"Unser europäischer Moment": Grußwort von Jacques Cheminade
4. Dezember 2013 • 14:05 Uhr

Jacques Cheminade ist Vorsitzender der Partei Solidarite et Progres und ehemaliger Präsidentschaftskandidat in Frankreich. Beim BüSo-Europaparteitag hielt er die folgende Rede.

Unser europäischer Moment

Ich möchte zunächst zwei Aussagen machen, die unsere politische Identität in diesem Moment des 21. Jahrhunderts definieren.

Erstens: Das Europa des Euro ist eine Falle, um uns alle in Europa zu ruinieren. Aber ein nationaler Monetarismus ist keine Lösung. Supranationaler Monetarismus und nationaler Monetarismus haben etwas gemeinsam: den Monetarismus, der die Zerstörung der Menschen und ihres politischen Ausdrucks, des Nationalstaats, bedeutet. Das Europa des Euro ist kein Fehler oder Zufall; es ist das Ergebnis einer Gemengelage, die von der britisch-holländisch-amerikanischen Oligarchie und deren Gefolgsmann Robert Mundell geschaffen wurde, um die Finanzliberalisierung überall auf der Welt zu verbreiten, die kulturellen und universellen Wurzeln Europas auszulöschen und eine Entvölkerung der gesamten transatlantischen Welt voranzutreiben.

Zweitens: Niemand, und ich betone niemand, hat das Recht, unter dem fadenscheinigen Vorwand von Föderalismus, Europäertum oder falsch verstandenem Nationalismus die historische Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich, eine der vornehmsten Errungenschaften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu widerrufen.

Es kann nicht darum gehen, nach hinten zu blicken, Vorurteile oder Mißstände zu schüren und auf nationalen Demütigungen zu spielen, sondern wir müssen die Zukunft aufbauen, unsere Identität in der Zukunft finden und zu den besten Momenten unserer gemeinsamen Vergangenheit stehen.

Wenn man eine Stütze hat, baut man darauf auf - als Patriot, als wahrer Europäer und als Weltbürger. Das heißt, wir müssen unsere Augen weit über unseren Tellerrand erheben und die gesamte Welt im Blick haben: die USA, Rußland und Asien. In unserem Denken müssen wir stets den Vorteil des anderen im Kopf haben, nicht den Eigennutz, sondern das Prinzip der Entente, Detente und Zusammenarbeit zwischen den Nationalstaaten, wie es im Westfälischen Frieden von 1648 vorgesehen war.

Wir stehen am Ende des Jahres 2013, dem 50. Jahr der deutsch-französischen Freundschaft seit dem Elysée-Vertrag von de Gaulle und Adenauer. Was haben wir in diesen 50 Jahren geschafft? Fast nichts. Daran sind jedoch nicht nur die Deutschen und Franzosen schuld; 1963 war auch das Jahr der Ermordung John F. Kennedys, das Jahr, als in der transatlantischen Welt eine Zukunftsvision zusammenbrach. Aber wir waren nicht nur Opfer dieses Zusammenbruchs, er geschah mit unserem Zutun. Infolgedessen ist es in Europa nicht mehr möglich, einen neuen Vorstoß für die Welt zu beginnen, da wir die Schändung Europas zugelassen haben.

Deswegen können wir im Chor der Völker und Nationen nicht die erste Stimme sein, dennoch liegt eine lange Geschichte hinter uns, und diese Geschichte war nicht nur leerer Schall, sondern auch voller Schönheit und Größe. Unter diesem Mandat der Geschichte und weil die Vision unserer Vorfahren in uns nicht gestorben ist, sind wir noch am Leben. Wir leben, wenn wir die Kraft aufbringen, etwas für die Zukunft beizutragen. Das bedeutet zuerst, unsere Länder von der Diktatur der City und der Wall Street sowie deren Kollaborateuren auf unserem Kontinent wie Deutsche Bank, BNP Paribas, Société Générale und anderen Kasinobanken zu befreien. Sie haben die Kontrolle über alle unsere großen Unternehmen. Wenn wir nicht kämpfen, um mit Hilfe des Glass-Steagall-Prinzips diese Kontrolle zu brechen, werden wir untergehen.

Wir müssen zunächst im eigenen Haus aufräumen, um etwas wertvolles Neues zu schaffen. Um genügend Kräfte mobilisieren zu können, sollten wir in ständige Zusammenarbeit mit jenen treten, die den gleichen Kampf in den Vereinigten Staaten führen - den Kampf für eine Rückkehr zu dem wahren wirtschaftlichen Verfassungsprinzip der USA, wofür sich vor allem Lyndon LaRouche und das LaRouche Political Action Committee einsetzen.

Auf die Zukunft setzen

Zweitens müssen wir ein Kreditsystem einführen, d.h. auf die Zukunft setzen, indem wir das Nationalbankprinzip einführen. Eine Wirtschaft braucht ein Führungsgremium, genauso wie ein Orchester einen Dirigenten braucht.

