Frei sei der Mensch! - doch wie?
10. April 2014 •

Von Katarzyna Kruczkowski

Zuspitzung der Weltkriegsgefahr mit einem sich schnell verbreitenden Flächenbrand von Chaos, Gewalt und drohender Unregierbarkeit in Südwestasien und Nordafrika, eine sich immer weiter ausufernde Finanzzusammenbruchskrise, Hyperinflation, erschreckende Zahlen der Arbeitslosigkeits-, Armuts- und gar Selbstmordraten in Europa und keinerlei Aussicht auf eine optimistische Zukunftsperspektive: Wie kann man da in sich selbst die Kraft finden, mit einer solchen Realität fertig zu werden und optimistisch eine Mobilisierung in Gang bringen, um die Gefahr abzuwenden?

Was motiviert einen Menschen?

Das leitende Prinzip in unseren Handlungen, ob man sich morgens aus dem Bett reißt, ein gutes Buch in die Hand nimmt, anstatt die „Glotze“ anzuschalten, welche Musik man auf seinen Geist strömen läßt, oder ob man sich politisch engagiert, anstatt die Realität „abzuschalten“ - all dies wird ja von uns selbst bestimmt. Man führt zwar gerne die mißlichen Umstände oder die Umgebung als Grund seines (Nicht-)Handelns an, aber im Grunde genommen sind es letztendlich wir selbst, die über unser Tun und Lassen bestimmen.

Die Frage ist: Was genau in uns ist es, das uns treibt oder hängen läßt? Ist es ein Hin und Her verschiedener sinnlicher Verlangen, oder eine reine Frage des Verstandes? Die meisten werden wohl behaupten, es handele sich dabei um eine gewisse Abwechslung verschiedener innewohnender Kräfte bzw. Triebe. Es gibt jedoch ein Handeln bzw. Nichthandeln, das aus einer inneren Freiheit kommt, die weder dem Verstande noch der Gefühlswelt einzuordnen ist.

Lassen Sie uns aber zunächst einmal das heutige Konzept von Freiheit näher betrachten. Dazu gibt es ja allerhand Definitionen und Meinungen, doch das heutige Verständnis von Freiheit liegt wie ein gemeinsamer Nenner diversen Bereichen zugrunde, für die insbesondere mit dem zunehmenden Wirtschafts- und Finanzzusammenbruch verstärkt Kampagne betrieben wird: die Freihandelsdoktrin, die jegliche Intervention des Staates oder anderer Institutionen als Beschneidung des freien Handels bezeichnet; Sterbehilfe, die unser Mitgefühl für leidende Menschen mit der Idee der individuellen „Freiheit“, über das Lebensende selbst entscheiden zu dürfen, zu vermengen sucht; sowie die Kampagne zur Drogenlegalisierung, die dem Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Geist und Körper jedem Menschen die „Freiheit“ zum Drogenkonsum erteilt, das von keinem Gesetz verboten werden könne.

Die gemeinsame Grundlage dieser Ideologie brachte der Harvard-Ökonom Jeffrey Miron kürzlich in einem Interview zum Ausdruck. Es sei aber hier nur als ein Beispiel von vielen angeführt:

Man sollte sich schon hier die Frage stellen, was diese Leute unter Lebensglück verstehen. Herr Miron hält das Drogenverbot für die schlechteste Lösung, da es u.a. einen Schwarzmarkt erzeuge. Mit dieser Argumentationsweise ist es nur verständlich, daß sich dieselben Kreise vehement gegen die Regulierung der Banken durch ein striktes Trennbankensystem aussprechen, denn schließlich hätte dann ihre „Freiheit“ der Spekulation, der Zerstörung der Volkswirtschaften der Welt, keine rechtliche Grundlage mehr.

Leider wurde in diesem Interview in keiner Weise die Frage aufgebracht, warum ein vernünftiger Mensch überhaupt zu Drogen greifen sollte. Interessant ist jedoch, daß solche Leute nach eigener Aussage selbst keine Konsumenten von Drogen sind.

