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Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Lissabon: "Welchen Kurs verfolgst Du, Westen?"

Papst Franziskus nutzte seine Ansprache bei der Begegnung mit Vertretern der portugiesischen Regierung, der Zivilgesellschaft und dem Diplomatischen Korps zu Beginn seiner viertägigen Reise (2.-6.8.) anlässlich des 37. Weltjugendtages zu einem eindringlichen Appell für Frieden und Mitmenschlichkeit und ermunterte dazu, gemeinsam die Zukunft aufzubauen. Hierbei habe Europa eine ganz besondere Verantwortung. Hier ein Auszug aus der bedeutungsvollen Rede, die er am 2.8. im Kulturzentrum von Belém (Lissabon) hielt.

„… Einer umstrittenen Etymologie zufolge soll sich der Name Europa von einem Wort ableiten, das die Richtung des Westens angibt. Gewiss ist hingegen, dass Lissabon die westlichste Hauptstadt Kontinentaleuropas ist. Es erinnert somit an die Notwendigkeit, weitreichendere Wege der Begegnung zu eröffnen, wie es Portugal bereits tut, insbesondere mit Ländern anderer Kontinente, die dieselbe Sprache sprechen. Ich hoffe, dass der Weltjugendtag für den „alten Kontinent“ – wir können sagen, den „betagten“ Kontinent – ein Impuls weltweiter Öffnung wird, also ein Impuls der Öffnung, der ihn verjüngt. Denn die Welt braucht Europa, das wahre Europa: Sie braucht seine Rolle als Brückenbauer und als Friedensstifter in dessen östlichem Teil, im Mittelmeerraum, in Afrika und im Nahen Osten. So wird Europa in der Lage sein, auf dem internationalen Parkett seine besondere Originalität einzubringen, die sich im vergangenen Jahrhundert herausgebildet hat, als es aus dem Schmelztiegel der Weltkonflikte heraus den Funken der Versöhnung überspringen ließ. Dabei verwirklichte es den Traum, mit dem Feind von gestern das Morgen zu bauen sowie Wege des Dialogs, Wege der Integration zu eröffnen, indem es eine Friedensdiplomatie entwarf, die Konflikte ausräumen und Spannungen abbauen soll, und die in der Lage ist, selbst die schwächsten Zeichen der Entspannung zu erkennen und zwischen den krummsten Zeilen zu lesen.

Im Ozean der Geschichte befinden wir uns gerade in einer stürmischen Situation und es ist das Fehlen eines mutigen Friedenskurses spürbar. Wenn man Europa beherzt betrachtet, müsste man es im Geist des Dialogs, der es kennzeichnet, fragen: Wohin steuerst du, wenn du der Welt keinen Friedenskurs vorschlägst, keine kreativen Wege, um dem Krieg in der Ukraine und den vielen Konflikten, die die Welt mit Blut beflecken, ein Ende zu bereiten? Und eine weitere Frage, vor einem größeren Horizont: Welchen Kurs verfolgst du, Westen? Deine Technologie, die den Fortschritt markiert und die Welt globalisiert hat, reicht allein nicht aus. Noch weniger reichen die fortschrittlichsten Waffen, die keine Investitionen für die Zukunft darstellen, sondern eine Verarmung des wahren Kapitals der Menschen, nämlich jenes der Bildung, der Gesundheitsversorgung und des Sozialstaats. Es ist besorgniserregend, wenn man liest, dass an vielen Orten ständig finanzielle Ressourcen in Waffen investiert werden, statt in die Zukunft der Kinder. Und das ist wahr. Der Ökonom hat mir vor ein paar Tagen gesagt, dass der beste Investitionsertrag in der Waffenproduktion liegt. Es wird mehr in Waffen investiert als in die Zukunft der Kinder. Ich träume von einem Europa als dem Herzen des Westens, das seinen Einfallsreichtum dafür einsetzt, um Kriegsherde zu löschen und Lichter der Hoffnung zu entzünden; ein Europa, das es versteht, seine junge Seele wiederzuentdecken, das von der Größe des Zusammenseins träumt und über die Bedürfnisse des Augenblicks hinausgeht; ein Europa, das Völker und Menschen mit deren eigener Kultur einbezieht, ohne ideologischen Theorien und Kolonialisierungen hinterherzulaufen. Und das wird uns helfen, an die Träume der Gründerväter der Europäischen Union zu denken: Sie hatten große Träume!...

...Das vom Ozean umspülte Lissabon gibt uns jedoch Grund zur Hoffnung, es ist eine Stadt der Hoffnung. Ein Meer junger Menschen strömt in diese gastfreundliche Stadt, und ich möchte für die großartige Arbeit und das großzügige Engagement Portugals danken, ein so komplex zu bewältigendes, aber hoffnungsreiches Ereignis auszurichten. Wie man hier sagt: »Neben der Jugend wird man nicht alt«. Junge Menschen aus der ganzen Welt, die den Wunsch nach Einheit, Frieden und Geschwisterlichkeit hegen, junge Menschen, die träumen, fordern uns heraus, ihre Träume vom Guten zu verwirklichen. Sie sind nicht auf der Straße, um ihre Wut herauszuschreien, sondern um die Hoffnung des Evangeliums mitzuteilen, die Hoffnung auf Leben. Und wenn heute vielerorts ein Klima des Protests und der Unzufriedenheit herrscht, ein fruchtbarer Boden für verschiedene Arten des Populismus und Verschwörungstheorien, so ist der Weltjugendtag eine Gelegenheit, etwas gemeinsam aufzubauen. Er lässt den Wunsch aufleben, Neues zu schaffen, in See zu stechen und gemeinsam in die Zukunft zu steuern. Dabei kommen einige kühne Worte von Pessoa in den Sinn: »Seefahren ist notwendig, leben ist nicht notwendig [...]; das, was nötig ist, ist das Erschaffen« (Navegar é preciso). Bemühen wir uns also mit Kreativität, etwas gemeinsam aufzubauen! Ich stelle mir drei Baustellen der Hoffnung vor, an denen wir alle gemeinsam arbeiten können: die Umwelt, die Zukunft und die Geschwisterlichkeit. ..."

Hier finden Sie die vollständige Rede in verschiedenen Sprachen: https://www.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2023/august/documents/20230802-portogallo-autorita.html

Dazu auch: https://schillerinstitute.com/de/blog/2023/01/20/petition-offener-brief-an-papst-franziskus-von-politischen-und-zivilgesellschaftlichen-fuehrungspersoenlichkeiten-aufruf-zu-sofortigen-friedensverhandlungen-unterstuetzen/

Weltweite Demonstrationen für Frieden am 6. August: Humanity for Peace! https://schillerinstitute.com/de/blog/2023/08/01/live-stream-humanity-for-peace-kundgebung-aus-nyc/

 

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