Einheit in der Vielheit und Sorge um die Zukunft
13. Oktober 2012 •

Von Helga Zepp-LaRouche

Die Jubiläumskonferenz zum zehnjährigen Bestehen des World Public Forum „Dialogue of Civilizations“ (WPFDC), die vom 3.-8. Oktober 2012 in Rhodos stattfand, ließ bei den Teilnehmern keinen Zweifel: Hier ist in einem Jahrzehnt eine internationale Bewegung entstanden, die sich zu einem der wichtigsten Gegenpole zu den Kräften entwickelt, die die Welt unter eine unipolare Struktur zu zwängen versuchen, sei es durch „Regimewandel“ oder Nötigungen aller

Art. Trotz der Vielfalt der behandelten Themen und der Unterschiedlichkeit der vertretenen Weltanschauungen hat sich unter den meisten Teilnehmern dennoch eine gemeinsame Identität mit der Philosophie des Forums herausgebildet, die den Dialog als Mittel der Konfliktlösung und den prinzipiellen Respekt für die Repräsentanten anderer Zivilisationen und Kulturen beinhaltet.

Es war nicht nur die geographische Nähe zur Krisenregion Naher Osten — Rhodos ist an der nächsten Stelle nur zehn Seemeilen von der türkischen Küste entfernt —, die die akute Kriegsgefahr ins Bewußtsein der Teilnehmer rückte. Die Konferenz wurde mit einem Video von Noam Chomsky eröffnet, worin dieser vor der unmittelbaren Bedrohung der ganzen Welt durch eine Eskalation der Lage um den Iran und sogar die Gefahr eines Nuklearkrieges warnte. Chomsky betonte, daß Israel vor kurzem von Deutschland modernste U-Boote erhalten habe, mit denen atomar bestückte Raketen abgeschossen werden können. Es könne wenig Zweifel bestehen, daß sich diese U-Boote der gewaltigen US-Armada anschließen würden, die jetzt im Golf aufgefahren sei; ein wahrscheinlicher Vorfall könnte einen furchtbaren Krieg auslösen - eine Gefahr, die durch Diplomatie und Verhandlungen abgewendet werden müsse.


Wladimir Jakunin

Auch der Vorsitzende und Mitgründer des Forums, Wladimir Jakunin, sowie der stellvertretende Vorsitzende, Professor Dallmayr von der Notre Dame Universität in Indiana, USA, sowie diese Autorin warnten vor der Gefahr eines Weltkrieges. Es gehe hier nicht um formale oder akademische Fragen, beschwor Professor Dallmayr die Teilnehmer eines Gespräches am runden Tisch, bei dem es um das Vermächtnis von J.C. Kapur, dem vor zwei Jahren verstorbenen wichtigsten Inspirator des Forums ging, sondern darum, ob die Menschheit überhaupt eine Zukunft hat!

Sechs Plenumssitzungen und rund ein Dutzend Gesprächsrunden, 550 hochrangige Teilnehmer aus 65 Nationen - angesichts der Fülle der präsentierten Themen und Ideen kann das Zeugnis eines einzelnen Berichterstatters notgedrungen nur Aspekte streifen. Ein Verlangen, das mehrere Sprecher artikulierten, war die Schaffung einer neuen zivilisationsumspannenden Ordnung, die die erhabensten Bestrebungen und die Verwirklichung der höchsten Potentiale der Menschen ermöglicht, die in der gegenwärtigen Welt, in der maßloser Reichtum konzentriert im Besitz weniger und die Ungleichheit und der Verlust der Menschenwürde so vieler zusammenprallen, beinahe vollständig abhanden gekommen sind, wie Francisco Tatad aus den Philippinen es ausdrückte.

Die meisten Teilnehmer waren sich einig, daß im liberalen Wirtschaftsmodell die Hauptursache für den desolaten Zustand der Welt liege und daß dieses Modell restlos gescheitert sei. Mehrere Redner verwiesen auf die Lehren aus der Geschichte, nach denen alle Imperien und hegemonialen Mächte immer systemimmanent ihren eigenen Untergang herbeigeführt hätten.

Dagegen stach mit einer schon fast unwirklich wirkenden Arroganz die Rede von Hans-Jörg Rudloff, dem Vorstandsvorsitzenden von Barclay’s Capital, dem Investmentbanking-Zweig der Bank, hervor. Der Mann, dessen Bank in vorderster Reihe an den Libor-Manipulationen beteiligt war, bei denen Kunden über die Jahre um dreistellige Milliardenbeträge betrogen wurden, wovon er selbstredend nichts gewußt haben wollte, schwang die große Keule. Wer die Methoden des kreativen Investmentbanking attackiere, bedrohe die Renten der kleinen Leute, verhindere Investitionen und rücke sich in die Nähe der Nationalsozialisten, die auch das Finanzkapital angegriffen hätten. Wenn diese Rede etwas beigetragen hat, dann das Anschauungsmaterial für die Axiomatik, die der Krise zugrundeliegt.