Als weiteren Verfechter dieser „Freiheiten“ sollte man noch den milliardenschweren Spekulanten George Soros nennen, dessen „Open-Society-Stiftung“ für die Idee der offenen Gesellschaft eintritt und in mehr als 70 Ländern aktiv ist. Auf einer ihrer Webseiten wird die folgende Definition einer „offenen Gesellschaft“ angeführt:

    „Eine offene Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die auf dem Verständnis beruht, daß niemand das Monopol auf Wahrheit besitzt, daß verschiedene Völker verschiedene Ansichten und Interessen besitzen und daß man Institutionen braucht, um die Rechte aller Völker zu schützen und es ihnen zu ermöglichen, gemeinsam in Frieden zu leben.“2http://www.osgf.ge/?sec_id=62&lang_id=ENG#1

Das oberste Prinzip, daß niemand das Monopol auf Wahrheit besitze, wird heute allem und besonders dem Konzept der Freiheit untergestellt - und gerade dieses Verständnis war in der Vergangenheit das Regierende, wenn eigentlich Unterdrückung vorherrschte. Schließlich wurden das Recht auf Besitz von Sklaven, der Kolonialismus zur Zivilisierung der „zurückgebliebenen Völker“ und viele andere derartige Beispiele als Freiheitsverständnis ausgelegt. Ähnlich wird uns heute erklärt, zu den kriegerischen Eingriffen in andere Länder, die als „humanitäre“ Einsätze betitelt werden, wären wir mit unserem demokratischen Freiheits- und Moralverständnis verpflichtet, um die unterdrückten Völker zu „befreien“ - bei gleichzeitigem Verstoß gegen das Völkerrecht.

Heute wird diesbezüglich auch die modernisierte „goldene Regel“ angewandt: Man darf alles tun und lassen, solange man nicht die Freiheit eines anderen beschneidet.

Aber gibt es denn wirklich verschiedene Freiheiten? Oder läßt sich ein universaler Begriff von Freiheit finden? Vielleicht besitzt niemand das Monopol auf Wahrheit. Wahrheit ist auch keine Ware, die man in Besitz nehmen kann, sondern sie ist ein ständiger Prozeß der Suche, den man bewußt vornehmen sollte. In diesem Prozeß läßt sich dann auch die enge Verknüpfung von Wahrheit, Freiheit und Schönheit entdecken.

Die Suche nach Wahrheit

Es gab in der Vergangenheit einige große Denker, die trotz leidlicher Umstände und schlimmer Umgebung und Zeiten sich bewußt in diesen Prozeß begaben und einen anderen Begriff von Freiheit hatten: Cusa, Bach, Kepler, Leibniz, Beethoven, Lessing, Mendelssohn und Schiller sind nur einige, die sich hier nennen lassen.

Wenn diese von Freiheit oder Glückseligkeit sprachen, meinten sie die Erfahrung der eigenen menschlichen Kreativität, die uns auf unserer Wahrheitssuche ein Stückchen voranbringt, weil sie uns Entdeckungen über universal geltende Prinzipien ermöglicht.

Das ist übrigens ein weiterer Begriff, der heute liberal benutzt wird. Heutzutage ist jeder „kreativ“, der etwas Extraordinäres macht, wie z.B. aus Abfällen ein „Kunstwerk“ zu modellieren.

Und das gilt leider auch für den Begriff der Schönheit, der heute wie zu früheren Epochen als reine Geschmacksache behandelt wird, während ein universal geltender Schönheitsbegriff als anmaßend und undemokratisch verworfen wird.

Wie ironisch, daß gerade der Mann, der von Frederick Douglass3Frederick Douglass lebte zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs und war ein entflohener Sklave, der einen bewundernswerten Weg zur physischen und vor allem zur geistigen Befreiung aus der Sklaverei bzw. Sklavenmentalität vollbracht hatte und in seinen Reden und Schriften auf der Seite Abraham Lincolns ein wichtiger Kämpfer für Freiheit wurde. Seine letzte Autobiographie ist sehr empfehlenswert. zum „Dichter der Freiheit“ gekürt wurde, genau so einen universalen Schönheitsbegriff nicht nur aufstellte, sondern ihn als notwendige Voraussetzung unseres Menschseins deklarierte: Friedrich Schiller.

