergleichen: Heute wird Geld gedruckt, um die bereits existierende Spekulationsblase am Leben zu erhalten, damals druckte man das Geld, als die Blase erst im Entstehen war.
Aber der Wahnsinn ging noch weiter. Im Mai 1719 vereinigte Law die existierenden Kolonialgesellschaften Frankreichs in einer Art Megafusion zur Compagnie Perpetuelle des Indes. Diese Gesellschaft hatte jetzt das Handelsmonopol für Ostindien, China, Teile der Südsee und alle Besitzungen der von Colbert gegründeten Compagnie des Indes Orientales. Mit dem Hinweis auf diese "Wertsteigerung" wurden zunächst weitere 50000 neue Aktien ausgegeben. Sie waren sechsfach überzeichnet, und deshalb führte Law in kurzen Abständen noch weitere Emissionen durch, so daß insgesamt über 600000 Aktien im Wert von 300 Mio. Livres ausgegeben wurden.
Von der Aussicht auf schnellen Gewinn verblendet, rissen sich die Spekulanten die Papiere aus den Händen, und der Kurs einer 500er-Aktie stieg schließlich bis auf 18000. Da Paris keine offizielle Börse besaß, verwandelte sich die Rue Quincampoix, in der viele Bankiers, auch John Law, ihre Geschäfte hatten, in einen Tummelplatz der Spekulanten.
Mit jeder neuen Emission verwandelte sich Paris mehr in ein Tollhaus. Weil sein Haus Tag und Nacht belagert war, zog John Law an die Place Vendome um, doch auch dorthin folgte ihm die Meute der Spekulanten. Als die Situation dort, die immer mehr einem Jahrmarkt glich, unkontrollierbar wurde, führte Law Verhandlungen mit dem Prinzen von Carignan, der Besitzer des Hotel de Soissons war, eines herrschaftlichen Gebäudes mit einer mehrere Morgen großen Parkanlage. Law kaufte das Hotel, und der Prinz behielt den Garten als lukrative Einnahmequelle: Denn sobald Law das Gebäude bezogen hatte, erging ein Edikt, daß Aktien nur noch in den Gärten des Hotels de Soissons gehandelt werden dürften. Dort wurden 500 Zelte errichtet, in denen fortan die Spekulationsgeschäfte abgewickelt wurden. So verdiente sich Carignan noch eine goldene Nase an der Verblendung seiner Zeitgenossen, denn jedes Zelt brachte 500 Livres Pacht im Monat, was bei 500 Zelten monatliche Einnahmen von 250000 Livres bedeutete. Das dürfte aber auch die einzige Art von "Wirtschaftsaufschwung" gewesen sein, den diese Spekulationsorgie hervorbrachte.
Privatisierung der Staatsfinanzen
Der nächste Schritt, den Law und der Regent vollzogen, ist geradezu unglaublich: die Privatisierung der Staatsfinanzen. Auf die heutige Situation übertragen würde das bedeuten, daß unser Finanzminister das Recht, Steuern einzutreiben, sowie die Leitung der Bundesbank und den Außenhandel an z.B. die Deutsche Bank verkaufen würde. Diese Bank würde dann über eine riesige Geldmenge verfügen und mit den Staatsfinanzen herumspekulieren, wie das heute in den USA schon mit den Rentenfonds der Fall ist. Und genau das geschah damals. John Laws Riesenunternehmen erwarb die Pacht der indirekten Steuern, die Verwaltung sämtlicher direkter Steuern und die Vertretung der Kolonialinteressen. Damit waren die gesamten Staatsfinanzen in ein einziges Unternehmen eingebracht. 1720 fusionierte dann noch die Königliche Bank mit der Indienkompanie. Dieses Riesenunternehmen war in der Lage, die Staatsschulden, die sich auf 2,25 Mrd. Livres beliefen, zu übernehmen und mit der Konvertierung gegen Aktien zu beginnen.
Die "kleinen Leute", die sich wie wild auf diese billigen Aktien stürzten, begrifffen erst gar nicht, was sie da taten: Sie bezahlten letztendlich die Staatsschulden. Aber nicht jeder sah dieses "Lawsche System" als Erfolgsmodell. Im Parlament regte sich enormer Widerstand, weil mit jedem Kursanstieg der Aktien dieses Megaunternehmens auch mehr Banknoten gedruckt wurden. Und durch Produktion und Steuereinnahmen war diese wundersame Vermehrung der Geldmenge auch nicht abgedeckt, weil sich der "Wirtschaftsboom" nur auf die Befriedigung der Luxuswünsche der Reichen und Neureichen gründete und auch hauptsächlich auf Paris beschränkt war, das wie ein Magnet die Spekulationssüchtigen aus dem ganzen Lande anzog.
