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Am Abgrund des allgemeinen Krieges: Der neue Name für Frieden ist Entwicklung!

Die folgende Rede hielt Helga Zepp-LaRouche auf der Internetkonferenz des Schiller-Instituts zum Oasenplan am 13. April 2024.

Ich grüße Sie alle aus vielen verschiedenen Ländern, ganz gleich, wo Sie zuhören. Wir veranstalten diese Konferenz zum Oasenplan, um eine hoffnungsvolle Perspektive zu eröffnen und einen Ausweg aus einer ansonsten verzweifelten, extrem gefährlichen und sogar katastrophalen Situation in Südwestasien aufzuzeigen.

Wenn wir die derzeitige Eskalation, die sich schnell zu einem ausgewachsenen regionalen Krieg und letztlich zu einem globalen Atomkrieg ausweiten kann, nicht abwenden, könnte dies das Ende der menschlichen Gattung auf diesem Planeten bedeuten. Um diese akute Gefahr zu vermeiden, brauchen wir einen kognitiven Sprung, um einen völlig anderen Ansatz zu konzipieren, nämlich den, die Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen der Palästinenser und Araber im allgemeinen ebenso wie die der Israelis und auch der Nachbarländer in der größeren Region zu definieren.

Warum sage ich das?

Was in den letzten sechs Monaten geschehen ist, hat es in der Geschichte noch nie gegeben: Ein Völkermord, der sich in Echtzeit abspielt, wird live vom Schlachtfeld in Gaza auf die Fernsehgeräte in den Wohnzimmern der Weltöffentlichkeit übertragen. Während in der ersten Zeit nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober auf israelische Dörfer, bei dem 1200 Menschen starben, die Sympathie eines Großteils der Welt bei Israel lag, änderte sich dies von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Milliarden von Menschen konnten mit eigenen Augen zusehen, ungefiltert von Kommentatoren und Erzählern.

Und was sie sahen, war keine maßvolle Gegenreaktion eines angegriffenen Landes, sondern eine unerbittliche ethnische Säuberung in einem abgeriegelten winzigen Gebiet durch eine der technisch am besten ausgerüsteten Streitkräfte der Welt, die Künstliche Intelligenz zur gezielten Bekämpfung von Hamas-Kämpfern einsetzt, und die gleichzeitig einer völlig unbewaffneten Bevölkerung Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, Strom, Unterkunft, Kleidung, sanitäre Einrichtungen usw. verweigert. Die Zahl der Opfer auf palästinensischer Seite beläuft sich bisher auf etwa 33.400, darunter 14.000 Kinder. Das heißt, 44% aller Getöteten sind Kinder! Und mehr als eine Million Menschen sind akut vom Hungertod bedroht. Deshalb gehen in den islamischen Ländern, in amerikanischen und europäischen Städten und Universitäten Hunderttausende auf die Straße!

Nach dem israelischen Angriff auf das iranische Konsulat in Damaskus besucht der Kommandeur des US-Zentralkommandos, General Michael Kurilla, derzeit Israel, wo er sich mit IDF-Stabschef Herzi Halewi und Verteidigungsminister Gallant traf und das Kommandozentrum der Luftwaffe sowie Luftwaffenstützpunkte besuchte. In den westlichen Medien wird über einen möglichen iranischen Angriff auf verschiedene Ziele in Israel schon in den nächsten Tagen gemutmaßt. Heute Morgen haben die Niederlande ihre Botschaft in Teheran geschlossen, die Lufthansa hat Flüge in den Iran bis Donnerstag gestrichen und das Auswärtige Amt hat alle deutschen Staatsbürger aufgefordert, das Land zu verlassen. Es ist eindeutig eine Situation, die im schlimmsten Fall in einem regionalen oder sogar globalen Krieg enden kann.

Ein ganz anderer Ansatz

Trotz und gerade wegen dieser Eskalation ist es daher von größter Dringlichkeit, daß ein ganz anderer Ansatz eingeführt wird, nämlich der „Oasenplan“, den mein verstorbener Mann Lyndon LaRouche 1975 vorgeschlagen hat. Er geht von der Idee aus, sowohl für die Palästinenser als auch für die Israelis einen Anreiz zu schaffen, anstelle der gegenwärtigen Gefühle von tiefer Verletzung, Schmerz und Verzweiflung zum einen und Haß zum anderen eine Perspektive der gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung für den Aufbau einer besseren Zukunft für alle kommenden Generationen zu schaffen.

