Die Eurasische Landbrücke: Antwort auf die strategische Krise

Von Helga Zepp-LaRouche

In ihrer Rede auf der Jahreskonferenz des Schiller-Instituts in Bad Schwalbach am 22. März 2003 sprach die Gründerin und Vorsitzende des Schiller-Instituts über wesentliche Entwicklungen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Es war ein "gewollter" Krieg, aber unausweichlich war er nicht, denn es gab eine Alternative.

Wäre Friedrich Schiller heute noch am Leben, was würde er über den Krieg und die jetzige historische Weltlage sagen? Sicherlich etwas wie: "Ihr Narren! Seht ihr denn nicht, daß euch schon bald die Nemesis treffen wird? Daß es eine höhere Gerechtigkeit gibt, die euch und eure Untaten ahnden wird?"

Die Kriegspartei begeht ungeheure Verbrechen. Ihre Arroganz ist gepaart mit einer gewaltigen Schuld, von der sie niemand freisprechen kann. Sie setzen sich derart über Wahrheit und Gerechtigkeit hinweg, daß die Nemesis sie treffen muß. Die höheren Gesetze des Universums werden sich Geltung verschaffen.

Es gibt keinen Grund, gegen den Irak Krieg zu führen. Das Land bedroht niemanden - nicht die Nachbarländer und noch weniger die Vereinigten Staaten. Es wurden keinerlei Verbindungen zu Al Qaida nachgewiesen, der Irak hat die Waffeninspektionen zugelassen und die beanstandeten Waffen vernichtet. Deshalb ist es ein Angriffskrieg, und dieser Krieg kann einen weltweiten Krieg auslösen.

Die Doktrin vom "Präemptivkrieg" und die ungeheuerliche Vorstellung, gegen ein Land, das keine Kernwaffen besitzt, einen Schlag mit Kernwaffen zu führen, bedeutet das Ende des Völkerrechts und einen Rückfall in die Barbarei. Dies kann die ganze Welt in Anarchie und ein neues finsteres Zeitalter stürzen. Deshalb müssen wir alles tun, dies zu verhindern.

Der Angriffskrieg ist ein Verstoß gegen das Völkerrecht und muß als solcher verfolgt werden - dabei ist es egal, ob die USA den Den Haager Gerichtshof anerkennen oder nicht. Eine solche gerichtliche Verfolgung muß eine Warnung für alle Regierungen sein: Niemand darf gegen die UN-Charta verstoßen, indem er einen Krieg führt, der nicht der Selbstverteidigung dient.

Nach dem Azoren-Gipfel (von Bush, Blair und Aznar) war klar: Wen die Götter vernichten wollen, den schlagen sie mit Wahnsinn. In einem Punkt können wir völlig sicher sein: Der 20.März 2003, an dem dieser Krieg anfing, wird als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem der Niedergang des Amerikanischen Weltreiches begann. Denn so ist es mit allen Imperien. Vor lauter Unmoral und Unersättlichkeit übernehmen und überdehnen sie sich und gehen daran schließlich zugrunde. Die Frage ist nur: Wieviel Schaden wird dieses Empire der Welt zufügen, bevor es zusammenbricht?

In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür. Eines ist Napoleons Rußlandfeldzug von 1812, der in dem bekannten Debakel endete: Hunderttausende Soldaten kamen um, nur wenige Tausend kehrten zurück. Ein anderer vergleichbarer Fall ist der Niedergang des klassischen Griechenland, den Thukydides in seinem Peloponnesischen Krieg, dem ersten großen Geschichtswerk überhaupt, beschreibt. Die Griechen hatten das Persische Reich besiegt und hätten glücklich und zufrieden leben können, aber statt dessen wollten sie selbst als Imperium andere ausbeuten. Athen unterjochte die früheren Verbündeten und machte sie zu Vasallen, führte permanent Krieg gegen Sparta und wollte schließlich noch Sizilien erobern. Das war der Punkt, an dem sie sich übernahmen und ihre Grenzen stießen. Im anschließenden Peloponnesischen Krieg gegen Sparta unterlag Athen. Und das war das Ende des klassischen Griechenland. Die Reste eroberten später die Römer.

Wir stehen heute an dem Punkt, an dem das Weltfinanzsystem - und mehr als das Finanzsystem - an sein Ende kommt. Das wäre auch ohne den Krieg so.

Das einzig Gute bei all dem ist, daß die Alternative zu dem zusammenbrechenden alten System schon Gestalt annimmt. Es entsteht ein neues Bündnis zwischen Frankreich, Deutschland, Rußland, China, Indien, dem Iran und vielen anderen Ländern der Eurasischen Landbrücke. Wir erleben ein fortgeschrittenes Stadium dessen, was mein Mann (Lyndon LaRouche) in seiner berühmten Pressekonferenz in Berlin am 12.Oktober 1988 vorschlug. Er sah die deutsche Wiedervereinigung voraus und riet der Bundesregierung, dem krisengeschüttelten Polen umfassende Wirtschaftshilfe einschließlich westlicher moderner Technik anzubieten. Die Entwicklung Polens könne dann zum Vorbild für alle Länder im Osten werden.

Darauf folgte 1989 sein Vorschlag für das Produktive Dreieck Paris-Berlin-Wien und 1991 die Erweiterung davon, die Eurasische Landbrücke. Die ganzen 90er Jahre hindurch haben wir uns dafür eingesetzt, daß diese Landbrücke Wirklichkeit wird.

Das ist eine wahrhaft historische Perspektive, denn die Idee gibt es schon seit sehr langer Zeit. Schon Gottfried Leibniz hatte die Vision, Eurasien durch gemeinsamen Aufbau der Infrastruktur zu einen. Das gleiche stand im Mittelpunkt der politischen Zusammenarbeit zwischen Graf Sergej Witte in Rußland und Außenminister Gabriel Hanotaux in Frankreich Ende des 19.Jahrhunderts.

Die Intrigen der britischen Imperialisten, allen voran Edwards VII., und die Dummheit der beiden letzten Zaren und des deutschen Kaisers Wilhelm II. verhinderten damals die eurasische Zusammenarbeit. Die Folge davon waren zwei Weltkriege und ein 20.Jahrhundert voller Tragik.

