ES GIBT EIN LEBEN NACH DEM EURO!

Programm für ein Wirtschaftswunder

in Südeuropa, der Mittelmeerregion und Afrika

19. Juni 2012
Das deutsche Wirtschaftswunder: Ein Vorbild für Europa und die ganze Welt!

Von Katarzyna Kruczkowski

Der deutsche Wohlstand und die starke Wirtschaft wurden nach dem Zweiten Weltkrieg unter sehr schwierigen Bedingungen geschaffen. Der als Wirtschaftswunder bezeichnete Aufbau der deutschen Wirtschaft wird heute von Systemkonformen gerne als eine zwangsläufige Entwicklung nach völliger Zerstörung und wachsender Not klein geredet. Diese und ähnliche Argumentationen vereiteln eine ehrliche Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden und angewandten Wirtschaftsprinzipien dieser Zeit und verhindern damit - ganz im Sinne der „Global Player“ des Systems - seit Jahrzehnten einen entsprechenden und dringend erforderlichen Kurswechsel. Unter der Regie neoliberaler Wirtschaftsideologen werden seit den siebziger Jahren, mit Ende des Bretton Woods Systems, gerade die realwirtschaftlichen Bereiche, die hauptverantwortlich für das „Wunder“ waren, systematisch zerstört und notwendige Investitionen in Infrastruktur und Unternehmen fließen in ein parasitäres Bankensystem ab. Die Doktrin des monetaristisch geprägten Denkens und Handelns, wonach die Finanzmacht „dezentralisiert“ sein müsse, d.h. unter keinen Umständen in öffentlicher Hand sein dürfe, ist selbst in der breiten Schicht der Bevölkerung verbreitet und zu einer der wichtigsten und wirksamsten Instrumenten der Finanzelite geworden.

Um sich einer positiven Alternative zu öffnen, muß zuallererst eingestanden werden, daß die Finanz- und Wirtschaftspolitik, sowie die Investitionspolitik der EU mit all den zugrundeliegenden Dogmen gescheitert ist und ersetzt werden muß. Die traurigen Ergebnisse dieser jahrzehntelangen Politik der Globalisierung sollten ausreichend überzeugende Argumente für die Notwendigkeit eines Kurswechsels geben.

Dazu kann man das lehrreiche Beispiel der deutschen Nachkriegsgeschichte heranziehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland in einem katastrophalen Zustand: Ein Großteil der Infrastruktur war zerstört, die Versorgung von Industrie und Bevölkerung mit Elektrizität und Heizmitteln war größtenteils zusammengebrochen, die Lebensmittelrationen gering, und Millionen Flüchtlinge strömten aus den Ostgebieten in die zerbombten Städte, in denen mehr als ein Viertel des Wohnungsbestandes unbewohnbar war.

Die Finanzlage sah auch nicht gerade vielversprechend aus: Deutschland galt als nicht kreditwürdig und konnte so auch keine Regierungsanleihen auf den internationalen Finanzmärkten ausgeben, um Liquidität sicherzustellen. Eine Sparpolitik - wie sie heutzutage dummerweise gerne als Allheilmethode gepriesen wird - kam aus offensichtlichen Gründen nicht in Frage.
Wie sollte also Deutschland in diesem Zustand jemals das „Vertrauen der Märkte“ wiedergewinnen? Aber noch wichtiger: Wie sollte es das Vertrauen des Volkes in die wirtschaftliche Zukunft des Landes und ganz Europas wiederherstellen?
Es ist Deutschland jedoch bereits Ende der fünfziger Jahre gelungen, zu einer führenden Wirtschaftsmacht und einem gefragten Partner auf den Exportmärkten zu werden. Aus der Massenarbeitslosigkeit der unmittelbaren Nachkriegsjahre wurde in den sechziger Jahren Vollbeschäftigung erreicht - innerhalb von sieben Jahren wurden sieben Millionen Arbeitsplätze geschaffen! Die Auslandsschulden wurden sogar vorzeitig zurückbezahlt, während gleichzeitig die Investitionstätigkeit und der Lebensstandard der Bevölkerung wuchsen.
Es war nicht nur die Not, die zum Wiederaufbau führte, sondern die leidenschaftliche Entschlossenheit der Nachkriegsgeneration und die Durchsetzung einer gezielten dirigistischen Wiederaufbaupolitik, die eine sehr vernünftige Verwendung der Hilfsgelder aus dem Marshall-Plan sicherstellte. In den Jahren 1948-1952 flossen knapp 1,6 Mrd. Dollar (fast 4 Mrd. DM) an Hilfen nach Deutschland. Diese Hilfe wurde den Betrieben und Kommunen zum großen Teil in Form von US-Waren (Nahrungsmittel und industrielle Rohstoffe) als Kredit zur Verfügung gestellt.

Der Wiederaufbau Deutschlands orientierte sich an einem Erfolgsmodell der Amerikaner, der im Jahre 1932 gegründeten „Reconstruction Finance Corporation“, die von Franklin D. Roosevelt zur Überwindung der „Großen Depression“ eingesetzt wurde, indem sie u.a. Kasino-Banken wieder zu Dienstleistern der produktiven Wirtschaft machte. Der Bankier Hermann Josef Abs erwirkte 1948 die Gründung einer an diesem Modell angelehnten Institution, der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW).

Der Gegenwert der US-Importe wurde (im Rahmen des European Recovery Program, ERP) in DM auf sogenannte „Gegenwertkonten“ eingezahlt. Aus diesen Konten gab die US-Behörde zur Durchführung des Marshallplan (ECA) Gelder für wichtige Projekte frei. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau erhielt Kapital aus diesen ERP-Gegenwertkonten (insgesamt 3,7 Mrd. DM), um Wiederaufbauprojekte vorzufinanzieren.