Als sich nun der Widerstand des Parlaments in der Verabschiedung von Dekreten gegen das Lawsche System manifestierte, eilte Law in den königlichen Palast und forderte vom Regenten, das Parlament zum Gehorsam zu zwingen. Als gutes Zureden nicht fruchtete, "disziplinierte" der Regent das Parlament, indem er kurzerhand den Parlamentspräsidenten und mehrere Räte verhaften und in entlegene Gefängnisse verschleppen ließ.
Aber das konnte den Niedergang auch nicht mehr aufhalten. Zuerst regten sich die Insider. Den reichen Berufsspekulanten und Geldmaklern war seit längerem klar, daß die Kurse nicht unendlich steigen konnten. Das durfte man natürlich nicht laut sagen, weil sonst auch die "kleinen Leute" aufgehört hätten, Geld in dieses System zu stecken. Nach außen hin verbreitete man Euphorie, heimlich tauschte man Banknoten gegen Hartgeld um und schaffte es zusammen mit Gold- und Silbergeschirr und Juwelen nach England und Holland.
Jetzt wurde das Hartgeld knapp, und Law reagierte panisch. Erst wurde es abgewertet, dann wurde die Auszahlung in Hartgeld stark eingeschränkt, und als das alles nichts half, weil die Transferierung der wertvollen Metalle ins Ausland dadurch nicht aufgehalten werden konnte, drehte Law durch und verbot das Hartgeld ganz, um damit den Kredit des Papiergeldes wiederherzustellen. Der Ankauf von Tafelsilber, Schmuck und Edelsteinen wurde auch verboten.
Der Absturz
Mit diesen Verzweiflungstaten schürten Law und der Regent die Ängste der Spekulanten erst richtig an und wurden in kürzester Zeit zu den meistgehaßten Männern im Lande. Langsam dämmerte es auch den Dümmsten, daß das System nicht funktionierte. Niemand wollte mehr Papiergeld nehmen, andererseits war der Besitz von Hartgeld über 500 Livres verboten. Man muß sich nur wundern, daß damals keine Revolution ausbrach.
Charles Pinot Duclos schrieb über diese Zeit in seinen Geheimen Memoiren: "Niemals gab es eine so unberechenbare Regierung; niemals lag soviel wahnwitzige Tyrannei in so schwachen Händen. Niemand, der die Schrecknisse dieser Zeit als Augenzeuge erlebte und später auf sie zurückblickte wie auf einen bösen Traum, kann verstehen, warum keine spontane Revolution ausbrach und beide, Law wie den Regenten, verschlang. Beide lösten nur noch Schrecken aus - aber die Franzosen begnügten sich mit Lamentieren. Sie zeigten lediglich eine düstere, ängstliche Verzweiflung, eine törichte Bestürzung und waren letztlich zu feige für ein mutiges Verbrechen."
Trotz alledem versuchte man den schönen Schein zu wahren. Obwohl ausgesandte Pioniere mit leeren Händen vom Mississippi und aus Louisiana zurückkehrten, was zum rapiden Fall der Aktien der Mississippi-Gesellschaft führte, veranstaltete man unter der ärmeren Bevölkerung in Paris eine Zwangsrekrutierung wie in Kriegszeiten und ließ über 6000 dieser armen Menschen tagelang mit Schippe und Hacke durch die Hauptstadt ziehen. Es wurde dann das Gerücht verbreitet, sie sollten nach Amerika verschifft werden, um dort in den angeblich so reichhaltigen Goldminen zu arbeiten.
Aber das half auch nichts mehr, es verlängerte nur den Untergangsprozeß. Man darf die Bekämpfung des Unheils eben nicht dessen Urhebern überlassen. Jetzt durften Zahlungen nur noch in Papiergeld vorgenommen werden; Anfang 1720 wurden noch einmal 1,5 Mrd. Livres in Banknoten gedruckt, doch nichts konnte das verschwundene Vertrauen in das Papiergeld wiederherstellen. Der Präsident des Parlaments Lambert drückte die allgemeine Stimmung aus, als er dem Regenten ins Gesicht sagte, er besitze lieber 100000 Livres in Gold und Silber als fünf Millionen in Banknoten der Königlichen Bank.
