Friedrich List - Vorkämpfer für die Eurasische Landbrücke
10. April 2014 •

Von Elke Fimmen

Erschienen in Neue Solidarität Nr. 19, 1999 (Mai 1999)

Schon vor 150 Jahren setzte sich der Ökonom Friedrich List für den Ausbau der Landbrücke ein.

Friedrich List, der bedeutende deutsch-amerikanische Eisenbahnpionier und Nationalökonom, formulierte in seiner Schrift Die Welt bewegt sich - Le Monde marche von 1837 die Idee, mit „einem ausgebauten Eisenbahnsystem alle Binnenländer sozusagen schiffbar“ zu machen. „Nationen und ganze Kontinente lassen sich nur durch derartige Systeme miteinander verbinden, und man kann daraus die großartigen Auswirkungen der neuen Transportmittel auf den sittlichen, geistigen und sozialen Zustand sowie auf die ökonomischen und kommerziellen Verhältnisse dieser Nationen und auf die gesamte Menschheit erahnen.“ Mit den großen Fortschritten der eurasischen Landbrücke, wie sie von China, Rußland und Indien vorangetrieben wird, ergibt sich heute die Möglichkeit, diesen Traum einer Allianz blühender Nationen zu verwirklichen.

Es ist uns kaum bewußt, daß bis heute 60 Prozent der Weltbevölkerung an Flüssen und Meeren leben und die entwickelten Regionen unserer Erde nur 19,2% der Landfläche einnehmen. Die eurasischen Entwicklungskorridore der „Landbrücke“ eröffnen daher tatsächlich eine neue Periode der Menschheitsentwicklung, die „Landbrückenwirtschaft“, wie die Chinesen heute sagen.1Die Eurasische Landbrücke, EIR-Bericht, Rede von Rui Xingwen, Vorsitzender der chinesischen Kommission zur Entwicklung und Förderung der neuen eurasischen Landbrücke, 7. Mai 1996. EIR-Bericht, S. 39.

Wenn wir uns in Deutschland dazu entscheiden, an diesem begeisternden Ziel mitzuarbeiten, statt an grünem Ökowahn, Spekulationsideologie und Globalisierung festzuhalten, können wir dabei auf das - heute bei uns weitgehend unbekannte oder gar als „altmodisch“ geltende Werk Friedrich Lists - zurückgreifen.

List schuf durch seinen Kampf für Eisenbahn und Zollverein Deutschland als modernen Industriestaat. Seine Ideen hatten maßgeblichen Einfluß auf die wirtschaftliche und politische Entwicklungsgeschichte des modernen Rußland, China und Indien. Diese Einflüsse leben heute in der Allianz dieser Nationen für die Verwirklichung der von Lyndon LaRouche inspirierten Eurasischen Landbrücke wieder auf. Es ist höchste Zeit, daß auch Deutschland zu seinen Wurzeln zurückfindet, dazu soll dieser Artikel einen Beitrag leisten.

Die Pflanzung von Produktivkräften

List war ebensowenig ein „Eisenbahnfreak“, wie es heute die Planer der Landbrücke sind. Ihm ging es immer um die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Nationen, um die „Pflanzung von Produktivkräften“. So war für ihn ein Eisenbahnsystem ein „Hauptmittel, um die Arbeitsteilung und die Konföderation der produktiven Kräfte im nationalen Maßstab zu bewirken“. Dabei war die neue Technologie der Dampfkraft der entscheidende Faktor, die Produktivität der Nationen in revolutionärer Weise zu entwickeln.