Schiller füllte in seinem kurzen Leben eine große Schatztruhe von diversen philosophischen Schriften, Dramen, Briefen und Gedichten, die der menschlichen Seele sozusagen auf den Grund gehen und einen Weg weisen, wie man sich zum Menschen erzieht und sich den Herausforderungen im Leben stellt. Er lebte zu einer hochbrisanten Zeit. Mit der gerade gescheiterten Französischen Revolution sahen sich die humanistischen Netzwerke in Europa mit der Enttäuschung konfrontiert, die Amerikanische Revolution in Europa nicht wiederholt zu sehen.

Die Monarchie in Frankreich war zwar abgeschafft, aber was war an ihre Stelle getreten?

    „...die zwei Äußersten des menschlichen Verfalls, und beide in einem Zeitraum vereinigt“ -

Schiller spricht von der Verwilderung der niedern und zahlreicheren Klassen, die „mit unlenksamer Wut zu ihrer tierischen Befriedigung eilen“ und der Erschlaffung der zivilisierten Klassen, die uns einen „noch widrigern Anblick der Schlaffheit und einer Depravation des Charakters [geben], die desto mehr empört, weil die Kultur selbst ihre Quelle ist“. (Briefe über die ästhetische Erziehung, 5.Brief)

Aus dieser Enttäuschung heraus und dem Antrieb, einen Leitfaden zu entwickeln, um zu verhindern, daß im nächsten großen Moment in der Geschichte wieder nur ein kleines Geschlecht anzufinden ist, sondern eines, daß sich zugleich als Individuum und als Gattung entwickelt, schrieb er eine wissenschaftliche Arbeit in Form von Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, mit deren Inhalt ich mich im folgenden noch näher beschäftigen werde. Aber zuvor möchte ich, daß Sie über folgende Frage nachdenken: Wie bestimmt sich der Geschmack?

Ist es von außen, zufällig oder etwas Angeborenes? Vielleicht doch abhängig davon, in welcher Umgebung, Kultur, Zeitepoche man aufgewachsen ist?

Eines ist gewiß: Wir leben in einer Gesellschaft, die immer geschmackloser wird und in der die Hemmschwelle immer weiter heruntergesetzt wird. Was in früheren Zeiten für einen allgemeinen Aufschrei sorgte, wird heute als langweilig betrachtet. Dabei sind die Themen Drogen, Sex oder Gewalt längst keine Tabuthemen mehr. Elvis Presleys Hüftschwung hat zu seiner Zeit für einen Riesenskandal gesorgt und wurde als obszön beschimpft - für heutige Verhältnisse lächerlich, nicht wahr? Sie wissen ja, wie es dann mit der Desensibilierung, der Abstumpfung weiterging: die Beatles, Michael Jackson (der sich gerne anfaßte), Madonna (die man zur Ikone der sexuellen Befreiung der Frau machte) bis hin zu Lady Gaga. Ähnliche Degradierungen kann man in der Poesie, Literatur, im Theater und selbst in den Naturwissenschaften nachvollziehen, insbesondere seit der „Gegenkulturrevolution“ der 68er-Bewegung. Und genau auf dies ist unsere heutige Kultur aufgebaut: um abzustoßen, Gefallen daran zu finden, Grenzen zu verletzen (ob ästhetische oder moralische). Je abstoßender, je ekliger es wird, desto sicherer ist der Erfolg.