Die Volksseele begann zu kochen, das Parlament verweigerte die Umsetzung der Edikte, und als so politisch nichts mehr möglich war, entließ der Regent Law Ende Mai, dem er gleichzeitig alle Schuld an dem Desaster zuwies. Dann schloß er vorübergehend die Königliche Bank, und demonstrativ wurden große Mengen alter Banknoten vor dem Rathaus verbrannt.
Am 10. Juni 1720 wurde die Bank wiedereröffnet, damit das Papiergeld gegen Hartgeld umgetauscht werden konnte. Nun begann der Run auf die Bank; säckeweise wurden die Banknoten angeschleppt, aber der Wert war dermaßen abgesackt, daß man für einen ganzen Sack nur noch etwa 50 Livres erhielt. Die Volkswut war nur noch durch das Militär zu bremsen, und als es bei den Unruhen die ersten Toten gab, brachte die aufgebrachte Menge die Leichen vor das Palais Royal, damit der Regent das Unglück sehen konnte, das er und Law über das Land gebracht hatten.
Dem Regenten ging es jetzt aber nur noch um Schadensbegrenzung. Als erstes wollte er die Indienkompanie absichern, weil diese der Nation für eine Riesensumme zu bürgen hatte. Der Staatsrat wollte alles Erforderliche tun, um das Vertrauen in die Aktien dieser Gesellschaft zu stärken, damit sie ihren Verpflichtungen nachkommen konnte. Als er vorschlug, der Kompanie das vollständige Monopol für den Überseehandel zu übertragen und dieses durch ein Edikt festzuschreiben, mobilisierten die Unternehmen, die diesen Handel bisher betrieben und nun in den Ruin gestürzt wurden, das Parlament, das sich dann auch weigerte, dieses Edikt zu registrieren.
Daraufhin eskalierte die Situation bis hin zum Absurden. Der Regent verbannte das gesamte Parlament nach Pontoise. Und wie reagierte die "Volksvertretung"? Mit kämpferischem Geist und Mobilisierung des Widerstandes? Weit gefehlt! Um dem Regenten zu zeigen, wie unbeeindruckt sie von ihrer Verbannung seien, feierten sie mehrere Wochen lang ununterbrochen: Jeden Abend konnten sich die Damen beim Ball ergötzen, während sich die Räte beim Kartenspiel und anderen Vergnügungen die Zeit vertrieben.
Nichts konnte den Zusammenbruch des Riesenunternehmens aufhalten. Nur diejenigen, welche rechtzeitig verkauft hatten, waren reich geblieben. Die meisten allerdings verloren alles, was sie besaßen und hatten dazu noch beträchtliche Schulden gemacht. Die Staatsschulden wurden durch die Spekulationsorgie um 900 Mio. Livres verringert, natürlich zu Lasten der unglücklichen Verlierer, der breiten Masse der Bevölkerung, die man mit der Aussicht auf schnellen Spekulationsgewinn geködert hatte. Die Indienkompanie wurde saniert, was mehrere Jahre dauerte, allerdings wurden ihr die Verwaltung der Münze, die Steuereintreibung und andere Privilegien wieder abgenommen.
Unter den zahlreichen Karikaturen, die damals erschienen und die zeigten, daß das Land langsam aus dem Wahn erwachte, befand sich eine in den Memoires de la Regence von Piossens:
"Die ,Göttin der Aktien' fährt in ihrem Triumphwagen, den die Göttin der Torheit lenkt. Gezogen wird der Wagen von Personifikationen der Mississippi-Gesellschaft, der Südsee-Gesellschaft, der Bank von England, der Westsenegal-Gesellschaft und verschiedener Assekuranzen. Damit der Wagen nicht zu schnell rollt, sind die Agenten dieser Gesellschaften, die man an ihren langsamen Fuchsschwänzen und ihrem gerissenen Augenausdruck erkennt, um die Speichen der Räder gewunden, auf welchen wiederum die Namen verschiedener Aktienfonds verzeichnet sind, zusammen mit ihrem jeweiligen Kurs: hoch, wenn die Speiche oben - niedrig, wenn sie unten steht. Zermalmt unter den Rädern des Wagens liegen Waren, Kladden und Hauptbücher des ehrbaren Handels. Hinter dem Wagen läuft eine riesige Menge von Menschen jeden Alters, Geschlechtes und Standes, die laut nach Fortuna rufen und miteinander um die Aktien kämpfen, die die Göttin so überreichlich auf sie hinabwirft. In den Wolken sitzt ein Dämon und produziert Seifenblasen, die ebenfalls Objekte der Bewunderung und Begierde der Menge sind; einige sind auf den Rücken anderer gesprungen, um eine Seifenblase zu erhaschen, bevor sie platzt. Direkt auf dem Wege, den der Wagen nehmen muß, steht ein hohes Gebäude, das die Durchfahrt behindert. Es hat drei Türen, deren eine der Wagen passieren muß, wenn er seinen Weg fortsetzen will - und mit ihm die Menge. Über der ersten Tür steht: ,Irrenanstalt', über der zweiten ,Krankenhaus' und über der dritten ,Bettlerasyl'."