Irrtümer, Dummheiten und Fehleinschätzungen

Ich halte es für außerordentlich wichtig, daß wir heute auf die letzten 150 Jahre zurückblicken, um aus der Geschichte zu lernen und nicht die gleichen Fehler zu wiederholen. Wir müssen daraus lernen, was wir tun müssen, um den neuen Weltkrieg zu verhindern. Deshalb möchte ich jetzt die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs etwas näher betrachten. Und Sie werden feststellen: Obwohl natürlich auch vieles ganz anders war als heute, sind die Ähnlichkeiten enorm. Wir müssen die Irrtümer, Dummheiten und Fehleinschätzungen jener Zeit untersuchen, weil es heute ganz ähnliche gibt.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hieß es häufig, ein Krieg (von dem niemand wußte, daß es ein Weltkrieg werden würde) sei "unausweichlich". Das war nicht wahr, und diese Behauptung wurde von Leuten verbreitet, die damit ihre eigenen Absichten verfolgten. Diese Leute wollten den Krieg. Genau das gleiche haben wir in den letzten zwölf Monaten erlebt, als viele behaupteten, der Krieg sei unvermeidlich, man könne nichts dagegen tun.

Als zweites fällt bei der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs auf, daß es entweder gar keine klaren Kriegsziele gab oder nur ganz illusorische, und daß dies für diejenigen, die den Krieg führten, in der Katastrophe endete. Niemand sollte einen Krieg anfangen, wenn er keine klare Vorstellung hat, wie anschließend der Frieden aussehen soll.

Drittens erkennt man die Unberechenbarkeit des Krieges. Die Umstände des Kriegsausbruchs und die Folgen des Krieges sind immer anders als die Pläne, die vorher geschmiedet wurden.

Viertens bemerkt man einen unglaublichen Mangel an Kenntnis und Urteilsvermögen bei allen Beteiligten dieses Krieges: Rußland, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn und England.

Man kann darüber streiten, wann die eigentliche Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs beginnt. Wo soll man sinnvollerweise anfangen, um zu verstehen, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte? Ein wesentlicher Aspekt ist meiner Meinung nach die viel zu späte deutsche Einigung, nämlich erst 1871 unter Bismarck. Es wäre ganz anders gekommen, wäre Deutschland unter den politischen Vorzeichen der Preußischen Reformer vom Stein, Humboldt usw. vereint worden. Die Reformer nahmen nach dem Sieg über Napoleon in den Befreiungskriegen als Gesandte am Wiener Kongreß teil und hofften, daß diese Verhandlungen zu einem vereinten Deutschland führen würden. Hardenberg und Humboldt vertraten Preußen, während Stein als Berater des Zaren auftrat. Nur die empörenden Intrigen der Oligarchen - Metternich, Castlereagh, Talleyrand, der preußische Hof und der Zar - die statt dessen die Heilige Allianz durchsetzten, war verantwortlich dafür, daß Deutschland in 300 kleine Fürstentümer geteilt blieb.

Wäre Deutschland auf der Grundlage der Ideen Schillers und der Humboldtschen Bildungsreformen vereint worden, dann wäre wohl vieles anders gekommen. Doch nun folgte auf den Wiener Kongreß die Restauration, eine schreckliche Zeit. Wenn man sich mit den politischen Romantikern auseinandersetzt und sieht, wie mit Savigny, Niebuhr u.a. das Naturrecht zerstört wurde, merkt man, wie finster die Zeit war. Der Kulturpessimismus setzte sich durch, und die schönen Gedanken der deutschen Klassik wurden mit den Karlsbader Beschlüssen verboten. Die Studenten mußten Schillers Werke heimlich austauschen.

Als es dann schließlich unter Bismarck im Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Krieg zur deutschen Einigung kam, war der Keim der Katastrophe schon gesät - obwohl Bismarck beileibe nicht der Schlimmste war und viele vernünftige Dinge wie die Industrie-und Sozialgesetze durchsetzte. Aber die deutsche Einigung unter seiner Federführung war leider keine besonders gute Sache, das muß man eindeutig feststellen - denn sie war mit dem Krieg gegen Frankreich verbunden.

Seit dem Frieden von Frankfurt 1871 war Frankreich über den Verlust Elsaß-Lothringens verbittert. Viele Franzosen träumten von einem französisch-russischen Bündnis - was zum Teil legitim und zum Teil revanchistisch war. Vor allem im Militär träumten viele davon, daß die Russen ihnen militärisch beistünden, um Elsaß-Lothringen zu befreien.

In Rußland regierte mit Alexander II. ein sehr fortschrittlicher Zar - er war mit Lincoln verbündet, was für die Entwicklung in Amerika im Bürgerkrieg sehr wichtig war - , aber sein Sohn Alexander III. und dessen Nachfolger Nikolaus II. waren keine guten Herrscher. Alexander III. wollte die Reformen seines Vaters rückgängig machen, und sein Verhältnis zum deutschen Kaiser Wilhelm II. war verheerend - die beiden konnten sich nicht ausstehen.

Deshalb war Alexander III. wenig gewillt, den "Dreikaiserbund" zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland fortzusetzen. Dieses Bündnis war im wesentlichen ein Neutralitätsabkommen: Würde eines der drei Länder Krieg mit einer vierten Macht führen, blieben die anderen wohlwollend neutral.

Dieser Vertrag wurde am 18.Juni 1881 geschlossen; ein französisch-russisches Bündnis war damit kein Thema mehr. Der Dreikaiserbund war streng geheim. 1884 wurde er verlängert. Aber als 1887 die nächste Verlängerung anstand, wollte der Zar nicht mehr, weil er Rückschläge bei seiner Bulgarien-Politik erlebt hatte und Österreich und Deutschland dafür verantwortlich machte.

Bismarcks Rückversicherungsvertrag

1887 schlossen Rußland und Deutschland ein äußerst wichtiges bilaterales Abkommen, das unter dem Namen "Rückversicherungsvertrag" bekannt wurde und das Rußland im Falle eines neuen Krieges zwischen Deutschland und Frankreich zur Neutralität verpflichtete. Die Vereinbarung galt jedoch nur, wenn Deutschland von Frankreich angegriffen würde, nicht im umgekehrten Fall.