    „Die Kultur, weit entfernt, uns in Freiheit zu setzen, entwickelt mit jeder Kraft, die sie in uns ausbildet, nur ein neues Bedürfnis, die Bande des Physischen schnüren sich immer beängstigender zu, so daß die Furcht, zu verlieren, selbst den feurigen Trieb nach Verbesserung erstickt, und die Maxime des leidenden Gehorsams für die höchste Weisheit des Lebens gilt. So sieht man den Geist der Zeit zwischen Verkehrtheit und Rohigkeit, zwischen Unnatur und bloßer Natur, zwischen Superstition [Aberglauben] und moralischem Unglauben schwanken, und es ist bloß das Gleichgewicht des Schlimmen, was ihm zuweilen noch Grenzen setzt.“ (Ende 5. Brief)

Der ästhetische Mensch

Die heute üblichen Konzepte von Freiheit und Schönheit sind nicht erst neu entwickelt worden und auch nicht Folge des normalen Gangs einer sich entwickelnden Gesellschaft. Sie wurden bewußt wiederbelebt - man findet sie bereits in der Arbeit des Aristoteles. Schon er betonte, man solle seine Emotionen gut studieren, weil sie in der Rhetorik zu nutzen sind, indem man den Zuhörer in eine bestimmte innere Haltung versetzt, mit dem Ziel, dessen Urteil zu beeinflussen. Diese Idee, gewisse Emotionen hervorzurufen, um die Einstellung bzw. Meinung eines anderen zu lenken, ist also eine sehr alte Idee, und sie regiert heute überall, in allen Bereichen des Lebens.

Es kommt also bei dieser Art der Urteilsfindung nicht auf Wahrheit an - ob im sozialen Miteinander oder im politischen Geschehen -, sondern nur darum, durch gut trainierte rhetorische Fähigkeiten andere in eine Stimmung zu versetzen, in der sie ihr entsprechendes Urteil fällen. Das beste Beispiel in Deutschland ist wohl die Frage der Kernenergie, die mehr eine emotionale Reaktion auslöst, als eine vernünftige Debatte anzuregen bzw. zuzulassen. Der Glaube an die Doktrin des „freien Marktes“ beansprucht noch weniger vernünftigen souveränen Menschenverstand. Da ihre Thesen immer wieder in allen Formen und Facetten wiederholt werden, wird diese Idee als eine „heilige Kuh“ behandelt, auch wenn sie historisch und wissenschaftlich mehrfach widerlegt worden ist.4Siehe z.B. Friedrich List, Grundriß der amerikanischen politischen Ökonomie und andere Schriften, Alexander Hamilton, Bericht über die Manufakturen u.a.

Worauf sich die etablierten Parteien und karrierebewußten Menschen in ihrer Ausbildung beschränken, sieht man an der Fülle von diversen Rhetorikkursen. Es werden uns heute auch viele Wege gewiesen, frei zu werden: Man befreit sich von den äußeren Zwängen durch die Betonung auf Sex, Drogen, Esoterik. Es gibt auch einen Haufen Motivationsbücher und -seminare, um eine gewisse Ausgeglichenheit zu erreichen, oder um sich überhaupt noch zu irgend etwas zu motivieren. Wir lassen uns selbst als Werkzeug der heutigen Kultur und damit unserer Degradierung benutzen. Ganz nach dem Motto: Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing.

So, wie sich immer mehr Menschen heute darüber wundern, wie schlecht es um die Moral in der Gesellschaft bestellt ist, so beschäftigte sich auch Schiller zu seiner Zeit mit dieser Frage: Wie ist es möglich, daß wir immer noch Barbaren sind? Seine Schlußfolgerung sollte man nicht unterschätzen:

    Der Mensch ist nur dann Mensch, wenn beide Seiten entwickelt sind, und bis dahin, kann kein Akt der Menschheit von ihm erwartet werden. (19. Brief)

Er spricht in diesem Zusammenhang von den beiden Trieben im Menschen: dem geistigen, der Formtrieb, und dem sinnlichen Stofftrieb, also die Emotionen betreffend.

