Führt das britische „Große Spiel“ erneut zum Weltkrieg?
16. November 2007 •

von Jeffrey Steinberg

Noch nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind so viele Gegenden der Erde mit Chaos, asymmetrischen Kriegen und wirtschaftlichem Zerfall überzogen worden wie heute. Jetzt, wo auch das globale Finanzsystem kollabiert, könnte sich aus scheinbar isolierten, „regionalen“ Konflikten schnell ein dritter Weltkrieg entwickeln.

Nach landläufiger Meinung war der Erste Weltkrieg die Folge eines scheinbar isolierten Ereignisses, der Ermordung des Erzherzogs Ferdinand in Sarajewo. Damals wie heute waren es jedoch britische geopolitische Machenschaften - noch vor den ersten Schüssen in der Balkanmetropole -, die die Welt an den Rand eines allgemeinen Krieges brachten.

Der britische König Edward VII., vordem Kronprinz Edward Albert, war der Architekt der Ereignisse des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die letztendlich in den Ersten Weltkrieg mündeten. Edwards vorrangiges geopolitisches Ziel war es, die Verbreitung des Amerikanischen Systems über Eurasien und Afrika aufzuhalten.

Die Vereinigten Staaten hatten sich nach dem Bürgerkrieg zur größten Wirtschaftsmacht der Welt entwickelt, und das Amerikanische System der Politischen Ökonomie - von US-Finanzminister Alexander Hamilton (1757-1804) als erstem inhaltlich und praktisch definiert und vom führenden republikanischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts, Henry C. Carey, und seinem deutschen Kollegen und Schützling Friedrich List und anderen weiterentwickelt - war von führenden Kreisen in Rußland, Japan, Deutschland, China und Frankreich übernommen worden. Dies stellte für das britische Empire, die damals führende Weltmacht, eine existentielle Bedrohung dar. Der große amerikanische Außenminister und Präsident John Quincy Adams hatte eine amerikanische Außenpolitik begründet, die auf einer Prinzipiengemeinschaft völlig souveräner Nationalstaaten fußte und damit den europäischen Kolonialismus und Imperialismus direkt herausforderte.

Um zu verhindern, daß sich souveräne Nationalstaaten auf der Grundlage des Nationalen Systems der Politischen Ökonomie zur vorherrschenden Staatsform auf dem eurasischen Doppelkontinent entwickeln würden, setzten die Briten mit ihrem ausgedehnten Militär- und Geheimdienstapparat im venezianischen Stil überall an den instabilen Grenzen und politischen Verwerfungszonen Eurasiens regionale, ethnische und religiöse Konflikte in Gang, wodurch ein Klima globaler Instabilität entstand, so daß das Attentat von Sarajewo zum Auslöser des Ersten Weltkriegs werden konnte. Eine sorgfältige Untersuchung dieser langfristig angelegten britischen geopolitischen Machenschaften gegen Ende des 19.Jahrhunderts liefert das entscheidende Verständnis für viele heutige Krisenherde - einschließlich der kurdischen Krise, der israelisch-palästinensischen Krise, der pakistanisch-afghanischen Krise und der drohenden Kriege am Horn von Afrika.

Die neue britische Invasion Amerikas

Der entscheidende Faktor, der die gegenwärtige globale Kriegsgefahr von den Ereignissen vor dem Ersten Weltkrieg unterscheidet, besteht darin, daß die Vereinigten Staaten sich heutzutage weit stärker im Griff der britischen Geopolitik und der kulturellen Seuche des anglo-holländischen Liberalismus befinden, als das bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs der Fall war. Auch das ist Folge einer langfristig angelegten Priorität der britischen Geopolitik, die sich in der Gründung des Rhodes Trust (1902), der Roundtable-Gruppe und anderer britischer Projekte manifestierte, deren öffentlich bekundete Mission darin bestand, die Vereinigten Staaten in das britische Empire „heimzuholen“. Während einer berühmt gewordenen Reise in die Vereinigten Staaten Mitte der 30er Jahre prahlte der führende britische Fabianer H.G. Wells, Autor von The Open Conspiracy, die Heimholung Amerikas sei langfristig so gut wie sicher, da das amerikanische Erziehungssystem gründlich im britischen liberalen Denken gefangen sei.

Heutzutage ist die Bush-Cheney-Administration durch Leute wie Dr. Bernard Lewis vom Britischen Arabien-Büro, den synarchistischen Bankier George Shultz und viele andere britische Mittelsmänner, besonders des gesamten „neokonservativen“ Apparats, zum nahezu perfekten Instrument für das alte britische oligarchische Ziel geworden, die USA in die eigene Selbstzerstörung zu treiben.

Infolge der verheerenden „Präventivkriege“ der Bush-Cheney-Administration im Irak und in Afghanistan ist der politische Kurs in aller Welt auf einem historischen Tiefstand und es besteht die Gefahr, daß sich die Lage noch weiter zuspitzt, wenn der Vizepräsident seinen Willen durchsetzt und die USA mit Militärschlägen gegen den Iran vorgehen.

Hochstehende US-Nachrichtendienstquellen beschreiben die gegenwärtige britische Strategie als „gesteuertes Chaos“, die darauf abzielt, immer mehr Entwicklungsländer zu „gescheiterten Staaten“ zu erklären, dabei aber den Ausbruch eines globalen allgemeinen Krieges sorgfältig zu vermeiden. Gleichzeitig verschärfen britische Energie- und Rohstoffkartelle ihre globale Übernahmeorgie, die durch den Wertverfall des US-Dollars und die entsprechende Stärkung des britischen Pfunds noch unterstützt wird. Dennoch können gerade derartige sorgfältig abgestimmte Spiele leicht zum Weltkrieg führen.

