Was spricht für die Kernenergie?
20. Februar 2010 •

von Hubert Mohs

Der Autor hat sich schon seit vielen Jahren eingehend mit der Kernenergie befaßt und am 20. Februar 2010 in Stuttgart bei einem Studientag christlicher Gruppen zum Thema „Kernenergie - Segen oder Fluch für die Menschheit?“ das folgende Referat gehalten.

Wie kommen wir im ÖNW (Ökumenisches Netz Württemberg) eigentlich dazu, uns auch mit der Befürwortung der Kernenergie zu befassen, wo sie doch derart in Verruf gekommen ist? Die Antwort auf diese Frage lautet: aus Verantwortung für unsere Mitmenschen und unsere Nachkommen. - Wie bitte? Das ist doch wörtlich die Motivation der Kernenergiegegner! - Genau. Das gleiche Ziel, und doch entgegengesetzte Richtungen. Ja, was gilt denn jetzt für verantwortliche Christen? Ausstieg aus der Kernenergie oder Ausbau der Kernenergie?

Grundsätzliche Bedeutung der Energie für das menschliche Leben

Es ist sicher hilfreich, wenn wir zunächst grundsätzlich fragen: Wozu brauchen wir eigentlich Energie? Nun - zum Auto und Bahn fahren, zur Beleuchtung, zur Wohnungsheizung; kurz, für vieles, was uns das Leben angenehm macht. - Für das Angenehme sicher auch; aber in erster Linie dafür, daß wir überhaupt leben können: Wir brauchen Energie zur Nahrungserzeugung, für die Pumpwerke der Trinkwasserversorgung, für die Entsorgung aller Abfälle und Abwässer, für die Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe, für die Produktion der lebenswichtigen gewerblichen und Industriegüter, für den Transport von Menschen und Waren, vor allem also für die gesamte Technik und Infrastruktur, ohne die unser Leben heute nicht möglich wäre. Diese lebensnotwendigen Strukturen müssen erstellt, betrieben und gewartet werden.


Abb. 1

Energie ist lebensnotwendig. Es gibt kein Leben ohne Energie; nicht einmal in primitivster Form. Sie ist also äußerst kostbar! Wie wichtig Energie für unser Leben ist, zeigt ein Schaubild aus dem Menschheitsentwicklungsbericht 1994 der Vereinten Nationen (Abb. 1). Für 109 Staaten ist dort jeweils der gewerbliche und industrielle Energieverbrauch pro Kopf der Lebenserwartung der Bevölkerung gegenübergestellt. Auch wenn es dabei eine gewisse Streuung gibt, ist eines deutlich: Eine hohe Lebenserwartung hat die Bevölkerung nur in Ländern mit hohem Energieeinsatz pro Person. Wo nicht genügend Energie zur Verfügung steht, müssen die Menschen viel früher sterben, einfach weil die gegebenen Lebensumstände ihre Gesundheit übermäßig strapazieren und weil ihnen wegen fehlender Infrastruktur selbst in höchster Not nicht die nötige Hilfe zugänglich ist. Die christliche Reaktion darauf ist: Menschen in Not brauchen Hilfe.

Ethische Überlegungen

Im Neuen Testament wird das Gebot der Nächstenliebe als Teil des größten und höchsten Gebots bezeichnet. Sie ist die Quintessenz der Ethik des christlichen Abendlandes, nach der es selbstverständlich ist, Menschen in Not bestmöglich zu helfen; dem fernen Nächsten in Afrika ebenso wie den eigenen Kindern und den Nachbarn und Freunden.

Aus solcher humanitärer Selbstverständlichkeit ist auch die Idee des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung hervorgegangen: Ungerechtigkeit, Krieg und skrupellose Umweltzerstörung nicht einfach erdulden, sondern die Ursachen und Hintergründe bewußt machen und aktiv an ihrer Überwindung arbeiten. Dies ist wohl der tragende Konsens aller, die sich im ÖNW engagieren. Alle Menschen, nicht nur die Reichen und Starken, sollen menschenwürdig leben können. Und menschenwürdig heißt: nicht nur gerade nicht umkommen, sondern neben dem Erwerb des Lebensunterhalts ausreichend Möglichkeiten haben, um das genuin Menschliche, die Kultur und die Bildung, entfalten zu können.

