Griechenland: Die Rebellion hat begonnen
14. Februar 2012 • 23:03 Uhr

Bei der Protestdemonstration auf dem Syntagmaplatz in Athen gegen die Zustimmung des griechischen Parlaments zu den zerstörerischen Maßnahmen der EU waren laut Augenzeugen mehr als 100.000 Menschen aus allen Alters- und sozialen Gruppen anwesend. Auf viele Banner sah man Proteste gegen die "Okkupation" ausländischer Gläubiger.

Die Polizei setzte massiv Tränengas ein - eine Wiederholung der Ereignisse im letzten Juni, als das Parlament über die letzte Kreditpaket abstimmte und offenbar auf Anordnung von Brüssel der Widerstand mit Gewalt gebrochen werden sollte.

Der bekannte 90jährige griechische Widerstandskämpfer Manolis Glezos, der zusammen mit dem Komponisten Mikis Theodorakis (87) auch auf dem Syntagmaplatz demonstrierte, erklärte in einer Stellungnahme gegenüber dem "Guardian": "Es ist völlig unmöglich, diese Maßnahmen mit Tränengas durchzusetzen... die griechische Bevölkerung verweigert diesen Maßnahmen ihre Stimme.... Die Rebellion hat begonnen.... Dies zerstört unsere Demokratie." Beide mußten wegen offenbar gezielter Tränengasattacken ins griechische Parlament fliehen. Theodorakis sagte, er wolle "denen in die Augemn sehen, die das Todesurteil für Griechenland unterschreiben." Glezos und Theodorakis waren als junge Leute im Widerstand gegen die Nazis aktiv gewesen. Vor wenigen Tagen haben sie zusammen mit anderen eine nationale Widerstandsbewegung gegen das Troika-Diktat gegründet.

In einem dramatischen Video auf http://anti-ntp.blogspot.com bekommt man einen Eindruck der Ereignisse der Demonstration und des Vorgehens der Polizei. Die von Seiten der Demonstranten friedliche Kundgebung verwandelte sich nach 20.00 Uhr durch den Einfluß von provokativen Elementen in eine Zerstörungsorgie, in der mindestens 125 Menschen ernsthaft verletzt wurden.

Fast 50% der Griechen ziehen eine geordnete Staatsinsolvenz den brutalen Kürzungs- und Zerstörungspaketen der Troika vor. 38% wollen dies vermeiden, aber nicht notwendigerweise um den Preis der totalen Kapitulation. Selbst ein so notorischer Vertreter des britischen Finanzestablishments wie Ambrose Evans Pritchard (FT) gab gestern zu, daß Griechenland besser dran wäre, wenn es den Euro verließe, bevor es zu einer ausgewachsenen Revolution komme. Er erinnerte an das Londoner Schuldenabkommen von 1953, unter dem Deutschland in der Lage war, seine Wirtschaft wieder in Gang zu bringen . Heute verordne Deutschland Griechenland drakonische Sparpolitik , die an das Versailler Diktat gegenüber Deutschland erinnerten. "Hätte Adenauer jemals einen solchen Fehler begangen?", fragte er rhetorisch.

Pritchard unterschlägt aber den entscheidenden Aspekt des Londoner Schuldenabkommens. Es ging nicht einfach darum, daß Deutschland einen 50%igen Schuldenerlaß und eine fünfjährigen Aufschub für Zinszahlungen verhandeln konnte. Der wesentliche Punkt, den Hermann Josef Abs durchsetzte, bestand darin, daß Rückzahlungen nur bei einem realen Wirtschaftswachstum geleistet wurden!

Um das für ganz Europa zu ermöglichen, brauchen wir heute 1) das Glass-Steagall-Trennbankensystem und 2) ein Kreditsystem souveräner Republiken, die in den Wiederaufbau ihrer Nationen und langfristige, länderübergreifende große Infrastrukturprojekte zu investieren. Die bisherige Bankenrettung unter dem Mäntelchen der "Eurorettung" fortzuführen, ist mörderisch und führt direkt in Wirtschaftszusammenbruch und Diktatur.