Der Rückversicherungsvertrag galt zunächst für drei Jahre. Als im Frühjahr 1890 seine Erneuerung anstand - genau in dem Moment, als Bismarck aus dem Amt ausschied - wurde er nicht verlängert. Wäre Bismarck weiter Kanzler geblieben, hätte er ihn mit Sicherheit verlängert, aber er war entlassen worden. Der russische Außenminister Giers war ebenfalls entschieden für die Verlängerung. Aber der neue deutsche Reichskanzler General Leo von Caprivi - der unter dem Einfluß des anglophilen Friedrich von Holstein stand, der seinerseits für die Verlockungen Edwards VII. empfänglich war - , überzeugte den Kaiser, daß eine Verlängerung des Vertrages nicht notwendig sei.

Bismarcks Rücktritt und die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags zusammengenommen hatten dramatische Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen den europäischen Mächten. Bismarck hatte den klaren Überblick über eine ganze Reihe vorwiegend geheimer diplomatischer und die Verteidigung betreffender Verträge mit Rußland, Österreich, Italien und Rumänien. Weil er der Architekt aller dieser Bündnisse war, war er zuversichtlich, daß sie im Krisenfall unter seiner Lenkung wie ein Sicherheitsnetz ineinander greifen würden, auch wenn sie sich im einzelnen ein wenig widersprechen mochten. Aber seine Nachfolger hatten kein Interesse daran, diese komplexe Diplomatie weiter fortzuführen. Vor allem in Deutschland fürchtete man, daß der Vertrag mit Rußland in der Öffentlichkeit bekannt werden könnte, was als große Peinlichkeit für seine Urheber betrachtet worden wäre.

Aber für Bismarck hatte festgestanden, daß der Vertrag mit Rußland absolut notwendig war - und sei es nur, um zu verhindern, daß Rußland versuchen würde, mit Frankreich einen Vertrag als Gegengewicht gegen das Bündnis Deutschlands mit Österreich und Italien abzuschließen. Bismarcks Ansicht sollte durch die geschichtliche Entwicklung vollkommen bestätigt werden: Die russisch-französischen Verhandlungen begannen augenblicklich, nachdem der Rückversicherungsvertrag nicht verlängert worden war, und die Abhängigkeit von Österreich sollte sich in den letzten Tagen vor dem Ausbruch des Weltkrieges als wesentlicher Faktor erweisen.

Ein Problem war, daß Frankreich während dieser ganzen Zeit mit Überlegungen beschäftigt war, den beschämenden Friedensvertrag von 1871 rückgängig zu machen. Dies war und blieb die vorherrschende außenpolitische Zielsetzung. Einflußreiche Kreise in Frankreich, aber auch in anderen europäischen Staaten, waren überzeugt, daß ein neuer Krieg in Europa unvermeidbar wäre - deshalb, so lautete die Logik, müsse man sich darauf vorbereiten. Aber in Wirklichkeit war es gerade diese Vorstellung der Unvermeidbarkeit, die zum Kriege führte und die Sicht auf vorhandene Alternativen versperrte. Die Kriegsplanung durch die Generalstäbe, die von dieser "Unvermeidbarkeit" ausging, war es gerade, die diese schuf, unterstützt natürlich von der Dummheit der politischen Führung, nicht den Weg der Kooperation zu gehen.

Zar Alexander III. sah es nicht als Verlust an, auf den Rückversicherungsvertrag zu verzichten, und auch die beiden führenden Militärs, Wannowskij und Obrutschew, waren nicht im geringsten über einen möglichen Angriff Deutschlands besorgt. Sie waren sicher, daß Frankreich sofort versuchen würde, Elsaß-Lothringen zurückzuerobern, falls sich Deutschland einem Angriff Englands auf Rußland anschlösse, und daß Deutschland keinen Zweifrontenkrieg riskieren würde. So war es nur Außenminister Giers, der sich in Rußland über den Rücktritt Bismarcks und die Nichterneuerung des Vertrages Sorgen machte. Giers war auch nicht von dem Gerede erbaut, daß die Nichterneuerung Rußland "freie Hand" geben würde, da er weder für die imperialistischen russischen Absichten auf dem Balkan noch für Abenteuer in Zentralasien Sympathien hegte. Giers befürchtete, daß die Allianz zwischen Rußland und Frankreich Europa in zwei gegnerische militärische Lager spalten und die Gefahr eines großen Krieges heraufbeschwören würde.

Die deutsche Regierung war im übrigen über alle diese Überlegungen informiert, denn der deutsche Botschafter in Rußland, von Schweinitz, warnte in seinen Berichten ausdrücklich, daß die Nichterneuerung einen Prozeß in Gang setzen würde, der zu einem russisch-französischen Bündnis führen werde.

Wenn man diese Periode im Nachhinein betrachtet, wundert man sich über die sträfliche Nachlässigkeit, mit der die deutsche Regierung die Möglichkeit außer acht ließ, daß Rußland sofort das Bündnis mit Frankreich suchen würde und umgekehrt. Sie schien mit Blindheit geschlagen, was die Folgen ihrer eigenen Zielsetzungen betraf, ähnlich wie die Kriegspartei in Washington heute. Caprivi z.B. vertrat die lächerliche Ansicht, eine russisch-französische Allianz sei für Rußland deshalb uninteressant, weil Rußlands einziges Interesse in der Kontrolle der Meeresengen (Bosporus und Dardanellen) bestünde. Von Schweinitz machte das Argument geltend, der Rückversicherungsvertrag würde die russische Neutralität wenigstens für die ersten Wochen nach einem Kriegsausbruch garantieren, doch Caprivi lehnte dies ab, da Deutschland den größten Teil seiner Truppen ohnehin in der Nähe der russischen Grenze stationieren würde.

Bald wurde jedoch deutlich, daß die Frage der sofortigen und gleichzeitigen Mobilmachung die entscheidende Frage in den russisch-französischen Verhandlungen war; für die Franzosen war dies die alles entscheidende Frage. Auch die Vorstellung, Rußland hätte nur Interesse an den Meeresengen, war eine gravierende Fehleinschätzung, denn darum ging es bei den russisch-französischen Verhandlungen 1890 nicht.