Ob den Menschen das möglich ist, hängt in hohem Maße von ihren Lebensbedingungen ab. Deshalb ist in vielen Ländern großer Handlungsbedarf. Denken wir an einen richtigen Ingenieur: Er hat Lust daran, bestehende Probleme zu analysieren und mit kreativer Vernunft und mithilfe seiner wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse bestmögliche Lösungen zu finden und zu realisieren suchen.

Was heißt aber „bestmöglich“? Das, was meinem Arbeitgeber den höchsten Profit einbringt und mir den höchsten Lohn? Und nach mir die Sintflut? - Oder das, was die jeweilige Regierungskoalition oder der Zeitgeist als derzeitiges politisches Ziel formuliert? - Oder steht „bestmöglich“ für mich in der Sicht der Verantwortung vor dem Schöpfer für die Mitwelt und die Nachwelt? Welche Sicht ich habe, hängt von meinem Menschenbild ab.

Menschenbilder

Da gibt es das eine Bild, das in der Unterhaltung der zwei Planeten deutlich wird: „Du siehst aber schlecht aus. Was hast du denn?“ „Menschen.“ „Das geht vorüber!“ - Es ist das Bild vom Ungeziefer; der Mensch als der schlimmste Schädling der Erde, der nichts Besseres geschehen könnte, als daß der Mensch wieder von ihr verschwände. Der Mensch als bloß intelligentes Tier, egoistisch, skrupellos, nur auf eigenen Vorteil bedacht.

Es gibt aber auch das biblische Bild: der als Ebenbild Gottes geschaffene Mensch, dem der Schöpfungsauftrag gilt. Gott segnete die Menschen und sprach: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über alle Tiere.“ In dieses Menschenbild stimmt der Jubel von Psalm 8 mit ein: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! ... Du hast den Menschen wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk.“ Ein solches Ebenbild Gottes, ein solcher Herrscher über Gottes Schöpfung ist undenkbar ohne eigene, selbst gewollte Verantwortung vor seinem Schöpfer. Der Mensch, der in Ehrfurcht vor dem Leben Kulturlandschaften schafft. - Welchem Menschenbild will ich entsprechen?


Abb. 2

Verschiedene Energiearten

Als Konkretisierung des Schöpfungsauftrags haben Menschen schon früh gelernt, sich die Erde und die Naturkräfte zunutze zu machen, Naturgesetze zu erforschen und sie in ihren Dienst zu stellen: Sonnenstrahlung, Haustiere, Wind, Wasserkraft, Kohle und Erdöl. Dazu die bahnbrechenden Entdeckungen der Atomphysik im 20. Jahrhundert.

Energie gehört zu den wichtigsten Ressourcen der Natur. Sie kommt in unterschiedlichen Formen vor, unter anderem in und zwischen den Atomen, wo sie auf zwei verschiedene Arten gespeichert ist (Abb. 2):

1. durch die Bindungskräfte der Elektronen in der Atomhülle, die die Moleküle zusammenhalten; das ist die seit Jahrtausenden bekannte chemische Energie, die z. B. bei der Verbrennung von Holzpellets nutzbar wird;

2. durch die Bindungskräfte, welche die Teilchen im Atomkern (die Protonen und Neutronen) zusammenhalten; das ist die vor etwa hundert Jahren entdeckte Kernenergie, die z. B. in Kernkraftwerken genutzt wird.

Die Kernbindungskräfte sind um Größenordnungen stärker als die elektrischen Bindungskräfte der Atomhülle. Daraus folgen entsprechend größere Werte der Kernenergie gegenüber der chemischen Energie.