Nachdem wir das Haus aufgeräumt haben, müssen wir auf Grundlage modernster Technologien und der höchstmöglichen Energieflußdichte ein neues Haus entwerfen. In Deutschland bedeutet dies eine Abkehr von der „Energiewende“, die zu immer niedrigeren Energiedichten und damit zur schnellen Selbstzerstörung führt. Hinter den romantischen Träumen von Windmühlen und Sonnensegeln verbergen sich unschöne Braunkohlenminen und amerikanische Kohleimporte, und der Rückschritt zur Kohle bedeutet keine Zukunft.

Was für eine Schande: Deutschland, das Land, wo der Transrapid und der Hochtemperaturreaktor entwickelt wurden, verzichtet auf die Kernenergie und begibt sich auf den Weg der Selbstzerstörung, weil Merkel es aus demagogischen Gründen so will. Frankreich seinerseits setzt auf eine Senkung des Energieverbrauchs um 50% bis 2050. Wer sind wir und wo sind wir? Wo steht Frankreich, das sich auf die Seite Netanjahus und der saudischen Scheichs schlägt, um sich ein paar Almosen zu erbetteln?

Anstatt eine selbstzerstörerische Bauchnabelschau zu betreiben, sollten wir uns schnellstmöglich den Erbauern der Weltlandbrücke anschließen, von der Europa eine der Säulen werden muß. Um als Patrioten und Weltbürger an der Zukunft der Menschheit arbeiten zu können, müssen wir ein für allemal mit dem oligarchischen Euro-System aufräumen, das nur dazu dient, Europa dem Finanzimperium des Eine-Welt-Systems einzuverleiben, d.h. aus uns Europäern die häßlichen Sklaven eines Geldkultes zu machen. Unser Europa sollte auf Entente, Detente und Zusammenarbeit der Nationalstaaten in einer Zweckgemeinschaft basieren.

Hierzu sollten wir nach vorn und über uns hinaus auf die Ebene der transpazifischen Landbrücke schauen, die unsere Eurasische Landbrücke und unsere Vision einer Entwicklung des Mittelmeerraums verbindet. Wir in Europa müssen uns nach Osten wenden, während die Vereinigten Staaten sich nach Westen wenden müssen - nicht um gegen Feinde vorzugehen, sondern um uns mit Einsatz und Ansporn aus Asien vom Atlantik bis zum Chinesischen Meer zu verjüngen.

Es muß Schluß sein mit unseren lächerlichen Zwergenversammlungen, auf denen in dunklen Brüsseler Nächten sinnlose Vereinbarungen getroffen werden. Stattdessen müssen wir zu Davids werden, die das Imperium des neuen Goliath herausfordern und besiegen. Nehmen wir unsere Schleudern, um das Zentrum unserer Unterdrücker zu treffen! Keine pragmatischen Kompromisse mehr!

Der einzige Ausweg aus unserem selbstdestruktiven europäischen Pessimismus ist der Kampf für die Zukunft. Wir müssen in diesem Kampf vielleicht unser Leben aufs Spiel setzen, aber wir werden dabei das Glücksgefühl verspüren, das unsere Hinwendung zum Schönen, Wahren und Gerechten in uns auslöst.

Was man verloren hat, kann man zurückgewinnen. Wagen wir etwas im Namen derer, die heute in Griechenland, Portugal, Spanien, Irland und noch mehr in Afrika zu leiden haben. Unsere Menschlichkeit als Franzosen und Deutsche liegt in unserem Einsatz für ihre Menschlichkeit.

Wenn wir nicht nach unserem Wissen handeln, was gut, wahr und gerecht ist, verdienen wir keine andere Strafe, als wie die Karikatur unserer schlimmsten Feinde auszusehen. Warum? Wenn man sich in diesem Moment aus der Geschichte heraushält, bedeutet dies, mit dem Bösen zu kollaborieren. Wer sich heraushält, wird selbst dem Bösen zum Opfer fallen.

Überlegen wir einmal, wie schön die Welt aussehen könnte, wenn es zwischen den Völkern der Erde eine Entwicklungsgemeinschaft gäbe, wofür die deutsch-französische Freundschaft eine Inspiration sein sollte. Sehen Sie, was Merkel und Hollande mit uns machen, und sehen Sie statt dessen, wie froh die kleine Gruppe deutscher und französischer Amtsträger war, die sich kürzlich in Arzviller getroffen hat - froh darüber, etwas Unerwartetes und Richtiges getan zu haben, genau das, was Merkel und Hollande nicht schaffen.

Sehen Sie, wie schön die Welt wäre, wenn wir ohne Kompromisse zu unseren Prinzipien stehen. Das sind wir unseren Freunden der Vergangenheit - unseren Dichtern, Philosophen und Komponisten - schuldig, und das schulden wir den kommenden Generationen.