Deutschlands Begriffsstutzigkeit war enorm - selbst noch, als der französische Generalstabschef Raoul François Charles Le Mouton De Boisdeffre zwei Wochen lang erste offizielle Verhandlungen über das erstrebte Bündnis mit Rußland praktisch unter den Augen des Kaisers führte, der bei den Manövern in Narva zu Besuch war. Während des Besuches der französischen Flotte in Kronstadt und bei den folgenden, beispiellos aufwendigen Festlichkeiten in Petersburg entstand dann der erste Entwurf des russisch-französischen Vertrags. Er enthielt als ersten Punkt, daß alle den Frieden in Europa betreffende Fragen zwischen den beiden Staaten koordiniert werden sollten, und besagte zweitens, daß es zu einer sofortigen und gleichzeitigen Mobilmachung kommen würde, falls ein Bündnispartner von einem oder mehreren Mitgliedern des Dreibunds Deutschland-Österreich-Italien angegriffen werden sollte. Ebendiese Klausel trug dann bekanntermaßen zu der späteren Unvermeidbarkeit des Ersten Weltkrieges bei.

Hinzu kamen noch die Manipulationen korrupter Elemente wie des russischen Botschafters in Frankreich, Baron von Mohrenheim, einer schrecklichen und aufdringlichen Person mit der Neigung, alles zu übertreiben - wie z.B. die Gefahr, die angeblich vom Dreibund ausging, oder den Fortschrittsgrad der russisch-französischen Verhandlungen. Diese Verfälschungen waren nicht eben hilfreich. Später sollte sich herausstellen, daß er genauso korrupt war wie einige Vertreter der Kriegspartei heute, die persönlichen Gewinn als Kriegsgewinnler machen. Mohrenheim war tief in die sogenannte Panama-Affäre verstrickt.

Ein weiteres Problem bestand darin, daß der Zar eine tiefe Antipathie gegen Kaiser Wilhelm II. entwickelt hatte. Dies war hauptsächlich das Resultat von Klatsch und Tratsch in den Salons, wobei man dem Zaren jeweils hinterbrachte, was der Kaiser angeblich über ihn gesagt hatte. Mit der Zeit baute sich im Kopf des Zaren der Kaiser als verabscheuungswürdiger Gegner auf.

Der neue französische Botschafter, Montebello, überbrachte im März 1892 ein Memorandum an Giers, dessen Inhalt Giers zu der Überzeugung brachte, daß Frankreich eine "Carte Blanche" für alle möglichen Abenteuer suchte, die Rußland dann zu unterstützen gezwungen wäre. Im Gegensatz dazu befand der Zar, noch ehe er das Dokument gelesen hatte, es müsse augenblicklich unterzeichnet werden: "Wir müssen darauf vorbereitet sein, Deutschland anzugreifen, so daß es keine Zeit hat, zuerst Frankreich zu besiegen und sich dann uns zuzuwenden. Wir müssen aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und Deutschland bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vernichten."

Giers war schockiert, als er dies hörte; er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte: "Aber was würden wir gewinnen, wenn wir Frankreich bei der Zerstörung Deutschlands helfen?" Der Zar antwortete: "Ja, was wohl? Was wir gewinnen würden ist, daß Deutschland in seiner gegenwärtigen Form verschwände. Es würde sich in eine Anzahl kleiner, schwacher Staaten auflösen, so wie es vorher war." Giers berichtete diese Äußerung des Zaren seinem Vertrauten und Stellvertreter Lamsdorf mit dem Kommentar: "Unser Monarch denkt, daß er der Herr der Welt sein wird, wenn er Deutschland zerstört haben wird. Er redet solchen Unsinn und zeigt einen solchen wilden Instinkt, daß ich nur noch still zuhören konnte."

Die Alptraum-Vision des George W. Bush

Mary Dejevsky schrieb am 19.März in der britischen Tageszeitung Independent unter der Überschrift "Die Alptraum-Vision eines paranoiden Präsidenten":

"Bush präsentierte sich in seiner Rede vom Montag, dem 17.März, als kleiner Mann, der ein verängstigtes und unsicheres Land in den Krieg führt... Von der Vorstellung, die Beseitigung des irakischen Staatsführers werde die Welt von der terroristischen Bedrohung befreien, bis zur Annahme einer direkten Verbindung zwischen Saddam und Al Qaida stellte Bush sich als jemand dar, der in einer Alptraumwelt eines Paranoiden lebt, der hinter jeder Ecke tödliche Gefahr lauern sieht...

[Für die Zeit] nachdem der Tyrann ausgelöscht wäre (Peng! Peng!) und die Fangarme seiner Macht zerstört (Crash! Wallop! Zap!), malte Bush für die unterdrückte und bald zu bombardierende irakische Bevölkerung eine paradiesische Zukunft an die Wand."

Die Ähnlichkeit mit der Situation vor dem Ersten Weltkrieg liegt auf der Hand. Lamsdorf schrieb am selben Abend nach dem Gespräch des Zaren mit Giers in sein Tagebuch: "Deutschland wird schwerlich auseinanderfallen, wenn seine Unabhängigkeit in Gefahr ist, nämlich, im Falle eines Weltkrieges. Viel eher wird es zusammengeschmiedet durch einen solchen Kampf. Aber im Falle einer Niederlage kann man vom Ende des Kaiserreichs ausgehen und vom Triumph republikanischer und sozialistischer Prinzipien. Auf jeden Fall ist eine Rückkehr zur alten Ordnung undenkbar." Die Pläne der USA für die Zeit nach dem Irakkrieg sind ebenso unrealistisch wie diese Idee der Rückkehr zur alten feudalen Ordnung.