Ein wiederkehrendes Thema war der vollkommene Kollaps der moralischen Werte, das Verschwinden jeglicher Regeln in der gesellschaftlichen Ordnung und der dadurch ausgelöste Absturz in archaische und barbarische Verhaltensformen. Von verschiedenen philosophischen oder religiösen Standpunkten wurde eine Renaissance zu höchsten, der Menschenwürde angemessenen Standards verlangt. Gleich, ob es der ethische Standard der Mönche des Berg Athos oder die Werte der katholischen Kirche oder die Wiederbelebung des Konfuzianismus in China waren - der gemeinsame Nenner war die Zurückweisung der mit der Globalisierung einhergehenden kulturellen Liberalisierung und Dekadenz und die Rückbesinnung auf die kulturellen Wurzeln der verschiedenen Kulturen und Zivilisationen. Der Respekt für die prinzipielle Gleichheit dieser Kulturen und Zivilisationen macht den Dialog und das Verständnis untereinander möglich.

Um Fragen der historisch gewachsenen Identität ging es auch bei äußerst interessanten Vorträgen zur Rolle der byzantinischen Tradition für Europa oder zur Frage der eurasischen Integration. Aber auch Fragen der Technologie und Wirtschaftspolitik, von den Implikationen der Nanotechnologie bis hin zu Infrastrukturprojekten für verschiedene Regionen dieser Welt boten Ideen und Ausblicke, wie die gegenwärtige Krise der Menschheit zu überwinden wäre.

Eine Analystin aus Portugal, Ghoncheh Tazmini, präsentierte eine von den Teilnehmern gut aufgenommene Analyse der Problematik des westlichen Vorgehens gegenüber dem Iran, das von einem Universalismus gekennzeichnet sei, der die wirklichen Transformationen, die in verschieden Kulturen vor sich gingen, in keiner Weise reflektieren. Die Ära einer fixen, eurozentristischen, unflexiblen Vorstellung von der Modernität sei an ihr Ende gekommen. Wie solle ein Land wie der Iran seinen eigenen Weg der als notwendig erachteten Anpassung an die globalen und wirtschaftlichen Realitäten finden, wenn der Westen pausenlos versuche, den Iran zu „zähmen“ oder westlichem Druck zu unterwerfen und permanenten Drohungen auszusetzen? Der Westen verbinde den Iran Präsident Ahmadinedschads mit apokalyptischen Szenarien, aber man solle sich daran erinnern, daß der Iran unter der Präsidentschaft des Reformers Chatami bereits als zur „Achse des Bösen“ gehörig abgestempelt worden sei. Die Politik von „Zuckerbrot und Peitsche“ müsse ein Ende haben, Iraner seien keine Kaninchen. Die neue Politik müsse auf das Prinzip der „Einheit in der Vielheit“ gegründet sein.

Professor Köchler von der IPO aus Wien verteidigte sein Anliegen des Dialogs der Zivilisationen, das er bereits 1972 in einem Brief an die philosophische Abteilung der Unesco vorgeschlagen habe, als keineswegs diskreditiert oder als utopischen Traum. Es sei das absolut notwendige Antidot zu solchen Schlagwörtern wie R2P, „Responsibility to Protect“, eine Politik, die den Vorwand für die direkte Intervention in Libyen und jetzt die indirekte Intervention gegen Syrien geliefert habe. Die Idee des Dialogs der Zivilisationen sei inzwischen die Vision einer globalen Gemeinschaft von gleichgesinnten Menschen.
Natürlich wird das Rhodos-Forum nicht die unmittelbar bestehende Gefahr eines dritten thermonuklearen Krieges stoppen. Aber es ist in den zehn Jahren seiner Existenz ein Prozeß in Gang gekommen, der einen Vorgeschmack gibt von einer zukünftigen Weltgemeinschaft, die dem barbarischen Mittel des Krieges als Mittel der Konfliktlösung ein für allemal abgeschworen hat, und in der der Respekt für die Menschenwürde aller Menschen auf diesem Planeten das Verhalten zwischen den Individuen und den Nationen prägt. Und es ist sehr gut und wichtig, daß einige der großen Nationen dieser Welt wie Rußland, Indien und China wichtige Vertreter zu diesem Forum entsandt haben.


Jagdish C. Kapur
(16.02.1920 – 19.11.2010)

Es ist bezeichnend für den Zustand der Dinge, daß dieses so vielversprechende und positive Forum, das im übrigen viele neue Initiativen für die Zukunft plant, von den westlichen Medien so gut wie nicht erwähnt wird. Aber der Geist von J.C. Kapur lebt weiter, und er wird Recht behalten, daß sich die kosmische Ordnung, also die Gesetze der physischen Schöpfungsordnung, durchsetzen werden. Die Zukunft der Menschheit — wenn es eine geben soll — wird die cusanische Idee der Einheit in der Vielheit und der Idee, daß die eine Menschheit einen höheren Wert darstellt als die Unterwerfung der Welt unter die unipolare Diktatur heterogener Nebeninteressen, zu ihrem Leitmotiv machen.





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