Für die Palästinenser ist dies von existentieller Bedeutung - und die Israelis sollten auf diejenigen hören, die sie vor dem Wandel in der Wahrnehmung der Welt warnen, wie Ami Ajalon, der ehemalige Direktor des Schin Bet während der Zeit der Osloer Abkommen. In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Foreign Affairs warnt er Israel, nach dem Angriff der israelischen Armee (IDF) auf die Lebensmittel-LKWs am 29. Februar - bei dem 112 Menschen getötet und 760 verletzt wurden, als sie verzweifelt versuchten, die Lebensmittel zu bekommen, die sie vor dem Verhungern retten könnten - und nach dem Angriff auf die sieben Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Central Kitchen sei die Legitimität des Krieges in den Augen der Welt verlorengegangen. Man sehe darin nicht mehr einen Krieg zur Selbstverteidigung, sondern einen Akt expansionistischer Aggression. Ajalon schreibt auch, daß Israel nicht gewinnen kann, indem es die Hamas-Führung ausschaltet, weil damit die Ideologie der Hamas nicht weg wäre.

Das ist noch eine Untertreibung, denn selbst wenn die gegenwärtige Krise nicht zu einer globalen Vernichtung der Menschheit führt, bei der natürlich auch Israel verschwinden würde: Wenn der Kreislauf der Gewalt nicht ein für allemal unterbrochen wird, dann wird die Zukunft für alle eine Hölle sein, in der ein Krieg auf den nächsten folgt, so wie wir es in den letzten 75 Jahren gesehen haben - wobei natürlich immer die Waffenproduzenten des wachsenden militärisch-industriellen Komplexes gemästet werden.

Das Hauptproblem: Wassermangel

Was wir daher vorschlagen, ist die aktualisierte Version des Oasenplans, den Lyndon LaRouche erstmals 1975 nach einer Feier der Baath-Partei im Irak vorgestellt hat, an der er und viele Anführer der Bewegung der Blockfreien teilgenommen hatten.

Für jeden, der Südwestasien besucht, ist die auffälligste Erfahrung die überwältigende Gegenwart der Wüste und der offensichtliche Mangel an Wasser, insbesondere Süßwasser. Es ist auch klar, daß der Wasserverbrauch für jede Bevölkerung, ob israelisch oder arabisch, für einen modernen Lebensstandard aus den vorhandenen „natürlichen“ Wasserressourcen nicht gedeckt werden kann.

Zudem haben in allen bisherigen militärischen Konflikten der Wassermangel und der Kampf um den Zugang zu Wasser eine entscheidende Rolle gespielt.

Die vorhandenen Aquifere in der Region liefern nicht einmal annähernd ausreichend Wasser, so daß selbst ein faires Aufteilungsabkommen das Problem nicht lösen würde. Um große Mengen an neuem Süßwasser zu schaffen, müssen verschiedene Methoden eingesetzt werden. Das Nächstliegende sind zunächst zwei neue Kanäle vom Mittelmeer zum Toten Meer und vom Toten Meer zum Roten Meer. Aufgrund des Höhenunterschieds - das Tote Meer liegt ca. 400 m unter dem Mittelmeer - ist die Erzeugung von Wasserkraft möglich. Aber wenn man zusätzlich noch einen Kanal vom Golf von Akaba zum Toten Meer anlegt und dann diese beiden Kanäle durch einen Querkanal verbindet, ist noch mehr möglich. Die Grundidee besteht darin, die Kanäle so groß anzulegen, daß mit Hilfe einer Reihe von Kernkraftwerken an ihren Ufern großangelegte Entsalzungsprojekte möglich werden.

Dank der technischen Durchbrüche der letzten Jahrzehnte und der Verfügbarkeit des Kugelhaufen-Hochtemperaturreaktors der Vierten Generation, der ursprünglich von Professor Schulten in Jülich, Deutschland, entwickelt wurde und jetzt von China produziert wird, sind die Sicherheitsbedenken ausgeräumt. Es gibt auch die Möglichkeit, Reaktoren mit Thorium-Kreislauf zu verwenden, die für die zivile Nutzung der Kernenergie einzigartig sind. Man könnte eine beträchtliche Anzahl von 300-Megawatt-Kraftwerken, sogenannte „Duplexe“ entlang der Kanäle bauen, die Frischwasser für die umfangreiche Bewässerung für Wiederaufforstung, Landwirtschaft, Verkehrsinfrastruktur und neue Städte liefern.