Eine andere Karikatur zeigte Law in einem großen Kessel sitzend, den die Flammen des Massenwahns am Kochen halten - auch er umgeben von einer gewaltigen Menschenmenge, die dabei ist, ihn mit Gold und Silber zu füllen und zugleich freudig und dankbar Papierschnipsel aufzufangen, die Law ihnen mit vollen Händen zuwirft.
Während Frankreich noch mit den Folgen seiner Spekulationsorgie zu kämpfen hatte, wurde England von einer ähnlichen erfaßt.
Der Südsee-Schwindel
Die Gründung der Südsee-Gesellschaft in England 1711 diente in erster Linie dazu, den Geldbedarf der Regierung zu decken, der durch den Krieg mit Frankreich enorm war, denn die Bevölkerung hatte sich den Schuldverschreibungen der Regierung gegenüber abweisend verhalten.
Jetzt sollten die koloniale Expansion und die angeblich mit ihr zu erwartenden unermeßlichen Reichtümer das Volk zum Aktienkauf verführen. Denn wer hatte nicht von den außergewöhnlich ertragreichen Gold- und Silberminen in Peru und Mexiko gehört? Anfangs dümpelte die Gesellschaft noch vor sich hin, weil der Friede von Utrecht 1713 nicht die erwartete Öffnung von spanischen Häfen in Südamerika gebracht hatte. Doch als die Gesellschaft 1720 anbot, fast 32 Mio. Pfund Staatsschulden gegen die Erlaubnis zu übernehmen, ihr Kapital unbegrenzt und zu jedem Kurs zu erhöhen, weil sie jetzt angeblich freie Fahrt nach Südamerika durch Verhandlungserfolge erreicht hatte, fiel das leichtgläubige Volk in Scharen über die Aktien der Südsee-Gesellschaft her. Daß sie eigentlich für dumm verkauft wurden und nur dazu ausgenutzt wurden, die Staatsschulden zu bezahlen, merkten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Es war gerade die Zeit, als das Lawsche System in Frankreich auf dem Höhepunkt seiner Popularität angelangt war und die Menschen in rasender Begierde, sich zu ruinieren, zu Tausenden in die Gärten des Hotel de Soissons drängten - kurz vor dem Zusammenbruch des Wertes des Papiergeldes und der Mississippi-Gesellschaft.
Während der Beratungen im Parlament über den Vorschlag der Südsee-Gesellschaft, die Staatsschulden zu übernehmen, warnte nur der Abgeordnete Walpole vor diesen Finanzpraktiken. Sie würden die gefährliche Praxis der Spekulation fördern und den Geist der Nation von Handel und Industrie ablenken. Hier werde ein gefährlicher Köder ausgelegt, um die Unvorsichtigen in den Ruin zu locken; man wolle sie die Erträge ihrer Arbeit vergessen lassen um der Aussicht auf einen imaginären Reichtum willen. Das Hauptprinzip des Plans sei ein Übel ersten Ranges: Man treibe die Aktienkurse dadurch künstlich nach oben, daß man eine allgemeine Verblendung erzeuge und aufrechterhalte, indem man Dividenden aus Kapitalien verspreche, die gänzlich irreal seien.
Und genau das machte das Direktorium der Südsee-Gesellschaft und besonders ihr Vorsitzender Sir John Blunt. Sie setzten die wildesten Gerüchte in die Welt, z.B. daß es bald Verträge zwischen England und Spanien geben würde, auf deren Grundlage der Freihandel mit allen spanischen Kolonien garantiert wäre. Noch während der Debatte im Parlament stieg der Kurs der Aktie von 130 auf 300 Pfund.