List, der 1825 aus Württemberg wegen der gegen ihn geführten politischen Hexenjagd nach Amerika hatte auswandern müssen, war dort von dem führenden europäischen Alliierten der amerikanischen Revolution, General Lafayette, in die Kreise der bedeutenden Ökonomen eingeführt worden. Zu diesen gehörten Matthew Carey, Charles Ingersoll und andere Vertreter der antibritischen Fraktion in den USA. List kämpfte mit ihnen zusammen für das „amerikanische System“ einer dirigistischen wirtschaftlichen Entwicklung der USA und damit gegen die britische Freihandelspolitik. Der Staat muß dirigistisch eingreifen und die Wohlfahrt der Nation, das „Gemeinwohl“, durch Förderung von Bildung, Wissenschaft und technologischer Innovation, durch gute Gesetze sowie durch die Entwicklung der Infrastruktur und neuer Industriezweige schützen.

In seinem in den USA geschriebenen Grundriß der amerikanischen politischen Ökonomie erklärte List dem britischen monetaristischen System des Adam Smith „den Krieg“. Als amerikanischer Staatsbürger kehrte er 1830 auf den alten Kontinent zurück und arbeitete unermüdlich daran, durch Eisenbahn und Zollverein Deutschland zu einigen und über große Infrastrukturprojekte eine Allianz europäischer Nationen zu schaffen.

Er hatte in den USA erfahren, welche entscheidende Rolle die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes spielte und übertrug dies nun auch auf Europa. List hatte als Eisenbahnpionier selbst eine der ersten Strecken in den USA, nämlich die Little Schuylkill-Bahn in Reading, Pennsylvania, gebaut und damit eine wichtige Grundlage für die Erschließung dieses zukünftigen Industriegebietes gelegt.

Für List war klar: „Auf dem nordamerikanischen Kontinent werden die Transportmittel, die Bevölkerung und der Wohlstand in einem so gigantischen Ausmaß zunehmen, daß die Zivilisation bald die Gestade des Pazifischen Ozeans erreichen wird... Man kann also ohne viel Kühnheit behaupten, daß es vor dem Verlauf eines Jahrhunderts zwischen dem Stillen Ozean und dem Atlantik eine Vielzahl von Eisenbahnverbindungen geben wird.“

Die USA könnten in Zukunft - eine noch stärkere Bevölkerung der Westküste vorausgesetzt - über Eisenbahnverbindungen zwischen Stillem Ozean und Atlantik mit dem „ganzen indogermanischen und südlichen Asien sowie mit Australien auf einem viel kürzeren Weg als die Engländer Handel treiben“. Wenn man all dies bedenke, könne man leicht voraussagen, was im Laufe der Zeit mit der maritimen Vorherrschaft und der unangreifbaren Position der Engländer geschehen werde.

List warnte, an die Adresse des britischen Empire gerichtet, davor, sich „vergeblichen Hoffnungen“ hinzugeben, daß „die USA den Keim der Auflösung in sich tragen“. Die Konföderation der Vereinigten Staaten sei auf „unumstößlichen Naturgesetzen aufgebaut“ und „eine Erfindung des menschlichen Geistes, die, wenn sie einmal gemacht wurde, nicht mehr verschwindet...“

„Eine Eisenbahn von Ostende nach Bombay“

Bei seinen mannigfaltigen Aktivitäten für die Errichtung der nationalen Eisenbahnsysteme - sei es in den USA, Deutschland, Belgien, Frankreich, Österreich und Ungarn - hatte List stets ein Gesamtkonzept vor Augen. Dafür wurde er von den Pragmatikern seiner Zeit heftig angegriffen. Exemplarisch für seinen Ansatz ist etwa sein „Aufruf für ein sächsisches Eisenbahnsystem“ für die Strecke Leipzig-Dresden von 1833, die er als Kernstück eines gesamtdeutschen Streckennetzes bezeichnete - und dies zu einem Zeitpunkt, als es weder eine einzige existierende Eisenbahnstrecke in Deutschland noch einen deutschen Staat gab, sondern 35 verschiedene Partikularstaaten! Aber damit nicht genug: In seinen Briefen aus den Jahren 1841 und 1842 in der Augsburger Allgemeinen Zeitung wies er darauf hin, daß „die alten Handelsstädte Bayerns durch ein europäisch-asiatisches Eisenbahnsystem sich wiederum zu Vermittlerinnen des okzidentalisch-orientalischen Handels emporschwingen dürften“.