Auch wenn die Kosten für die Gewinnung von Süßwasser durch die Entsalzung von Salzwasser mit Hilfe von Kernenergie relativ hoch sind, ist der wirtschaftliche Nutzen dank der enormen Wirtschaftsaktivität, die damit in Gebieten erzeugt wird, in denen es vorher überhaupt kein Wasser gab, um Größenordnungen größer als der ursprünglich investierte Betrag. Hier zeigt sich die einzigartige Macht der menschlichen Arbeit, mit Hilfe von Wissenschaft und Technik in dem Prozeß einen Mehrwert zu schaffen, so daß das Ergebnis der Arbeit wertmäßig höher ist als alle Elemente, die in sie eingeflossen sind. Die dabei verwendete Energieflußdichte bestimmt das Verhältnis des Mehrwerts. Es macht sich also im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt!

Eine langfristige Vision

Insofern sollte man nicht nur auf die erwähnten Projekte schauen, sondern auch eine Vision haben, wie diese Region in einer, zwei, drei, vier Generationen aussehen kann. Man nehme als Beispiel China, das in den letzten 30 Jahren mehrere Wüstengebiete erfolgreich begrünt hat.

Der chinesische Wirtschaftswissenschaftler Dr. Ding Yifan beschreibt in seinem neuen Buch The New Dynamics of Development („Die neue Dynamik der Entwicklung“), wie fast ein Drittel der Hobq- oder Kubuqi-Wüste in der Inneren Mongolei effektiv umgewandelt wurde und zu einem wirtschaftlichen Cluster für Wüstentourismus, Lebensmittel und Photovoltaik geworden ist, wie in der Saihanbar (Sekhangba) unweit von Peking Tausende Hektar Wald wiederhergestellt wurden, und wie an der Grenze zwischen Shaanxi und der Inneren Mongolei in der Mawusu-Wüste 30% der Wüste jetzt mit Vegetation bedeckt sind, die Bodenerosion aufgehört hat und das neu gewonnene Ackerland - 1,6 Millionen Hektar - für die lokalen Bauern einen enormen wirtschaftlichen Nutzen bedeutet. Dr. Ding Yifan berichtet, daß Eric Solheim, UN-Unterstaatssekretär und UNEP-Exekutivdirektor, das Modell der Kubuqi-Wüste lobte, das anderen Ländern und Regionen, die mit Problemen der Wüstenbildung konfrontiert sind, ausgezeichnete Erfahrungen bietet, und daß Chinas Erfahrung mit der Eindämmung des Sandes auch auf Afrika, den Nahen Osten und Lateinamerika übertragen werden kann.

Um eine Vision der Entwicklung für die gesamte Region zu entwerfen - von Indien bis zum Mittelmeer, vom Kaukasus bis zum Persischen Golf und zum Roten Meer -, und wie sich dieses Gebiet als künftige Drehscheibe zwischen Asien, Afrika und Europa entwickeln kann, sollte man sich die Infrastrukturdichte z.B. von Deutschland vorstellen, wo es ein integriertes Netz von Autobahnen, Eisenbahnen und Wassersystemen gibt, was die Voraussetzung für fortgeschrittene industrielle Entwicklung und Landwirtschaft darstellt.

Es gibt keinen objektiven Grund, warum Südwestasien in Zukunft nicht ein vergleichbares Niveau erreichen kann!

Eine neue Ära

Wenn der drohende Krieg vermieden werden kann, kann der tektonische Wandel, der sich heute in der Welt vollzieht, wo die Länder des Globalen Südens bereits an der Schaffung eines neuen Wirtschaftssystems arbeiten, die Voraussetzungen für die umfassende Entwicklung Südwestasiens schaffen. Rußland, China, Indien, Iran, die Vereinigten Emirate und Ägypten sind bereits Mitglieder der BRICS, Saudi-Arabien ist ein Kandidat, andere wie die Türkei haben ihre Absicht bekundet, beizutreten.

Wenn alle diese Länder der Entwicklungsperspektive des Oasenplans zustimmen und eine umfassende Südwestasien-Konferenz in der Tradition des Westfälischen Friedens einberufen, dann können wir die drohende Katastrophe abwenden und die Krise in den Beginn einer neuen Ära des Friedens und der Entwicklung verwandeln.