Immanuel Kant sieht diese sich entgegengesetzten Triebe in einem fortwährenden Kampf; wer moralisch sein wolle, der müssen seine Gefühle unterdrücken, damit der Verstand regieren kann (der kategorische Imperativ). Schiller hingegen schreibt dem Menschen - und nur dem Menschen - die Fähigkeit zu, die eigenen Emotionen zu erziehen, so daß die Pflicht mit Leidenschaft und Freude getan und er dadurch frei wird. Das Mittel dazu ist in der Kultur zu suchen. Es müßte eine Kultur geben, die der Würde der menschlichen Kreativität entspricht, die den Menschen im Menschen berührt, ihn bewegt, ihn zu einem besseren Teil der Gesellschaft entwickelt und dadurch die Gesellschaft insgesamt zu einer besseren macht. Laut Schiller ist dies die Aufgabe der schönen Kunst.

Dazu entwickelt er in seinen Briefen die Idee eines mittleren Zustands des Menschen, d.h. neben dem geistigen Formtrieb und dem sinnlichen Trieb, er nennt ihn den ästhetischen, denn es ist die Schönheit, die uns in diesen dritten Zustand verhilft. Ohne einen Begriff von diesem ästhetischen Zustand, ohne diese Erkenntnis ist man nicht in der Lage zu verstehen, daß Geschmack nicht willkürlich oder zufällig ist, sondern uns notwendig die Freiheit verschaffen kann und sollte.

Freiheit ist „nicht Gesetzlosigkeit, sondern Harmonie von Gesetzen, nicht Willkürlichkeit, sondern höchste innere Notwendigkeit“. (18. Brief)

Sie mögen einwenden: Ich kann doch selbst entscheiden, welcher Trieb die Oberhand erhält. Ich habe meinen Willen!

Das stimmt, der Wille agiert als eine Macht gegen beide Triebe. Aber man ist immer noch nicht wirklich frei!

    „Sie [die Freiheit] nimmt ihren Anfang erst, wenn der Mensch vollständig ist, und seine beiden Grundtriebe sich entwickelt haben; sie muß also fehlen, so lang er unvollständig und einer von beiden Trieben ausgeschlossen ist, und muß durch alles das, was ihm seine Vollständigkeit zurückgibt, wieder hergestellt werden können.“ (20. Brief)

Sich neu bestimmen?

Es liegt in unserer Natur, daß der Drang des sinnlichen Triebs (Stofftriebs) zuerst spürbar ist. Versuchen Sie einmal, einem Einjährigen mit logischen Argumenten zu erklären, daß sein Geschrei eine schlechte Ausgangsbasis für Verhandlungen ist (oder einem Grünen...) Die Sinnlichkeit kommt bei dem Menschen vor dem Bewußtsein, und Schiller geht sogar soweit zu behaupten, daß wir in dieser Priorität des Stofftriebes den Schlüssel zur gesamten Geschichte der menschlichen Freiheit finden.

Wenn man also ein freies Urteilsvermögen erreichen will, muß die Macht der Emotionen aufhören - allerdings nicht durch deren Unterdrückung. Da der Mensch mit jedem Sinneseindruck, mit jeder sinnlichen Wahrnehmung bestimmter wird in seinem Potential, untersucht er die allgemeine Bestimmbarkeit des Menschen und den Zustand vor jeglicher sinnlicher Wahrnehmung, also den Zustand der Bestimmungslosigkeit (um in Erfahrung zu bringen, wie man sich neu bestimmen kann). Schiller beschreibt den Zustand des menschlichen Geistes vor aller Bestimmung als eine Bestimmbarkeit ohne Grenzen:

    „Das Endlose des Raumes und der Zeit ist seiner Einbildungskraft zu freiem Gebrauch hingegeben… in diesem weiten Reiche des Möglichen [ist] nichts gesetzt, folglich auch noch nichts ausgeschlossen… Um [jedoch] eine Gestalt im Raum zu beschreiben, müssen wir den endlosen Raum begrenzen; um uns eine Veränderung in der Zeit vorzustellen, müssen wir das Zeitganze teilen. Wir gelangen also nur durch Schranken zur Realität, nur durch Negation oder Ausschließung zur Position oder wirklichen Setzung, nur durch Aufhebung unsrer freien Bestimmbarkeit zur Bestimmung.“ (19. Br.)

