Türkische Syrienpolitik am Rande des Zusammenbruchs
31. Juli 2012 • 15:03 Uhr

Die Politik der Türkei zur Unterstützung eines Sturzes von Präsident Baschar el-Assad in Syrien steht kurz davor, in sich zusammenzufallen, weil befürchtet wird, daß Syrien in sunnitische, alawitische und kurdische Enklaven zerbricht, wenn die Zentralregierung stürzt. Die Aussicht auf das Entstehen eines Kurdenstaats in unmittelbarer Nachbarschaft zu den kurdischen Provinzen der Türkei, wo die Regierung die terroristische Kurdische Arbeiterpartei (PKK) bekämpft, hat einen gewaltigen Sturm gegen Ankaras Politik ausgelöst.

Man erinnere sich, daß die moderne türkische Nation entstand, als Kemal Mustafa Atatürk mit dem Befreiungskrieg die britischen Pläne stoppte, durch die Unterstützung widerstreitender ethnischer Gruppen mit Forderungen nach „Groß-Armenien“ oder „Groß-Kurdistan“ das Osmanische Reich immer weiter zu „balkanisieren“.

Die jetzt ausgebrochene hitzige Debatte wurde von einer Erklärung des irakischen Kurdenführer Masud Barsani ausgelöst, seine kurdische Regionalregierung bilde kurdisch-syrische Kämpfer aus, die Kurdengebiete in Syrien zu verteidigen. Noch alarmierender war, daß dies Teil eines Abkommens der irakischen Kurden mit der Syrischen Demokratischen Union (PYD) ist, die ihrerseits mit der verbotenen türkischen PKK verbunden ist.

Barsanis Erklärung erzürnte den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der mit einer militärischen Reaktion drohte, falls die syrischen Kurden daran dächten, die Türkei anzugreifen. Die englischsprachige türkische Zeitung Zaman, die bisher die Regierungslinie unterstützte, berichtete nun, Außenminister Davutoglu als „geistiger Vater eines Plans“ zum Sturz der syrischen Regierung „steht im Mittelpunkt wachsender Kritik, weil die Aussicht auf ein geteiltes Syrien und eine neue autonome kurdische Verwaltung an der türkischen Grenze in Nordsyrien die Alarmglocken läuten läßt... Beobachter sind besorgt, daß dies sowohl den Separatismus der PKK in der Türkei schüren als auch der Beginn des Zerfalls Syriens in einen kurdischen Norden, eine alawitische Enklave in und um Latakia und eine sunnitisch-arabische Zone sein könnte.“

Der türkische Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu von der Republikanischen Volkspartei warnte, die Türkei sei nun „ein Land in Nöten. Wir wollen nicht, daß unser Volk den Preis für westliche Interessen bezahlt. Wir wollen nicht, daß die Türkei in den Morast gezogen wird. Kurzum, wir wollen keinen Krieg.“ Er fügte hinzu: „Wir sollten der Spielmacher in der Region sein, am Ende hat man mit uns gespielt. Die Türkei verdient es nicht, ein Stellvertreterland zu sein.“

In einem Leitartikel im Massenblatt Hurriyet hieß es: „Türkische Nationalisten sind in Aufruhr, jetzt, da Bedingungen, die Ankara nicht vorhersehen oder kontrollieren konnte, als Hebamme eines ,Groß-Kurdistan’ fungieren, und sie überschütten die Regierung und besonders den überehrgeizigen Außenminister Ahmet Davutoglu deswegen mit ätzender Kritik.“ Wenn Ankara Militäraktionen gegen syrische Kurden genehmige, könne dies „das Land in neue und unerwünschte Abenteuer hineinziehen“ und „das Kurdenproblem in der Türkei verschärfen“.

Ein weiterer Kommentar mit der Überschrift „Kurdischer Megastaat wird gegründet“ enthält die Warnung, die gegenwärtige Politik „macht die größte Furcht der Türkei wahr: Kurden im Irak und in Syrien arbeiten zusammen“, um ein „Groß-Kurdistan“ zu gründen. Und an anderer Stelle in Hurriyet heißt es, innerhalb einer Woche habe die Türkei nun eine 1200 km lange kurdische Grenze bekommen, nämlich die 400 km lange Grenze zwischen der Türkei und der Kurdischen Regionalregierung im Irak - die praktisch Kriegszone ist, weil dort die PKK sitzt - und die 800 km lange Grenze mit der Kurdenregion Syriens. Der Arabische Frühling drohe nun auch ein Kurdischer Frühling zu werden, der auch die kurdischen Provinzen der Türkei erfassen kann, und eine solche Lage „darf man nicht den Phantasien eines Akademikers anvertrauen“ - womit Davutoglu, ein früherer Universitätsprofessor, gemeint ist.

Lyndon LaRouche hatte schon 2011 gewarnt, die Syrienpolitik der türkischen Regierung werde am Ende für die Türkei zum Bumerang werden, denn „auch die Türkei ist ein anfälliges Land“.





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