Bismarck hatte in seinen späteren Amtsjahren betont, es gebe kein vernünftiges Ziel für einen Krieg mit Rußland. Warum dann diese Reden vom unvermeidbaren kommenden Krieg als etwas Selbstverständlichem? Diese These vom unvermeidlichen Krieg zwischen Rußland und Deutschland, die von der Besorgnis über die Aufrüstung auf beiden Seiten genährt wurde, machte alle Beteiligten blind für die Tatsache, daß es keinen rationalen Grund für einen Krieg gab. Die Geschichte ist aber voller Beispiele dafür, daß diejenigen, die von der "Unvermeidbarkeit des Krieges" sprachen, damit in Wirklichkeit nur zu verbergen suchten, daß sie diesen Krieg ganz einfach wollten.

Als das russisch-französische Militärbündnis beschlossen war, brannte die Lunte zum Ersten Weltkrieg praktisch schon. Obrutschew notierte: "Die Mobilmachung [gemäß dieses Bündnisses] kann von jetzt ab nicht mehr als friedliche Handlung angesehen werden, sondern stellt eine eindeutig aggressive Handlung dar. Das bedeutet, daß im Falle eine Mobilmachung kein diplomatisches Zögern mehr in Frage kommt. Alle diplomatischen Entscheidungen müssen vorher getroffen sein." Der militärische Aufmarsch der Anglo-Amerikaner am Golf vor dem Irakkrieg macht deutlich, daß man den Prozeß der UN-Inspektionen für ein solches unnötiges "diplomatisches Zögern" hielt.

Obrutschew schreibt in seinem Papier, man müsse die These, der Krieg sei unvermeidbar, bedingungslos akzeptieren. Es fehlt in seinem Papier auch nur die Andeutung des Gedankens, daß man versuchen könnte, den Krieg aufzuhalten. Auffallend ist auch der völlig arrogante Befehl, die Diplomaten sollten sich nicht länger einmischen und die Pläne der Militärs stören. Mit keinem Wort wird ein Kriegsziel genannt - so wie ja heute der "Regimewechsel" im Irak ein höchst dubioses Kriegsziel ist. Boisdeffre erklärte gegenüber Obrutschew 1891: "Wir müssen sie [die Deutschen] zunächst vernichten, der Rest ist dann einfach und offensichtlich."

Obrutschews Papier stellt einen Wandel in der Kriegsgeschichte dar. Zuvor ging es in dynastischen Kriegen immer um begrenzte Kriegsziele, um bestimmte Territorien, um die Verteidigung bestimmter Handelswege oder andere begrenzte Ziele. Aber jetzt ging es plötzlich darum, einen Gegner in seiner Existenz zu vernichten. Es verwundert schon, daß der Zar, der diese wilden Phantasien unterstützte, sich nicht im geringsten darum sorgte, welche Folgen der Krieg für Zarentum und Kaisertum haben würde, daß er revolutionäre oder nationale Bewegungen ermutigen könnte usw. Er war befallen von einer seltsamen Blindheit für die wirklichen Gründe der inneren Schwächung des Zarenreiches, ganz wie dies heute bei der Kriegspartei hinsichtlich ihres System der Fall ist. Als Nikolaus II. an seiner Politik 25 Jahre später festhielt, ging das Zarentum unter.

Wie konnte es so weit kommen? Bei Alexander III. ist es noch nachzuvollziehen, er lebte in der relativen Isolation seines Palastes, aber Obrutschew hätte es als militärischer Führer besser wissen sollen. Warum handelte er so, wie er es tat? Wünschte er insgeheim den Untergang der Romanows herbei? Heute hört man bei einigen, die von der Unvermeidbarkeit des Krieges reden, der Krieg werde letztlich zum Untergang Bushs führen. Eine Lehre sollte aber klar sein: Ein Krieg, der kein realistisch formuliertes Kriegsziel hat, kann nur in die Katastrophe führen. Im Falle des Ersten Weltkrieges führte die Tragödie von 1914-18 nicht nur zum Untergang des zaristischen Regimes, sondern war eine Katastrophe für ganz Europa. Alle Beteiligten hatten die Fähigkeit verloren, zu beurteilen, was ihre wirklichen Interessen waren. Und weil das Niveau der Waffentechnik weit über dem ihrer Fähigkeit lag, sie intelligent zu benutzen, waren sie unfähig, die selbstzerstörerischen Implikationen ihres Tuns zu überblicken. So kam es zu der großen Katastrophe des 20.Jahrhunderts, die sich über mehrere Generationen hinziehen sollte.

Die Alternative zum Krieg

War der Krieg wirklich unvermeidbar, oder gab es eine andere Möglichkeit? Ich möchte diese zweite Frage mit einem entschiedenen Ja beantworten. In den 90er Jahren des 19.Jahrhunderts gab es eine historische Chance für Kontinentaleuropa, sich zusammenzuschließen und zusammenzuarbeiten. In Frankreich war Gabriel Hanotaux ab 1894 Außenminister, und in Rußland hatte Sergej Witte, der dort von 1892 bis 1903 Finanzminister war, eine strategische Vision für eine Prinzipiengemeinschaft der eurasischen Staaten entworfen.

Unter Witte als Finanzminister erlebte Rußland eine gewaltige industrielle Revolution. Witte, in Tblisi (Tiflis) im heutigen Georgien geboren, war zunächst der erste Direktor der Odessa-Eisenbahn gewesen und dann Direktor der Südwest-Eisenbahn von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, von der aus Verbindungen nach Deutschland und Österreich führten. 1886 ging er nach Kiew und wurde Mitglied der vom Zar ins Leben gerufenen Baranow-Kommission, welche die Eisenbahnpolitik für die Regierung ausarbeitete. Witte schrieb eine Charta für die Eisenbahn, die zur Grundlage der ersten Betriebsordnung der russischen Eisenbahnen wurde.

1892 wurde Witte Verkehrsminister und gründete das Sibirische Eisenbahnkomitee mit dem Ziel, die Eisenbahnnetze bis zum Pazifik auszubauen. Im Oktober 1892 wurde er Finanzminister und reformierte die russischen Staatsfinanzen, unter anderem gab er dem Rubel eine Golddeckung. Sein Ziel war es, Rußland von einer bäuerlichen Gesellschaft in eine moderne Industrienation zu verwandeln. Sein enger Mitarbeiter dabei war Dmitrij Iwanowitsch Mendelejew, der das Periodensystem der chemischen Elemente entdeckte und das Eichamt leitete. Das Eichamt spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der russischen Eisenindustrie, ohne die wiederum der Bau der Eisenbahn undenkbar war.

