Stolpert Tony Blair jetzt über seine eigenen Lügen?
26. Juni 2012 • 12:07 Uhr

Der Londoner Independent veröffentlichte am Sonntag ein Exposé, das für den Autor der Lügen, die zum Irakkrieg führten, unangenehme Folgen haben könnte. Die Zeitung berichtet über den gerade erschienenen vierten Band der Tagebuch-Memoiren des einstigen Blair-Vertrauten Alastair Campbell (The Burden of Power: Countdown to Iraq). Campbell berichtet darin, daß Tony Blair 2003 ein Treffen seines Kabinetts mit dem damaligen obersten Rechtsberater der Queen und der Regierung, Attorney General Lord Peter Goldsmith, verhindert habe, um die uneingeschränkte Zustimmung seiner Regierungsmitglieder zum Angriff gegen den Irak zu bekommen.

Am 7. März 2003 habe Lord Goldsmith Blair eine lange juristische Stellungnahme zum beabsichtigten Krieg vorgelegt, in der er sowohl Argumente für den Krieg, als auch gewisse Zweifel an der Legalität des Vorhabens aufzeigte. Campbell schreibt, Goldsmith habe Blair gewarnt, die Dinge „zu positiv zugunsten einer Militäraktion darzustellen“, da es auch „wichtige Gründe gäbe, die dagegen sprächen“. Vor allem hatte Lord Goldsmith ein erneutes Votum des UN-Sicherheitsrates für unerläßlich gehalten.

In den vergangenen Jahren hatte Blair immer wieder behauptet, daß er weder Informationen zurückgehalten noch verfälscht habe. Diese Linie hatte er auch Anfang 2011 vor der Untersuchungskommission zum Irakkrieg, der sogenannten Chilcot-Kommission, vertreten. Die jetzt zutage tretenden offenen Widersprüche haben die Forderung laut werden lassen, Blair solle erneut vor der Chilcot-Kommission aussagen.

Bis jetzt spielt Blair seine Rolle als Kampfhund für das britische Empire noch uneingeschränkt. In den USA hat er sich zum Hauptwahlkampfberater von Obama gemacht und in Europa tritt er als Einpeitscher für die Forderung auf, daß Deutschland letztendlich für alle Schulden Europas geradezustehen habe, ansonsten sei Deutschland - und die Bundeskanzlerin insbesondere - am Scheitern Europas schuld.

Es sei nicht vergessen, daß Alastair Campbell als Blairs Direktor für Kommunikation und Strategie von 1997 bis 2003 selber maßgeblich an den Verfälschungen von Geheimdienstberichten und den Lügen, die zum Irakkrieg führten, beteiligt war. Wenn seine Memoiren jetzt einen Skandal lostreten, gibt es wohl Kreise, die dem Treiben des Pärchens Blair-Obama Einhalt gebieten wollen. Die Motive dazu mögen auf beiden Seiten des Atlantiks vielfältig und verschieden sein. Was sich für Obama derzeit als neues „Watergate“ entwickelt, könnte sich im Falle Tony Blairs als „Waterloo“ entpuppen.

siehe auch: Obama verstrickt sich immer weiter im Watergate-Netz (22. Juni 2012)

USA: Erinnerungen an Watergate (19. Juni 2012)





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