Hierzu erstellte sie eine Liste der dringendsten Investitionen mit einer Übersicht der notwendigen Produkte und Maschinen, die erforderlich waren, und beauftragte entsprechende Unternehmen mit der Herstellung. Die Unternehmen sollten bei der KfW einen Kreditantrag mit den entsprechenden Vorschlägen für betriebliche Investitionen einreichen. Sie trat allerdings nur dann als Kreditgeber auf, wenn die privaten Kreditgeber den betreffenden Kreditantrag als zu risikoreich betrachteten. Das war besonders in den Bereichen Kohle, Gas, Wasser, Elektrizität und Verkehr der Fall. Durch die öffentlichen Investitionen wurde eine große Menge an privaten Investitionen angestoßen, die von der Regierung zusätzlich gefördert wurden.

Anders als in allen anderen europäischen Ländern, die Marshallplan-Gelder erhielten, geschah in Deutschland die Rückzahlung all dieser Aufbaukredite wieder auf die Gegenwertkonten, deren Kapital sich dadurch vermehrte und noch lange nach Auslaufen des Marshallplans zur Finanzierung wichtiger Projekte diente. Dieses Prinzip des Rückfließen des Investitionskredites an den Herkunftsfond (sodaß es wieder in den Produktionsprozeß investiert werden kann) entspricht der Reinvestition des Gewinns eines Mittelständlers in sein Unternehmen, um eine höhere Energieflußdichte mit der Qualitätsverbesserung der Produkte und Höherqualifizierung der Mitarbeiter zu erwirken.

Im Gegensatz dazu wurden diese Gelder beispielsweise in England und Norwegen zum Abbau von Staatsschulden verwandt, oder wie man heute sagen würde, zum Ausgleich des Staatshaushaltsdefizits - mit den bekanntlich schlechteren Ergebnissen. Nur in Deutschland wurden die Gegenwertmittel vollständig und wiederholt in den Wiederaufbau investiert. Die Auslandsschulden wurden dann aus den Steuermehreinnahmen beglichen, sodaß dieser „Investmentfond“ für weitere Kredite erhalten blieb. Diese Investitionen können und müssen heute durch die Geldschöpfung der Regierung vorgenommen werden, und die KfW sollte ihre einstige Rolle wieder wahrnehmen.

Ein hoch verschuldeter Haushalt ist kein Hinderungsgrund für eine angemessene Neuverschuldung. Entscheidend ist, daß wir nicht von einer endlosen Spirale der Verschuldung reden, wie sie bei der Bankenrettung - insbesondere seit 2007 - verfolgt wurde. Es geht vielmehr um eine staatliche „Anschubfinanzierung“, die private Investitionen stimuliert und sich durch den produktiven Wachstumseffekt irgendwann selbst trägt.

Anstatt die zu nichts führende, aber stets aufkommende Kostenfrage zu stellen, müssen wieder die richtigen Fragen gestellt werden:

  • Welche Fach- und sonstigen Arbeitskräfte brauchen eine sinnvolle Beschäftigung, und welche produktiven Kapazitäten stehen hierfür zur Verfügung?
  • Welche Infrastrukturprojekte sind notwendig, und welche Investitionen zur Schaffung der zusätzlichen Kapazitäten?

Man wird schnell zu dem Schluß kommen, daß diese Investitionsoffensive an eine Ausbildungsoffensive gekoppelt werden muß, denn um diese Projekte umzusetzen, werden eine Menge zusätzlicher Ingenieure und Fachkräfte im Bausektor und in der Industrie benötigt.

Dabei muß natürlich in Betracht gezogen werden, daß wir es nicht mit der Schuldenbekämpfung oder der zerstörten Realwirtschaft eines Landes oder mehrerer Nationen zu tun haben, sondern mit dem Zusammenbruch des gesamten transatlantischen Finanzsystems. Das Scheitern der EU- und IWF-Politik und ihrer monetaristischen Herangehensweise kommt am Beispiel Griechenlands am deutlichsten zum Ausdruck. Aber nicht nur in Europa, denn viele Länder der Welt sind heute immer noch in einem ähnlichen oder gar schlimmeren Zustand als Deutschland nach 1945. Die Summe der „Hilfsgelder“ vom IWF oder diversen Hilfsorganisationen sind dabei nicht ausschlaggebend, wie man in der fehlenden Entwicklung Afrikas und Großteilen Asiens sehen kann.

Die dem Wirtschaftswunder zugrundeliegende und einst vom Ausland studierte Vorgehensweise, die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur, eine dirigistische Kreditpolitik sowie Regulierungen, sind nicht vereinbar mit der EU-Entartung der letzten 20 Jahre. Sie verstoßen sogar gegen eine Reihe von Vorschriften des Maastrichter Vertrags, des Stabilitätspaktes usw. Aber gerade hier liegt der Hund begraben: Das vorherrschende liberale Diktat der Märkte mitsamt seinen Axiomen und Verträgen von Maastricht bis zum ESM ist hoffnungslos bankrott und gescheitert, und solche Knebelverträge sollten umgehend aufgekündigt werden!

Das Wirtschaftswunder war eigentlich kein Wunder, sondern das Ergebnis eines humanistisch geprägten Wirtschaftsverständnisses, das sich die Förderung des kreativen Potentials seiner Bevölkerung und das Wohlergehen der zukünftigen Generationen zum Hauptziel machte.

Es wird Zeit, wieder an diese zukunftsorientierte Tradition Deutschlands anzuknüpfen und ein wichtiges Bindeglied in einem starken Europa souveräner Nationen zu werden.