Wie die Deutschen ihre Denkblockade lösen und ihre Zukunft sichern können

Von Helga Zepp-LaRouche

Für jeden aufmerksamen Beobachter müßte es eigentlich klar sein, daß die Feierlichkeiten in Moskau anläßlich des 70. Jahrestag des Sieges über den Nationalsozialismus einen historischen Wendepunkt dargestellt haben. Die westlichen Staatschefs boykottierten die Zeremonien, und statt dessen saßen der chinesische Präsident Xi Jinping und der indische Präsident Pranab Mukherjee mit Präsident Wladimir Putin auf der Ehrentribüne. Zum ersten Mal marschierten chinesische Soldaten gemeinsam mit russischen in dieser größten Militärparade in der Geschichte Rußlands.

Inzwischen haben sich auch die Informationen über die chinesische Politik der Neuen Seidenstraße und das neue Modell der internationalen Zusammenarbeit, das die BRICS- Staaten mit ungeheurem Tempo ausbauen, in wichtigen Industrie- und Militärkreisen in vielen europäischen Staaten hinter den Kulissen ausgebreitet - trotz immer noch fortbestehender weitgehender Zensur durch die westlichen Medien. Vor allem beim deutschen Mittelstand hat sich die bittere Erkenntnis eingestellt, daß die Sanktionen gegen Rußland mit 35% Exportrückgang einen tiefen Schnitt ins eigene Fleisch darstellen, während die USA - die verlangen, daß Europa Sanktionen gegen Rußland verhängt - gleichzeitig ihre Exporte nach Rußland um 17% steigerten.

In immer weiteren Kreisen verbreitet sich auch die Kunde über die neue Form der internationalen Kooperation zwischen den BRICS-Staaten und einer großen Anzahl weiterer Nationen, die nicht nur gemeinsame Infrastrukturprojekte und zahlreiche Kooperationsabkommen vor allem im Hochtechnologiebereich verwirklichen, sondern sowohl im Wirtschafts- als auch Finanzbereich ein inklusives Modell der Kooperation für alle Nationen der Welt anbieten, das eine bewußte und klare Alternative zur geopolitischen Konfrontation zwischen den Blöcken darstellt.

Das jüngste Beispiel dieser völlig veränderten Dynamik stellt der dreitägige Staatsbesuch des indischen Premierministers Narendra Modi in China dar, bei dem 24 umfangreiche Kooperationsabkommen und eine weitere Vertiefung der Partnerschaft zwischen beiden Nationen beschlossen wurde. Die chinesischen Medien betonten, die Stärkung der strategischen Partnerschaft zwischen China und Indien kurbele nicht nur die Wirtschaft der beiden größten Schwellenländer an, sondern verheiße auch Gutes für die Region und die übrige Welt. Angesichts einer gemeinsamen Bevölkerung von 2,5 Milliarden Menschen sei die gemeinsame Entwicklung dieser beiden Nationen an sich schon eine gute Nachricht. Präsident Xi betonte, die beiden Volkswirtschaften sollten sich mehr und mehr ergänzen und weiterhin die beiden Wachstumslokomotiven sein, die die regionale Entwicklung und die Entwicklung der Weltwirtschaft abstützten.

China hat wiederholt die USA und andere große Nationen eingeladen, mit diesem inklusiven Wirtschaftsmodell und den neuen Banken wie AIIB (Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank) oder New Development Bank für eine Politik des gegenseitigen Vorteils - also die sogenannte „Win-win“-Strategie - zu kooperieren; vor allem stellte es ein neues Konzept für die Kooperation zwischen großen Nationen vor, das auf vollkommenem Respekt für die gegenseitige Souveränität und das jeweilige Gesellschaftssystem basiert. Die deutsche Industrie wäre längst massiv eingebrochen, wenn es die wachsende Wirtschaftsbeziehung mit China nicht gäbe, und die ebenfalls signifikant steigende Bedeutung Indiens ist nicht erst seit der jüngsten Hannovermesse im Fokus.

Was also hindert Deutschland und die anderen europäischen Nationen daran, das zu tun, was in ihrem ureigensten Interesse liegt - nämlich gemeinsam mit den BRICS-Staaten dieses neue Weltwirtschafts- und Finanzsystem, diese auf Realwirtschaft und das Gemeinwohl orientierte Alternative zum bankrotten Kasino-Modell der transatlantischen Welt zu vervollständigen?

Wenn Deutschland da vorangehen würde, würde der Rest Europas ebenso folgen, wie es jetzt bei der unseligen Politik des Zuchtmeisters Schäuble und seiner Austeritätspolitik gegenüber Griechenland der Fall ist. Eine klare europäische Politik für eine neue Friedensordnung für das 21. Jahrhundert, wie sie in der Strategie einer für alle Staaten diesen Welt inklusiven Politik der Neuen Seidenstraße angelegt ist, wäre auch die beste Unterstützung für die USA, wieder zu ihrem Charakter als Republik zurückzufinden, so wie er in der Amerikanischen Revolution und Verfassung und der Tradition von Benjamin Franklin, Alexander Hamilton, John Quincy Adams, Abraham Lincoln, Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy angelegt war.