Eine Eisenbahn von „Ostende nach Bombay“ schrieb List in einem Brief vom März 1846 an den bayerischen Minister Abel, das sei immer sein Plan gewesen. In Lists Buch Die Welt bewegt sich (Le Monde marche), das er gleichzeitig mit dem Natürlichen System der Politischen Ökonomie als Preisschrift für die französische Akademie der Wissenschaften in Paris verfaßte, finden wir eine Skizze seines „Grand Design“, die auch auf die strategischen Implikationen eingeht:

“Der europäische Kontinent, von Cadix und Lissabon bis Moskau und von Neapel bis Le Havre über Paris, wo der Eisenbahnknotenpunkt, das Zentrum dieser beiden riesenhaften Linien, liegen wird, und von Paris quer durch Deutschland, Österreich-Ungarn bis zum Schwarzen Meer, wird seinen Handel in einem ungeheuren Umfang erweitern, ohne von einer maritimen Großmacht abhängig zu sein.

Nunmehr könnte sich Rußland mit dem asiatischen Kontinent, d.h. St. Petersburg und Moskau mit China verbinden, und gegen den Überseehandel eine starke Konkurrenz aufbauen, über die England keine Macht ausüben kann. Deshalb sieht es [England, Anm. E.F.] sich seitdem gezwungen, der russischen Kampflinie eine südliche Kampflinie entgegenzustellen, die Smyrna, Konstantinopel und Persien mit Innerasien verbindet.

Wenn in Afrika Ali Pascha schon über die Verbindung der beiden Meere [Suez-Kanal!, Anm. E.F.] und von Ober- und Unterägypten nachdenkt, besteht kein Zweifel, daß dieser in seinem Innern noch wenig bekannte Kontinent im Laufe der Zeit in gleicher Weise von Eisenbahnen durchzogen wird. Frankreich wird bald begreifen, daß das sicherste Mittel, seine Autorität in Afrika aufrechtzuerhalten und sich an dessen ganzer Nordküste sowie im Innern auszudehnen, jenes ist, dort Eisenbahnlinien zu errichten.

Stellen wir uns jetzt alle Eisenbahnsysteme der Kontinente vor, die durch Dampfschiffahrtslinien miteinander verbunden sind.

In gleicher Weise wie die Binnenmeere Nordeuropas, das Mittelmeer und das Schwarze Meer durch die Dampfschiffahrt in Seen verwandelt werden, wird dies mit dem atlantischen Ozean passieren.
...Was England jetzt für andere Völker bedeutet, wird ganz Europa für die übrigen Teile der Welt darstellen.“

List beschreibt in seiner Schrift Die Welt bewegt sich die „Auswirkungen der Dampfkraft und der neuen Transportmittel“ nicht nur vom wirtschaftlichen Standpunkt, sondern vor allem vom geistig-zivilisatorischen Standpunkt. Schon der Titel seines Beitrags ist klar gegen die oligarchische, statische Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung eines Adam Smith und seiner monetaristischen Nachfolger gerichtet, der sich auf die größtmögliche Anhäufung von Tauschwerten (sprich Ausplünderung) konzentriert, statt die Entwicklung des „geistigen Kapitals der lebendigen Menschheit“ (List) in den Vordergrund zu stellen:

“Eine neue Erfindung ist umso bedeutender, umso nützlicher, je mehr sie der Zivilisation und dem Wohlergehen der arbeitenden Klassen, d.h. der großen Mehrheit der Bevölkerung zugute kommt. In diesem Blickwinkel betrachtet, stellen die Eisenbahnen die größte Erfindung der Vergangenheit und der Neuzeit dar; sie sind echte Maschinen der Zivilisation und des allgemeinen Wohlstandes. Nichts ist für den Fortschritt der Menschen nachteiliger als die Unbeweglichkeit, d.h. das pflanzenartige Verwachsensein mit der Scholle, auf der er zur Welt gekommen ist.“