Auch im Oberhaus wurde die Vorlage durchgepeitscht, das Spekulationsfieber hatte die Lords genauso gepackt wie das einfache Volk. Aber auch hier gab es warnende Stimmen wie beispielsweise die von Lord North and Grey, der die Vorlage von ihrem Wesen her ungerecht fand, weil sie darauf hinauslaufe, einige wenige zu bereichern und die Masse der Bevölkerung zu verarmen. Am 7. April 1720 erhielt die Vorlage die königliche Genehmigung und damit Gesetzeskraft.
Gerüchte und Verblendung
Als entgegen allen Erwartungen die Südseeaktien nach der königlichen Genehmigung fielen, wurde die Gerüchteküche erneut bemüht; man erzählte die unglaublichsten Lügen über mögliche Profite durch neue politische Verträge mit Spanien. Endlich zog der Kurs wieder an, und am 12. April emittierten die Direktoren eine Million neue Aktien zum Eröffnungskurs von 300 Pfund je 100-Pfund-Aktie. Die Kurse stiegen weiter, und um sie noch mehr in die Höhe zu treiben, beschloß das Direktorium, die Mittsommerdividende auf 10% festzulegen. In den Genuß dieser Dividende sollten auch die Neuzeichner der gerade aufgelegten Aktien kommen. Offenbar war jedes Mittel recht, um die Verblendung der geldgierigen Menschen noch weiter zu steigern. Die nächste Emission wurde schon zum Kurs von 400 pro 100-Pfund-Aktie aufgelegt, und in wenigen Stunden waren anderthalb Millionen Aktien gezeichnet.
Die Hysterie um die Aktien der Südsee-Gesellschaft führte dazu, daß plötzlich überall Aktiengesellschaften aus dem Boden schossen, die einzig zu dem Zweck gegründet wurden, das Geld der Bevölkerung abzuschöpfen, das für sie buchstäblich auf der Straße zu liegen schien. Es ist wirklich kaum zu glauben, worauf das Publikum bei diesem Spektakel hereinfiel. Eine Gesellschaft soll Leichtgläubige sogar mit der Ankündigung gelockt haben, sie werde den Gegenstand ihrer Geschäftstätigkeit erst später bekanntgeben. Eine andere versprach die Versorgung Londons mit Kohlen aus dem Meer, eine weitere den Handel mit Haar; es gab auch eine Gesellschaft für die Ausrichtung von Begräbnissen in allen Teilen Großbritanniens und natürlich auch eine zur Herstellung des Perpetuum Mobile. Was noch fehlte, waren Gesellschaften für den Export von Eseln nach Spanien und von Eulen nach Athen.
Im Volksmund hießen diese Neugründungen "bubbles", und in der Tat zerplatzten diese Seifenblasen meistens schon nach ein oder zwei Wochen, wenn sie nicht schon vorher verboten wurden. Aber es ist schon bezeichnend für die Verblendung der Bevölkerung, daß selbst die "Gesellschaft zur Durchführung eines überaus nützlichen Unternehmens, das aber noch niemand kennt" in sechs Stunden eintausend Aktien zeichnen konnte. Der Mann nahm zwei Pfund Anzahlung je 100-Pfund-Aktie und machte sich mit den 2000 Pfund aus dem Staub.
Am 29. April 1720 erreichte der Kurs der Aktie der Südsee-Gesellschaft die 500er-Marke, und fast zwei Drittel der Staatsrentner hatten die Sicherheiten des Staates gegen diese Aktien eingetauscht. Ende Mai lag der Kurs dann bei 890. Genau wie bei der Mississippi-Gesellschaft gab es bei der Südsee-Gesellschaft keinerlei Aktivitäten außer Aktienemissionen, weil es eben keine politischen Vereinbarungen mit Spanien gab, welche die Hoffnung auf unermeßliche Reichtümer rechtfertigen würden.
Als der Kurs nun bei 890 angekommen war, verkauften viele, weil sie meinten, der Bogen sei überspannt und mehr sei einfach nicht drin. Als das Gerücht auftauchte, selbst die Direktoren der Gesellschaft würden ihre Aktien verkaufen, fiel der Kurs auf 400. Trotz der Ausstreuung vieler Gerüchte und anderer unlauterer Anstrengungen, das Vertrauen in die Aktien der Südsee-Gesellschaft wiederherzustellen, sackte der Kurs immer weiter ab - bis auf 135.