Wenn wir uns diese physikalischen Zusammenhänge vergegenwärtigen, können wir darüber geradezu ins Staunen kommen. Dann fällt es uns vielleicht etwas leichter, uns rational mit Fragen der Kernenergie zu befassen, ohne durch emotionalen Abscheu blockiert zu werden, der viele bei diesem Thema bewußt oder unbewußt erfaßt. Die Schöpfung ist in wunderbarer Weise konzipiert und aufgebaut. Das gilt auch für die wichtigste Energiequelle für unsere Erde: Von der Sonne nämlich empfängt die Erde seit Jahrmilliarden die segensreiche und Leben erhaltende Energiestrahlung. Wie wir wissen, wird sie in einem gigantischen natürlichen Kernreaktor im Inneren der Sonne erzeugt. In diesem Sinne ist die Kernenergie wohl die natürlichste, ursprünglichste und reichste Energieform. Ist sie damit nicht in zweierlei Bedeutung ein Geschenk des Himmels, das zu nutzen dem Menschen aufgetragen ist?

Atome für den Frieden

Denken wir jetzt einmal zurück an die Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg, an die Situation der Rationierung der Brennstoffe für Wohnungsheizung und des großen Engpasses auch bei elektrischer Energie. Auch gab es das Elend in den Ländern der Dritten Welt. Daneben die frische Erinnerung an die Barbarei der zwei Atombomben auf Japan und der Atombombentests verschiedener Länder mit ihrer verstrahlenden Wirkung. In dieser Zeit, 1953, riefen die Vereinten Nationen das Programm „Atome für den Frieden“ ins Leben, ein euphorisches Programm wie ein neuer Stern am Himmel, um Hunger und Elend für immer verbannen zu können.

Die Weltöffentlichkeit begleitete diese Entwicklung mit einer Begeisterung, welche sich die meisten Menschen heute nicht mehr vorstellen können. Auch in Deutschland standen alle politischen Parteien dahinter. Mit Feuereifer sollten einerseits die wissenschaftlichen und technischen Voraussetzungen zur Realisierung geschaffen werden; andererseits brauchte man wegen der tödlichen Wirkung konzentrierter Radioaktivität ein Sicherungssystem technischer und juristischer Art in einem Umfang, den es bis dahin in der Geschichte nicht gegeben hat. Der größte anzunehmende Unfall, der GAU, in einem dicht besiedelten Land wäre furchtbar. Das darf es nicht geben! Das muß mit deutscher Gründlichkeit auf jeden Fall verhindert werden. Ohne diese umfassende Sicherheit darf kein Reaktor betrieben werden. Darin waren sich alle in Deutschland einig.

Denken wir auch daran, daß das Kernenergieprojekt in Deutschland unter besten rechtsstaatlichen Bedingungen und mit voller Rückendeckung der Gesellschaft und der öffentlichen Meinung gestartet, geplant und realisiert worden ist. Wieso wird heute oft der Eindruck erweckt, die Kernkraftwerke seien von einer geldgierigen Atomlobby gegen den Willen der Bevölkerung errichtet worden? Wie war es tatsächlich? Auch die Gemeinde Neckarwestheim stand geschlossen dahinter, als das dortige Gemeinschaftskraftwerk zusammen mit Stuttgart und anderen Gemeinden in öffentlicher Verantwortung gebaut wurde. Die Menschen wußten, warum sie dafür waren. Glücklicherweise sind die äußerst strengen Sicherheits- und Genehmigungsbestimmungen schon in der Anfangsphase der Kernenergienutzung festgelegt worden, sodaß sich auch die späteren Privatkonzerne, die die Kernkraftwerke aufgekauft haben, daran halten müssen.