List vergleicht in allen seinen Schriften die geistige Arbeit in der Gesellschaft mit der Seele im Körper, die durch neue Erfindungen fortwährend die Kraft des Menschen vermehre. Dabei komme wissenschaftlichen Durchbrüchen einzelner Individuen entscheidende Bedeutung zu, da sie Fortschritt für die ganze Menschheit bewirkten. „Jede Nation ist nur produktiv in dem Verhältnis, in dem sie diese Errungenschaften früherer Generationen in sich aufzunehmen und durch eigene Erwerbungen zu vermehren gewußt hat.“

Für List ist die Entwicklung der menschlichen schöpferischen Fähigkeiten ein gesetzmäßiges, sozusagen naturgegebenes Prinzip, das der menschlichen Zivilisation innewohnt und für den Menschen nutzbar gemacht werden muß. Ein gutes Beispiel dafür ist seine Charakterisierung der damals gerade von C.F. Gauß und Wilhelm Weber 1833 in Göttingen entwickelten Telegraphie. Er nennt sie eine der wichtigsten Erfindungen des menschlichen Geistes, denn sie beweise, „wie sich die Natur bemüht, die ganze Menschheit zu vereinen und anzunähern und bis zu welchem Punkt es dem Menschen möglich ist, die Hindernisse zu überwinden, die die Entfernungen den Zielen der Natur entgegenstellen“.

Gegen den zerstörerischen britischen Freihandel

List attackierte das Freihandelsdogma, oder, wie wir heute sagen, die Globalisierung, als „Theorie des verächtlichsten Egoismus“.

„Auch wir sind Kosmopoliten, doch unser Kosmopolitismus beruht auf einer gesunden Grundlage, der Nationalität... Schließlich ist es in erster Linie die Nation, der wir unsere Bildung, unsere Sprache, unsere Lebensfähigkeit und unsere geistige Reife verdanken. Die Natur hat daher den Wunsch in unser Herz gepflanzt, auch unseren Nachkommen den Genuß der gleichen Wohltaten zu sichern... Die Nation darf nicht leiden, damit das Glück der Menschheit erreicht wird.“

List geht es um die Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Die Voraussetzung dafür ist aber die souveräne Entwicklung der einzelnen Nationen, etwas, was heute oft als sich ausschließender Gegensatz hingestellt wird. Dies stimmt nicht, so List, denn die Freiheit des Handels sei zwar ein Gesetz der Vernunft,

“aber erst dann, wenn alle Nationen sich auf die gleiche ökonomische, moralische, soziale und politische Entwicklungsstufe erhoben haben werden. Dazu gebietet es aber die Politische Ökonomie jeder Nation, die zur höchsten Stufe der Unabhängigkeit, Zivilisation und Prosperität strebt, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um ihre wirtschaftliche Verfassung gegen jeden äußeren Angriff ...zu sichern. Zur Erreichung dieses Zieles ist es in erster Linie unerläßlich, eine Manufakturkraft zu begründen und zu fördern.“

„Sowohl das Vaterland als auch die Menschheit“:
Der internationale Einfluß Lists

Dieses Motto, mit dem sein Natürliches System der Politischen Ökonomie überschrieben ist, kennzeichnet Lists Herangehensweise aufs beste und erklärt seinen großen internationalen Einfluß. Lists nationalökonomisches Konzept der Entwicklung der Nationen sowie seine Vision und die praktische Realisierung des Eisenbahnbaus begründeten im letzten Jahrhundert seinen Einfluß als führender Vertreter des „amerikanischen Systems“ gegen das britische Empire in vielen Nationen. Lists Hauptwerk Das nationale System der politischen Ökonomie, das 1841 in Deutschland erschien (bis 1851 fünf Auflagen), wurde 1843 ins Ungarische, 1856 ins Englische, 1888 ins Schwedische, 1891 ins Russische und 1927 auch ins Chinesische übertragen.