Dies erfolgt durch das Urteilen - die Handlung des menschlichen Geistes:

    „Ehe wir im Raum einen Ort bestimmen, gibt es überhaupt keinen Raum für uns; aber ohne den absoluten Raum würden wir nimmermehr einen Ort bestimmen. Ebenso mit der Zeit. Ehe wir den Augenblick haben, gibt es überhaupt keine Zeit für uns; aber ohne die ewige Zeit würden wir nie eine Vorstellung des Augenblicks haben. Wir gelangen also freilich nur durch den Teil zum Ganzen, nur durch die Grenze zum Unbegrenzten, aber wir gelangen auch nur durch das Ganze zum Teil, nur durch das Unbegrenzte zur Grenze.“ (19. Br.)

Doch wie gelangen wir vom Empfinden zum Denken, von Empfindungen zu Gesetzen, von dem Augenblicklichen zu etwas Beständigem oder von einem beschränkten zu einem absoluten Dasein?

    „Der Mensch kann nicht unmittelbar vom Empfinden zum Denken übergehen; er muß einen Schritt zurücktun, weil nur indem eine Determination [eine Bestimmung] wieder aufgehoben wird, die entgegengesetzte eintreten kann. Er muß also… augenblicklich von aller Bestimmung frei sein, und einen Zustand der bloßen Bestimmbarkeit durchlaufen.“ (20. Br.)

Das Gemüt darf also weder physisch (durch die Sinne) noch moralisch (durch die Vernunft) bestimmt bzw. genötigt werden. Beides, die Sinnlichkeit und die Vernunft sollen zugleich tätig sein, um zu der freien Stimmung des Gemüts überzugehen. Dies erfolgt in einem mittleren Zustand, den Schiller den ästhetischen nennt. Um ein deutlicheres Verständnis über diesen Begriff zu erhalten, könnte diese Ausführung helfen:

    „Ein Mensch kann uns durch seine Dienstfertigkeit angenehm sein [wir beurteilen ihn hier in seiner physischen Beschaffenheit]; er kann uns durch seine Unterhaltung zu denken geben [logische Beschaffenheit], er kann uns durch seinen Charakter Achtung einflößen [moralische Beschaffenheit]; endlich kann er uns aber auch, unabhängig von diesem allen und ohne daß wir bei seiner Beurteilung weder auf irgendein Gesetz, noch auf irgendein Zweck Rücksicht nehmen, in der bloßen Betrachtung und durch seine bloße Erscheinungsart gefallen. In dieser letztern Qualität beurteilen wir ihn ästhetisch. So gibt es eine Erziehung zur Gesundheit, eine Erziehung zur Einsicht, eine Erziehung zur Sittlichkeit, eine Erziehung zum Geschmack und zur Schönheit. Diese letztere hat zur Absicht das Ganze unsrer sinnlichen und geistigen Kräfte in möglichster Harmonie auszubilden.“ (20. Brief, Fußnote)

Dabei verfährt es jedoch nicht liberal:

    „[D]as Gemüt ist im Ästhetischen Zustande zwar frei und im höchsten Grade frei von allem Zwang, aber handelt keineswegs frei von Gesetzen. Diese ästhetische Freiheit unterscheidet sich nur dadurch von der logischen Notwendigkeit beim Denken und von der moralischen Notwendigkeit beim Wollen, daß die Gesetze, nach denen das Gemüt dabei verfährt, nicht vorgestellt werden, und weil sie keinen Widerstand finden, nicht als Nötigung erscheinen.“

Erziehung zur Schönheit?

Gerade in dem Mangel des letzteren, der Erziehung zum Geschmack und zur Schönheit, in der heutigen Kultur ist die Ursache für den traurigen Zustand unsrer Zivilisation zu finden.

Es gibt auch heute viele, die dem Besuch einer Oper, eines Theaters oder eines klassischen Konzerts nichts abgewinnen können, weil sie daraus keinen Nutzen oder Vorteil sehen, weil es keinem Triebe zur Befriedigung verhilft. Schiller nannte diese Leute „Brotgelehrte“:5Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?