Beide, Witte und Mendelejew, waren Anhänger von Friedrich List und seiner Theorie der Nationalökonomie. Witte schrieb sogar einige Aufsätze über List. Unter der Leitung von Wittes Ministerium wurden über hundert neue Schulen eröffnet, darunter das berühmte Polytechnische Institut in St. Petersburg.

Ab 1894, in den Jahren seiner fruchtbaren Zusammenarbeit mit Hanotaux, wurden unter Wittes Leitung 22000 Kilometer Eisenbahnstrecken gebaut, dreimal so viel wie in dem Jahrzehnt zuvor. Die Transsibirische Eisenbahn allein war 8000 Kilometer lang und reichte von Moskau bis nach Wladiwostok an der Pazifikküste. Mit diesem Bau wurden die gigantischen Weiten Sibiriens für die Besiedlung eröffnet. Bis 1902 waren über 900000 Siedler nach Sibirien gezogen und als Folge davon weitete sich der Güterverkehr massiv aus. An alle, die siedeln wollten, wurde kostenlos Land vergeben. Es folgte ein massiver Ausbau der Infrastruktur im Fernen Osten, der das Verhältnis zwischen Rußland, China und Japan veränderte - eine Art Frühform der Landbrücke.

Kontinentalliga zwischen Europa und Asien

Witte schrieb 1892: "Die weltweite Bedeutung der Sibirischen Eisenbahn kann von niemandem mehr bestritten werden. Sie wird zu Hause ebenso wie im Ausland anerkannt. Indem Europa und Asien so durch eine ununterbrochene Eisenbahn miteinander verbunden sind, wird diese Bahn zu einem weltweiten Verkehrsmittel, über das der Austausch von Gütern zwischen West und Ost abgewickelt werden wird. China, Japan und Korea weisen allein eine Bevölkerung von einer halben Milliarde Menschen auf [heute leben dreimal so viele Menschen dort]. Schon jetzt hat der Welthandel ein Volumen von mehr als 600 Milliarden Rubel, und dank dieses dampfgetriebenen Verkehrssystems können wir immer schnelleren und billigeren Austausch von Wissen und Gütern erreichen und damit in engere Beziehungen zu Europa eintreten, das einen Markt mit einer entwickelten Manufakturkultur aufweist, und damit eine größere Nachfrage nach den Rohstoffen aus dem Osten hervorrufen. Dank der Sibirischen Eisenbahn wird sich in diesen Ländern auch die Nachfrage nach europäischen Manufakturgütern und europäischem Wissen erhöhen, und es wird sich Kapital für umfangreiche Investitionsmöglichkeiten bei der Erschließung und Entwicklung der natürlichen Reichtümer der östlichen Nationen finden. Die Sibirische Eisenbahn kann auch der chinesischen Teeindustrie von großer Hilfe sein, indem sie Chinas gefährlichsten Konkurrenten, Britannien, aus der Position des Zwischenhändlers im chinesischen Handel mit den europäischen Ländern verdrängt und außerdem den viel schnelleren Transport nach Europa garantiert."

Das war der geopolitische "Knackpunkt" - der Grund, warum England die eurasische Integration so haßte. Offensichtlich bedeutete die infrastrukturelle Integration auf dem Lande die Bedrohung für die Dominanz des Welthandels auf dem Seeweg. Hier beginnen die wahnsinnigen Phantasien der britischen Geopolitiker Mackinder, Milner, aber natürlich auch Haushofer: die Doktrin, daß die Kontrolle über das "eurasische Herzland" die Vorherrschaft der atlantischen Randländer, also Englands und Amerikas, bedrohe und deshalb mit allen Mitteln verhindert werden müsse.

Witte schlug vor, den letzten Teil der Eisenbahnstrecke geradewegs durch die Mandschurei zu führen und so China enger in die eurasische Entwicklungsperspektive hineinzubringen. 1895 gelang es Witte mit Hanotauxs Hilfe, eine Koalition aus Rußland, Deutschland und Frankreich zusammenzubringen, die eine Übernahme der Halbinsel Liaotung durch die Japaner verhinderte. Nach dieser Demonstration der Einheit willigte Japan ein, einen Vertrag mit China abzuschließen, anstatt das chinesische Territorium zu annektieren. Durch diese Zusammenarbeit zwischen Witte und Hanotaux gelang es auch, mittels französischem Kapital China mit einem größeren Kredit auszustatten. So konnte China Kriegsentschädigungen aus dem sino-japanischen Krieg von 1895 an Japan zahlen, was wiederum Japan besänftigte.

Rußland unterzeichnete dann einen Verteidigungsvertrag mit China, was wiederum die Bedingungen verbesserte, um den mandschurischen Teil der Transsibirischen Eisenbahn zu bauen. Die Kontinentale Liga, wie Witte sie nannte, hatte also dazu beigetragen, die Annexion eines Teils von China zu verhindern, und Witte wollte sie in einen ständigen Block gegen Englands Manipulationen in Eurasien verwandeln. "Überhaupt", so sagte er, "müssen unsere Staatsmänner die Notwendigkeit eines zentraleuropäischen Blocks erkennen, der aus Rußland, Deutschland und Frankreich bestehen muß. Das wäre ein Bollwerk für den Frieden, und niemand könnte es verletzen."