Im folgenden soll auf den Listschen Einfluß in Rußland, China, Indien und Japan eingegangen werden. Dabei beziehe ich mich weitgehend auf das Buch von Prof. Wendler Friedrich List. Politische Wirkungsgeschichte des Vordenkers der europäischen Integration.

Der russische Eisenbahnpionier und Staatsmann Graf Sergej Witte, den man auch als „russischen Lincoln“ bezeichnet, wurde von Friedrich Lists Werk stark beeinflußt. Witte (1849 in Tiflis geboren), 1892 Verkehrsminister, 1893 Finanzminister mit Wirtschafts- und Verkehrsressort war von 1905-06 Ministerpräsident Rußlands.

Witte, der Mathematik in Odessa studiert hatte, organisierte dort den Eisenbahnbetrieb während des russisch-türkischen Krieges von 1877-78. 1886 wurde er zum Direktor der Südwesteisenbahnen ernannt und Chef des Eisenbahndepartements im Finanzministerium. In dieser Zeit verfaßte er eine Schrift über List mit dem Titel Die Nationalökonomie und Friedrich List, in der er die wesentlichsten Konzepte der Listschen Ideen schilderte und einen Überblick über Lists Leben gab. Er bewunderte an List „die Vereinigung des gelehrten, des schöpferischen Theoretikers und des unermüdlichen Praktikers“ und sagte über ihn: „Er gehörte nicht zur Reihe jener gelehrten Volkswirtschaftler, die ihr ganzes Leben in einem Zimmer irgendeiner Universitätsstadt zubringen, indem sie nur mit ihren Kollegen und Hörern verkehren, und was ihre ökonomischen Beziehungen anbelangt - nur mit ihren Bediensteten.“

1891 erschien die russische Übersetzung von Lists Nationalem System und wurde damit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Witte legte seine Schrift über List 1913 neu auf. Kurz danach erschienen in Deutschland Wittes Vorlesungen über Volks- und Staatswirtschaft, die von seinen Bemühungen zeugen, die russische Elite für einen Kurs der Industrialisierung und Entwicklung Rußlands zu gewinnen. Für ihn war auf rein landwirtschaftlicher Basis die wirtschaftliche Unabhängigkeit Rußlands nicht denkbar. Ebenso wie List lehnte er Sklaverei und feudale Verhältnisse ab, da so niemals der Reichtum einer Nation wachsen könne. Entscheidend sei die Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte, die Entwicklung des geistigen Kapitals.

Mit einer Währungsreform stoppte Witte die Inflation und holte Kapital ins Land, um das russische Eisenbahnsystem aufzubauen und die transsibirische Eisenbahn zu schaffen. Er wollte die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China entwickeln und dadurch den chinesischen und südasiatischen Markt für Rußland erschließen. Mit dieser Politik stand er im krassen Gegensatz zu der britischen Dominanz über China, die erst durch die Revolution des chinesischen Staatsmannes Sun Yat Sen 1911 abgeschüttelt werden konnte. Wittes Projekt, die Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostock in Zusammenarbeit mit China durch die Mandschurei zu führen, wurde durch republikanisch gesonnene amerikanische Wirtschaftskreise und die amerikanische Regierung unter Präsident McKinley (1901 ermordet) tatkräftig unterstützt. Seine Politik war eine entscheidende Säule des „Grand Designs“ zur Verwirklichung der Listschen Pläne durch Zusammenarbeit von Deutschland, Frankreich und Rußland, die durch die britische Geopolitik mit dem Ersten Weltkrieg zunichte gemacht wurde.