Ein einzigartiges Schauspiel
Daß die Gesellschaft ein einziger Schwindel war, war spätestens ab September zumindest einigen Parlamentariern bekannt. In einem Brief des Unterhausabgeordneten Broderick an Lordkanzler Middleton vom 13. September heißt es: "Unterschiedlich sind die Vermutungen, warum die South-Sea-Direktoren es duldeten, daß der Nebel so früh zerriß. Ich habe keine Zweifel, daß sie es um ihres eigenen Vorteils willen taten. Sie haben das Vertrauen der Bevölkerung so weit überstrapaziert, daß das Währungssystem sich außerstande erweist, dies zu ertragen. Sie haben bedenkenlos Neuemissionen aufgelegt und sich dabei auf die Verluste der Verblendeten gestützt, deren Vernunft durch Geldgier und die Hoffnung, man könne aus Maulwurfshügeln Berge machen, ausgeschaltet wurde. Tausende von Familien werden an den Bettelstab kommen. Die Bestürzung ist unbeschreiblich, der Zorn riesengroß und die Lage so verzweifelt, daß ich keine Möglichkeit sehe, das Unglück abzuwenden. Ich habe keine Ahnung, was als nächstes zu tun wäre."
Charles Mackay schrieb über diese Zeit: "Während des Südseeschwindels bot England ein einzigartiges Schauspiel. Im öffentlichen Bewußtsein vollzog sich ein Prozeß ungesunder Gärung. Die Menschen waren nicht mehr zufrieden mit den langsamen, aber sicheren Erträgen bedachtsamen Fleißes. Die Hoffnung auf grenzenlosen Reichtum in unmittelbarer Zukunft machte sie achtlos und überheblich gegenüber dem Heute. Eine bis dahin unbekannte Prunksucht machte sich breit, verbunden mit auffallender moralischer Indifferenz."
In der Parlamentary History of England wurde folgendes festgehalten: "So konnte man binnen acht Monaten Aufstieg, Fortschritt und Niedergang dieses mächtigen Gebildes beobachten, das geheimnisvolle Kräfte zu einer wundervollen Höhe getrieben hatten, so daß die Augen und Erwartungen ganz Europas auf ihm ruhten, dessen Fundamente aber Betrug, Illusion, Leichtgläubigkeit und Verblendung hießen, so daß es zusammenfiel, als die hinterhältigen Transaktionen seines Direktoriums ans Licht kamen."
Wegen der beunruhigenden Situation kehrte König Georg im November früher als geplant von seinem Aufenthalt in Hannover zurück und berief das Parlament ein. Interessant ist, daß es bei den vielen öffentlichen Versammlungen in allen größeren Städten Englands, auf denen die Verfolgung und Bestrafung der Direktoren der Südsee-Gesellschaft lautstark gefordert wurde, keinen Platz für Selbstbesinnung und Selbstkritik der Betroffenen gab. Schließlich war es ihre Geldgier und die daraus resultierende Verblendung, die es den Betrügern so einfach gemacht hatte. Jetzt stellten sie sich selber als einfache, ehrlich und hart arbeitende Menschen dar, die von einer Räuberbande ausgeplündert worden waren. Daß sie selber aktiver Teilhaber an dieser Zockerei gewesen waren, das wollten sie nicht wahrhaben.
Einige der Direktoren flohen, andere wurden verurteilt, mit ihrem gesamten Vermögen zu haften. Es dauerte lange, bis das Vertrauen in den Finanzmarkt und die Wirtschaft wiederhergestellt war. Für beide Nationen, Frankreich wie England, bedeuteten diese Spekulationsorgien einen schweren Rückschlag, zumal sie durch den langen Krieg gegeneinander ohnehin schon stark geschwächt waren.
Wie werden die Verblendeten von heute reagieren, wenn der Aktienmarkt der "neuen Technologien", der genauso auf Sand gebaut ist und der auf dem jetzt schon bankrotten Modell der Informationsgesellschaft basiert, ins Bodenlose fällt?
Wer nicht gewillt ist, aus der Geschichte zu lernen, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Da nützt kein Schreien und Wehklagen, da hilft nur eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der politischen Situation und der menschlichen Geschichte, wie Friedrich Schiller sie in seinem Vortrag über "Universalgeschichte" dargestellt hat. Wer die heutige Spekulationsorgie beenden will, sollte so schnell wie möglich dem Ad-hoc-Komitee für ein Neues Bretton-Woods beitreten und für das Wirtschaftsaufbauprogramm der BüSo kämpfen.
Frank Müchler
Neue Solidarität Nr. 20/2000
Literatur:
Charles Mackay, Memoirs of Extraordinary Popular Delusions, London, 1841
H. Graham Lowry, How the Nation Was Won, Washington, 1987.
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