Als Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria 1897 zu einem Staatsbesuch nach Rußland kamen, versuchte Witte den deutschen Herrscher von einer solchen Allianz zu überzeugen, indem er warnte: Die Größe Europas werde bald ebenso der Vergangenheit angehören wie die des Römischen Reiches, Griechenlands, Karthagos oder einiger Staaten Kleinasiens, wenn Europa auf seinem gegenwärtigen Kurs fortfahre. Der erstaunte Kaiser fragte Witte, was denn getan werden solle, um einen solchen Untergang zu verhindern. Witte antwortete:

"Stellen Sie sich vor, Majestät, die europäischen Staaten wären zu einer Einheit verbunden, man hätte nicht die riesigen Summen an Geld, Ressourcen, Blut und Arbeit an Rivalitäten zwischen ihnen zu verschwenden. Man müßte nicht länger riesige Armeen für Kriege zwischen ihnen unterhalten, nicht länger bewaffnete Lager bilden, wie es jetzt geschieht, wo jeder seinen Nachbarn fürchtet. Wenn man so verführe, wäre Europa viel reicher, viel stärker und zivilisierter, und würde nicht unter der Last des gegenseitigen Hasses, der Rivalität und des Krieges versinken. Der erste Schritt in diese Richtung wäre die Bildung einer Allianz zwischen Rußland, Deutschland und Frankreich. Wenn das erreicht wäre, würden die anderen Staaten Europas diesem Bündnis beitreten. Als Folge davon wäre Europa von der Bürde befreit, die durch die gegenwärtigen Rivalitäten existiert. Europa wäre mächtig und würde auf lange Zeit eine dominierende Rolle spielen können. Aber wenn die europäischen Staaten auf ihrem gegenwärtigen Kurs fortfahren, dann riskieren sie ein großes Unglück."

"Seine Majestät sagte mir", berichtet Witte, "daß er diese Ansichten interessant und originell finde, worauf er sich huldvoll verabschiedete."

Die Chance war vertan. Und Zar Nikolaus und seine Lakaien hatten andere Pläne, z.B. die Annexion der Mandschurei und Koreas, und waren gegen ein Abkommen mit Japan. 1902 tappte Japan in die Falle, die der britische König ausgelegt hatte, und unterzeichnete einen beidseitigen Verteidigungsvertrag mit Großbritannien. Kaiser Wilhelm II. liebäugelte schon 1897 mit einer anglo-deutschen Annäherung, die Premierminister Chamberlain vorgeschlagen hatte. Schritt für Schritt wurde der Boden für die Tragödie des Ersten Weltkrieges bereitet. Die Teilung Chinas führte zum Boxeraufstand. Rußland besetzte die Mandschurei, und die russisch-chinesischen Beziehungen verschlechterten sich erheblich. Japan lancierte, ermutigt durch seinen neuen Verbündeten Großbritannien, am 8.Februar 1904 einen Überraschungsangriff auf den russischen Flottenstützpunkt Port Arthur.

Der russisch-japanische Krieg, der elf Monate dauerte und extrem blutig war, endete mit einer massiven Niederlage für Rußland.

Kurz danach trafen sich Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. im finnischen Ostseehafen Björkö, wo es zu dem berühmten Björkö-Vertrag kam. Nikolaus war wütend auf Frankreich, weil es Rußland trotz des gemeinsamen Abkommens nicht gegen Japan geholfen hatte. Wilhelm wiederum war sehr verstimmt über die Politik Englands. Er schrieb an seinen Kanzler von Bülow: "Unsere Gespräche wandten sich bald England zu, und sehr bald stellte sich heraus, daß der Zar einen tiefsitzenden persönlichen Zorn auf England und den König empfand. Er nannte Edward II. den größten Unheilstifter und den gefährlichsten und falschesten Intriganten der Welt. Ich konnte ihm nur beipflichten und fügte hinzu, daß ich insbesondere unter seinen Intrigen der letzten Jahre zu leiden hatte. Es ist seine Leidenschaft, gegen jede Macht zu intrigieren und mit jedem ein kleines Abkommen zu treffen. Worauf mich der Zar unterbrach, mit der Faust auf den Tisch schlug und sagte: ,Nun, ich kann nur sagen: Von mir wird er keines bekommen, und niemals in meinem Leben werde ich mich gegen Deutschland oder Sie wenden. Darauf mein Ehrenwort.'" Soviel zur Ehre des Zaren.

Witte war inzwischen wegen seiner Kritik an der russischen Besetzung der Mandschurei entlassen worden, dann aber zurückgeholt worden, um den Waffenstillstand mit Japan auszuhandeln. Als Witte vom Kaiser vom Björkö-Vertrag hörte, dachte er, dies wäre der erste Schritt hin zu der von ihm so herbeigesehnten Kontinentalliga. Der Kaiser berichtet Wittes Reaktion, nachdem er ihm von dem Vertrag erzählt hatte: "Die Wirkung war wie ein Blitz. Seine Augen füllten sich mit Tränen und Begeisterung, und das Gefühl übermannte ihn so sehr, daß er nicht mehr sprechen konnte. Schließlich rief er aus: ,Gelobt sei Gott! Gott sei Dank! Endlich verschwindet dieser Alptraum, der auf uns lastet.'"

Aber als Witte den eigentlichen Text des Abkommens las und erkannte, daß es kein Bündnis war, sondern nur ein gewöhnlicher Beistandspakt, der dem zwölf Jahre zuvor geschlossenen russisch-französischen Friedensvertrag völlig widersprach, lehnte er ihn ab. So oder so, Rußland wurde zwei Jahre später der Verbündete Großbritanniens.

Und nun noch einmal die Frage: War der Erste Weltkrieg zu verhindern? War er unvermeidlich? Nein, er war nicht unvermeidlich. Es gab die Chance, den Weg der eurasischen Zusammenarbeit zu gehen, und sie wurde vertan. Der Preis dafür war gewaltig: zwei Weltkriege und ein 20.Jahrhundert, in dem das Leben vieler Millionen Menschen zerstört wurde - nicht nur derjenigen, die umkamen, sondern auch derjenigen, die aufgrund der Ereignisse ungeheuren seelischen Schaden nahmen.

In der heutigen Lage sind die Grundfragen im wesentlichen die gleichen wie am Ende des 19.Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht die eurasische Entwicklung - aber diesmal besteht erfreulicherweise sogar Hoffnung darauf, daß ein ganz neues Zeitalter für die Menschheit beginnt.

Die verpaßte Chance von 1989

Erinnern wir uns an die "verpaßte Chance von 89". Als der Eiserne Vorhang fiel, eröffnete sich zum ersten Mal im 20.Jahrhundert die Möglichkeit, die Ost-West-Beziehungen auf eine ganz neue Grundlage zu stellen und die seit dem Versailler Vertrag bestehende Teilung Europas zu überwinden.