Witte hatte nichts mit einem russischen Chauvinismus gemein, den er als „Hemmschuh“ in der russischen Entwicklung sah. Dies machte er in seinem Vorwort zur Neuauflage der Schrift über List klar:

„Mir scheint es, daß es einen gesunden, überzeugten, starken und deshalb nicht schadhaften Nationalismus gibt, der den Schutz der Früchte des historischen Lebens des Staates anstrebt, die im Blute und Schweiße des Volkes erworben wurden, und der dies Ziel erreicht - und es gibt einen krankhaften egoistischen Nationalismus, der scheinbar dasselbe Ziel anstrebt, aber mehr von Leidenschaften als vom Verstand abhängt und nicht selten zu den entgegengesetzten Resultaten führt.“

List und China

Dr. Sun Yat Sen, der Vater des modernen China und chinesischer Staatspräsident orientierte sich an Lists Nationalem System und dessen Arbeit zur Eisenbahnentwicklung. Sun Yat Sen war durch sein Studium in den USA mit den Ideen des amerikanischen Systems, vor allem den Werken von Matthew und Henry Carey, sowie den auf englisch vorliegenden Werken Friedrich List eingehend vertraut. Auf dieser Grundlage schlug er in seinem 1921 veröffentlichten Werk Die internationale Entwicklung Chinas ein detailliertes Infrastrukturprogramm für die landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung Chinas vor: 50000 Meilen Eisenbahnen, 500000 Meilen neuer Straßen sowie Kanal- und Flußprojekte und den Bau ganz neuer Städte. Darin ist die Idee enthalten, daß China einen entscheidenden Beitrag für die Entwicklung der Welt und für den Frieden im 20. Jahrhundert leisten könnte.

1925 trug der chinesische Wirtschaftswissenschaftler Wang Kau Hua durch seine Übertragung des Nationalen Systems ins Chinesische zur Verbreitung der theoretischen Konzepte Friedrich Lists bei. Er veröffentlichte in Tübingen 1926 seine Dissertation Die Bedeutung der Listschen Lehre für China und lehrte später an den Sun-Yat-Sen-Universität in Kanton. Im Vorwort zur List-Ausgabe forderte der damalige chinesische Botschafter Chinas in Deutschland, Wei Chenzu, eine umgehende Wende in der Wirtschaftspolitik Chinas, basierend auf Lists Ideen, denn China werde von Importen überschwemmt und gerate immer mehr in die Abhängigkeit der ausländischen Großmächte. Die Schiffahrt, der Verkehr, die Banken und das Zollwesen seien vollständig von fremden Mächten beherrscht. Der Übersetzer selbst schrieb, China müsse ausländische Erzeugnisse vom eigenen Markt abschirmen und statt dessen die Inlandsproduktion fördern. Dazu sei ein protektionistisches Zollsystem, wie List es forderte, unumgänglich. List sei für Chinas Probleme genauso wirksam wie die „Akupunktur in der chinesischen Medizin“.

List in Indien und Japan

Auch in Indien, einem anderen Opfer des britischen Imperialismus, ist Lists Name in der Wirtschaftswissenschaft seit Ende des letzten Jahrhunderts im Kampf gegen die britische koloniale Ausplünderungspolitik fest verankert. Sein Nationales System wurde auch in Bengali übersetzt.

Lists Lehren dienten zur Kritik des britischen Freihandelssystems und zur Schaffung eines indischen Systems der politischen Ökonomie. Dabei spielten u.a. Mahadev Govind Ranade (1842-1901) und Gopal Krishna Gokhale (1866-1915), ein Freund Mahatma Gandhis, eine wichtige Rolle. Gokhale, einer der Führer des indischen Nationalkongresses, der für die Abschüttelung der britischen Herrschaft kämpfte, stellte List in seinen Schriften als den Nationalökonomen vor, auf dessen Ideen die indische Regierung ihre Politik basieren sollte. Er setzte sich besonders für protektionistische Zölle und Erziehungs- und Ausbildungsstätten in Indien ein. Prof. V.G. Kale (1876-1946), Schüler von Gokhale und Ranade, der 1917 die wirtschaftswissenschaftliche Gesellschaft Indiens gründete, setzte sich als Mitglied der indischen Zollbehörde für Lists Ideen ein.