    „Je weniger seine Kenntnisse durch sich selbst ihn belohnen, desto größere Vergeltung heischt er von außen; für das Verdienst der Handarbeiter und das Verdienst der Geister hat er nur einen Maßstab, die Mühe. Darum hört man Niemand über Undank mehr klagen, als den Brotgelehrten; nicht bei seinen Gedankenschätzen sucht er seinen Lohn, seinen Lohn erwartet er von fremder Anerkennung, von Ehrenstellen, von Versorgung. Schlägt ihm dieses fehl, wer ist unglücklicher als der Brotgelehrte? Er hat umsonst gelebt, gewagt, gearbeitet; er hat umsonst nach Wahrheit geforscht, wenn sich Wahrheit für ihn nicht in Gold, in Zeitungslob, in Fürstengunst verwandelt.

    Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will und ausrichtet, als der Taglöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt!

    - Noch beklagenswerter aber ist der junge Mann von Genie, dessen natürlich schöner Gang durch schädliche Lehren und Muster auf diesen traurigen Abweg verlenkt wird, der sich überreden ließ, für seinen künftigen Beruf mit dieser kümmerlichen Genauigkeit zu sammeln.“

Interessanterweise gibt Schiller diesen Leuten in Bezug auf die Schönheit völlig recht: Die Schönheit liefert kein Resultat - weder für den Verstand noch für den Willen; sie führt auch keinen moralischen Zweck aus, sie findet keine einzige Wahrheit, hilft uns keine Pflicht erfüllen und gründet auch nicht den Charakter:

    „Durch die ästhetische Kultur... ist weiter nichts erreicht, als daß es ihm nunmehr, von Natur wegen möglich gemacht ist, aus sich selbst zu machen, was er will - daß ihm die Freiheit, zu sein, was er sein soll, vollkommen zurückgegeben ist… Eben dadurch aber ist etwas Unendliches erreicht. Denn sobald wir uns erinnern, daß ihm durch die einseitige Nötigung der Natur beim Empfinden, und durch die ausschließende Gesetzgebung der Vernunft beim Denken gerade diese Freiheit entzogen wurde, so müssen wir das Vermögen, welches ihm in der ästhetischen Stimmung zurückgegeben wird, als die höchste aller Schenkungen, als die Schenkung der Menschheit betrachten. Freilich besitzt er diese Menschheit der Anlage nach schon vor jedem bestimmten Zustand, in den er kommen kann, aber der Tat nach verliert er sie mit jedem bestimmten Zustand, in den er kommt, und sie muß ihm, wenn er zu einem entgegengesetzten soll übergehen können, jedesmal aufs neue durch das ästhetische Leben zurückgegeben werden. Es ist also nicht bloß poetisch erlaubt, sondern auch philosophisch richtig, wenn man die Schönheit unsre zweite Schöpferin nennt. Denn ob sie uns gleich die Menschheit bloß möglich macht, und es im übrigen unserm freien Willen anheim stellt, in wie weit wir sie wirklich machen wollen, so hat sie dieses ja mit unsrer ursprünglichen Schöpferin, der Natur, gemein, die uns gleichfalls nichts weiter, als das Vermögen zur Menschheit erteilte, den Gebrauch desselben aber auf unsere eigene Willensbestimmung ankommen läßt.“ (21. Brief)

Kunst ist also - im strengsten Sinne des Wortes - als schön zu bezeichnen, wenn sie uns dem ästhetischen Zustande näher bringt, d.h. daß sie uns in keine besondere Empfindungsweise versetzt oder zu einer bestimmten Handlungsweise anregt. Ein echtes Kunstwerk soll uns in die ästhetische Stimmung versetzen, und wenn dies nicht erfolgt, dann liegt „es an dem Gegenstand, oder an unserer Empfindungsweise oder (wie fast immer der Fall ist) an beiden zugleich“. (22. Brief)