Henry Kissinger, der vorgab, ein Experte für die Westfälische Ordnung zu sein, hat sie in Wirklichkeit grob mißverstanden, indem er behauptete, sie erfordere eine „ausgleichende Macht“ - einen unipolaren Weltpolizisten. Er behauptete, das Westfälische System sei nie vollständig auf den Nahen Osten angewandt worden, weil nur die Türkei, Ägypten und der Iran eine historische Grundlage hätten und die Grenzen der anderen Staaten der Willkür der Sieger des Ersten Weltkriegs entspringen, womit er sich offensichtlich auf die Absicht einer zukünftigen Manipulation des Sykes-Picot-Abkommens bezog.

Deshalb muß die Welt zum Westfälischen Frieden zurückkehren und eine neue internationale Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur schaffen, die die Interessen jedes einzelnen Landes auf dem Planeten berücksichtigt.

Diese neue Architektur muß ausdrücklich Rußland, China, die Vereinigten Staaten sowie die Zweistaatenlösung für Israel und Palästina einschließen.
Laut dem „Cost of War Project“ des Watson Institute an der Brown University in Rhode Island beliefen sich die Militärausgaben der USA einschließlich der Kollateralschäden in den 20 Jahren vom 11. September 2001 bis 2021 auf 8 Billionen Dollar, die für militärische und Anti-Terror-Maßnahmen in 85 Ländern ausgegeben wurden - US-Spezialeinheiten, CIA-Operationen, „militärische Informationsunterstützung“, psychologische Operationen usw. nicht eingerechnet.

Im gleichen Zeitraum starben durch direkte Kriegsgewalt im Irak, in Afghanistan, Syrien, dem Jemen und Pakistan mehr als 940.000 Menschen, und die Zahl der Zivilisten, die durch indirekte Ursachen umkamen, ist noch wesentlich höher. Hätte man diese Summe in Programme zur Überwindung von Armut und Unterentwicklung investiert, dann wäre die ganze Welt heute ein blühender Garten und die USA würden als Freund der Menschheit gefeiert!

Frieden muß im Krieg beginnen

Ich höre an dieser Stelle schon die Kritiker, die sagen, diese Perspektive eines Oasenplans als Ausgangspunkt für eine neue internationale Sicherheits- und Entwicklungsarchitektur im Geiste der Enzyklika Populorum Progessio von Papst Paul VI. sei „unrealistisch“ oder gar „völlig utopisch“.

Als Friedrich Schiller seine Wallenstein-Trilogie über den mächtigen Kriegsherrn des 30jährigen Krieges verfaßte, stellte er Wallenstein nicht so dar, wie ihn die überlieferte historische Interpretation beschrieb, sondern als einen Mann, der ernsthaft den Krieg beenden und Frieden erreichen wollte. In dem Stück legt Schiller die Vision des Westfälischen Friedens, der 16 Jahre später geschlossen wurde, in den Mund von Max Piccolomini, dem Verlobten von Wallensteins Tochter Thekla. In einem Gespräch mit seinem Vater und einem Vertreter des Wiener Hofes, Questenberg, sagt Max:

Ihr macht ihn zum Empörer, und, Gott weiß!
Zu was noch mehr, weil er die Sachsen schont,
Beim Feind Vertrauen zu erwecken sucht,
Das doch der einzge Weg zum Frieden ist;
Denn hört der Krieg im Kriege nicht schon auf,
Woher soll Friede kommen? -

Das ist die ganze Idee: Wenn der Krieg nicht im Krieg aufhört, woher soll dann der Frieden kommen? Beim Feind Vertrauen erwecken ist der einzige Weg zum Frieden!

Stehen wir, die Menschheit, die schöpferische Spezies, am Abgrund dessen, was zum Ende allen Lebens auf dem Planeten werden könnte, oder können wir einen Ausweg aus dieser Gefahr definieren?

Lassen Sie uns also den Oasenplan auf den Tisch aller Regierungen der Welt legen!

Helga Zepp-LaRouche ist Gründerin des Schiller-Instituts und Bundesvorsitzende der Bürgerrechtsbewegung Solidarität.

Übersetzung aus dem Englischen; Zwischenüberschriften wurden hinzugefügt.