Gründe für die friedliche Nutzung der Kernenergie

Was sind nun die Gründe, die vor fast 60 Jahren weltweit bestimmend waren, sich so dezidiert und gemeinsam für die friedliche Nutzung der Kernenergie einzusetzen? Und was ist in der Zwischenzeit aufgrund neuer Forschungsergebnisse noch verstärkend dazugekommen?
Einsatzmöglichkeiten der Kerntechnik:

Das Potential der Kernenergie zur Erzeugung von elektrischem Strom, der wohl edelsten Energieform, ist praktisch unbegrenzt. Das macht sie so konkurrenzlos wertvoll. Mit Kernenergie kann aber gleichermaßen auch dringend benötigte Prozeßwärme für die Industrie mit sehr hohen Temperaturen erzeugt werden.

Kernenergie bietet zudem die Voraussetzung für die wirtschaftliche Meerwasserentsalzung zur Trinkwasserversorgung und landwirtschaftlichen Bewässerung für die Trockenregionen der Erde, wie zum Beispiel dem Nahen Osten und großen Gebieten Afrikas. Ausreichende Wasserversorgung ist eine der wichtigsten Grundlagen für den Frieden in diesen Ländern. Mit welcher Alternative zur Kernenergie könnten die Wüstengebiete fruchtbar gemacht werden? Trotz der vielen Sonne dort liegt das Potential der Solar- wie auch der Windanlagen um Größenordnungen unter dem Bedarf.

Völlig unverzichtbare Verwendung finden radioaktive Isotope in der Medizin und in der Materialprüfung.

Ein ganz wichtiger Gesichtspunkt vor allem für die Zukunft ist die Energieflußdichte, die in W/m2 gemessen wird. Die verschiedenen Energiearten haben eine sehr unterschiedliche Energieflußdichte. Sie beträgt bei Kohle und Wasserkraft mehr als das 100-fache des Wertes von Solar- und Windanlagen, bei der Kernenergie jedoch noch weit über 1000-fach höher als bei Kohle. Die hohe Energieflußdichte der Kernenergie bedeutet nicht nur, daß millionenfach mehr Energie erzeugt werden kann und entsprechend mehr Bauflächen einzusparen sind, sondern sie ist auch unabdingbare Voraussetzung für Stoffumwandlungs- und Produktionsverfahren, die anders nicht möglich wären. Dazu gehören:

1. Das Plasmaverfahren zum vollständigen Recycling aller Abfälle in Haushalt, Gewerbe und Industrie, also die restlose Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe in Reinform. Dabei werden die Stoffe bei sehr hohen Temperaturen in den Plasmazustand gebracht, wo sich alle Molekülbindungen auflösen. So können die Elemente einzeln sortiert werden. Damit werden natürlich auch alle Umweltgifte wie zum Beispiel Dioxin unschädlich gemacht.

2. Die Isotopenwirtschaft zur künstlichen Herstellung einer riesigen Anzahl von Isotopen. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, seltene oder völlig neue Rohstoffe gezielt und im Großmaßstab herzustellen, was für die Erfordernisse einer wachsenden Weltbevölkerung existenziell wichtig ist.

Alle diese Verfahren sind ohne Kerntechnik nicht möglich. Im Übrigen können wir sicher sein, daß das ganze Potenzial der Atomphysik bis heute weder wissenschaftlich noch technisch voll ausgeschöpft ist. Wer wollte wirklich all diese großartigen Möglichkeiten unbesehen der Menschheit vorenthalten?

Bedenken gegen die Kernenergie

Bis hier wurden die vielen Vorteile der Kernenergie dargestellt. Aber was ist mit der Gefährlichkeit der Kerntechnik? Das ist eine sehr wichtige Frage. Wir erinnern uns an die Katastrophe von Tschernobyl. Sie geschah nicht von ungefähr, sondern war eine Folge organisierter Verantwortungslosigkeit. Abgesehen von diesem Unglück ist Realität, daß in 50 Jahren beim Betrieb von weltweit über 400 Kernkraftwerken praktisch kein kerntechnisch bedingtes Todesopfer zu beklagen war. Das zeigt: Tschernobyl ist nicht überall. Ist das etwa nur Zufall? - Es gibt keine Technik ohne Störfälle. Jedes Auto muß mehrfach in die Werkstatt. Entscheidend ist aber, ob die Störfälle beherrschbar sind. Wegen dieser Beherrschbarkeit wird in Kernkraftwerken der sehr hohe Sicherheitsaufwand getrieben.

