Syrien als Teil der Neuen Seidenstraße
25. November 2015 •

Wirtschaftlicher Aufbau ist der wichtigste Aspekt einer dauerhaften Friedenslösung für Syrien und die ganze Nahostregion. Nur wenn die verheerende Politik permanenter Kriegsführung der Amerikaner und Briten und ihrer NATO-Verbündeten durch eine Vision langfristiger Entwicklung und gutnachbarlicher Beziehungen ersetzt wird können die Menschen wieder Hoffnung schöpfen und ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Der folgende Artikel zeigt, daß es solche Bestrebungen auch in Syrien gab, bevor Obama und seine britischen Vordenker ihren Feldzug gegen Assad starteten.

Präsident Assads Vision der „fünf Meere“

Von Ulf Sandmark

Syriens Präsident Baschar Assad startete seine „Fünf-Meere-Vision“ offiziell schon 2004. Der Plan sieht vor, Syriens geographische Lage als Vorteil zu nutzen, um es in den Mittelpunkt eines regionalen Energie- und Verkehrsnetzes zu rücken. Vor dem von Ausland geschürten Krieg in Syrien, der 2011 begann, reiste Präsident Assad mit großen Delegationen durch die ganze Region und besuchte die unmittelbaren und mittelbaren Nachbarstaaten, um seinen Plan voranzutreiben. Dabei wurden zahlreiche Abkommen geschlossen, u.a. mit der Türkei, Rumänien, der Ukraine, Aserbaidschan, Iran, Irak und dem Libanon.

Diese Vereinbarungen umfassen die folgenden großen Pipeline-Projekte: Eine Gaspipeline aus dem Iran, eine Pipeline in die Türkei, die dort an die geplante Nabucco-Gaspipeline aus Aserbaidschan angeschlossen werden soll, und den Wiederaufbau der Ölpipeline aus dem Nordirak nach Syrien. Syriens offizieller Fünfjahresplan, der 2004 in Kraft trat, sah energische Maßnahmen vor, um den Bau von Straßen, Häfen und Pipelines im Land voranzutreiben, die für die Realisierung der „Fünf-Meere-Vision“ notwendig sind.

Präsident Assads Vision reicht jedoch über die Region hinaus. Gegenüber The Weekly Middle East Reporter erläuterte Assad 2009 seine Idee: „Wenn der Wirtschaftsraum zwischen Syrien, der Türkei, dem Iran und dem Irak integriert wird, würden wir das Mittelmeer, das Kaspische Meer, das Schwarze Meer und den Persischen Golf miteinander verbinden... Wir sind im Nahen Osten nicht unbedeutend... Wenn wir diese vier Meere miteinander verbinden, dann würden wir zum unvermeidlichen Kreuzungspunkt für die ganze Welt bei den Investitionen, im Verkehr und weiteren Bereichen.“ (Das fünfte Meer des Plans ist das Rote Meer.)

Mit dieser Politik handelte Präsident Assad in dem gleichen Geist, der nach der britisch und amerikanisch angeführten Invasion des Irak 2003 einen Gezeitenwechsel in den unabhängigen Süd-Süd-Beziehungen einleitete. Die weltweiten Proteste und der Widerstand gegen diesen Krieg wuchsen zu einer internationalen Revolte gegen die globale Weltordnung und führten zur Bildung des Bündnisses der BRICS-Staaten. Wie Dania Akkad 2011 in der Syria Times schrieb, sollte die „Fünf-Meere-Vision... als ein Symbol dafür verstanden werden, daß Syrien in seiner Stabilität nicht länger von den Vereinigten Staaten und seinen wichtigsten Verbündeten abhängig ist, eine Botschaft, die viele Staaten - beispielsweise Venezuela, Brasilien und Argentinien - in den letzten Jahren ebenfalls bekräftigt haben.“

Christina Lin von der Jamestown-Foundation liefert in ihrem Artikel „Das Kaspische Meer: Chinas Seidenstraßen-Strategie nähert sich Damaskus an“, der am 19. August 2010 erschien, den offensichtlichen historischen Hintergrund der „Fünf-Meere-Vision“:

„Eine solche Politik, die jetzt Assads Unterschrift trägt, ist nicht neu. Sie existierte schon auf dem Höhepunkt der Omajjaden-Dynastie (661-750), als es eigentlich sogar noch sechs Meere waren, anstatt fünf, und sich bis zur Ostsee erstreckte, wo die Omajjaden - die erste große moslemische Dynastie, die über das Kalifat herrschte - sich als Händler hervortaten, anstatt als Politiker oder militärische Eroberer.

Das Reich erstreckte sich über mehr als fünf Millionen Quadratmeilen, etwa 1,3 Milliarden Hektar, und reichte durch seine Handelsrouten und seinen spürbaren politischen Einfluß bis nach Indien, China, Nordafrika und Spanien. Damaskus, das legitime Kind und die frühere Hauptstadt dieses Reichs, betrachtet es als vollkommen machbar, die sechs Meere in der heutigen Welt wieder miteinander zu verbinden. Diese Politik sieht ein Netzwerk vor von Operationen zum Transport von Öl und Gas, Waren, Arbeitskräften und Ideen, die alle durch Syrien verlaufen und den Kaukasus im Norden mit dem Golf von Arabien im Süden , dem Iran im Osten und Europa im Westen miteinander zu verbinden... Wenn diese Länder durch Syrien verbunden sind, bilden sie eine Gruppe von mindestens 288 Millionen Menschen - ein Block, der nicht zu ignorieren, und vielleicht auch nicht zu schlagen ist.“

Die Perspektive der Schaffung eines solchen Blocks ist sicher eine ausreichende Erklärung dafür, warum die Geopolitiker des Westens darauf bestehen, daß Assad gehen muß.