Mein Mann sagte 1989 voraus, daß auf den Zusammenbruch des Sowjetsystems der Zusammenbruch des Systems des freien Marktes folgen würde, und wenn man dem bankrotten kommunistischen System dieses Freihandelssystem aufzwinge, werde es zu einem noch größeren weltweiten Zusammenbruch kommen. Und genau das erleben wir jetzt.

LaRouche schlug statt dessen vor, von dem "Produktiven Dreieck" Paris-Berlin-Wien aus Entwicklungskorridore nach Osten aufzubauen. Aber Präsident Bush senior lehnte die Entwicklung Rußlands ab, er wollte statt dessen eine sog. Neue Weltordnung. Der Golfkrieg Anfang der 90er Jahre sollte Europa die Initiative aus der Hand nehmen und die eurasische Entwicklung verhindern. Gleichzeitig wurde der Islam zum neuen Feindbild erklärt.

Schon damals plante die Kriegspartei um Cheney, Wolfowitz, Perle die Gründung eines amerikanischen Imperiums mit der Eroberung des Iraks und einen "Kampf der Kulturen", aber so weit wollte Bush senior nicht gehen.

1991 entwarf mein Mann, damals ein politischer Gefangener der ersten Bush-Administration, als Ausweitung des Produktiven Dreiecks das Konzept der Eurasischen Landbrücke. Auf der Landbrückenkonferenz 1996 in Peking wurde die Eurasische Landbrücke zur offiziellen langfristigen chinesischen Politik bis 2010 erklärt. Als mit der asiatischen Finanzkrise 1997 die Illusionen über das Weltfinanzsystem zu verschwinden begannen, stieg das Interesse anderer Länder an der Landbrücke stark, aber andere Kräfte wie z.B. Sir Leon Brittan taten alles, um diese Perspektive zu verhindern. 1998 schlug Rußlands Ministerpräsident Primakow das Strategische Dreieck Rußland-China-Indien vor.

Dann kam der 11.September 2001, und das war für die Kriegspartei der Vorwand, den Kampf der Kulturen zu beginnen und ihre Pläne, die seit Jahren in der Schublade warteten, zu verwirklichen.

Als 2002 der Irakkrieg näherrückte, entstand als Gegenreaktion auf den amerikanischen Unilateralismus die Allianz zwischen Deutschland, Frankreich, Rußland und China. Diese Annäherung, die sonst Jahre gedauert hätte, nahm nur Monate in Anspruch.

Kürzlich sprach der Duma-Abgeordnete Dmitrij Rogosin in einem Interview von der Eurasischen Union. Diese Union existiert, sie bildet sich sehr rasch.

Gleichzeitig wurde mit Putins Besuchen in China und Indien im letzten Dezember das Strategische Dreieck bekräftigt. Es gibt zahlreiche Vorhaben für Infrastrukturaufbau in Eurasien: am Mekong, am Ganges-Brahmaputra, die Eiserne Seidenstraße in Korea. Der neue südkoreanische Präsident Roh sagte: "Bald wird der Tag kommen, an dem Reisende in Pusan eine Fahrkarte kaufen und bis Paris im Herzen Europas durchfahren können..."

Etwas ähnliches wurde einmal über die "Asiatische Grand Central Bahn" gesagt, die in Orenburg am Ural begann bis nach Peshawar an der indischen Grenze führen sollte. "Es wäre eine Verbindung zwischen der Transsibirischen Eisenbahn einerseits und der Bagdadbahn andererseits." Das schrieb Gabriel Hanotaux über das Bahnprojekt des französischen Ingenieurs Ferdinand de Lesseps, des Erbauers des Suezkanals.

Das war vor 130 Jahren. Ist es nicht endlich an der Zeit, Eurasien zu einen?

Die alten Institutionen wie IWF, NATO, EU sind Vergangenheit. Die Nationen der Welt müssen sich auf neue Institutionen für Entwicklungsvorhaben, Technologietransfer und Handel mit einer langfristigen Perspektive von 25-50 Jahren einigen. Die Landbrücke ist für Länder wie Deutschland der einzige Weg, die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit zu überwinden. Wenn Eurasien mit moderner Technik entwickelt wird, dann wird das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit im Vergleich dazu wie eine Kleinigkeit erscheinen.

Die Eurasische Landbrücke wird auch mit einem Dialog der Kulturen verbunden sein, der die Menschheit aus dem gegenwärtigen barbarischen Zustand heraushebt. Und sie stellt eine weltweite Entwicklungsperspektive dar, denn über die Beringstraße ist sie mit Amerika und über Ägypten und Gibraltar mit Afrika verbunden.

Wir können die gegenwärtige enorme Krise und Herausforderung nur meistern, wenn wir die universellen Ideen aller großen Geister der Menschheitsgeschichte zum Leben erwecken.

Das Völkerrecht, das jetzt in der Krise steckt, muß erweitert werden, denn es fehlt darin das Naturrecht. Wir müssen die Gesetze des Universums in den politischen Bereich hineintragen, und wir beginnen überhaupt erst zu verstehen, was das bedeutet. Alexander Hamilton fragte im Federalist: "Kann der Mensch sich Gesetze geben, so daß er sich selbst für das Gemeinwohl des Volkes regiert?" Nun stellt sich diese Frage zum ersten Mal nicht nur für ein Land, sondern für alle Länder gleichzeitig. Nikolaus von Kues sagte einmal, Übereinstimmung im Makrokosmos ist nur möglich, wenn alle Mikrokosmen sich bestmöglich entwickeln und jeder einzelne Mikrokosmos dies auch für alle anderen wünscht. Auf Nationen angewandt heißt das: Alle Nationen müssen sich aufeinander beziehen wie auf Mitglieder einer Familie, wo jeder die bestmögliche Entwicklung jedes anderen will.

Das war von Anfang an der Traum des Schiller-Instituts gewesen. Jetzt, in diesem Augenblick enormer Krise und eines gleichzeitigen politischen Vakuums, müssen wir ihn verwirklichen. Wir müssen in den nächsten Wochen und Monaten so eingreifen, daß für die Menschheit das Zeitalter der Torheit für immer endet.

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