Führende Mediziner schlagen Alarm: menschenverachtende Zustände im britischen Gesundheitswesen
31. März 2010 • 15:32 Uhr

In einem Leserbrief an den britischen Guardian vom 29. Mai
enthüllen sechs führende Vertreter medizinischer Organisationen in England, wie
sich die brutalen Kürzungen im nationalen Gesundheitswesen in der Praxis auswirken, die anhand der "NICE"-Methoden durchgesetzt werden.

Die Verfasser* schreiben: „Die PCTs (Primary Care Trusts,
Primärversorgungsbezirke) begrenzen den Zugang des Patienten zu vielen
Behandlungen, um Geld zu sparen. Im ganzen Land kommen Tausende von Patienten zu
ihrem Allgemeinarzt mit Beschwerden, die chirurgisch effektiv behandelt werden könnten
und werden zurückgewiesen. Es kann sogar passieren, daß man Patienten gar nicht
darüber informiert, daß ihnen eine Operation helfen könnte. Diejenigen, die an
einen Spezialisten überwiesen werden, finden dort heraus, daß bestimmte Eingriffe
nicht bezahlt werden. Die PCT's haben willkürlich bestimmte Operationen, die
Schmerzen reduzieren, die Lebensqualität erhöhen und schlimme
Langzeit-Komplikationen verhindern können, als von „begrenztem klinischem Wert"
definiert."

Ferner heißt es, diese Kürzungen würden gemacht, ohne dass die
Öffentlichkeit konsultiert oder informiert würde. Die Verantwortung, den
Patienten mitzuteilen, daß sie nicht behandelt werden, werde dem Arzt überlassen..

Einer der Unterzeichner, Alan Johnson, Präsident der ENT-UK
(Vereinigung der HNO-Ärzte und Chirurgen) berichtet,  daß in mindestens dreißig Primärversorgungsbezirken
im Land  einfache, aber wichtige Prozeduren
gestrichen wurden. Dazu gehörten simple Dinge wie die Entfernung von Ohrenschmalz
bei Kleinkindern, aber auch Mandeloperationen, die praktisch nicht mehr
vorgesehen sind, selbst bei Gefahr akuter Tonsillitis.

Michael Bell, Präsident der britischen Orthopäden-Vereinigung,
berichtete, dass Kniegelenksersatz und chirurgische Behandlung des Karpaltunnelsyndrom
schon routinemäßig abgelehnt werden - und zwar mit der Begründung, nur 80
Prozent der Behandlungen verhinderten Schmerzen. Dieser Prozentsatz wird nicht
als kosteneffektiv betrachtet! Diese Entscheidungen würden getroffen, ohne Chirurgen
zu konsultieren. Bell führt diese Methoden darauf zurück, daß die neuen NHS-Vorschriften
formal eine Behandlung innerhalb von 18 Wochen garantieren. Passiert das nicht,
gibt es eine rechtliche Überprüfung. Wie Bell sagt, kann man aber keine
Entscheidung überprüfen, "wenn man nicht [zur Behandlung] überwiesen
wurde."

* Weitere Unterzeichner des Protestbriefes sind: Michael Rhodes,
Präsident der Chirurgenvereinigung für Laparoskopie (Bauchspiegelungen), Prof.
Michael Horrocks, Präsident der Chirurgenvereinigung der Chirurgen, Michael
Parker, Präsident der Vereinigung für Koloproktologie, früherer Präsident der Chirurgenvereinigung
für Laparoskopie und John Black, Präsident des Royal College der Chirurgen in
England.