Der in Deutschland entwickelte Hochtemperaturreaktor ist inhärent sicher. Das heißt, bei ihm kann es selbst beim Versagen aller Kühleinrichtungen zu keiner Kernschmelze kommen, weil die radioaktive Kettenreaktion beim Überschreiten einer bestimmten Temperatur physikalisch bedingt zum Stillstand kommt. Warum durfte dieser in Hamm-Uetrop fertig gebaute Reaktor nicht ans Netz gehen?

Wir gehen täglich mit einer Vielzahl von gefährlichen oder gar hochgefährlichen Dingen um, ohne uns dabei etwas zu denken, weil wir uns einfach daran gewöhnt haben. Mit das Gefährlichste ist der Autoverkehr, dem Jahr für Jahr allein in Deutschland viele tausend Menschenleben zum Opfer fallen. Das ist eine reale Gefährdung, millionenfach höher als das verschwindend kleine, theoretische Restrisiko eines Kernkraftwerks. Es ist sicher richtig: Wenn wir uns auf die gefährliche Kernenergie einlassen, sind wir von ihr abhängig. Das gilt aber für jede Art von Technik. Gäbe es dazu eine irgendwie geartete Alternative ohne den Wegfall der Lebensgrundlage für Millionen von heute lebenden Menschen?

Große Bedenken gibt es auch wegen der angeblich fehlenden Lösung für den Atommüll. Bei ehrlicher Betrachtung fehlt diese Lösung aber allein aufgrund des Boykotts dagegen. Mit dem Verfahren der Transmutation können langlebige radioaktive Isotope in kurzlebige umgewandelt werden, so daß eine jahrtausendelange Endlagerung völlig unnötig ist. Außerdem liefert dieses Verfahren einen zusätzlichen Energiegewinn und ist somit auch noch wirtschaftlich. - Abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren enthalten noch 96 % des wertvollen Brennstoffs und können aufbereitet werden. Die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf für den wertvollen Atommüll war im Bau, der Schnelle Brüter in Kalkar betriebsfertig, die Atomfabriken in Hanau schon Jahrzehnte in Betrieb. Die sinnvolle Lösung für den Atommüll gibt es also. Warum wurde und wird das alles boykottiert?

Sind denn regenerative Energiequellen nicht ausreichend?

Angesichts der vielfachen Vorbehalte gegenüber der Kernenergie müssen wir aber auch fragen: Reichen denn nicht auch die regenerativen Quellen für eine effiziente Energieversorgung? - Es ist offenkundig, daß das Energiepotential der alternativen Quellen aus physikalischen Gründen wegen ihrer geringen Energieflußdichte trotz aller denkbaren Fortschritte immer um Größenordnungen unter dem der Kernenergie liegen wird. Das müssen wir realistisch zur Kenntnis nehmen. Jetzt schon und erst recht bei einer wachsenden Weltbevölkerung könnte mit regenerativer Energie nur ein Teil der Menschen menschenwürdig versorgt werden. Den anderen bliebe nur Elend und Tod.

Außerdem stellen die um ein Vielfaches niedrigere Wirtschaftlichkeit und der hohe Flächenbedarf der alternativen Techniken sowie viele weitere Nachteile massive Probleme dar. Weder bei der Meerwasserentsalzung noch bei den energieintensiven Produktionsverfahren wären die regenerativen Quellen ein nennenswerte Hilfe. Auf energieintensive Produktionsverfahren wie die Herstellung von Aluminium, Stahl, Zement, Glas und anderen kann die Menschheit aber nicht mehr verzichten. - Dazu kommt, daß für die vielen elementar wichtigen Anwendungen der Kerntechnik außerhalb der Energieversorgung die alternativen Quellen überhaupt nichts beitragen können.

