Lawrow: Endet der „arabische Herbst“ mit einem nuklearen Winter?
2. Oktober 2012 • 11:05 Uhr

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehjournalisten Charlie Rose am 25. September angedeutet, daß das gegenwärtige Geschehen im Nahen Osten und insbesondere die Kriegsdrohungen gegen Syrien und den Iran zu einem Atomkrieg führen können. Er drückte es bildlich aus: Die zunehmende Gewalt überall im Nahen Osten und Nordafrika sei ein „arabischer Herbst“ und er hoffe, daß dem kein „nuklearer Winter“ folgen würde - eine eindeutige Anspielung auf die katastrophalen Folgen eines nuklearen Krieges für das Erdklima. Rose hatte Lawrow zuvor hartnäckig mit Fragen dazu bedrängt, daß Rußland sich dagegen sperrt, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad durch eine ausländische Militärintervention - wie 2011 in Libyen - zu stürzen.

In seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am nächsten Tag wiederholte Lawrow seine Warnungen vor einer militärischen Intervention gegen Syrien und den Iran. In dem Zusammenhang nannte er die westliche Doktrin der sogenannten „Schutzpflicht“ eine akute Bedrohung für die gesamte internationale Staatenordnung. Sowohl Lawrow als auch Präsident Putin hatten in den vergangenen Wochen wiederholt erklärt, jede Eskalation in der Region werde unkalkulierbare Konsequenzen haben. Und der Generalstabschef der russischen Streitkräfte Gen. Makarow sowie Ministerpräsident Medwedjew haben die Gefahr eines Atomkrieges gleichfalls unterstrichen.

Die Gefahr wird auch in den USA verstanden. Am 28. September erschien in der Zeitschrift Foreign Policy ein längerer Artikel des Historikers Mark Perry, der israelische Pläne für eine „Entebbe“-artige Kommandoaktion gegen die Urananreicherungsanlage im iranischen Fordow aufdeckte. Perry hatte detaillierte Informationen aus neuen Studien des US-Zentralkommandos über mögliche Methoden eines israelischen Angriffs auf das iranische Atomprogramm erhalten.

Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs der USA, Gen. Martin Dempsey, hat in letzter Zeit Israel wiederholt vor einem unilateralen Angriff auf den Iran gewarnt. Sein Argument war, daß der Schaden gering wäre und der Iran danach konsequent den Bau von Kernwaffen betreiben würde, was derzeit nicht der Fall sei. Auch könnte es zu asymmetrischen Vergeltungsmaßnahmen gegen verletzliche US-Streitkräfte im Persischen Golf und in Afghanistan kommen, und eine Eskalation könnte leicht zu einem großen Krieg der USA gegen Rußland und China führen.

Ein Echo dessen war in der New York Times am 28. September zu lesen, wo der ehemalige CIA-Direktor Gen. Michael Hayden zitiert wurde, ein israelischer Angriff würde die Iraner zur Entwicklung von Atomwaffen treiben. Der Artikel hatte den provokanten Titel: „Wie man Iran hilft, an die Bombe zu kommen“.

All diese Interventionen zur Kriegsverhütung sind Ausdruck der wachsenden Besorgnis einer großen und wachsenden Zahl nüchterner Nationaler Sicherheitsexperten in den USA, daß Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu jederzeit einen Angriff auf den Iran anordnen könnte. Hätte Präsident Obama ihn klar und deutlich davor gewarnt, wäre das Risiko eines Angriffs eines israelischen „abtrünnigen Verbündeten“ und eines dadurch ausgelösten Weltkrieges beträchtlich verringert worden. Aber genau das hat Obama unterlassen.

Netanjahu zeigte in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 28.9. die primitive Zeichnung einer Bombe, um auszudrücken, daß der Iran die „rote Linie“ für einen israelischen Angriff bereits überschritten habe. Ein prominenter israelischer Journalist warnte daraufhin, Netanjahu sei für sein Amt, das über Krieg und Frieden entscheidet, mental nicht mehr geeignet.

Ähnliches gilt für Präsident Obama, der vor der Vollversammlung in imperialer Diktion feststellte: „Darüber sollte man sich nicht täuschen: Ein atomar bewaffneter Iran ist keine Herausforderung, die man eindämmen könnte.“ Warum denn eigentlich nicht, fragen viele. Nur weil es nicht im Interesse des Empire wäre?





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