Das gegenwärtige Finanzsystem ist der Krankheitsherd
4. Dezember 2008 • 13:59 Uhr

Das neue Internetportal BFM.ru der russischen Radiostation Business FM veröffentlichte am 3. Dezember ein Interview mit Lyndon LaRouche. Wir geben hier wichtige Auszüge wieder, die auch für deutsche Leser sehr wichtig sind.

„Der einzige Weg, die Weltwirtschaft zu retten, ist die Rückkehr zum Bretton Woods [Abkommen]. Kosmetische Änderungen, wie sie von der G-8 und G-20 vorgeschlagen wurden, werden nicht helfen. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Lyndon LaRouche erläuterte in einem Gespräch mit BFM.ru seine Sicht der Lage", schrieb die Korrespondentin Natalja Bokareva zur Einführung. Hier Auszüge des Interviews.

BFM.ru: Von Regierungsvertretern wird immer wieder die Notwendigkeit einer Reform des internationalen Finanzsystems hervorgehoben. Wie sollte diese Ordnung Ihrer Meinung nach aussehen? Sollten neue Kontrollbehörden geschaffen, oder die alten Institutionen wie IWF und Weltbank reorganisiert werden, um somit ihre Kernaufgaben zu verändern. Was kann und was muß notwendigerweise in der nahen Zukunft gemacht werden?

LaRouche: Alle vorgeschlagenen Reformen, die sich innerhalb des bestehenden Systems bewegen, werden in einem Desaster enden. Das gegenwärtige Geldsystem ist selbst der Seuchenherd. Es kann nicht geheilt, nur ersetzt werden. Alle Versuche, das gegenwärtige System zu reformieren, wären ein schneller Schritt ins Verderben.

Es ist unabdingbar, das jetzige Geldsystem durch ein Kreditsystem, wie es in der amerikanischen Verfassung vorgesehen ist, zu ersetzen - so wie es von Präsident Franklin D. Roosevelt bei der Abfassung des Bretton Woods System beabsichtigt wurde.

Die Verwirrung bei diesem Thema entsteht, weil das Bretton Woods Abkommen [1944] mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), wie es dann von den Briten und den USA unter Truman etabliert wurde, ein Geld- und kein Kreditsystem repräsentierte. Die Quelle dieser potentiell verheerenden Fehleinschätzung liegt in der Tatsache, daß Roosevelt gegen das Kolonialsystem eingestellt war und mit seinen Reformen den Kolonialismus aus der Welt schaffen wollte. Truman dagegen war ein Rechter, der, zusammen mit Churchill, Roosevelts Tod ausnutzte, um das britische Empire und die anderen, bestehenden Kolonialreiche zu erhalten. Heute regiert das British Empire die Welt, zumindestens vorübergehend.

Mit der Einführung der flexiblen Wechselkurse unter Nixon 1971 hörte der Dollar auf, die souveräne Währung der USA zu sein und wurde mehr und mehr zum Spielgeld des anglo-holländischen monetären Systems. Dieses System wurde aber inzwischen hoffnungslos ruiniert und liegt im Sterben. Alle Nationen, die auf bloße Reformen innerhalb des jetzigen Finanzsystems setzen, werden in kurzer Frist von vielleicht nur wenigen Monaten zerfallen.

Es wäre begrüßenswert, wenn sich Rußland mit den USA auf die Einführung eines neuen Systems verständigen würden. Zusammen mit China, das so einen Schritt ganz dringend benötigt, und mit Indien könnte so eine Kerngruppe von den vier größten Nationen entstehen, denen sich andere Länder anschließen würden. Solch eine Aktion wäre mit großer Sicherheit erfolgreich. Eine Alternative ist nicht in Sicht.

BFM.ru: Wie wichtig ist, Ihrer Meinung nach, die schärfere Kontrolle internationaler Konzerne und insbesondere spekulativer Kapitalströme?

LaRouche: Schonungslose Einschränkungen der Freiheit spekulativer Kapitalströme sind für jede Nation notwendig, die den gegenwärtigen Zusammenbruch des Weltfinanzsystems einigermaßen unbeschadet überstehen wollen.

Geld besitzt keinen inneren Wert. Darum haben alle konventionellen Ökonomen bei ihren auf Statistiken basierenden Vorhersagen so jämmerlich versagt. Es existiert keinerlei direkte mechanistische Beziehung zwischen Geldwert und Bewertung menschlicher Aktivitäten. Prognosen, so wie ich sie am erfolgreichsten gemacht habe, basieren auf Faktoren des physischen Kapitals und wissenschaftlich-technischer Entwicklung und nicht auf Statistik-Theorien.

Der Geldwert muß mit Hilfe vernünftiger Abschätzungen reguliert werden. Solche Systeme werden protektionistische Systeme genannt. Leute, die nur in Begriffen von Kaufen und Verkaufen denken, sind blind gegenüber den langfristigen Kapitalverbesserungen im Bereich von Produktion und grundlegender Infrastruktur.

Schutzmaßnahmen müssen nicht nur langfristige Kapitalinvestitionen absichern, sondern auch technologische Verbesserungen und Produktivitätszuwächse beim physischen Kapital befördern, und zwar pro Kopf und pro Quadratkilometer gerechnet. Diese Form der Kapitalbildung erstreckt sich über Zeiträume zwischen 25 und 50 Jahren, teilweise auch länger. Diese langfristige Kapitalbildung, einhergehend mit der Erhöhung der Energieflußdichte der Energieerzeugung (pro Kopf und pro km², muß im Prozeß der politischen Gestaltung gesichert werden. Zum Beispiel ist nur die Erhöhung der Energieflußdichte bei Energiequellen ( d.h. durch Kernspaltung und Kernfusion) in der Lage, das jetzige Bevölkerungsniveau der Erde zu erhalten. Ohne ein System fester Wechselkurse ist ein langfristiger Erfolg jedweder modernen Volkswirtschaft schier unmöglich.

Und auf die Frage, welche Rolle die G-7 oder ein erweitertes Gremium spielen könnte, antwortete LaRouche: „Vergessen Sie die G-7 oder ähnliche Gruppierungen: Sie sind wie Särge, in denen bald die Erinnerung der kollabierenden nationalen Systeme, die in ihnen vertreten waren, beerdigt werden wird. Es ist notwendig, ein neues System zu schaffen."