Regenerative Energiequellen haben für bestimmte Aufgaben ihre ganz spezifischen Vorteile. Als Grundversorgung könnten sie aber nur einem Teil der Menschheit dienen, weil ihr Ertrag viel zu knapp und zu teuer ist und deshalb mit ihnen allein stets Armut und Entbehrung drohen. Solche Anlagen können auch in Zukunft nie ohne massive Subventionierung wirtschaftlich betrieben werden. Wie könnten sie für die breite Energieversorgung zukunftsfähig sein?

Die potentielle Bevölkerungsdichte

Ein den meisten völlig unbekanntes Element der Volkswirtschaft darf hier aber nicht unberücksichtigt bleiben, nämlich die potentielle Bevölkerungsdichte. Sie gibt an, wieviel Menschen in einem Land maximal menschenwürdig versorgt werden können, und ist in hohem Maße von den kulturellen, wissenschaftlichen und technischen Gegebenheiten abhängig, also von der vorhandenen Infrastruktur im weitesten Sinne. Das bedeutet, daß zur menschenwürdigen Versorgung nicht nur der private Energieanteil für die einzelnen Personen gehört, sondern auch derjenige, der für Aufbau, Wartung und Betrieb dieser umfassenden Infrastruktur aufzuwenden ist. Dieser Energieanteil ist kein konstanter Wert, sondern steigt mit wachsender Bevölkerungsdichte wegen der zunehmenden Komplexität stark progressiv an. Bei der geringen Bevölkerungsdichte der Steinzeitmenschen waren keine Kläranlagen oder Telekommunikations- und Transportnetze nötig. Die heutige Großstadtbevölkerung könnte ohne solche Infrastruktur nicht leben.

Sinkt die potenzielle Bevölkerungsdichte etwa durch Energieknappheit unter den Wert der tatsächlichen Bevölkerungsdichte, so breiten sich zwangsläufig soziale Not und frühzeitiges Sterben in der Bevölkerung aus. Dieser progressive Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdichte und Energiebedarf bleibt in vielen der gängigen Energiebedarfsrechnungen völlig unberücksichtigt. Daraus resultieren verhängnisvolle Fehlplanungen.

In Deutschland sind die Stimmen für eine Verknappung und Verteuerung der Energie sehr dominant. Das hat dazu geführt, daß es hier zum Beispiel kein einziges Aluminiumwerk mehr gibt. Werden demnächst auch die anderen energieintensiven Industrien aus wirtschaftlichen Gründen aus Deutschland verschwinden müssen, wie zum Beispiel die für die Herstellung von Stahl, Zement und Glas? Bei all diesen Produktionsverfahren ist die nötige Prozeßenergie nämlich physikalisch bedingt und kann in keiner Weise verringert werden. Weil die Energieeffizienz hier schon bei 100 % liegt, bedeutet Energieeinsparung damit zwingend Einschränkung der Produktionsmenge und nationale Unterversorgung. Ist es staatsmännisch weise, wenn ein Land sich bei diesen wirtschaftlich grundlegenden Produktionsverfahren derart abhängig macht von den potenziellen Überschüssen und dem Wohlwollen anderer Länder? Oder zeigt sich darin lediglich Realitätsverweigerung und Zukunftsblindheit?

Energie sparen

Eine weitere wichtige Frage ist zu erörtern: Muß denn nicht grundsätzlich aus ökologischen Gründen Energie gespart werden? Unterschwellig scheint es da einen breiten Konsens zu geben. Ist uns dieser Gesichtspunkt aber wirklich klar? Daß kostbare Energie nicht verschwendet und damit anderen Bedürftigen vorenthalten werden soll, darin sind wir sicher alle einig. Fragen wir aber konkret weiter: Schadet ein hoher Energieumsatz der Umwelt? Soweit damit keine umweltschädlichen Produkte erzeugt werden, ist der Energieeinsatz an sich völlig unschädlich. Schließlich beträgt die jeden Tag von der Sonne eingestrahlte Energiemenge das 15.000-fache der von der Menschheit derzeit täglich freigesetzten Energie. Mit dieser ungeheuren Menge wird seit Urzeiten die große Wettermaschine der Atmosphäre angetrieben - zum Nutzen der Umwelt. Der Anteil von 0,007 %, den die Menschen zusätzlich beisteuern, ist wesentlich geringer als die natürlichen Schwankungen der Sonnenstrahlung und kann deshalb der Umwelt nicht schaden.