    „Zwar läßt die Schnelligkeit, mit welcher gewisse Charaktere von Empfindungen zu Gedanken, und zu Entschließungen übergehen, die ästhetische Stimmung, welche sie in dieser Zeit notwendig durchlaufen müssen, kaum oder gar nicht bemerkbar werden. Solche Gemüter können den Zustand der Bestimmungslosigkeit nicht lang ertragen, und dringen ungeduldig auf ein Resultat, welches sie in dem Zustand ästhetischer Unbegrenztheit nicht finden. Dahingegen breitet sich bei andern, welche ihren Genuß mehr in das Gefühl des ganzen Vermögens, als einer einzelnen Handlung desselben setzen, der ästhetische Zustand in eine weit größere Fläche aus. So sehr die ersten sich vor der Leerheit fürchten, so wenig können die letzten Beschränkung ertragen. Ich brauche kaum zu erinnern, daß die ersten fürs Detail und für subalterne Geschäfte, die letzten, vorausgesetzt daß sie mit diesem Vermögen zugleich Realität vereinigen, fürs Ganze und zu großen Rollen geboren sind.“ (21.Brief, Fußnote)

Da der rein ästhetische Zustand nicht möglich ist, da der Mensch immer unter der Wechselmacht seiner beiden Triebe in Abhängigkeit steht und demnach ein Kunstwerk stets in einer bestimmten Stimmung oder Richtung verlassen wird, muß die „Vortrefflichkeit eines Kunstwerks“ danach bewertet werden, wie nahe sie dem Ideal kommt:

    „Je allgemeiner nun die Stimmung, und je weniger eingeschränkt die Richtung ist, welche unserm Gemüt durch eine bestimmte Gattung der Künste und durch ein bestimmtes Produkt aus derselben gegeben wird, desto edler ist jene Gattung und desto vortrefflicher ein solches Produkt.“ (22. Brief)

Die Erziehung der Emotionen durch den Genuß schöner Kunst ist deshalb so wichtig, weil es der sinnliche Teil der Seele ist, womit man z.B. ein klassisches Werk, ein Gedicht, ein Gemälde von da Vinci oder ein Streichquartett versteht, und mit der Beschäftigung solcher Werke entwickelt man umgekehrt auch gerade dieses Empfindungsvermögen und die Fähigkeit der Erkenntnis, daß uns von Barbaren zu schönen Seelen macht. Es geht nicht um die Perfektion einer Technik, sondern um die Perfektion der Intention, der Absicht, völlig selbstlos zu handeln - wie eine schöne Seele, die sich über die eigenen Gefühle sicher geworden ist, so daß sie von den Emotionen geleitet werden kann, ohne der Vernunft zu widersprechen.

Wenn es diese Intention des Künstlers ist, wenn er sich als Individuum selbst zur Gattung emporgehoben hat, wird sein Werk - selbst Jahrhunderte später - Menschen berühren, bewegen und besser machen, weil es etwas universal Gültiges anspricht - etwas, was uns ein Stückchen weiter bringt in der Suche nach Wahrheit, Schönheit und Freiheit.

Nur wenn dies das leitende Prinzip der Handlungen von Staatskünstlern wird, tritt das vollkommenste aller Kunstwerke in greifbarer Nähe: der Bau einer wahren politischen Freiheit.

    „Der reine moralische Trieb ist aufs Unbedingte gerichtet, für ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald sie sich aus der Gegenwart notwendig entwickeln muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist.“ (9. Brief)

Schlagen Sie selbst diesen Weg ein, und unterstützen Sie unsere Kampagne!

Anmerkungen

3Frederick Douglass lebte zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs und war ein entflohener Sklave, der einen bewundernswerten Weg zur physischen und vor allem zur geistigen Befreiung aus der Sklaverei bzw. Sklavenmentalität vollbracht hatte und in seinen Reden und Schriften auf der Seite Abraham Lincolns ein wichtiger Kämpfer für Freiheit wurde. Seine letzte Autobiographie ist sehr empfehlenswert.
4Siehe z.B. Friedrich List, Grundriß der amerikanischen politischen Ökonomie und andere Schriften, Alexander Hamilton, Bericht über die Manufakturen u.a.
5Friedrich Schiller, Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?




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