Vorauseilender Gehorsam - bis in den Weltkrieg?

Der denkende Teil des deutschen Establishments und wohlmeinende sogenannte einfache Bürger sind durchaus in der Lage, zu erkennen, daß das neue Wirtschaftskonzept der BRICS-Staaten eine wirkliche Zukunftsperspektive darstellt. Aber was dann daran hindert, das Eigeninteresse aktiv zu verfolgen, ist ein geradezu schizophrener vorauseilender Gehorsam, sich konform mit der politischen Korrektheit im neuen Kalten Krieg mit Rußland zu verhalten. Und zu dieser Sprachregelung gehört, daß Rußland der Aggressor in der Ukraine gewesen sei, daß Putin verantwortlich sei für eine „verbrecherische und völkerrechtswidrige Annexion der Krim“, wie Merkel erneut in Moskau betonte.

Die Wahrheit ist vielmehr, daß Rußland, nach einer langen Serie versuchter Regimewechsel durch von Victoria Nuland & Co. finanzierte Farbrevolutionen und der NATO-Ostausweitung darauf reagierte, daß die USA aus geopolitischen Gründen einen Putsch in Kiew angestiftet hatten, der das nationale Sicherheitsinteresse Rußlands in der Substanz gefährdete. Rußland intervenierte buchstäblich im letzten Augenblick, um zu verhindern, daß die NATO die Kontrolle über die Krim und damit den Zugang der russischen Schwarzmeerflotte erhalten hätte, ein Vorgang, von dem selbst George Friedman von der amerikanischen Denkfabrik „Stratfor“ betonte, daß er Rußland verteidigungsunfähig gemacht hätte.

Weiß das Frau Merkel? Wenn sie es nicht weiß, sollte sie nicht im Kanzleramt sitzen. Weiß sie es und redet trotzdem von „verbrecherischen Annexion der Krim“, dann sollte das der Länge ihrer Nase noch einige Meter hinzufügen, die durch ihre Aussagen zur Kooperation mit der NSA schon zu einem sehr langen Rüssel angewachsen sein dürfte.

Aber warum unterwerfen sich so viele, anderweitig durchaus intelligente Deutsche dieser politischen Korrektheit des neuen Kalten Krieges, die im schlimmsten Falle kurzfristig zur vollständigen Auslöschung Deutschlands und der ganzen Welt in einem thermonuklearen Krieg führen kann? Warum lügen sie sich in die eigene Tasche nach dem Motto: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, und wir verteidigen doch nur die Werte des Westens, wie Demokratie und Menschenrechte?“ Aus Feigheit des Herzens - und weil es ihnen wichtiger ist, zum „Club“ dazuzugehören und Nutznießer all der Privilegien zu sein, die damit verbunden sind, als die Wahrheit erkennen zu wollen und dann womöglich für diese eintreten zu müssen.

Der 70. Jahrestag des völligen Scheiterns des Nationalsozialismus ist vielleicht ein guter Augenblick, daran zu erinnern, daß es genau diese Feigheit war, die in den dreißiger Jahren viele Deutsche, die keineswegs Nationalsozialisten waren, dazu brachte, doch zu Mitläufern zu werden, indem sie Schritt für Schritt ihre Opposition zu Hitler abgebaut und schließlich aufgegeben haben. Der amerikanisch unterstützte Putsch in Kiew hat ohne Zweifel ukrainische Faschisten, die sich offen zu Stepan Bandera bekennen und hakenkreuzartige Symbole benutzen, an die Macht gebracht. Sollte uns das nicht stören? Aber es wird abgestritten, immer nach der Devise: Unsere Faschisten sind gute Faschisten.

Aber was wäre dann, fragt der verzagte deutsche Intellektuelle, wenn es nun doch zu einer militärischen Konfrontation wegen der Ukraine kommen sollte? Brauchten wir dann nicht doch den Schutz der NATO?

Wenn die Deutschen bei diesem Denkfehler bleiben, sind wir bald alle tot. Und woher sollen wir den naiven Glauben nehmen, daß Frau Merkel sich in diesem Falle an ihren Amtseid erinnern wird, nachdem sie offensichtlich so gut schauspielern gelernt hat - „Ausspähen unter Freunden geht gar nicht“ - daß man sie vielleicht für den Oscar vorschlagen sollte. Oder vielleicht wenigstens für einen Kleinkunstpreis.

Um einen anderen, sehr wichtigen Aspekt anzusprechen: Die herzzerreißende Flüchtlingskatastrophe, bei der schon eine Million Menschen die Flucht angetreten haben und laut Amnesty International für die nächste Zeit weitere 57 Millionen dies tun können, ist vor allem das Resultat der Kriege, die auf den Lügen von Blair und Bush aufgebaut waren. Der einzige offensichtliche Ausweg liegt in einem umfangreichen Marshallplan für Afrika und den Nahen und Mittleren Osten - der aber unter den jetzigen Umständen nur durch die Kooperation mit den BRICS-Staaten verwirklicht werden kann.

Die Frage ist also: Sind wir Deutsche noch das Volk der Dichter und Denker - oder ein Pinocchio-Fanclub? Seien wir optimistisch und entscheiden uns für die erste Variante!





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