Der große Krisenbogen

Vom Horn von Afrika über den Nahen Osten bis nach Süd- und Zentralasien und dem Kaukasus brechen scheinbar lokale Krisenherde in beispielloser Größenordnung aus.

  • Ein türkisch-irakischer Grenzkrieg wird durch militärische Übergriffe der kurdischen PKK auf die türkische Armee von Militärlagern in den irakischen Kurdengebieten geschürt. Wie US-Nachrichtenkreise festgestellt haben, läßt sich die Aktivierung der PKK teilweise dadurch erklären, daß viele Kurden in der Osttürkei bei den letzten Parlamentswahlen für die Regierungspartei gestimmt hatten. PKK-Überfälle sollten eine militärische Antwort der Türkei provozieren und damit die gegen Ankara gerichtete Stimmung unter den Kurden wieder anfachen.

    Das türkische Militär und die moderat-islamistische Regierungspartei haben Belege dafür, daß die PKK-Operationen in den Kurdengebieten des Nordirak sowohl von den Vereinigten Staaten als auch von der NATO unterstützt werden, denn die kurdischen Aufständischen sind auch an Angriffen im Grenzgebiet zum Iran beteiligt, dem Land, das die Bush-Cheney-Administration auf ihrer Liste für „Regimewechsel“ an erster Stelle führt.

    Der kürzliche Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan in Washington hat wenig dazu beigetragen, die türkisch-kurdische Krise beizulegen. Die Regierung Bush versprach zwar, gegen die PKK im Irak vorzugehen, was von den Türken allerdings mit großer Skepsis aufgenommen wurde. Jeder neue PKK-Einfall in die Türkei wird deshalb mit großer Sicherheit einen türkischen Einmarsch in die Grenzgebiete des Irak zur Folge haben, was die Lage im amerikanisch besetzten Irak weiter verschärfen wird.

    Die Ursprünge der kurdischen Krise gehen direkt auf das britische „Große Spiel“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zurück, bei dem den Kurden ein „Großkurdistan“ versprochen wurde, während die Briten und Franzosen gleichzeitig mit dem Sykes-Picot-Abkommen die noch heute gültigen Grenzen des Irak, Syriens, des Iran und der Türkei mit ihren jeweiligen kurdischen Minderheitenregionen festlegten. Heute sind die Briten offenbar entschlossen, erneut die „kurdische Karte“ zu spielen, um in allen diesen vier entscheidenden Nahostnationen einen permanenten Zustand von Instabilität und Chaos aufrechtzuerhalten.

  • Die Grenzregion zwischen Pakistan und Afghanistan befindet sich in Aufruhr und droht beide Staaten unregierbar zu machen. Zur gleichen Zeit ist Afghanistan wieder zum größten Narkostaat der Welt geworden; die Opiumbarone in allen Landesteilen versorgen 75-90 Prozent der Welt mit Heroin.
  • Die gesamte Region des Horns von Afrika steht kurz vor der Explosion, wobei jede Instabilität im Sudan automatisch auch auf Ägypten übergreift. Am 5. November 2007 hat die International Crisis Group (ICG) in einer kurzen politischen Einschätzung die Warnung verbreitet, daß Äthiopien und Eritrea sich am Rande eines noch schlimmeren Krieges als dem von 1998 und 2000 befinden. Beide Länder stehen sich in Somalia in einem Stellvertreterkrieg gegenüber, und Ende September drohte Äthiopien mit dem Bruch des Algier-Pakts, mit dem eine Grenzkommission eingesetzt und der Krieg Ende der 90er Jahre beendet worden war. Die ICG warnte vor einem erneuten Aufflammen der Kämpfe noch vor Ende November, wenn es nicht zu einer gemeinsamen Anstrengung der Vereinigten Staaten und des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen komme, um dem Algier-Pakt Geltung zu verschaffen.
  • Im Kaukasus verhängte Georgiens Präsident Michail Saakaschwili nach dreitägigen zunehmend gewalttätigen Protesten der Opposition vor dem Parlament einen 15tägigen Ausnahmezustand. Saakaschwili beschuldigte Rußland, die Unruhen geschürt zu haben, und eskaliert damit die Spannungen zwischen Moskau und Tiflis, die weitere separatistische Aktivitäten in der Region auslösen könnten, welche seit langem von ausländischen, oftmals in Großbritannien angeworbenen Kämpfern angefacht werden. Schon 1999-2000 hatte die russische Regierung zahlreiche diplomatische Proteste an das britischen Außenamt gerichtet, bei denen es darum ging, daß eine Vielzahl tschetschenischer und anderer separatistischer Rebellen in Großbritannien rekrutiert und finanziert worden waren.
  • Die Cheney-Fraktion im Weißen Haus macht sich weiterhin für US-Militärschläge gegen den Iran stark, die eine regionale Explosion auslösen würden und sich zu einem globalen Religionskrieg wie dem Dreißigjährigen Krieg in Europa (1618-1648) ausdehnen könnten.

Jetzt, wo die globale Finanzdesintegration mit dem Ausbruch regionaler Krisen auf dem ganzen Globus zusammenfällt, steht erneut die Entscheidung zwischen einer Welt republikanischer Nationalstaaten und einer oligarchischen Welt auf der Tagesordnung.





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