Auch Japans Modernisierung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhundert, die „Meiji-Restauration“, sowie die moderne japanische Wirtschaftstheorie dieses Jahrhunderts wurde maßgeblich von List und seinem Konzept der „Pflanzung produktiver Kräfte“ beeinflußt. 1889 übersetzte Sadamasu Oshsima, ein einflußreicher Anhänger des Protektionismus in der Meiji-Ära, das Nationale System ins Japanische, mit zwei weiteren Auflagen 1891 und 1905. Der frühere Außenminister Japans, Terashima, und der damalige Generaldirektor der japanischen Nationalbank, Tomita, schrieben Vorworte zu dieser Übersetzung. Noch vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde eine zehnbändige Gesamtausgabe von Lists Werken und Briefen veröffentlicht. Der dirigistische wirtschaftliche Aufbau der japanischen Wirtschaft nach dem Krieg orientierte sich an Lists Gedankengut, bis in den 70er Jahren wie in Deutschland auch hier die Wende zu Monetarismus und nachindustrieller Gesellschaft Einzug hielt und das japanische Wirtschaftswunder zerstörte.

Eine neue Ära der menschlichen Zivilisation

Es liegt heute ganz praktisch in unserer Hand, die neue Ära der menschlichen Zivilisation zu verwirklichen, in der souveräne Nationen konstruktiv zusammenarbeiten und alle Menschen dieser Erde ihr Recht auf Leben und Entwicklung realisieren können. Durch die Landbrücke, die im Osten in dem chinesischen Hafen Lianyungang und Rizhao beginnt und sich im Westen bis nach Rotterdam erstreckt, können potentiell mehr als 40 Staaten und 36% der Weltbevölkerung direkt miteinander verbunden werden. Dieser neue internationale Wirtschaftskorridor umfaßt eine Gesamtlänge von 10900 km in Europa und Asien. Im Osten ist die Landbrücke durch die zahlreichen Seehäfen Chinas mit Nordostasien, Südostasien und den Städten an der Westküste der Vereinigten Staaten verbunden; im Westen Chinas hat sie direkten Anschluß an das zentralasiatische Eisenbahnnetz, wo sie über drei Routen - eine nördliche (über die sibirischen Eisenbahnen), eine mittlere und eine südliche - Europa erreichen kann. Von der Türkei aus kann sie in den Nahen Osten und Nordafrika führen. Und dies alles ist die Lokomotive für die Ankurbelung der Weltwirtschaft als ganzer.

Deutschland kann für eine friedvolle, entwicklungsorientierte Zukunft der Menschheit viel beitragen, wenn es sich wieder auf seine Wurzeln besinnt und auf dieser Grundlage mit den Nationen der Eurasischen Landbrücke zusammenarbeitet.


Literatur:
- Friedrich List, Die Welt bewegt sich. Über die Auswirkungen der Dampfkraft und der neuen Transportmittel, Hrg. von Eugen Wendler, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 1985.
- Friedrich List, Das Nationale System der Politischen Ökonomie, 1959, Kyklos Verlag Basel.
- Eugen Wendler, Friedrich List. Politische Wirkungsgeschichte des Vordenkers der Europäischen Integration, R. Oldenbourg Verlag München 1989.
- Friedrich List, Outlines of American Political Economy - Grundriß der amerikanischen Politischen Ökonomie, zweisprachig, Dr. Böttiger-Verlag GmbH, Wiesbaden, 1996.
- Executive Intelligence Review, Vol. 24, No. 19, 2. Mai 1997, „The Land bridge: Henry Carey's global development program“.

Anmerkungen

1Die Eurasische Landbrücke, EIR-Bericht, Rede von Rui Xingwen, Vorsitzender der chinesischen Kommission zur Entwicklung und Förderung der neuen eurasischen Landbrücke, 7. Mai 1996. EIR-Bericht, S. 39.




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