Bedarf der Dritten Welt

Wenn die Bewohner der Dritten Welt menschenwürdig leben können sollen, muß die Energieerzeugung dort soweit erhöht werden, daß auch die notwendige Infrastruktur erstellt, betrieben und gewartet werden kann. Das bedeutet eine Vervielfachung der derzeit global erzeugten Energiemenge. Hätten wir in Deutschland ohne diese Einsicht ein moralisches Recht auf menschenwürdiges Leben? - Und diese Energieproduktion muß wirtschaftlich möglich sein, weil sie sonst unbezahlbar ist. Wäre das realistisch ohne Kernenergie möglich?

Nicht wenige Planer reagieren auf solche Versorgungsprobleme mit der Behauptung von Überbevölkerung - trotz riesiger menschenleerer Gebiete der Erde - und fordern zynisch die Reduzierung der Menschheit. Bewährte Mittel dafür sind Not und Elend, Hunger, Kälte und Krankheiten. Ja, selbst Kriege scheinen manchen dafür geeignet. Die menschenverachtende Propaganda gegen das Lebensrecht von Milliarden Menschen ist so stark, daß manche dieser Forderungen selbst in christlichen Kreisen für überlegenswert gehalten werden.

Fragen wir aber: Wer gehört denn zu dieser angeblichen Überbevölkerung? Sind das wir - oder etwa nur die Menschen der Dritten Welt? - Wird bei diesen Überlegungen überhaupt noch nach dem Willen des Schöpfers und der Bestimmung des Menschen gefragt? Wo blieben die Ideale des Konziliaren Prozesses? Warum sollen Versorgungsprobleme auf keinen Fall mit Kerntechnik gelöst werden, auch wenn ohne sie einem Großteil der Menschen die Lebensgrundlage fehlt?

Schlußgedanken

Die Kernenergie bietet nicht nur ein quasi unbegrenztes Potenzial zur Versorgung aller Erdenmenschen mit bezahlbarer Energie, mit der Hunger und Elend weltweit überwunden werden kann, sondern darüber hinaus eine riesige Fülle anderer Möglichkeiten zum weiterführenden Aufbau der Lebensgrundlagen der gesamten Menschheit. Aus diesen Gründen entscheiden sich immer mehr Länder zum Ausbau der Kerntechnik. Allein zur Energiegewinnung sind derzeit über 300 neue Kernkraftwerke weltweit in Planung oder schon im Bau. Das bedeutet fast die Verdoppelung des gegenwärtigen Bestandes. Der reale Bedarf ist angesichts der großen Not in den Entwicklungsländern aber ein Mehrfaches davon.

Ganz sicher ist niemandem von uns das skandalöse Elend der Dritten Welt gleichgültig. Entscheidend ist aber, was in der Realität aus unserem Denken, Wollen und Handeln folgt. Unabhängig von jeder noch so gut gemeinten Motivation sehe ich aus den genannten Gründen die Konsequenz: Das Ja zur Kernenergie ist die Voraussetzung für das menschenwürdige Überleben der Menschheit. Das Nein zur Kernenergie bedeutet den sicheren Tod für Millionen von Menschen. - Ob Deutschland allein übrig bleibt mit seinem Beschluß zum Atomausstieg?

Im 5. Mose-Buch steht das Wort: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen (5. Mose 30,19).

Nach den Kriterien der Bibel, speziell der Wahrheit und der Liebe, ist zu prüfen, ob die Kernenergie ein solcher Segen für die Menschheit ist.